Vorwort

ungewohnt Gewohnt

Jeremy Rifkin beschreibt in seinem Buch „Access“ den „Übergang von Märkten zu Netzwerken und vom Eigentum zum Zugang“ (1). Die Bedeutung von Besitz nimmt ab und wird durch geistiges Eigentum und die Vermarktung von menschlichen Beziehungen ersetzt. Erlebnisse und Erfahrungen werden zu den wichtigsten Konsumartikeln. Rifkin veröffentlichte diese Analyse im Jahre 2000, aber was bedeutet sie für die Architektur?

Das 18. Jahrhundert war in den Augen Walter Benjamins raumsüchtig und definierte das Wohnen als Gehäuse, in das man sich abkapselte und in dem der Bewohner seine Spuren hinterließ. Das 20. Jahrhundert soll dagegen „mit seiner Porosität, Transparenz, seinem Freilicht- und Freiluftwesen dem Wohnen im alten Stile ein Ende“ (2) machen. Die Wahl fällt bei Benjamin auf Glas. Ein „hartes und glattes Material, an dem sich nichts festsetzt“ (3) und somit einen Raum schafft, der jedem Nutzer offen steht und der einem keine Gewohnheiten aufzwingt. Ganz scheint es dem 20. Jahrhunderts nicht gelungen zu sein, das Wohnen bleibt als Gehäuse trotz aller visuellen Transparenz unangetastet; das Wohnen bleibt privat. Vielleicht schafft das 21. Jahrhundert, was das 20. Jahrhundert nicht konnte, wie ein Blick nach Tokio zeigt.
Caballero und Tsukamoto beschreiben für die Metropole die Entstehung des Dividual Space, der sich nicht mit den Begriffen Öffentlich und Privat fassen lässt. Der Dividual Space ist ein Raum im wirtschaftlichen Umfeld der zu niedrigen Preisen von einer großen Öffentlichkeit privat genutzt wird. (4) Die eigene Wohnung wird von vielen Menschen in Tokio nur noch zum Schlafen und Lagern verwendet, die anderen Wohnfunktionen verlagern sich in die Stadt: gegessen wird in Restaurants, statt im Wohnzimmer trifft man sich in Manga Kaffees und Karaoke Boxen.

Der Dividual Space überlagert sich mit der Analyse von Rifkin. Es ist nicht mehr wichtig Raum zu besitzen, stattdessen wird der Zugang zu ihm wichtig. Das Leben wird mobiler, wer einen Raum braucht bekommt Zugang dazu. Möchte jemand mit Freunden kochen, mietet er sich für diesen Abend eine große Küche mit passendem Esszimmer. Als Folge davon ändern sich auch die Räume und ihre Bedeutung. Sie verlieren die dauerhaften individuellen Spuren ihrer Benutzer und werden nur für den genutzten Zeitraum privat.
Die Arbeit wird aus dem Austausch von Gedanken bestehen, durch die modernen Kommunikationsmittel wird dieses Arbeit ortlos. Das Erleben und die Erfahrung werden wichtiger als Besitz, gleichzeitig werden die Menschen immer mobiler und das geistige Eigentum gewinnt an Bedeutung. Es wird somit in Zukunft nicht mehr notwendig sein, an dem Ort zu wohnen an dem man arbeitet, sondern an dem Ort an dem man Leben möchte. Gearbeitet wird im Internet über Cloud Computing über das man mit seinen Kollegen verknüpft ist. Aus dem Stadtnomaden von Toyo Ito wird ein Digitaler Nomade. Seine Architektur wird spurenlos, ermöglicht Zugang, ist überall und immer verfügbar und verknüpft den Nomaden digital mit der Welt.

(1) Rifkin, Jeremy; Access, Das Verschwinden des Eigentums, Frankfurt am Main (2007), 19
(2) Benjamin, Walter; Das Passagen Werk, Gesammelte Schriften Bd 5, Frankfurt am Main (1982), 291f
(3) Benjamin, Walter; Das Passagen Werk, Gesammelte Schriften, Frankfurt am Main (1991), 217
(4) Caballero, Jorge Almazán; Tsukamoto, Yoshiharu; Tokyo Public Space Networks at the Intersection of the Commercial and the Domestic Realms, Study on Dividual Space, JAABE vol.5 no.2 (2006), 301



Mobilität

Real

Da die Bindung der Menschen durch ihre Arbeit an einen bestimmten Ort nachlässt, werden die Menschen mobiler. Sie ziehen in die Stadt, die ihren persönlichen Lebensvorstellungen am Besten entspricht. Wer Sonne und Meer mag, zieht nach Miami, wer lieber in der Nähe der Alpen wohnen will, zieht nach Zürich. Weil die Menschen immer weniger besitzen gestaltet sich der Umzug einfach: Die wenigen Gegenstände die man besitzt in den Reiseschrank packen und diesen an den Zielort verschiffen. Den Nutzungsvertrag über die Räume kündigen, an den Traumort reisen und die neuen Räume anmieten und einziehen.

Digital

Die digitale Mobilität findet im Interspace statt. Ein Interface ist die Schnittstelle zwischen Mensch und Computer, ein Interspace ist die Schnittstelle zwischen Raum und Computer; dass bedeutet, dass ein Raum aufgenommen wird und in einem anderen Raum wiedergegeben wird. Das Interspace erweitert den Raum visuell um einen anderen Raum. Somit ist es möglich in Sekundenschnelle vom sonnigen Strand in die heimelige Almhütte zu wechseln. Bisher war der Fernseher das Auge zur Welt, jetzt ist es das Interspace der Raum zur Welt. Beim Fernseher war das sehen auf einen kleinen Kasten beschränkt, beim Interspace weitet sich das Sehen auf den ganzen Raum aus.
Das Interspace kann nicht nur empfangen, sondern auch senden. Somit kann man zwei Räume miteinander verbinden. Aus dem Telefon wird nicht nur ein Bildtelefon, sondern ein Raumtelefon.


Der Interspace kann nicht nur existierende Räume darstellen, sondern auch Gedachte. Er ersetzt den Desktop eines Computers und erweitert ihn um die 3. Dimension. Dadurch ist es möglich mehr Informationen auf verständliche Art zu transportieren.
Der Interspace kann als Archiv und Kalender funktionieren. Zeitlich weit entfernte Daten sind auch weit entfernt, wichtige Daten sind größer als unwichtige und lange Daten erstrecken sich über einen langen Zeitraum. Die Anordnung von Daten im Raum macht Informationen klar erfassbar.

Flexibilität

Modul

Die Architektur ist aus Modulen aufgebaut, um auf die Wünsche des Nutzers reagieren zu können. Die Module bestehen aus einem einfach zu verschraubenden Rahmen. Den Nutzern werden Räume zur Verfügung gestellt, die er direkt nutzen oder nach eigen Bedürfnissen umbauen kann. Somit ist genau wie die Größe auch der Ort veränderbar. Der Nutzer hat die Möglichkeit seinen idealen Raum an seinem Lieblingsplatz zu bauen.Es gibt Module die der Witterung ausgesetzt sind und Module für den Innenraum.

1. Außen
Für die äußere Gebäudehülle gibt es Fenster- und Wandmodule. Sie sind 2 x 2 Meter groß und sind gegen klimatische Einflüsse gedämmt.


2. Innen
Für die äußere Gebäudehülle gibt es Fenster- und Wandmodule. Sie sind 1 x 1 Meter groß und bieten visuellen und akustischen Schutz.


3. Aufbau
Die Räume werden aus den Modulen zusammengesetzt und an ihren Rahmen miteinander verschraubt. Die Modulflächen werden über Eck mit einem L-Profil verbunden und zum Raum verschraubt.

4. Bauhilfe
Zum Transport und Zusammenbau der Module helfen der Transporter und der Möbelpacker. Mit ihnen wird auch der Schrank im Falle eines Umzuges transportiert.

Raum

Die Räume sind aus den Modulplatten aufgebaut. Es gibt fünf Arten von Räumen: Nassräume, Küchen, Leerräume, Interspace und gedachte Räume. Die Räume können einfach angemietet werden, wenn sie gebraucht werden. Es gibt keinerlei Beschränkungen für die Nutzung oder die Dauer. Der Nutzungsvertrag wird gekündigt sobald ein Raum nicht mehr gebraucht wird.

1. Nassräume
Die Nassräume bilden Toiletten und Badezimmer.


2. Küche
Die Küche ist eine geschlossene Box, die bei Bedarf geöffnet wird. Sie besitzt eine eigene Entlüftung.

3. Leerräume
Leerräume sind neutrale Räume. Sie sind privat genutzt und können mit persönlichen Dingen ausgefüllt werden. Er ist Präsentations- und Rückzugsraum und dient dem Schlafen, Arbeiten, Verkaufen und Wohnen. Die Zeit und die Art seiner Nutzung ist nicht begrenzt: Der Leerraum kann für einen Abend als Wohnzimmer mit Freunden angemietet werden, für die Dauer eines Projektes als Büro genutzt werden oder über Jahre als Schlafzimmer genutzt werden.



4. Interspace
Der Interspace funktioniert auf die gleiche Weise wie der Leerraum. Der Raumabschluss des Interspace ist allerdings ein Bildschirm. Visuell hat das Interspace keine Grenzen und kann um reale und gedachte Räume erweitert werden. Der Interspace kann zur Kommunikation mit anderen Interspaces verknüpft werden.


5. Gedachte Räume
Die Wände des Interspace können jede visuelle Oberfläche annehmen, was bedeutet, dass der real existierende Interspace jegliche visuelle Form annehmen kann. Der reale Raum wird um den gedachten Raum erweitert. Der gedachte Raum kann ein existierender Ort sein, er kann ein Interspace an einem anderen Ort sein, er kann auch ein erfundener Raum sein.

Möbel

Die Möblierung in den Zwischenräumen kann zum Arbeiten, Essen und Entspannen verwendet sein. Sie ist frei im Raum verteilt. Es gibt Tische, Stühle und Sofas. Wie alles andere sind sie gemeinschaftlich und können gemietet werden.

Ein Schrank ist das einzige private architektonische Element. In ihm ist alles verstaut, was einem wichtig ist. Der Schrank zieht mit einem um und dockt sich vor Ort an den gemieteten Raum an.


Infrastruktur

Ein Strang verbindet die Räume mit Strom, Wasser und dem Datenverkehr. Die Kabel und Leitungen werden zu Kabelbäumen gebündelt.


Raumentstehung

Der architektonische Raum ist durch den Zwischenraum definiert und entsteht durch fünf Schritte. Zuerst verteilt sich die Infrastruktur, danach suchen die Nutzer sich ihren Ort für ihre privaten Räume und dockt drittens mit dem Schrank daran an. Viertens wird der Zwischenraum zwischen den Räumen durch Möbel aktiviert. Es entstehen Arbeits-, Wohn- und Essplätze. Als letzter Schritt schließt die Klimahülle den Raum ab.



Umnutzung


Die Behausung des Digitalen Nomaden genügt sich selber und ist durch die außenliegende Modulhülle geschützt. Sie kann daher auf der grünen Wiese stehen. Durch seine Flexibilität kann sich die Behausung aber auch in bestehenden Stadt- und Gebäudestrukturen auf der ganzen Welt behaupten und diese um nutzen. Ein Beispiel dafür sind Parkhäuser, die als Hochregallager dienen, die von den Digitalen Nomaden ausgefüllt werden. Als Beispiel wird die Umnutzung eines Parkhauses in Miami Beach zum Wohnort des Digitalen Nomanden gezeigt.

Miami Beach

Der im folgende gezeigte Digitale Nomade befindet am Miami Beach in Florida. Miami Beach liegt auf einer Insel und ist 6 Kilometer entfernt von Miami. Das Stadtgebiet umfasst 48,5 km2 und ist mit 89700 Einwohner dicht besiedelt. In der Umgebung des digitalen Nomaden befindet sich viele Gebäude aus den 30. und 40. Jahren des 20. Jahrhunderts im Stile des Art Deco.
Das Klima ist tropisch. Im Sommer liegt die Durchschnittstemperatur bei 31 Grad Celsius und im Winter bei 24 Grad Celsius. Die hohe Luftfeuchtigkeit führt dazu, dass die gefühlte Temperatur deutlich höher liegen kann.



1111 Lincoln Road

Das Bauwerk 1111 Lincoln Road ist laut der Beschreibung seiner Architekten Herzog & de Meuron „all muscle without cloth“. Eine Struktur ohne Fassade, ein Parkhaus gebaut als Verlängerung der Straße. Dieses Gebäude ist kein gewöhnliches Parkhaus, die sieben Geschosse variieren von 3m auf 6m oder 9m. 1111 Lincoln Road zelebriert das Statussymbol Auto und ist ein „Monument für das Automobil (...) ein Billboard auf dem man seinen Wohlstand öffentlich zeigen kann“. (5) Wohlstand und Eigentum verlieren laut Rifkin an Bedeutung und so wechselt die Bedeutung dieses Gebäudes. Aus dem Monument für das Automobil, wird ein Bauwerk für den Menschen. Seine Lage in South Beach, seine räumlichen Qualitäten und seine Vielfältigkeit sind ein idealer Nährboden für den Digitalen Nomaden.

(5) Cornetet, James; Bauwelt 21.10, Gütersloh (2010), 32

→ Pläne Bestand



Programm

Die Geschosshöhen des Parkhauses variieren von drei bis zu neun Meter. In den nach Höhen differenzierten Räumen befinden sich unterschiedliche Nutzungen. Die folgende Beschreibung der programmatischen Verteilung ist im Konjunktiv, da der Architekt nicht wissen kann, auf welche Art die Nutzer den Digitalen Nomaden ausbauen werden. Im sechs Meter hohen OG 1, dass gut von der Straße aus zu erreichen ist, könnten sich Büro und Geschäftsräume befinden. OG 2, OG 3 und OG 5 sind nur drei Meter hoch, darin könnten ein Modullager, eine Werkstatt und kleine Interspaces sein. Größere Interspaces könnten im OG 4 entstehen. Die oberen Geschosse könnten mit ihrer Höhe von bis zu neun Metern für Veranstaltungen genutzt werden: im OG 6 befindet sich vielleicht ein Restaurant mit Cafe, zusätzlich können Küchen und Wohnzimmer gemietet werden. Im darüber liegenden Zwischengeschoss wäre ein geeigneter Platz für einen Nachtclub.

→ Pläne Programm


Fassade

Aufgrund des warmen Klimas ist es nicht notwendig, die ganze Fassade zu schließen. Die Fassade legt sich über die Struktur und umschließt die mittleren Bereiche des Gebäudes, in denen sich die klimatisierten „Wohn-“ und „Arbeitsbereiche“ befinden. Der obere und untere Gebäudeabschluss sind offen. Dort sind die „öffentlichen“ Bereiche mit Restaurant, Kaffee und Shops die dem luftige Außenbereich zugeordnet sind. Die Fassade löst sich dort auf und verdeutlicht die ständige Metamorphose des Digitalen Nomaden.

→ Pläne Fassade


Einblick

Ein Blick in den Raum der Digitalen Nomaden in Miami Beach, Florida.



Video



Impressum

Jakob Rauscher
uras2(at)gmx.de

Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, 2012

Entwurf Interspace
Lehrstuhl für Baukunst
Prof. Dipl:-Ing. Mark Blaschitz
Dipl.-Ing. Markus Nagler

Lehrstuhl Baukunst

ABK Architektur

ABK Stuttgart


Webseite: Christina Schmid und Jakob Rauscher



Haftungsausschluss