Überwintert mit den Briefen zwischen Márta und Johanna.
»Die Kinder saugen mein Leben weg, Johanna, wer ungestört arbeiten will, darf keine Kinder haben, wer etwas anderes erzählt, lügt, aber das weiß ich erst jetzt, niemand hat mir das früher gesagt, alle haben geschwiegen. Zum Schreiben komme ich kaum, jetzt, da ich schreiben müsste, das Schreiben heftig an meinen Kopf, meine Hände klopft und raunt, schreib, schreib, schreib, dreimal hintereinander, Márta, schreib endlich!«
»Franz hat die Waschmaschinentür aufgehebelt, er hat die Schrauben herausgedreht, verteilt in unauslotbare Nischen und die Tür ausgehängt, das Bad ins Schlafzimmer getragen, die Küche ins Bad, durch alle Zimmer baut er Landeplätze für Raketen, auf einem feinen Weg der Verwüstung aus Taschentüchern, Shampooflaschen und Henris Spuckfäden.«
»Ich bin zu leicht für ein warmes Essen zu haben, nach dem ich die dreckigen Teller und Töpfe nicht selbst wegräumen und abspülen muss, aber dieses hätte ich absagen sollen, es hat mich zurechtgerüttelt, obwohl das gar nicht nötig gewesen wäre. Wie ich hineingerutscht bin, spielt jetzt keine Rolle, aber aufgewacht bin ich unter Menschen, die am liebsten, fröhlichsten, ausgiebigsten sich selbst feiern und auf den Rest herabschauen, der kommt und geht, schließlich sitzt nächstes Jahr schon der nächste Dichter da, und nach zehn Jahren sind sowieso alle kleinen Lichter vergessen.«
»Franz hat zwei Löcher in den Zähnen, die hat der Besuchszahnarzt seines Kindergartens entdeckt, und ich komme mir vor wie eine dieser Mütter, die ihr Kind mit Lolli ins Bett schicken. Heute Morgen habe ich vor dem Badezimmerspiegel zu Franz gesagt, wie leid es mir tut, dass ich nicht gut genug auf ihn aufgepasst habe, da hat er mich so rehbraun angeschaut, dass es zwischen Hals und Bauchnabel alles in mir zusammengezogen hat.«
»Kurt glaubt, der Mensch entsteht aus seiner Umgebung. Wie und wo wir leben – daraus sind wir gemacht, das sind oder werden wir. Ohne unsere Landschaft sind wir nicht zu denken. Es gibt uns gar nicht ohne unsere Landschaft.«
»Du hast gesagt, zu Hause zu sitzen, Blumen zu gießen und zu schreiben sei doch ein Luxus, im Moment tatsächlich in dieser Reihenfolge, sitzen, Blumen gießen, dann erst schreiben, nicht hinaus in eine feindliche Welt zu müssen, sondern nur hinein in meinen Kopf – in dem, aber leider ständig etwas querschießt, etwas umfällt, und dann liegt es da und versperrt den schönen Luxusweg, ich habe ja niemanden, der es für mich wegräumt.«
»Ich muss schon genug tun, zwischen morgens sechs und abends zehn für gigantisch, für astronomisch viele Dinge sorgen, da könnte wenigstens diese Angst von allein verschwinden, aus reiner Freundlichkeit, aus reinem Mitgefühl, warum nicht?«
»Ich habe keine Augen mehr zum Sehen, aber wie das geschehen ist, kriege ich nicht zusammen – wir haben nicht aufgepasst, unseren Schritteradius schrumpfen, unseren Gefühlsradius eindampfen lassen auf wenige Menschen, die jetzt von diesem Restsirup alles wegschlürfen.«
»Jedes Wunder dauert drei Tage. Lässt es sich so zusammenfassen? Das gesammelte Misstrauen ins Leben? Alles nur da, um uns zu enttäuschen? Erfunden und in die Welt gesetzt, um sich nach drei Tagen zu entziehen? Spätestens nach drei Tagen? So hat es sich eingenistet in meinem Kopf. So hat es sich eingebrannt. Stellt sich ein Wunder ein, muss ich diesen Satz mitdenken. Achtung! Es dauert nur drei Tage!«
»Inmitten der unzähligen Worte, die ich gebogen, verschoben, verworfen, getauscht, zerpflückt und zusammengeflochten habe, bin ich wirr geblieben.«
»Wie es so läuft, mit 14 342 minus 2298, fragst du? Mit 24 231 geteilt durch 54? Der Zahlenraum bis Hunderttausend liegt vor Mia, die kleine und große Hölle, ich durste nach den Ferien, meiner Zeit der Erlösung und lächerlich winzigen Freiheiten, ohne Wecker, ohne Zahlen, Punkt, Strich und Komma, auch wenn es den ganzen Tag nur heißen wird, Dreck wegmachen, Essen heranschaffen – es sind Ferien!«
»Simon hat am Morgen ein Glas zerschlagen und auf dem Küchenfliesen liegen lassen. Das Glas für mich zum Wegmachen, als sei das meine Aufgabe, als müsste ich Simons Scherben wegfegen, als sei ich mit meinen eigenen Scherben nicht genug beschäftigt, als sei es nicht schon ›eine Mordsverantwortung, man selbst zu sein‹. Über Stunden habe ich es geschafft, sie nicht zusammenzukehren, erst als die Kinder am Nachmittag durch die Küche sprangen, habe ich aufgegeben, und sie aufgepickt, Glasscherbe für Glasscherbe. Lieber hätte ich alles gelassen, wie es war, mit rotem Stift einen Kreis darum gezeichnet und geschrieben, Simon, spinnst Du?«
»Simon ist gegangen, und ich frage mich jede Stunde, ob das meine Strafe ist, weil ich immerzu ein anderes Leben führen wollte als das, in dem ich festsitze? ›Meine angeborene Unart, immer an dem Orte zu leben, an welchem ich nicht bin.‹«
»Ich werde den Gedanken nicht los, Simon hat gewartet, bis mein Buch stehen würde, seit langem hat dies in ihm geschwelt und wurde jedes Mal ausgetreten, wenn ich mich an den Schreibtisch gesetzt und mein ›Zimmer‹ weiter ausgeschmückt hatte. Simon hat gewartet, bis ich den Boden verlegt und Wände gestrichen hatte, bis dieser alles auffressende Wurf getan war und ich der Welt seine Tür geöffnet habe.«
Zsusa Bánk: Schlafen werden wir später