Wovon habe ich genug, wovon habe ich nie genug? Auf was kann ich verzichten? Und wenn meine Wohnung auf einmal komplett leer wäre, was würde ich als erstes wieder reinstellen?
»Es war einmal« lag Nina nicht. Sie erzählt nicht von A bis O, sie erzählt von wo sie stehen geblieben war bis wohin sie gerade kommt. Hatte er das schon vergessen? …
Das Erzählen brauche nur genügend Raum, und womöglich sei es so, dass, wenn die Erzählenden gerade nicht genug davon hätten, wenn es ihnen eng ums Herz oder eng in der Kehle sei, sich das Erzählen erst mal in Sicherheit bringe. Ein paar Tausend Jahre in Eiswasser und Ruhe zwischen lose stehenden Kiefern machten ihm gar nichts aus. …
Es sei nun an der Zeit, mal nach dem Erzählen zu sehen. Leider zeige es sich nicht gleich jedem, man müsse Geduld mitbringen. – Und nicht auf die Idee kommen, es ließe sich mit einem »Es war einmal« locken, meinte Nina, bevor sie in die Küche ging, um Tee zu kochen. Im Zimmer hielt man inne. Als sie zurückkam, fragte sie: »Wo waren wir stehen geblieben?« …
Ob sie das nicht eines Tages alles aufschreiben wolle. Für die Welt. Für die Nachwelt. Nein! Witterung aufnehmen, das lasse sich nicht fixieren! Eben gerade nicht. Weil Konzentration und Beweglichkeit erforderlich seien, schnelle Entscheidungen: die eine Spur verlassen, einer anderen folgen, ins Ungewisse. Keine Zeit für Papier und Stift.
Das Haus
Wenn Nina und Carl abends spazieren gehen, gehen sie »am Haus« vorbei. »Das Haus« gehört zu ihrer neuen Welt, wie eine Requisite; vertraut, aber ohne Bedeutung – denkt Nina. Carl hat ein Auge darauf geworfen, oder das Haus eines auf ihn? – Jedenfalls fühlt sich Carl schon das erste Mal, als er es sieht, ins Mark getroffen. …
Jedes Mal, wenn sie an »dem Haus« vorbeigehen, verwandelte es sich in etwas; bis es sich in eines immer mehr verwandelt – in etwas, was es womöglich sogar einmal gewesen ist. Und nun beginnt er, darüber zu sprechen: »Das Haus«, sagte er. Er habe sich dazu etwas gedacht. Er könne sich dazu etwas vorstellen. Nina schaut ihn an mit einem Blick, den man nicht anders als alarmiert nennen kann. Bitte, es soll sich nichts ändern! Sie möchte nichts und niemanden an ein Haus verlieren. Und doch, Carl bleibt dabei, er möchte in dieser Welt einen Ort haben, der etwas bedeutet, der ›ihm‹ etwas bedeutet, und darüber hinaus auch dem Gemeinwesen, dem er angehört.
»Haben«, wiederholt Nina. »Damit fängt das Elend an.«
»Haben«, entgegnet Carl, »heißt nicht, dass ich ein anderer werde.«
Sie streiten. Der Streit löst die Sprachlosigkeit ab. …
So reden sie immer weiter um das Haus und das vermeintliche Hotel herum und in eine nahezu unentwirrbare Kette von Missverständnissen hinein. Denn ein Hotel – nein!, das will er doch gar nicht. Er will etwas ganz anderes. Er möchte eine Schule: eine Knüpf- und Webschule, er möchte Webstühle bauen – aber ja, er möchte auch durch ein Haus gehen, treppauf, treppab, und nicht dauernd den Kopf einziehen müssen. Ja, das möchte er. Endlich. …
Dass er meinte, ihr Wohlwollen würde aufhören genau dort, wo ihr nicht mehr wohl war. War es so? War sie so? …
»Wir können ein solches Haus niemals kaufen, Carl, niemals.«
»Natürlich nicht. Weil es nicht verkauft wird. Es steht zu pachten. Es wird nicht die Welt sein.«
Ein Lächeln breitete sich auf Ninas Gesicht aus: »Doch Carl, es wird die Welt sein. Für uns. Für uns wird es die Welt sein.«
Zwei Tage am See mit Karin Kalisa: Fischers Frau
Überwintert mit den Briefen zwischen Márta und Johanna.
»Die Kinder saugen mein Leben weg, Johanna, wer ungestört arbeiten will, darf keine Kinder haben, wer etwas anderes erzählt, lügt, aber das weiß ich erst jetzt, niemand hat mir das früher gesagt, alle haben geschwiegen. Zum Schreiben komme ich kaum, jetzt, da ich schreiben müsste, das Schreiben heftig an meinen Kopf, meine Hände klopft und raunt, schreib, schreib, schreib, dreimal hintereinander, Márta, schreib endlich!«
»Franz hat die Waschmaschinentür aufgehebelt, er hat die Schrauben herausgedreht, verteilt in unauslotbare Nischen und die Tür ausgehängt, das Bad ins Schlafzimmer getragen, die Küche ins Bad, durch alle Zimmer baut er Landeplätze für Raketen, auf einem feinen Weg der Verwüstung aus Taschentüchern, Shampooflaschen und Henris Spuckfäden.«
»Ich bin zu leicht für ein warmes Essen zu haben, nach dem ich die dreckigen Teller und Töpfe nicht selbst wegräumen und abspülen muss, aber dieses hätte ich absagen sollen, es hat mich zurechtgerüttelt, obwohl das gar nicht nötig gewesen wäre. Wie ich hineingerutscht bin, spielt jetzt keine Rolle, aber aufgewacht bin ich unter Menschen, die am liebsten, fröhlichsten, ausgiebigsten sich selbst feiern und auf den Rest herabschauen, der kommt und geht, schließlich sitzt nächstes Jahr schon der nächste Dichter da, und nach zehn Jahren sind sowieso alle kleinen Lichter vergessen.«
»Franz hat zwei Löcher in den Zähnen, die hat der Besuchszahnarzt seines Kindergartens entdeckt, und ich komme mir vor wie eine dieser Mütter, die ihr Kind mit Lolli ins Bett schicken. Heute Morgen habe ich vor dem Badezimmerspiegel zu Franz gesagt, wie leid es mir tut, dass ich nicht gut genug auf ihn aufgepasst habe, da hat er mich so rehbraun angeschaut, dass es zwischen Hals und Bauchnabel alles in mir zusammengezogen hat.«
»Kurt glaubt, der Mensch entsteht aus seiner Umgebung. Wie und wo wir leben – daraus sind wir gemacht, das sind oder werden wir. Ohne unsere Landschaft sind wir nicht zu denken. Es gibt uns gar nicht ohne unsere Landschaft.«
»Du hast gesagt, zu Hause zu sitzen, Blumen zu gießen und zu schreiben sei doch ein Luxus, im Moment tatsächlich in dieser Reihenfolge, sitzen, Blumen gießen, dann erst schreiben, nicht hinaus in eine feindliche Welt zu müssen, sondern nur hinein in meinen Kopf – in dem, aber leider ständig etwas querschießt, etwas umfällt, und dann liegt es da und versperrt den schönen Luxusweg, ich habe ja niemanden, der es für mich wegräumt.«
»Ich muss schon genug tun, zwischen morgens sechs und abends zehn für gigantisch, für astronomisch viele Dinge sorgen, da könnte wenigstens diese Angst von allein verschwinden, aus reiner Freundlichkeit, aus reinem Mitgefühl, warum nicht?«
»Ich habe keine Augen mehr zum Sehen, aber wie das geschehen ist, kriege ich nicht zusammen – wir haben nicht aufgepasst, unseren Schritteradius schrumpfen, unseren Gefühlsradius eindampfen lassen auf wenige Menschen, die jetzt von diesem Restsirup alles wegschlürfen.«
»Jedes Wunder dauert drei Tage. Lässt es sich so zusammenfassen? Das gesammelte Misstrauen ins Leben? Alles nur da, um uns zu enttäuschen? Erfunden und in die Welt gesetzt, um sich nach drei Tagen zu entziehen? Spätestens nach drei Tagen? So hat es sich eingenistet in meinem Kopf. So hat es sich eingebrannt. Stellt sich ein Wunder ein, muss ich diesen Satz mitdenken. Achtung! Es dauert nur drei Tage!«
»Inmitten der unzähligen Worte, die ich gebogen, verschoben, verworfen, getauscht, zerpflückt und zusammengeflochten habe, bin ich wirr geblieben.«
»Wie es so läuft, mit 14 342 minus 2298, fragst du? Mit 24 231 geteilt durch 54? Der Zahlenraum bis Hunderttausend liegt vor Mia, die kleine und große Hölle, ich durste nach den Ferien, meiner Zeit der Erlösung und lächerlich winzigen Freiheiten, ohne Wecker, ohne Zahlen, Punkt, Strich und Komma, auch wenn es den ganzen Tag nur heißen wird, Dreck wegmachen, Essen heranschaffen – es sind Ferien!«
»Simon hat am Morgen ein Glas zerschlagen und auf dem Küchenfliesen liegen lassen. Das Glas für mich zum Wegmachen, als sei das meine Aufgabe, als müsste ich Simons Scherben wegfegen, als sei ich mit meinen eigenen Scherben nicht genug beschäftigt, als sei es nicht schon ›eine Mordsverantwortung, man selbst zu sein‹. Über Stunden habe ich es geschafft, sie nicht zusammenzukehren, erst als die Kinder am Nachmittag durch die Küche sprangen, habe ich aufgegeben, und sie aufgepickt, Glasscherbe für Glasscherbe. Lieber hätte ich alles gelassen, wie es war, mit rotem Stift einen Kreis darum gezeichnet und geschrieben, Simon, spinnst Du?«
»Simon ist gegangen, und ich frage mich jede Stunde, ob das meine Strafe ist, weil ich immerzu ein anderes Leben führen wollte als das, in dem ich festsitze? ›Meine angeborene Unart, immer an dem Orte zu leben, an welchem ich nicht bin.‹«
»Ich werde den Gedanken nicht los, Simon hat gewartet, bis mein Buch stehen würde, seit langem hat dies in ihm geschwelt und wurde jedes Mal ausgetreten, wenn ich mich an den Schreibtisch gesetzt und mein ›Zimmer‹ weiter ausgeschmückt hatte. Simon hat gewartet, bis ich den Boden verlegt und Wände gestrichen hatte, bis dieser alles auffressende Wurf getan war und ich der Welt seine Tür geöffnet habe.«
Zsusa Bánk: Schlafen werden wir später
»One paints when there is nothing else to do. After everything else is done, has been taken care of, one can take up the brush. After all the human social needs, pressures are accounted for. Only then can we be free to work.«
Ad Reinhardt
»… wie ich immer wieder auf dem Boden sitzen geblieben bin, den Kopf voller Träume über die Sterne, aber im Körper ein Scharlatanwissen, das besagte: zu weit weg, nicht zu erreichen, nicht für dich.«
»Es stimmt, dass so viel Schmerz aus den Strukturen stammt, dass sie es sind, die ihn erzeugen. Und es stimmt auch, dass ich mich teilweise in diesem und anderem Schmerz eingerichtet habe, dass ich ihn angenommen und zu meiner Sache gemacht habe. Nicht nur, dass ich mich vor allem über diesen Schmerz verstanden habe, sondern auch darüber verstanden werden wollte.«
»Nie würde ich sagen, dass mit einem liebevollen Verhältnis zu mir selbst alle Probleme gelöst würden. Diese einseitige Geschichte von Selbstliebe ist auch nur ein weiterer Scam unserer verrohten Strukturen, weil es bei Liebe natürlich auch um Responsivität und Resonanz geht, um Berührung im weitesten und offensten Sinne, um Zusammenleben. In einer liebesarmen Gesellschaft, in der unser Miteinander von Wettbewerb, von Vereinzelung und Verelendung, von Überlebenskampf definiert wird, sind die Rufe nach Selbstliebe viel zu oft nichts anderes als die Rufe nach Verpanzerung. Ein Onewayticket in die Abschottung, wo eigentlich tentakuläres Agieren notwendig wäre. Aber auch ein Tintenfisch muss mal seine Noppen putzen und es ist wichtig für mich, mich daran zu erinnern, dass es einen Spielraum gibt.«
»… eine der unverwandten Mütter meines Herzens. Ich will mich zwischen ihren Füßen niederlassen mit meiner ganzen lädierten Erbärmlichkeit, meiner schmallippigen Ernsthaftigkeit, bodenlosen Witzlosigkeit. Ich möchte meine Frigidität hier ausbreiten, meine Sprachlosigkeit mitbringen, meine Seltsamkeit, mein übersprudelndes Sprechen, meine überbordende Freude, mein überdrehtes Lachen. Lass mich meine Hysterie niederlegen, und meine unstillbare Lust, meine brennende Scham, meinen schweren Kopf, die leichten Gedanken, die süßen, die bitteren. Das Gesagte, das für immer Verschwiegene, alle Geheimnisse, die ich niemals aufdecken werde, niemals aufdecken will, weil nicht in jedem Aussprechen eine Katharsis steckt, weil manches verborgen bleiben darf.«
»Ich weiß, welche Sehnsucht dieses Bild in mir anspielt: die Sehnsucht nach einer ungebrochenen Mutter. Ich werde dieser Gesellschaft nie ihre traurigen Mütter verzeihen, diesen anhaltenden Schmerz, der Weiblichkeit bedeutet, und der immer deutlich spürbar war, in den Bewegungen, dem Welt- und Selbstverständnis, den Gesten und Worten meiner Vorfahrinnen.«
Lisa Krusche: Anrufung der Riesin
»Klammern, die sich öffnen, und in ihnen: Welten.
Mich interessieren Randbemerkungen, Einwürfe, Apropos. Nebensächliches, das zu Hauptsache wird wie das Abwasser im Schacht.
Eine bestimmte Art, Verwirrung zu stiften.
Schachtelsätze, die in –, oder besser: gar nicht enden.
Episoden, zwischen denen ein Kind gefüttert, eine Ananas, umgetopft wird, wie die Ananas, die früher im Zimmer meiner Klavierlehrerin stand. Wie sie in Tränen ausbrach, als ihr Auto auf den Schrott musste, Fiat Panda, erste Generation, und sie schilderte mir jede darin unternommene Reise, und – das hatte ich immer gefragt – wie die Notenberge im Kofferraum dorthin gekommen waren, Blatt für Blatt. Das Zittern ihres kleinen Fingers, des einzigen, den sie lackierte, metallicgrün wie ein Rosenkäfer, zehn Jahre lang.
Mich interessieren Epen, die, verkapselt wie ein Geschwür, im Inneren der Erzählerin, die ein Archiv ist, schlummern, bis sich die richtige Zuhörerin nähert, Schlüssel-Schloss-Prinzip
Mich interessieren Dinge, die mich absolut nichts angehen.«
Enis Maci: die Haken, die die Sache hat
In: Neue Erschöpfungsgeschichten
»Und ich denke jetzt immer wieder daran, wie ich mich vor drei Jahren nach dem Nachhausekommen ›auf den Boden warf‹ und sagte ›so will ich nicht mehr leben‹ und dass ich mich inmitten der Verzweiflung fragte, wie ich umgehen soll mit dem Bedürfnis, ›das alles‹ origineller, zu formulieren, origineller zu handhaben, eigener. Ich komme aber jetzt zu dem Schluss, dass es richtig war, so allgemein mich auf den Boden zu werfen und so allgemein zu reden, weil alles ganz allgemein geworden war und ich mit vielen zugleich ganz allgemein unzumutbare Gefühle hatte.
Ich hänge Euch dieses Foto der Frau mit dem Maxipullover an, auf dem in riesigen Buchstaben BLA BLA BLA steht …
Das Foto ist ein Foto des Autorückspiegels, der die Frau auf irgendeiner Raststätte, es war bestimmt Frankenwald, telefonierend zeigt. Am Rand der Finger meines kleinen Sohnes, der versucht, die Aufnahme zu stören.«
Heike Geißler: Liebe X, lieber X,
In: Neue Erschöpfungsgeschichten
»Ich bin niemand, den man kennt. Ich spare mir weitschweifige Details, was ich genau mache, nur vielleicht so viel: Ich bin eine Frau, die in jungen Jahren auf mehreren Gebieten erfolgreich war und sehr beständig weitergearbeitet hat, die ihre zentralen Themen stets in einem ekstatischen, losgelösten Dämmerzustand umkreist, in einer Art dissoziativer Fugue, getragen von dem Wissen, dass es keinen anderen Weg gibt und ihr ganzes Leben in diesem einen Gespräch mit Gott besteht. Vielleicht ist Gott aber auch das falsche Wort. Mit dem Universum. Dem Netz unter allem. Ich arbeite in unserer umgebauten Garage. Ein Bein meines Schreibtisches ist kürzer als die anderen, und ich nehme mir seit fünfzehn Jahren praktisch täglich vor, irgendetwas darunterzuklemmen, aber meine Arbeit lässt es an keinem Tag zu, so dringlich ist sie – ich bin permanent an einem entscheidenden Wendepunkt; alles steht ständig kurz vor der Offenbarung. Um fünf Uhr nachmittags muss ich mich ganz bewusst runterholen, bevor ich wieder ins Haus gehe, als müsste sich Buzz Aldrin darauf einstellen, direkt nach seiner Rückkehr vom Mond den Geschirrspüler auszuräumen. Sprich nicht über den Mond, sage ich mir. Frag die anderen, wie ›ihr‹ Tag war.«
»– all diese Dinge waren dicker und exquisiter als alles, was ich mir zuvor überhaupt hatte vorstellen können. In mir stieg Panik auf – wie sollte ich danach leben, wo ich wusste, dass es so etwas gab?«
»Harris will eigentlich nie mehr als das Nötigste hören. Was vollkommen okay ist. Es wird eine Zeit kommen, nach dieser eher förmlichen Phase, da werden wir einander übersprudelnd alles erzählen, bis ins kleinste Detail. Und jetzt im Moment würde ich ganz offensichtlich nur noch mehr ›Lügen‹ hinzufügen. Lügen in Anführungszeichen, weil alle das Wort so selbstgerecht benutzen, als wäre die Wahrheit ein natürlich vorkommender Diamant. Aber gut, nennen wir es lügen. Jeder Mensch lügt in dem Maße, in dem es für ihn stimmig ist. Man muss sich selbst kennen und herausfinden, welches Maß an Unwahrheit die eigene Natur erfordert. …
Für mich erzeugen Lügen genau die richtige Menge an Problemen, und auch ich zeige mein wahres Gesicht, aber immer nur eins meiner vier oder fünf – jedes davon real und mit ganz eigenen Bedürfnissen. Die einzige gefährliche Lüge ist eine, die mich zwingt, mich selbst auf ein einzelnes praktisches Wesen zu reduzieren, das man verstehen kann. Ich bin ein Kaleidoskop, und jede glitzernde Glasscherbe changiert, sobald ich mich bewege.«
»Wenn wir eines Tages beide soweit wären, würde ich mich Harris mit allem, was ich war, offenbaren; das wäre dann, als würde ich ihm einen Pullover zeigen, den ich die ganze Zeit heimlich gestrickt hatte.
›Oh. Mein. Gott,‹ würde er sagen. ›wann hast du denn den gestrickt?!‹
›Ach, einfach immer mal wieder, wenn ich Zeit hatte. Manchmal hast du sogar danebengesessen.‹
›Ich wusste ja gar nicht einmal, dass du Stricken kannst!‹
›Es gibt vieles, was du über mich nicht weißt, deshalb diese ganze Pullover-Metapher.‹
Aber wenn man jahrelang strickt, wird der Pullover natürlich irgendwann so riesig, dass man ihn nicht mehr verstecken kann.«
»Ich hatte das nicht kommen sehen und mein Leben nicht entsprechend gelebt. Ich war nicht ausgegangen und hatte, als ich es noch konnte, nicht all die Heterosachen getan, die ich gern tun wollte. Wie eine selbstgefällige Henne hatte ich auf meinem Nest gehockt und war mir sicher gewesen, dass alles noch unverändert wäre, wenn mir dann wieder nach Herumstolzieren zumute war.«
»Ohne es zu wissen, oder wirklich zu begreifen, war ich ein Körper für andere gewesen, hatte aber für mich selbst keinen bekommen. Ich hatte nie an der aufreibenden Freude teilgehabt, einen echten und konkreten Leib auf Erden zu begehren.«
»Nein, natürlich trieb ich mich nicht in Bars herum. Ich hatte die letzten fünfzehn Jahre in meiner umgebauten Garage verbracht, an dem Tisch mit dem einen zu kurzen Beinen, und gearbeitet. Und wenn ich mal ausgegangen war, dann, um an meinen eigenen Veranstaltungen teilzunehmen oder an den Veranstaltungen, Vernissagen und Premieren von Freund*innen und Peers. … Es war nicht mein Plan gewesen, ein derart exklusiver Mensch zu werden, ich hatte bloß jeden wahren Moment meines Lebens zu vermitteln versucht, was das Leben in meinen Augen eigentlich ›war‹, und mich nur von wirklich Unausweichlichem – dem Kind, einer schlimmen Grippe, Hunger oder Durst – davon abbringen lassen. Und in der Zwischenzeit war offenbar Zeit vergangen – große Schwaden von Jahren, Jahrzehnte.«
»Andererseits kam ich mir immer größenwahnsinnig vor, egal, wie klein ich mich machte. In meiner Vorstellung war ich wohl von Anfang an sehr klein gewesen.«
»›Mama?‹ Sam flitzt durchs Haus, der Roller rattert er auf dem Küchenboden über meinem Kopf. Der Klang von deren Stimmchen zerschlug mein Herz in tausend Scherben. Was auch immer ich getan hatte, um diesen Schmerz erträglicher zu machen, es verlor abrupt seine Wirkung – ich musste mein Kind sehen, jetzt sofort. Aber ich konnte mich nicht bewegen. Ich war reglos, wie versteinert. Ich schaffte den Übergang einfach nicht. … Sie wussten, dass ich zu Hause war, aber wo steckte ich nur? Wie lange konnte ich noch hier unten bleiben, ohne in echte Erklärungsnot zu geraten? Nicht mehr lange. … Ich war nicht tot, aber zu sehr Seele. Ich hatte mich zu sehr von Musik und Poesie leiten lassen, und mein derart beseelter Geist hatte begonnen, sich als vollständige Person wahrzunehmen. Ihm war gar nicht klar, wie deformiert er war. Jetzt suchten sie mich draußen im Garten. Während andere Menschen, die Dinge in Einklang zu bringen wussten, rannte ich ewig zwischen Gegensätzen hin und her, war nie hier, aber auch nicht da.
Man fand mich nicht.
Sie fanden mich nicht.
Gefühlt in letzter Sekunde stapfte ich die Treppe hoch; erwischte den letzten Zug nach Hause.«
»Mein System, bei dem auf ›ächz‹ irgendwann ›puh‹ folgte, versagte auf ganzer Linie.«
»In gewisser Hinsicht war es allein mit Kind leichter. Ich hatte den ganzen Laden fest im Griff. Ich ließ Sam das Bett selbst machen und Servietten falten, und wir folgten einem minutengenauen Zeitplan. Aber die Tage waren seltsam hohl und blutleer, woran auch erfundene Spiele und Kochrezepte, Fahrradfahren und langes gemeinsames Baden nichts ändern. Irgendwie gelang es mir allein nicht, eine gesunde herzliche Familienatmosphäre zu schaffen. Es fühlte sich gespielt an. … Nicht, wenn wir zusammen in der Badewanne lagen, aber ja, wahrscheinlich gab ich mich die meiste Zeit ausgeglichener, als ich wirklich war.«
»›Hormonell geradliniger‹, sagte Jordi mit Blick auf das Diagramm. ›Stell dir mal vor, wie das ist als Mann. Keine Zyklen. Keine Tode vor dem Sterben. Keine Verwandlungen in einen ganz anderen Menschen.‹
Bei unseren Treffen gingen Jordi und ich immer davon aus, dass wir uns seit dem letzten Mal radikal verändert hatten und das auch in Zukunft immer wieder tun würden. Diese ständige Aufruhr war schmerzhaft, um ehrlich zu sein. Aber auch aufregend, weil wir nie sicher sein konnten, was kam. Unsere Dauertransformation war natürlich streng geheim; der Welt, selbst Sam, spielten wir Beständigkeit vor.
›Vielleicht sollten wir das lassen‹, sagte Jordi. ›Uns nicht auf diese Weise verflachen. Sich zu wandeln heißt ja nicht automatisch, verrückt oder verantwortungslos zu sein. Sollten wir nicht versuchen, Veränderung zu normalisieren?‹«
»Sie wollte gehen? Das glaubte ich jetzt nicht. Andererseits konnte ich es nie glauben. … Meine alte Fassungslosigkeit über das Verlassenwerden (oder inzwischen vielleicht ein Denkmal des Verlassenwerdens, ein Turm) passte auf jeden Verlust, egal wie groß oder klein.«
»›Arschloch‹, flüsterte ich. Ich meinte das Leben selbst. Kam immer mit irgendwas Neuem um die Ecke, immer mit etwas Unerwartetem. Ich hatte mir einen gottverdammten Mutterleib erschaffen, und einmal pro Woche durfte ich darin im Einklang sein. Mit mir selbst, mit Gott, mit meinen Freundinnen und manchmal meinen Geliebten. Und er gehörte mir nicht. Weil einem nichts gehört. Gar nichts, nicht einmal der eigene Leib. Alles vergeht. Aber ich konnte jeden Mittwoch dorthin zurück, mit oder ohne Lust, und – wie nannte man das noch mal? Frei sein.«
Miranda July: Auf allen vieren
»wie sehr kann man sich selbst ausgesetzt sein?«
Lisa Krusche: Die Anrufung der Riesin
»Der Himmel blättert
im Wolkenatlas – seine
Seiten sind leer«
Gelesen im letzten Urlaubsmoment am Meer, im Schneckentempo …
Jan Snela: Ja, Schnecke, ja.
»Wie schmerzlich war es, nur deshalb geliebt zu werden, weil man existierte. Was für eine Unruhe brachte eine solche Liebe mit sich. Wie sich die Gedanken vor Ungläubigkeit verwirrten, wie das Herz vom beschleunigten Klopfen anschwoll. Wie die Welt in die Ferne rückte und ihre Greifbarkeit verlor.«
»Auf Reisen trifft man letzten Endes immer auf sich selbst, als wäre man selbst sein Reiseziel. … Bei sich zu Hause hört man auf, sich mit sich selbst zu beschäftigen, und dann sieht man am meisten.«
»Und erst als sie aufwachte, begriff sie, dass sie sich auf eine Reise begeben hatte; vorher war es nur eine Fortbewegung im Raum gewesen, eine gewöhnliche, nicht weiter bemerkenswerte Ortsveränderung. Erst der Schlaf schließt das Alte ab und öffnet das Neue, der eine Mensch stirbt, der andere erwacht zum Leben. Dieser schwarze Raum ohne Eigenschaften zwischen den Tagen ist die wahre Reise.«
»Ich dringe durch den Mund ins Innere der Menschen ein. Die Menschen sind innen wie Häuser. … Von innen wirken diese Häuser unbewohnt. … Aber ich weiß, dass ich im Inneren eines Menschen bin. Das erkenne ich an kleinen Einzelheiten. Eine der Korridorwände ist fleischfarben und pulsiert leicht. Manchmal dringt aus der Tiefe ein fernes, gleichmäßiges Rumoren an meine Ohren, manchmal rutscht mein Fuß auf etwas Festem, Geädertem aus.«
»Sie lebten im Schloss, obwohl sie es weder erbaut hatten noch genau kannten, was bei den verschiedenen unerlässlichen Reparaturen besonders deutlich wurde. … Einige von ihnen studierten Philosophie oder Literatur, aber auch nur zu dem Zweck, ihr Leben in diesen paradiesischen Gefilden noch intensiver und voller auskosten zu können. Um Bescheid zu wissen. Um sich eines Ziels oder des Mangels eines solchen klar zu werden. Um sich darüber klar zu werden, wie es sein kann. Und das musste reichen.«
»Ich bin auch in einem Schloss geboren. … Ich stellte mir mein Zuhause immer als etwas Essbares vor. Wahrscheinlich habe ich es einmal aus Versehen wirklich gegessen, denn jetzt steckt es in mir drin, ein mehrstöckiges Gebäude mitten in mir. Wir bewohnen einander. Ich bin in ihm, und es ist in mir, manchmal fühle ich mich wie ein Gast darin, manchmal als Besitzerin. Nachts tritt das Schloss deutlicher hervor, es leuchtet grünlich durch die Dunkelheit. Im Sonnenlicht ist es zu grell, deshalb bleibt das Schloss tagsüber unsichtbar, aber ich fühle es in mir.«
»Es war schön. Man musste nur achtgeben, dass man nicht zu viel sagte und nicht zu laut. Dass man keine Meinung äußerte, nicht bewertete, nicht zu viel hörte, nicht hinschaute. Das war nicht schwer, denn sie hatten ja einander und das Haus und das Klavier und die Blumen im Garten.«
»Von diesem Zeitpunkt an konnten die beiden sich nicht mehr daran erinnern, was sie den ganzen Tag über gemacht hatten. Ein Tag erschien wie der andere. Das Verrinnen der Zeit ließ sich nur an den Wäschehaufen im Badezimmer ablesen.«
»Wie sieht die Welt aus, wenn das Leben nur noch Sehnsucht ist? Sie sieht papieren aus, zerkrümelt zwischen den Fingern und zerfällt. Jede Bewegung betrachtet sich selbst, jeder Gedanke betrachtet sich selbst, jedes Gefühl fängt an und hört nicht auf, und zum Schluss wird der Gegenstand der Sehnsucht selbst papieren und unwirklich. Nur das Sehnen ist wahrhaftig und macht abhängig. Dort zu sein, wo man nicht ist, das zu haben, was man nicht besitzt, jemanden zu berühren, den es nicht gibt. … Vor dieser Sehnsucht kann man nicht fliehen. Man müsste dafür dem eigenen Körper entfliehen, aus sich selbst hinaus. Soll man sich betrinken? Wochenlang schlafen? Sich bis zur Besessenheit in Aktivität verlieren?«
»Mir ist, als hätte ich alle Pullover der Welt schon einmal angehabt.«
Olga Tokarcuk: Taghaus Nachthaus
»Für mich hat so ein Notizbuch den Vorteil, dass es mich immer daran erinnert, wozu ich auf Erden bin – um von Dingen Notiz zu nehmen.«
Richard Ford
»Die Momente zwischen den Lesenden und Schreibenden sind Geschenke, deren Schönheit in ihrer Flüchtigkeit besteht. All das sagt vor allem eins: dass wir als Schreibende vielleicht gar nicht so genau wissen, was wir tun.«
Daniel Schreiber
»Schlussendlich ist ein schönes Buch vor allen Dingen eine perfekte Lesemaschine (…); und es ist gleichzeitig ein Kunstgegenstand, ein Ding, aber eines mit Persönlichkeit, das die Zeichen eines eigenen Denkens trägt.«
Paul Valéry 1926
»Ein wichtiger Begriff in der Reisepsychologie ist das Begehren, denn es verleiht dem menschlichen Wesen Bewegung und Richtung zugleich – es weckt die Hingabe an etwas. Das Begehren an sich ist leer, das heißt, es weist nur die Richtung, aber nicht das Ziel, das Ziel nämlich bleibt immer phantasmagorisch und unklar, je näher man ihm kommt, desto rätselhafter wird es. Das Ziel lässt sich unter keinen Umständen erreichen, man kann auch nie das Begehren damit stillen.«
»Das, was mich beleidigt, lösche ich aus meinen Landkarten. Orte, in denen ich gestolpert und gefallen bin, wo man mich geschlagen, mir Leid zugefügt hat, wo etwas mir wehgetan hat, die hören auf, für mich zu existieren. Auf diesem Wege habe ich mehrere Großstädte und eine Provinz wegradiert. Vielleicht werde ich eines Tages ein ganzes Land wegradieren. Die Landkarten nehmen das verständnisvoll hin; sie sehnen sich nach weißen Flecken, das ist ihre glückliche Kindheit.«
»Ist es gut, dass ich erzähle? Wäre es nicht besser, den Verstand mit einer Klammer zu bündeln, die Zügel straff zu ziehen und mich nicht in Geschichten auszudrücken, sondern mit einem schlichten Vortrag, wo ein Gedanke mit jedem Satz klarer Gestalt annimmt und in den folgenden Absätzen an andere Gedanken geheftet wird? … Doch ich lasse mich auf die Rolle der Geburtshelferin ein, der Gärtnerin, deren Verdienst höchstens das Säen ist und anschließend das langweilige Unkrautjäten. Erzählungen haben ihre eigene Trägheit, die sich nie ganz unter Kontrolle bringen lässt. Sie brauchen Leute wie mich, die unsicher sind, unentschieden, leicht an der Nase herumzuführen. Naive.«
»In der Nacht steigt die Hölle über der Welt auf. Zuerst verzerrt sie den Raum, macht alles enger, massiver, unbeweglicher. Einzelheiten verschwinden, Gegenstände verlieren ihr Gesicht, werden massig und unscharf, wie merkwürdig, dass man tagsüber von ihnen sagen kann, sie seien ›schön‹ oder ›nützlich‹; jetzt erinnern sie an unförmige Klumpen, deren Zweck schwer zu erraten ist. … Die Nacht gibt der Welt ihr ursprüngliches natürliches Aussehen zurück, sie erfindet nichts; der Tag ist Extravaganz, das Licht – nur eine kleine Ausnahme, ein Versehen, eine Störung der Ordnung. In Wirklichkeit ist Die Welt dunkel, fast schwarz. Bewegungslos und kalt.«
»Lasst stehen und liegen, was ihr besitzt, verlasst euren Grund und Boden und setzt euch in Bewegung. Denn alles, was seinen festen Platz in der Welt hat, jeder Staat, jede Kirche und Regierung, alles, was in dieser Hölle seine Form behalten hat, ist ihm zu Diensten. Alles, was bestimmt ist, was von-hier-bis-da ist, was in Rubriken erfasst, in Registern verzeichnet, nummeriert, nachgewiesen, beschworen ist; alles, was angehäuft, zur Schau gestellt und etikettiert ist. Alles, was festhält wie Häuser, Sessel, Betten, Familie, Erde, Saat, Pflanzung, Pflege des Wachsenden. Planen, Warten auf Ergebnisse, das Erstellen von Plänen, Hüten von Ordnung. Deshalb entwöhne deine Kinder, wenn du sie schon achtloserweise geboren hast, und mach dich auf den Weg. Bestatte deine Eltern, da sie dich schon unachtsamerweise haben werden lassen, und geh.«
»Sie halten sich an den Händen, es ist die Zeit der ersten Küsse, die man nicht anders als seltsam bezeichnen kann.«
»Eine Stunde bleibe ich sitzen, nicht länger. Ich sehe die Leute, die aus dem Fahrstuhl springen und zu einer Verabredung eilen, diese von Geburt an Verspäteten, die manchmal vor lauter Hast in der Drehtür stecken bleiben wie in einer Mühle, die sie gleich zu Staub zermahlen wird. Ich sehe die Schlurfenden, die die Füße nachziehen, sie zaudern vor jeder Bewegung. Frauen, die auf Männer warten, Männer, die auf Frauen warten.«
»Die Bibliothek steht am Fluss, auf diesen schaut sie, das ist ein Fehler. Bücher muss man hochgelegen aufbewahren. Als die Sonne schon herauskam und das Wasser fiel, legten die Mitarbeiter der Bibliothek die Bücher zum Trocknen aus. Aufgefächert stellten sie sie auf den Boden, es sind Hunderte, Tausende. Geduldig ziehen sie die Seiten auseinander, damit die einzelnen Sätze und Worte trocknen können – sie öffnen die Bände zur Sonne hin, die Sonne soll lesen.«
»Kairos, der immer an dem Punkt wirkt, wo die lineare Zeit der Menschen und die zyklische Zeit der Götter sich schneiden. Und auch an dem Punkt, wo Ort und Zeit sich schneiden, in dem Moment, der sich kurz öffnet, um diese eine, eigene unwiederholbare Möglichkeit stattfinden zu lassen. Der Punkt, an dem die aus dem Nirgendwo ins Nirgendwo laufende Gerade einen Augenblick den Kreis berührt.«
»Wir, die Aufschreibenden sind ja zu vielen. Wir lassen uns nicht anmerken, dass wir einander betrachten, wir heben den Blick nicht von unseren Schuhen. Wir werden uns gegenseitig aufschreiben, das ist die sicherste Form der Kommunikation, wir werden einander in Buchstaben und Initialen verwandeln und auf den Seiten der Notizbücher verewigen, wir werden uns plastinieren, ins Formalin der Sätze versenken.«
»Im Lächeln der Stewardessen verbirgt sich, wie uns scheint, ein Versprechen, dass wir vielleicht Neugeborene werden, diesmal zur rechten Zeit am rechten Ort.«
In Griechenland mit Olga Tokarczuk: Unrast
Der Wille, das eigene Selbst auszudehnen, um das eigene spirituelle Wachstum oder das eines anderen Menschen zu nähren.
Liebe ist, was Liebe tut.
Eine Kombination aus Fürsorge, Zuneigung, Anerkennung, Respekt, Hingabe und Vertrauen.
Bell Hooks: Alles über Liebe
Wie gut man die Welt sortieren kann.
»Wenn etwas nicht gelingt, genügt es, daß man in ein anderes Zimmer geht.«
Wilhelm Genazino
»Die Wahrheit ist ein Schmetterling, sie landet einmal hier und einmal dort. Du jagst sie mit einem Netz, und wenn du sie fängst, bist du glücklich. Aber sie lebt nicht lange. Die Wahrheit ist ein zartes Ding.«
»Busbecqs Ansicht nach gab es im Leben zwei segensreiche Dinge – Bücher und Freunde –, deren Anzahl in umgekehrtem Verhältnis zueinander stehen sollte: viele Bücher, aber nur eine Handvoll Freunde.«
»Für alle Schüler dieser Welt – niemand hat uns gesagt, dass die Liebe die am schwersten zu erlernende Kunst ist.«
Elif Shafak: Der Architekt des Sultans
»Es ist fast unmöglich, einen Tag nach einer solchen Nacht zu bestehen. Es ist, als gäbe es doch nichts anderes als das. Alles andere ist Ersatz. Wenn das so ist, war dieses Leben nicht viel wert.«
Martin Walser/ Cornelia Schleime: Das Traumbuch – Postkarten aus dem Schlaf
»… oder der schwere dunkelbraune Schreibtisch aus der Designsteinzeit, an dem mein Vater immer noch jeden Tag von morgens bis abends sitzt und seine Übersetzungen macht und am friedlichsten wirkt.«
»Wir wohnen, wie wir gelebt haben. Das ist es, was ich sagen wollte. Und wir leben, wenn uns das Glück nicht verlässt, immer so gut, dass die Dinge, mit denen wir uns umgeben, jetzt schon die schönen Erinnerungen von morgen sind.«
Maxim Biller
»… eröffnet uns die Digitalisierung die Möglichkeit, auf mehreren Zeitebenen gleichzeitig zu stagnieren.«
Sophia Fritz: Die Abwesenheit der Zuversicht
»Das war der eigentliche Unterschied, dachte Ferguson. Nicht zu wenig Geld oder zu viel Geld, nicht was jemand tat oder nicht tat, nicht ein größeres Haus oder ein teureres Auto, sondern Ehrgeiz.«
»… ein Mädchen, das weder normal noch nicht normal war, sondern heiß und furchtlos, und das genau wusste, mit welcher einzigartigen Persönlichkeit es von Geburt an ausgestattet war …«
» … eine griesgrämige, fahrige Frau, die zu sehr mit den Kleinigkeiten des Alltags beschäftigt war und nicht kapierte, dass einem das Leben durch die Finger rinnen konnte, bevor man überhaupt zu leben begonnen hatte …«
»Wie dein lieber Freund Edgar Allan Poe einmal einem aufstrebenden Schriftsteller riet: ›Unerschrocken sein – viel lesen – viel schreiben – wenig veröffentlichen – Distanz halten zu den Kleingeistern – und nichts fürchten‹.«
»… und an jenem Punkt seiner Reise zum Erwachsenendasein strebte er für die Zukunft lediglich an, … ›der Held seines eigenen Lebens‹ zu werden.«
»… denn wenn ein Buch ›so‹ sein konnte, wenn ein Buch ›so‹ auf Herz und Verstand und innerstes Weltgefühl eines Menschen einwirken konnte, dann war Romanschreiben mit Sicherheit das Beste, was man im Leben tun konnte …«
»… da die alten, vorhersehbaren Abläufe nicht mehr galten, wusste man vom einen Tag auf den anderen immer weniger, was passieren würde. Ferguson genoss dieses neue Gefühl der Ungewissheit. Alles mochte im Umbruch sein, und manchmal herrschte das reinste Durcheinander, aber wenigstens war es nicht langweilig.«
»Du musst so viel lernen wie du kannst, … dann musst du’s wieder vergessen und was du nicht vergessen kannst, wird die Grundlage deiner Arbeit bilden.«
»Leer … nicht so, als stünde man allein in einem Raum ohne Möbel, sondern im Sinne von ausgehöhlt … wie eine Schwangere nach der Geburt. Nur war es in diesem Fall eine Totgeburt, ein Säugling, der sich niemals verändern, wachsen oder laufen lernen würde, denn Bücher lebten nur so lange in einem, wie man sie schrieb, und sobald sie herauskamen, waren sie verbraucht und tot.«
»Du willst die Welt nicht neu erfinden, Archie, du willst sie verstehen, damit du auf ihr Leben kannst.«
»… die selbstauferlegte Verpflichtung, sich im Verhältnis zu anderen zu definieren und der Verlockung zu widerstehen, ausschließlich für sich zu leben …«
»Ja, genau, er hatte es gut, und was war das doch für eine großartige und schöne Welt, wenn man bloß nicht so genau hinsah.«
Ein Juli mit Archie Ferguson in vier Versionen.
Paul Auster: 4 3 2 1
»Verzeihen macht eine gemeinsame Zukunft möglich – ob man die überhaupt will, ist eine andere Frage.«
Sven Stillich: Verzeiht euch!
Ein exemplarischer Mensch
»Die Arbeit des Verlegers ist vor allem eine Suche … Der Wunsch, die flüchtige Gegenwart lesbar zu machen, ist sein Antrieb. Die Spur seiner Suchbewegung sind die Bücher, die entstehen. Jetzt und jetzt und jetzt.«
Jan Wenzel
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»Doch wir waren zwei sehr unterschiedliche Schwangere. Mein Körper reagierte mit Zustimmung, ihrer mit Widerwillen.«
»In den neapolitanischen Geschichten, die sie erzählte, gab es anfangs immer etwas Hässliches, Ungeordnetes, das später die Formen eines schönen Bauwerks, einer Straße, eines Monuments annahm, um dann wieder in Vergessenheit zu geraten, an Bedeutung zu verlieren, schlimmer zu werden, besser zu werden, schlimmer zu werden, in einem von Natur aus unvorhersehbaren Strom, der aus Wellen, Windstille, Sturzfluten und Kaskaden bestand.«
»Um irgendein Projekt auf die Beine zu stellen, das man mit dem eigenen Namen verband, musste man sich selbst lieben, und sie hatte es mir gesagt: Sie liebte sich nicht, liebte nichts an sich.«
»Es gibt diese Anmaßung bei denen, die sich zur Kunst und besonders zur Literatur berufen fühlen: Man arbeitet, als wäre man mit einem Amt betraut worden, aber eigentlich hat uns niemand je mit irgendwas betraut, wir selbst haben uns ermächtigt, Autoren zu sein, und dennoch sind wir bekümmert, wenn andere sagen: ›Was du da geschrieben hast, interessiert mich nicht, es ärgert mich sogar. Wer hat dir das Recht dazu gegeben.‹«
Ein vierwöchiger Sog – die Neapolitanische Saga von Elena Ferrante:
Meine geniale Freundin
Die Geschichte eines neuen Namens
Die Geschichte der getrennten Wege
Die Geschichte des verlorenen Kindes
Schreibtisch mit Aussicht
Schriftstellerinnen über ihr Schreiben
»Obwohl ich weiß, dass es nicht nur vergeblich, sondern auch ein Verlust ist, der anarchischen Welt-Grammatik meines Kindes eine Ordnung entgegenzusetzen, die Prinzipien wie Stringenz und Effizienz unterworfen ist, werde ich es immer wieder versuchen (die Spülmaschine ausräumen, die Wäsche erledigen, Dinge dorthin zurückbringen, wo ich will, dass sie sind, immer), um diese Tätigkeiten nicht dann erledigen zu müssen, wenn ich arbeiten, also schreiben könnte. Ich werde daran scheitern und schließlich bereuen, dass ich es, in der wenigen Zeit, die meinem Kind und mir täglich bleibt, trotzdem versucht habe.«
– Antonia Baum
»Doch wenn der Drang zu schreiben tatsächlich unbezwingbar ist, dann kommt er stärker zurück denn je, macht einem das Leben als Mutter schwerer als üblich, belädt einen mit unbegründeten und äußerst begründeten Schuldgefühlen. Ist es nun also besser für eine Frau, die schreiben will, Kinder zu bekommen – oder nicht? Ich weiß es nicht. Leben heißt nicht nur lesen und schreiben. Doch das Lesen und Schreiben kann die Macht haben, unser ganzes Leben zu fordern.«
– Elena Ferrante
»So, das war es auch schon. Mehr ist da nicht. Vermutlich geht es jedem, der arbeitet, nicht anders. Man glaubt an sich, man zweifelt an sich, man findet sich lächerlich, und das zu Recht. Das Gute daran ist einzig, dass ich mein Leben zu Hause verbringen kann, ohne einen Vorgesetzten, ohne Kollegen, die vielleicht aus irgendwelchen Gründen schlecht gelaunt sind. Ein unglaublich gutes Leben habe ich, auch wenn ich weiß, dass es überraschenderweise irgendwann endet.«
– Sibylle Berg
»Ich konnte es nicht sein lassen und musste Lio im Internet suchen und habe spannendes, schönes gefunden. Also, Lio kann auch aus dem Griechischen von Helios, dem Sonnengott kommen. Und da am Sonntag, 13. Dezember, der Luciatag war, von Lucia, die Leuchtende, von Lux = Licht, habt ihr genau ins Schwarze, wobei eher Weiße getroffen. Darum, viel Freude mit einer kleinen strahlenden Diskokugel.«
»Dass man, wenn man sehr müde ist, sagt, man sei todmüde, fiel mir ein, und dass man, wenn man todmüde ist, doch voller Leben ist, und wenn man lebensmüde ist, schon dem Tod nahe.«
Bernhard Schlink: Die Frau auf der Treppe