Christina Schmid
Anfänge und Enden

Sepia

Im Traum besuche ich spontan Marina, die Hochzeit jährt sich und das will gefeiert werden, wenn auch nur nebenbei in der Wohnung, zwischen Bergen aus Spielzeug und Stapeln aus riesigen Kinderbüchern überall. Das Kinderzimmer ist voll – vielleicht mal ausmisten, wofür die Kleine zu groß geworden ist? Sie schüttelt den Kopf, ich beiße mir auf die Lippen. Zuvor ein Fest, bei dem ich Jakob kurz sagen will, dass ich gehe, doch vor lauter Hanna übersieht er mich. Ich verteile stoppelige Wangenküsse an die Zwillinge und folge Hexe im blaugrün schillernden Badeanzug zum Wasser, werde aufgehalten von einem Theaterstück im Treppenhaus, drei Männer in grauen Anzügen verfolgen mich in Zeitlupe. Am Ende eines langen schmalen Flurs krieche ich durch eine niedrige Tür, die ich mit einem im Schlossinneren versteckten Schlüssel hinter mir abschließen kann. Ich bin frei! Auf der Straße läuft mir Isabelle mit verstörtem Blick entgegen und zeigt auf einen Anhänger voller uraltem Gerümpel, das ich sicher noch gebrauchen kann. Sie eilt weiter, ganz zerzaust im grauen Kleid. Etwas stimmt nicht: Die Straßen aus Kopfsteinpflasten und ohne Autos, die Hausfassaden staubig, die Luft ganz dick und der Himmel beige. Wo bin ich hier gelandet? Eine Kulisse in Sepia, oder eine andere Zeit.

Umarmung

Im Traum umarmt mich Daniel, wir sitzen am Boden zwischen vielen Beinen in dieser Umarmung, ganz lang und innig – zu lang, Mama guckt schon. Wir gehen rein, da sind die Kinder und wollen alles von mir. Weiteres bleibt im Kopf, selbst im Traum.

Motorboot

Im Traum eröffnet mir Paula, dass sie jetzt Radio macht. Der Vorteil: Sie kann die Sendungen von Zuhause produzieren. Der Nachteil: Keine Bühne mehr. Sie ist zu Gast bei der Vernissage meiner Ausstellung auf den Wasserstraßen Bad Cannstatts. Anwohnerinnen schildern launig die letzten Überschwemmungen in den Läden, deren Schaufenster immer halb im Wasser stehen. Jemand schenkt mir sein Motorboot, mit dem wir es gerade noch zum Bus schaffen, der sich weitläufig im Gebirge verfährt.

Achteckig

Im Traum bringe ich meine Bilder in eine Ausstellung in alten Räumen, müde zeigt mir Aida meinen Platz. Überall wird aufgebaut, ich will nicht stören. Alte Regale sind frisch lackiert und neu beschriftet, nur der letzte Raum bleibt unberührt. Ich löse übersehenes Kreppband von den Griffen, öffne Schubladen, finde Werkzeug, Stifte, einen achteckigen Stab in dunkelgrün, er liegt schwer in meiner Hand – erinnert mich an meinen Opa Rudi, was mir erlaubt ihn zu behalten. Marcela sagt, die Kinder der Siedlung spielen gerne in den verlassenen Häusern, finden Papier und Dinge für Collagen, sie verstecken sich in Schränken und kommen verkleidet wieder heraus.

Strategie

Erst hier sehe ich, welch schlaftrunken wankenden Schriftgrößen mein nächtliches Getippsel fabriziert hat. Nochmal drüber schlafen ist nicht so mein Ding. Dem Zweifel zuvorkommen ist eine Strategie. Mal sehen, wie der liebe Zweifel dann über den Tag Blüten schlägt, wenn er nicht antwortet – was er nun wirklich nicht muss auf diesen Kuss. Doch ›seine‹ Buchobjekte hätten eine Atelierwoche verdient. Überhaupt, ein Atelier! Mit Buch, das auf seinem eigenen Umschlag fliegend liegen kann, ohne Leim und ohne Faden, aus einem kunstvoll gefalteten Stück. Im Traum natürlich viel raffinierter als meine Skizze hier, undurchschaubar auf so einen Traumblick, der ja doch eher seinen Augen und seinem Mund gehörte. Aber dann doch dem Buch, das erst lesbar wird, wenn die Transparenzen sich finden, aufeinanderlegen – Buchstaben aus Öl im Papier? Der Umschlag flächig perforiert: blitzendes Licht durch schwarzes Papier, das sich anschmiegt und gerne biegt durch die vielen kleinen Schlitze darin.

Und wohin träume ich uns jetzt?

Küssen

Mein Traum schenkt mir die schönste Liebelei mit Jörg. Als er mir seine wundersamen Papier- und Buchexperimente zeigt, kann ich ihn nur küssen! Meine Träume sind zurück und umarmen mich. Da bin ich wieder. Nächtliche Grüße nach Zürich und schnell zurück in diesen Traum! Oder doch gleich an den Schreibtisch und seine absonderlichen Bindungen, feinen Perforationen und vielschichtigen Transparenzen ausprobieren? Unlesbar, aber wunderbar poetisch.

Durchsichtig

Im Traum lande ich in New York und merke erst dort, dass ich vergessen habe, Pete die Tage zu bestätigen, die ich bei ihm sein will. Ich finde unseren Chat nicht mehr, nur hunderte bunt illustrierte Tarotkarten, die er mir wohl im Lauf der letzten Jahre geschickt hat und ich hatte sie nicht bemerkt. Ich suche nach der richtigen Subway zu ihm. Wer mich anstarrt, den fotografiere ich, zuletzt auch mich: Ich bin durchsichtig geworden, transparente Brille, gläserne Schuhe, durchscheinende Haut.

Grüße aus dem Familienhotel in Südtirol in die große Stadt, die, wenn sie in einem Buch vorkommt, den Wunsch weckt, Pete und mein Ribbit von 2008 an seinem Kühlschrank tatsächlich zu besuchen.

Ruinenhügel

Im Traum strömen schon Stunden vor Beginn unserer Veranstaltung Menschenmassen in den Garten. Nichts ist fertig vorbereitet – kein Waffelteig, kein frischgepresster Saft, kein aufgebrühter Liebeszauber, auch nicht die Räume im Brombeerschloss, das bis unters Dach voller Kleider hängt und sowieso viel zu klein wäre für so viele Leute. Sie trampeln weiter über Zäune, durch andere Gärten Richtung Marienhospital, zerstören leerstehende Gebäudeteile und feiern die Ruinen. Atemlos folge ich ihnen und frage eine Fotografin, wie sie davon erfahren hat. Sie sagt, sie ist eine Koryphäe für spektakulär inszenierte Feuer und Wassermassen, und jemand Großes hat unsere Einladung geteilt.

Assistentin

Im Traum irre ich durch ein Luxuskaufhaus und werde ungefragt beäugt und beraten, was ich doch alles unbedingt mal anprobieren soll. Ich flüchte in einen goldenen Aufzug, dort höre ich den alten Chef des Ganzen zu seiner Leibwache sagen, wie sehr er doch seine Assistentin vermisst: Sie war treu und fleißig bis zum Umfallen, brauchte niemals Urlaub und beschwerte sich nie – besser als jede Ehefrau, die er bislang hatte. Ich schnaube laut auf, tätschle ihm den Kopf wie einem Kind und steige aus.

Verscheucht

An meinem Bett sitzt eine alte Frau mit langem grauen Haar, ich erschrecke, sie lacht. Ihre Kleider sind orange und so schmutzig, dass ich die Farbe nur erahne. Ich verscheuche sie, gsch, wie eine Katze, wedle sie weg. Sie lacht noch lauter und bleibt sitzen. Ich schreie. Mein Herz pocht so laut, dass ich erwache. Ich stehe auf und trete ans Fenster. Da liegt die Frau auf der morgennassen Wiese, dürftig zugedeckt mit unserer orangenen Decke. Der Garten ist viel größer als sonst, weitläufig und gepflegt wie ein Park – und überall sind Leute. Ich trete auf die Veranda, ein Stapel weißer Wäsche auf Beinen läuft in mich hinein und fällt zu Boden, frisch gebügelt, oh nein! Darunter kommt ein Mädchen mit weißer Schürze zum Vorschein, eine Bedienstete? Fast noch ein Kind. Sie schaut mich ängstlich an, ich berühre sie am Arm. Um ihren Hals trägt sie eine Kette mit einem weißen Herz aus Gips, es pocht bei meiner Berührung. Ein Mann unterbricht uns, er redet auf mich ein, nichts davon verstehe ich. Er trägt auch so eine Kette, mit Sternen, sie zerspringen unter meinem Blick, die Scherben liegen in meiner Hand – mir wird ein Teller gereicht, um sie zu entsorgen. Von unten aus dem Garten ruft der Doktor nach mir, er ergreift meine Hand und küsst sie, ich schüttle ihn ab. Was machen all die Leute hier? Ich will schlafen! Eine ganze Dienerschar ist mit mir beschäftigt – ich hatte ja keine Ahnung, wie privilegiert ich bin. Alle starren mich an. Heulend schreite ich zu der alten Frau und decke sie besser zu. Um mich dann auch wieder ins Bett zu legen. Bis der kleine Amor mich weckt und einigermaßen geduldig wartet, bis dieser Traum notiert ist.

Zettel

Neulich im Traum: Auf einem Zettel ein Satz, der mir sagt, wie mein Buch beginnt, er handelt von uns, von unserem Ende, vom Anfang unseres Endes. Du musst dieses Buch nicht schreiben, sagt mir ein großer Mann, der mich dabei auf den Arm nimmt und wie ein Baby auf seine Hüfte setzt, meine Hände festhält und mich beruhigt. Immer wieder sagt er: Du musst dieses Buch nicht schreiben. Aber der Satz ist so gut! Er wiegt mich und hält mich fest – oder auf?

Preisschild

Im Traum machst du Paula und Sascha ein Geschenk: Eine Schachtel mit Pralinen wie Kieselsteine zu einer philosophisch-geologischen Abhandlung, ein dünnes Heft. Du siehst, dass ich das Preisschild sehe, 447 Euro. Du wirst rot, nimmst die Schachtel wieder an dich und willst sie zurückgeben, wenn das noch geht. Kopfschüttelnd laufe ich durch den Raum zu Marlies und anderen stillenden Müttern am Boden zwischen Theaterproben. Dass ich obenrum nackt bin stört hier niemanden, nicht einmal mich.

Grasfrisur

Im Traum schwimmen wir durch eine Wasserlandschaft aus Kanälen, Strudeln und Becken, Mama redet ganz untypisch wie ein Wasserfall auf mich ein: Das geht doch nicht, so ein Lieben kreuz und quer. Vor uns schwimmt ein Typ, der sagt: In manchen Betten fühlt man sich eben wohler als in anderen. Auf seinem Kopf wächst grünes Gras in Büscheln, wild gemäht. Diese Grasfrisur bleibt mir tagelang im Kopf, bis ich sie jetzt endlich aufschreibe.

Perlen

Im Traum ein Bergdorf mit Kriegsbaracke, ich will nicht weitergehen. Von oben sehe ich dich am Boden unter Wäschebergen glitschige Perlen entdecken, sie bewegen sich. Bestimmt übertragen sie Malaria oder etwas anderes. In meinem Bein steckt auch so eine Perle fest, ich kratze sie auf und weg. Draußen auf dem Platz essen wir sehr touristisch, der Lautsprecher knackt permanent, doch ich muss schreiben. Du siehst mich durch dein Glas mit Papier und Stift, nur da bin ich ich. Die halbe Nacht warte ich darauf, dass du das Baby wieder zu dir nimmst. Halboffener Schlaf, ohne Stift aus dem Traumland gekickt. Dieser Traum ist filmreif und wieder weg nach dem x-ten Stillen vom Baby und wieder Zudecken vom Kind. Was mir bleibt, ist dein verachtender Blick. Ja, ich war nochmal oben im Hotelzimmer, das jetzt deines ist. Ich sah deine Taschen vor dem Spiegel stehen, unausgepackt. Auf der Treppe kommen wir uns entgegen, du siehst mich misstrauisch an. Meinen Schuh und den Stift hatte ich dort vergessen, beteure ich und wedle damit. So verabschieden wir uns, der Traum und ich.

Schnürsenkel

Im Traum probiere ich Schnürsenkel mit Soße von meinem Nebensitzer, ein dünner Mann, dem das Essen nicht schmeckt. Gegenüber wird eine fade Schuhsohle mit Kimchi verfeinert, ich esse den Rest. Von zwei Seiten höre ich Klagen der Liebe, die spontan zu mir wandert. Ich will sie nicht, wie ich auch euer Essen nicht wollte, ich hatte absichtlich nichts bestellt.

Elefantenbrunnen

Im Traum sitzen wir in einem Bus, er fährt nicht los und wird immer voller. Wir steigen aus und gehen zu Fuß zum Meer. Es ist zu heiß, kein Schatten weit und breit, nur gleißendes Sonnenlicht. Also wieder in die Stadt zu einem Brunnen mit Elefanten aus Stein, von dem du gelesen hast. Wir klettern barfuß auf ihren Köpfen herum, jeder Elefant spritzt anders. Humpelnd zeigst du mir einen Paravent, hinter dem sich ein kleiner Elefant versteckt, schon grün vor Moos. Auf deinen Wunsch steige ich auf seinen Kopf, da plustert er wummernd die Backen auf und taucht ab ins Dunkel mit mir und wieder auf. Er spritzt aus allen Poren dich und dein Buch nass, du lachst.

Schokoladenhaus

Im Traum sitze ich unter freiem Himmel im Theater, wo sich Schauspieler ihre Spielpartnerinnen im Publikum suchen, ich bin eine der Auserwählten mit zwei Schmetterlingen, die ich dann doch anderen überlasse. Ein eiförmiger Bus fährt herein und kriecht den Berg hinauf nach Haus. Zu Fuß bin ich schneller, ich laufe ihm voraus, bis er mich einholt, der Fahrer besteht darauf, dass ich einsteige, es ist der Schauspieler, der mich wollte. Er will Bruchschokolade mit mir machen, mit lustigen Toppings, das klingt gut und du beobachtest amüsiert, wie ich in seinen Arm hüpfe, Huckepack trägt er mich bergauf zu seinem Schokoladenhaus.

Kleid

Dein Buch ist ein Kleid, das deinen Körper einhüllt, es raschelt, wenn du dich darin drehst. Zu Kleidern kamst du über den Tanz, nun kleidest du dich als Buch für mich, willst gelesen werden, sortiert, die Seiten ohne Reihenfolge übereinandergeschichtet, ich kann dich nicht lesen, nicht in diesem Licht und schon gar nicht in diesem Kleid, das dich verdeckt. Zugedeckt mit seitenweisem Text ohne Ende und Anfang, wie lose Fäden hängen die Sätze von dir weg. Erst jetzt sehe ich den Raum, in dem wir uns drehen: Text über Text an Wänden, Boden und Decke, sie flüstern und rascheln im Wind, der durch das nächtliche Fenster in dich und dein Kleid weht, dein Buch, das du jetzt ausziehst. Darunter trägst du nur noch ein Wort auf deiner Haut, am Ellbogen, was steht da für immer für dich? Imagine.

Galaxie

Im Traum landen wir in einem Theaterstück, die Bühne voller brauner Pappröhren und Verpackungsmaterial, darin wartet eine träge Truppe auf Bestellungen. Das Stück heißt: ›Die Verlegerin‹. Auf einer anderen Bühne steht ein Typ in einem Wald aus Mikrofonen, er will für sein Bühnenbild gelobt werden, was niemand tut. Frustriert trinkt er das Blumenwasser aus den Vasen und wirft die Blumen ins Publikum. Wir folgen einem Licht ins Dunkel, besteigen ein Raumschiff und legen ab, fliegen den Lichtwölkchen hinterher, die uns der Flugvirtuose vor uns als Orientierung ins dunkle Nichts auspufft. Zwischendurch biegt er ab in kleine Wolkenwelten, um Leute einzusammeln und ein verlorenes Kind zu retten. Wir folgen ihm, durchqueren Schlick und Algenfelder, reißen uns los und wieder hinauf. Auch meine Eltern fahren herum mit Oma, der sie Basel zeigen und kleine Hafenstädte. Auf dem Rückweg wollen Sie zu uns und mein Gepäck abholen, bei der Hitze reicht mir der neue Badeanzug: Eine Galaxie mit Neonbändern an den Seiten zum Zusammenziehen, so schrumpft der Sternenstoff zu einem Päckchen, klein und leicht wie ein Tischtennisball.

Schaumwasser

Im Traum reisen wir im Zug von Stadt zu Stadt, wir sind auf Tournee mit unserem Wasserspaziergang. Sind wir hier richtig, wo müssen wir raus, kommen wir rechtzeitig an? Kein Ortsschild am Bahnsteig verrät uns, wo wir sind. Ich will mein Handy befragen, doch darin schwappt nur Spülwasser mit weißen Schaumblasen, nicht mehr zu gebrauchen als Karte, Kompass oder Uhr. Irgendwo steigen wir aus, machen Pause am Strand, haben solch eine Lust, dass uns die Zeit egal ist und auch die anderen Leute, wir rennen nackt ins Meer. Die Lust bleibt bei mir bis im Hotel die große Lea bei mir ist, mein Kopf reicht ihr bis zum Bauch. Sie hängt mich kopfüber mit den Beinen über ihre Schultern. Müssen wir nicht los? Im Handy noch immer nur Schaumwasser. Bestimmt ist noch Zeit.

Knallblau

Im Traum wohnt Pablo unter und Leana über uns, Lio ist begeistert über all die Kinder im Haus. Nur Marilena reichen die Zimmer nicht, sie braucht zwei Küchen, wovon wir ihr abraten, sie überlegt weiter. Dann mein erstes Date mit einem jungen Kerl, er küsst viel zu hastig und hat keine Zeit, seine Party geht gleich los. Dort mag mich ein kleines Mädchen, dem ich knallblaue Farbe verspreche und die 77 Holzquadrate aus der Kiste unter meinem Bett. Bis ich wiederkomme, ist sie weg. Stefanie leuchtet im grüngelben Schal, nur widerwillig lässt sie sich das Gartenhaus zeigen, ihre Assistentin schreibt mit und will sich melden, ich glaube ihr nicht.

Trampelpfad

Im Traum habe ich einen Termin direkt nach dem Urlaub fast vergessen, um 10 muss ich dort sein, es ist 9:53 Uhr, ich komme zu spät. Ich renne durch ein Bürogebäude und knalle Türen, versuche immer wieder Christoph anzurufen, mein Handy will nicht. Auf einem Trampelpfad durch eine hohe Wiese erzählt mir Frauke von ihrer Tochter: Als alle wegen Covid ausreisen mussten, zog sie sich kiffend aufs Land zurück. Jetzt hat sie alle Varianten durch, auch die englische und französische, es geht ihr gut. Eine Uhr zeigt noch immer 9:53 Uhr und später noch eine. Wenn die Zeit so stillsteht, könnte ich es noch pünktlich schaffen, nur habe ich gar keine Lust mehr auf Termine. Aufs Land ziehen und kiffen? Frauke schüttelt den Kopf.

Erdbeerstola

Im Traum löffeln wir scharfe Erbsensuppe mit Zuckerschoten aus einem Topf, der stand schon gestern mitten im Weg auf einem Stuhl. Daneben kauft Sinje ihr Gemüse ein. Sie trägt eine Stola aus riesigen Erdbeeren, passend zu ihrer Ausstellung, die wir gleich besuchen. Ein Raum voller schwebender Neonröhren, an die wir uns hängen und schaukelnd Luftakrobatik versuchen.

Pantomime

Im Traum soll ich einen Vortrag vor einer Klasse halten, ständig kommt und geht jemand, meine Stimme bricht weg. Wir hüpfen uns wach und versuchen ganz still zu sein – wie schwer das ist! Ich will brüllen und kann nur krächzen, da wird es still. Beim Einschenken passiert mir eine sprudelnde Überschwemmung, wir lauschen, wie das Wasser vom Pult auf den Teppich tropft. Barfuß schleiche ich durch die Reihen und sammle alle Gesten der Klasse ein.

Buchtraum

Als hättest du ihn bestellt in meiner Traumfabrik: Erst ein Kästchen mit Tuch, das sich beim genaueren Hinsehen als bewegte Geschichte entpuppt, Hologramm mit Eidechse, die ausbüxt. Später ein leeres Buch mit bläulich schimmernden Seiten, die sich in mehrere Bücher aufteilen und um die Wette rennen, wie Hase und Igel im raschelnden Papier.

Mondbuch

Im Traum besuche ich eine vertikale Buchmesse, die Bücher lagern weit oben über den Ausstellungstischen, ein rostiges Fahrrad an Seilen dient als Aufzug, natürlich will ich das oberste Buch, dort wohnt der Mond. Ich pflücke einen Strauß hochgewachsener Stifte, die sich schon biegen, manche Farben gibt es nur in kurz.

Puppenmacherin

Im Traum spaziere ich zu einem Vortrag, Demian hat das selbe Ziel. Er zeigt auf sein Atelier am Waldrand, ein gefaltetes Glashaus, sieht spannend aus, da möchte ich mal hin! Nicht jetzt, sagt er, aber später. Wann fährt der letzte Bus? Um sechs Uhr früh, sagt er und lacht, er lädt mich ein für diese Nacht, was er gleich wieder vergisst. Wir kommen an, er wird umringt, ich sitze am Rand, der Vortrag beginnt. Eine Puppenmacherin erzählt das Konzept ihrer blauhaarigen Wesen. Ihr Sohn quatscht dazwischen, vernebelt den Raum, fragt nach Geld. Sie verstummt unter Tränen und sieht mich am Rand, mein rotes Leuchten wirkt aufmunternd, sie verwirft alles und setzt neu an: Der Puppenkopf, das weiche Gesicht, die Haare jetzt grün, der Körper biegsam wie der einer Tänzerin, wird lebendig mit dem letzten Stich, anschmiegsam, wie keine vor ihr.

Fahrplan

Im Traum warten wir im Gedränge auf den Bus, Lio will weg. Er rennt auf die vielspurige Straße, ich hinterher, rufe heiser Julia – wie tief das sitzt, Verantwortung ist mit dem Namen meiner Schwester verknüpft. Er verschwindet hinter einem Hügel, findet eine Dose mit Keksen, vergessenes Spielzeug, verlorene Mützen der Kinder, die wohl gerade jetzt in den letzten Bus überhaupt einsteigen. Ich versuche den Fahrplan zu entziffern, erkenne nichts, höre noch ein Gespräch mit und jemanden duschen im Haus, dann ist es dunkel und still. Wir zwei allein hier, allein auf der Welt.

Ballonbauten

Im Traum lasse ich mein Knie untersuchen, es ist blau und liegt im Hof auf einem fahrbaren Tisch. Alles in Ordnung, meint der Arzt, aber wie wärs mit einem Experiment mit KI? Er pikst blaue Dioden in meine Handfläche, es löst sich gleich eine von vier, ich halte sie fest. Der Arzt eilt voraus zur Kaserne, ich hinterher in zu großen Schuhen, stolpere und falle in eine Pfütze aufs Knie. Er dreht sich noch um und verschwindet hinter einer der vielen Türen. Wo muss ich hin? Im Opernsaal ganz hinten ein Büchertisch mit Lyrik und bunten Heften, ich helfe Andreas beim Aufbau, finde ihn viel zu versteckt. Ein Buffet soll helfen, es beginnt zwischen den Büchern und erstreckt sich über mehrere Höfe in Ballonbauten, wir schlagen uns die Schüsseln voll mit buntem Gemüse und Gebäck.

Geheimschrift

Im Traum treffe ich Thomas an der Bushaltestelle, wir erkennen uns gleich – ich ihn an seinen rot gefärbten Borsten, er mich an meinem Mund. Wir schauen hin und weg, lachen schüchtern und steigen ein. Da ist auch Ulrike und die halbe Klasse, ich zeige ihr Lio, der hinter Milchglas auf seiner Oma turnt, sie zeigt mir zwei ihrer drei Kinder. Wie mein Tun erklären? Ein Buch aufschlagen, Zitrone darauf träufeln, Geheimschrift sichtbar bügeln, Petersilie darüber streuen, fertig.