Christina Schmid
Anfänge und Enden

Unbemerkte Katastrophen

Wo stellen sie sich aus und traust du dich hin?

M

Das M auf meiner Tastatur hakt – was will mir das sagen?

»Mut darf haken, aber er schreibt sich trotzdem weiter.«

Soso, ChatGPT.

Buchstaben

Ich soll es genießen, dass die Kinder da sind, diese besondere Zeit, in der sie klein sind. Stattdessen nerven mich meine Hormone und die Frage, ob mit mir etwas (oder vieles) nicht stimmt. HSP, PMDS, ADHS – diese Buchstaben brauchen eine Diagnose. Hast du dir die Wörter im Glas angesehen? Deine Wörter. Fremdwörter, und doch fehlen sie hier. Zwischen den Ideen lauert mein Loch, in dem ich verschwinde, mich vergesse. – Da haben wir die Diagnose.

Klappkisten

Wer bin ich bloß geworden? Welche Teile von mir ich verloren habe, sehe ich in deiner Wohnung, als sei sie mein Spiegel: Schau, so frei und beweglich kann ein Leben eingerichtet sein.

Ina, Fragment in meinem Namen. Und ich? Entsetzt in deinem Archiv aus dreihundert Klappkisten direkt unter der Galerie. Fasziniert, wie du mit diesem Haus verwachsen bist.

Ist »Entsetzt« das richtige Wort?
Wertvolle Last.

Orangenheizung

Nach einigem Stöbern fand ich das Bild vom Bild der Orangenheizung wieder, 2016 in einem Buch in Straßburg entdeckt. Was sich die Träume doch so merken, und was alles nicht.

Skizzenbücher voller Buchskizzen, seitenweise Zweiseiter träumen im Regal. Alle scannen und übereinanderlegen: verdichtetes Potenzial.

Treffen wir uns mal bei dir mit Papier?

Offenes Buch

Ich schreibe mich zu deinen Bildern.
Lege aus, was zu mir spricht.
Lese dich in meinen Texten.
Überschreibe mich an dich.
Wohin es uns noch blättert?

Wanken

Es regnet Briefe, fünf von Hydra, fünf verteilt in der Wohnung, diese Installation hatte ich mir für dich vorgenommen, nun hast du sie für mich umgesetzt. Einfach leben, doppelt lieben, dreifach geliebt. Deine Briefe schreibst du mit meinem Stift auf mein Briefpapier. Hast kein eigenes, wieso auch? Wir sind eins. Sind wir nicht. Ein Wanken seit Tagen, wo wanken wir hin?

Tanzen

Ich habe ein Loch in der Zeit entdeckt: Eine Verbindung durch das große Vergessen in jenen Winter, in dem wir tanzten und uns kurz küssten. Zu kurz! Tanzen wir weiter?

Kann es in echt so gut sein wie in Gedanken?

Die gelben Tomaten aus meinem Traum stehen noch da. Soll ich?

Feigheit?

Raus mit deiner Lust, in alle Richtungen! Schreib deiner Frau. Schreib die Postkarten. Sei mir bloß nicht treu. Mehr aus den guten Zeiten, und wieder rein, lieber Jean.

Brief

Können wir nicht auf E-Mails umsteigen? Diese postalischen Wartezeiten sind ja kaum auszuhalten in der heutigen Zeit. Der Briefkasten freut sich indessen über seine Verzauberung. Schlaflos lese ich wieder deinen Brief und krieche in deinen Traum.

Alles hat seine Zeit

Der Kalender sagt mir, dass dein Kind morgen erwachsen ist und nächste Woche auswandert für ein Jahr. Während ich weine, weil mein Kind nachts weint ohne mich und ich nächste Woche keine stillende Mutter mehr bin.

Kopf: Genug.
Bauch: Schon?
Brust: Aua.

Zur Ablenkung: Zwetschgen sammeln und Kuchen backen. Kommst du mal vorbei?

Tauschen

Wenn mir mein Blog einfällt, erinnere ich mich an mich. Ich habe Heimweh.

– Wie ist das neue Ich? Das reale Ich?

Das reale Ich ist überfordert und nicht nett. In jeder Minute ohne Kind wie wahnsinnig am Arbeiten. Der Versuch, den zu schnell wachsenden Verlag in ein größeres Gefäß umzutopfen. Nachts am Pläne schmieden und Anträge schreiben für freie Projekte. Als hätte es nicht mehr viel Zeit. Als wärs bald vorbei.

– Jeder Tag ein Leben, oder?

Komische Leben sind das.

– Tauschen wir?

Freundinnen

Ich liege wach und denk an dich. Und dass dir dein Papa mal vorgeschlagen hat, du könntest mir eine Zitrone schicken, damit ich wenigstens weiß, dass du sauer bist. Das hast du mir geschrieben, da waren wir vielleicht zwölf.

Wann fing es an, dass Freundschaften kompliziert wurden? Vielleicht waren sie das schon im Sandkasten, als ganz klar war, dass es nur eine beste Freundin geben kann. Wir wohnten in einer Straße, du vorne an der Kurve, ich ganz hinten im letzten Haus vor der Wiese, die bald bebaut werden sollte. Noch gehörte die Wiese uns und die Straße unseren Parcours aus Kreide, für unsere Dreiräder und Bobbycars. Wir trafen uns bei dir oder bei mir und wenn es Zeit war, uns zu verabschieden, begleiteten wir uns noch ein Stück nach Hause. Manchmal dreimal hin und her, um irgendwann in der Mitte Tschüss zu sagen, bis morgen. Einmal, als dein Papa dabei war, mit Abschiedskuss, das war seine Idee und fanden wir komisch.

Klar gab es andere Freundinnen. Monja oder Anna von gegenüber, die du nicht mochtest. Du warst meine Nummer eins und trotzdem immer ein bisschen eifersüchtig. Als ich ein Jahr vor dir in die Schule kam, bist du mit deinen Eltern weggezogen. Wir wurden Brieffreundinnen, besuchten uns viermal im Jahr und der Platz der besten Freundin wurde frei. Er wurde immer wieder neu besetzt, doch keine blieb, so ist es bis heute. Nur du.

Was hält uns zusammen?
Wir sind so verschieden.

Du kamst zu keiner meiner Partys, meine Freunde schüchterten dich ein. Oder interessierten dich nicht. Deine mich ja auch nicht. Bis auf einen, deinen Tanzpartner, der uns beide geküsst hat. Mich mit achtzehn, dich mit dreißig. Es geht nur um uns zwei. Beste Freundinnen, in guten wie in schlechten Zeiten, durch alle Lebensphasen. Mit langen Pausen, die den Alltag raushalten aus dieser Freundschaft.

Einmal dann richtig lange Funkstille und einsilbige Antworten auf meine Fragen. Nach meiner Hochzeit, bei der spontan eine andere Trauzeugin war. Auch diese Freundschaft währte nicht lang – zu empfindlich und explosiv, zu verschieden und doch zu gleich.

Manchmal sprichst du bitter, wie deine Mutter, der du scheinbar nie genügen konntest. Und ich manchmal pragmatisch wie meine, der ich nie richtig nah sein konnte. Beide sind wir doch mehr wie unsere Väter, die wir lieben. Wir suchten nach Männern wie ihnen.

Jetzt strampelt mein Kind neben mir und du wohnst in einem Haus mit einem Arzt und seinen zwei Kindern. Du hast den Vormietern den Rasenmäher abgekauft, einen neuen Job und einen Stall für deine zwei Pferde gefunden. Dein zweites Pferd habe ich noch nicht kennengelernt, auch nicht den Arzt. Und du nicht mein Kind.

Kennen wir uns noch? Unser Leben überholt uns in diesem Jahr, in dem der Rest der Welt den Atem anhält.

Innerster Kreis

Mich zu berühren ist für dich in etwa wie Fußball zu kommentieren – völlig außerhalb deiner Vorstellung davon, wer du bist und was du kannst und willst. Wie das Telefonieren. Ich habe mich in deinen innersten Kreis eingeschlichen. In den Favoriten deines Telefons stehen deine Omas, deine Mama und vielleicht noch dein Bruder, dann ich. Wie habe ich das geschafft? Indem ich dir das Gefühl gab, es ginge nur um dich. Der Narziss in dir fühlte sich geschmeichelt, zwang sich anfangs noch und seit es Routine ist, fehlt etwas, wenn mein abendlicher Anruf ausbleibt. Unsere Telefonate sind anders, Corona kommt kaum vor, wir bewegen uns in einer anderen Zeit. Vier Tage noch. Mir fallen keine Fragen mehr ein. Drehen wir es doch heute mal um: Was willst du wissen?

Raufaser

Während wir telefonieren, fläze ich auf dem Bett oder Sofa herum, schaue den Schallwellen zu, knibble an meinem Zehnagel, schaue mir die Tapete schön. Seit wann ertrage ich sie?

Kaleidoskop

Die Tage verschwimmen, alle sind gleich. Brauchen wir Höhepunkte, um die Wochen voneinander zu unterscheiden? Jeden Abend um 20:15 Uhr nehme ich nun eine Serie auf: Andreas, Andrej, Andruschka. Ein Mensch oder drei und ich im Kaleidoskop, in dem wir uns drehen und gegenseitig spiegeln. Ein Mosaik aus Anekdoten, Schnipseln und Fragmenten. Je mehr ich höre, desto weniger sehe ich, wohin. Zerreden wir’s? Und wie fülle ich die Lücken?

Wellen

Du bist so sanft, so ruhig. Wird dir mein Schreiben jemals gerecht? Wir versuchen’s, ziellos, ein Experiment. Gespräche, die ich aufnehme, um deine Sprache einzufangen – sie stockt. Ich darf den Wellen nicht zuschauen.

Ampel

Ich schaue dem Park vor unserem Fenster beim Grünwerden zu, der höchste Baum braucht am längsten. Unten mischen sich gelbgrüne Blättchen ins Braun, an das wir uns schon gewöhnt hatten. Auch ans Drinsein haben wir uns gewöhnt, da bleiben wir trotz Sonnenschein. Warnt mich meine Trägheit vor dem Pollensturm da draußen? Unsichtbar wie der Virus, nur schneller spürbar, quasi sofort. Eine Ampel, meine Haut.

Platz auf der Welt

Fließender Übergang vom Abendbrot zur Elektroparty, wir löschen das Licht und tanzen nackt, wirklich zum ersten Mal? Noch so viele Dinge, die wir zum ersten Mal tun können. Wer braucht schon Clubs und Festivals – uns reicht dieser Platz auf der Welt, sechsundfünfzig Quadratmeter Freiheit.

Insel

Darf ich glücklich sein, in diesen Zeiten? Ich bin da, wo ich immer hin will, bei mir, bei uns. Von hier aus ist alles möglich, so ohne Spiegel. Dir muss ich nichts beweisen. Ich darf komisch tanzen, falsch singen, mich im Ton vergreifen, mich gehen lassen wie der Hefeteig in unserem Ofen, tagelang tun was mir gefällt, ich sein. Danke für dich auf unserer einsamen Insel.

Einsiedelei

Du fehlst mir, dabei kenne ich dich kaum. Du bist unerreichbar, habe ich dich darum ausgesucht? Ein weiterer Einsiedler in meiner Sammlung. Ist das jetzt Liebeskummer oder die Traurigkeit über das Vergangensein der zeitlosen Zeit, in der ich mich nur um mich selbst drehen durfte? Mein Mann hätte heute meine Hilfe gebraucht und ich war nicht da, als er ohne Schlüssel vor unserer Tür stand. Ich saß im Vortrag und wollte nicht erreichbar sein, wenigstens für eine Stunde abgetaucht. Er kam derweil bei Anja unter, machte Papierflieger und Maultaschen für Carla. Als ich ihn dort abhole, ist er noch sauer, will eine Entschuldigung von mir. Ich war nicht da. War ich jemals da? Bin ich sonst nicht immer da? Will ich immer da sein? Stell dir drei Tage vor, an denen das Telefon nicht mehr aufhört zu klingeln. Ich werde für meine Geduld bezahlt, für mein Zuhören, Erklären, Beschwichtigen, fürs Durchhalten. Der Druck vor dem Druck. Als das Werk vollbracht ist, wird der Empfang abgesagt. Corona zwingt uns in die Isolation. Erzählst du mir mehr vom Mönchsein?

Gequengel

Übst du gerade?
Spielst du mir was vor?
Warum hast du keine Zeit für mich?

Die kleine Lene war zu Besuch und hat mir ihren quengeligen Ton dagelassen.

Ideendusche

Die Idee kam mir vor ein paar Wochen unter der Dusche. Und eben dort lasse ich sie jetzt wieder los. Sie gurgelt noch im Abfluss:

»Willst du es nicht wenigstens mal mit mir versuchen?«

Wieso? Du bist nicht innovativ, wurde mir gestern gesagt, vom Direktor persönlich. Du machst mir nur Arbeit, die keinen interessiert, vielleicht nicht mal mich.

»Ich werde aber wiederkommen, jedes Mal wenn du duschst, dir die Hände wäschst oder trinkst. Und wenn du schwimmst. Auch wenn die Heizung plätschert oder rauscht wie ein Wasserfall, bin das ich. Ich bin überall, wo Wasser ist.«

Und ich bin überall, nur nicht bei mir. Lässt du mich jetzt bitte in Ruhe duschen?

Kirchenmaus

Ich schleiche mich in die Kirche und lausche deiner Orgel, deinem Orchester. Das kleinste Notenbüchlein der Welt: Ein Ton pro Seite, einer für dich, einer für mich und so weiter. Komponierst du das Stück? Dann mache ich das Buch.

Warum du? Geht das einfach so wieder vorbei und das Leben weiter? Ich sei immer in Bewegung, immer tut sich was, so dein Eindruck, der mir gefällt. Und weil mir im Leben dann doch zu wenig passiert, klammere ich mich an die Träume mit ihrem wechselnden Du.