Christina Schmid
Anfänge und Enden

Hi

In der Kita ein gehauchtes Hi von einem, der mich an mich erinnert, als ich noch zu Konzerten ging, wo ich schmachtend stand und träumte gesehen zu werden von einem so süß wie er, weniger verlebt als die anderen hier, nicht ganz da, natürlich mit Gitarre auf der Familienwand neben dieser großen unnahbarschönen Frau, nur nebenbei Mutter, sonst auf der Bühne bestimmt.

Brötchen

Als nicht mehr ganz so kleines Kind lief ich am Wochenende manchmal den weiten Weg hinunter zu dem kleinen IFA-Laden und mit Brötchen wieder bergauf, um den Frühstückstisch perfekt vorzubereiten, bestenfalls mit frisch gepflücktem Wiesenblumenstrauß, bis meine Eltern aufgestanden sind. Meine kleine Schwester bekam von mir immer ein kleineres Gedeck, was sie lustig fand.

Morgen

Ich habe eine Blockade. Schaffe es nicht vom Kopf ins Tun. Die Baustelle macht mir Angst. Hemmt mich meine Erschöpfung aus täglichem Tun rund um Wohnung, Kinder, Verlag? In dieser Reihenfolge. Ich habe das Gefühl, kaum zu arbeiten. Was wahrscheinlich nicht stimmt. Ich muss nicht alles können, vor allem nicht gleichzeitig, doch die Gleichzeitigkeit gehört nunmal zu meinem Leben. Aber ich will doch helfen! Morgen, morgen bestimmt.

Tropf

Ich salze meine Suppe mit Tränen.

Ich salze unsere Suppe mit meinen Tränen.

Ich salze unsere Suppe mit meinen Tränen und esse sie dir weg.

Neuanfang

Mein Notizbuch ist verschwunden und vielleicht braucht es genau das für einen Neuanfang. Ich schließe zwei Türen für etwas Abstand zur aufbrausenden Wut nebenan. Ruhe nach dem Sturm in unseren Bäuchen. Eine Nacht und einen Tag lagen wir flach in allen Betten, die diese Wohnung zu bieten hat. Das Frühstück grummelt noch nach. Nach dem Duschen ganz klar, eine Vision im Handtuch: Ein Zimmer für mich allein. (Anderes Buch)

Gedanklich trage ich hinein, was ich liebe: Nur Stifte, die funktionieren, nur schönes Papier, nur Bücher, die mir etwas bedeuten, mir Wege zeigen zu mir. Ein Bett zum Denken, die Träume an den Wänden, auf dem Tisch meine Papierwerkstatt, mit Drucker und Kamera endlich mal, trotz Angst vor Bilderflut.

Du sagst: In diesem Haus geht es nicht ums Außen, es geht um mich. Es ist eben nicht nur ein Zimmer, es sind vier, plus Treppen, Küche und Klo, die renoviert sein wollen, ein Dachboden für Gäste, dazu noch Keller und Garten – so groß! Das muss ich doch größer denken, so viel Platz steht mir nicht zu. Und ja, ich teile gern.

Lavendel

Abendspaziergang in Zeitlupe mit Kind, von einem Gartentor zum nächsten, den steilen Weg zum Weinberg hinauf. Wir streicheln kleine Mooshügel an der Mauer, in der Ohren wachsen, grün und dick. Wir schreien gegen den Lärm der Lüftungsanlage: A-O-A-O-A-O. Wir üben SCH und SSS, haben Angst vor einem Hund, der nicht weiß, wie groß er ist. Es riecht nach Lavendel, verregnet, besonnt.

Halt

Halt im Chaos finden und in der Neugier den Kern.

Verkleiden

Verkleide mich weiter als die, die ich nie war.

Herzrasen

Das Herz will mir was sagen, klopft wie wild, will mich warnen: Achtung, die sind gefährlich! Warum? Weil sie ganz genau wissen, wie sie dich aus dem Konzept bringen. Und das tun sie, um sich zu spüren.

Das Ich ist nun sie, die Dus kenne ich nicht.

Falter

Zwanzig Falter aus Papier. Kurz breite ich die Flügel aus in meinem Zimmer und falte mich schnell wieder ein, mache mich klein, bevor der Wirbelwind alles durcheinander bringt. Wieder schiele ich zum Haus im Garten und sehe meine Papierwerkstatt darin.

Habe ich dir das Haus schon gezeigt?
Komm mal vorbei!

Blitz

Ich lege meinen Kopf in die Ritze zwischen zwei Kissen, alle paar Atemzüge blitzt es darin. Meine Matratze, Decke und drei Kissen mischen sich zu einem grüngrauen Kompromiss um meinen kranken Körper, der sich nicht bewegen will, und doch ständig muss, auch das Baby ist krank. Stillen nach Bedarf, und der ist groß in dieser Nacht. Schnuller, Zudecken, Schnuller, Nähe, Schnuller, Abstand, Schnuller und wieder Stillen. Schlaf, bitte schlaf. Wenn es dann schläft, ist da noch mein Kopf, der nicht Nichtdenken kann. Im Fieber baut er mir unsere Ausstellung als mehrstöckige Geschichte auf Rädern. Wann immer ich wach bin, flüstern sich Uhrzeiten ins Geraschel von Bett und Papier. Mein Traum wird angezapft von einer dunklen Macht, die vom Baby nur eine Reihe kleinerer Hüllen und einen USB-Stick übrig lässt. Ich lausche jedem Atemzug neben mir und jedem Geräusch im Kinderzimmer nebenan. Immer waches Mutterhirn, Kranksein ist nicht vorgesehen.

Lücken

Mittwoch und wieder ist das Kind krank. Seine Fünftagewoche ist abgeschafft. Ich habe ja eh nur zwei konzentrierte Tage und für die Kunst sind höchstens die Lücken und Ränder vor­gesehen. Weil ich nicht raus will und kann aus unserem Offenen Buch, schaut es die Sendung mit der Maus. Orange!

Ich mag deine Orangen im Seidenpapier.

Gestern lag ein schwarzes Seidenpapier in einem Paket, das habe ich gefilmt.

Jetzt werde ich gebraucht, muss wieder raus aus meinem Fluss und bin frustriert.

Rohzustand

Am Montag fühlen sich meine Hände riesig, riesenhafte Pranken, die einen Klumpen Ton kneten.

Am Dienstag sagen wir uns alles und sehen uns gut. In diesen Tagen nehme ich mehr Raum ein, als ich mir zugestehe. Mittags lese ich in dem Buch mit dem seltsamen Geruch.

Am Mittwoch will das Kind zu Hause bleiben. Wir verbauen jeden einzelnen Duplo-Stein.

Am Donnerstag erledige ich alles, was sich mein Postfach für den Januar vorgenommen hatte und bisher unmöglich schien.

Am Freitag sprudelt es nur so aus mir heraus, schon morgens um vier, als mich das Baby weckt. Um sechs stehe ich auf, setze mich an den Schreibtisch und um neun sprudelt es weiter wie im Traum, als ich im Schwimmbad meine Bahnen ziehe, unter mir die Kacheln, quadratisch, nein rechteckig, nein beides – wo ist der Übergang? Dreimal verpasst. Bei der vierten Bahn halte ich die Luft an und gleite über die Linie.

Plötzlich ist alles klar und da: Der Boden ist voller Buchseiten, Puzzleteile aus den letzten Jahren fügen sich zusammen. Geomerie, Archi­tektur, Schatten, Licht, vergessen geglaubte Visionen rauschen durch mich hindurch. Es öffnet sich ein Spalt zu meinem Spielplatz in Straßburg voller Konzepte, die ich nicht zerdenken wollte. Plötzlich verstehe ich dich und den Rohzustand. Die Freude über deine Einladung in unseren Dialog ist wieder da, ich bin wieder da.

Klavier

Vielleicht erinnerst du dich:

Das kleinste Notenbüchlein der Welt: Ein Ton pro Seite, einer für dich, einer für mich und so weiter. Komponierst du das Stück? Dann mache ich das Buch.

Das Klavier bekommt ein winziges Notenbüchlein, ein Leporello, zwei mal zwei Zentimeter groß. Ich frage dich, ob es Bindebögen braucht. Du schickst mir zwei Interpretationen zurück. Die Melodie habe ich mir für das Kind überlegt, vor seiner Geburt.

Jetzt wartet es auf mich im Kindergarten, ich muss los und will nicht, seit Freitag schimpft es mit mir. Oh, diese Wut mit vier.

Klick

Klick: Licht an
Klick: Licht aus
Klick: Licht wieder an
Klick: Aus

Bettgeraschel
Papiergeknüll
Knistersymphonie
Klavier?

Kissen

Wie klingt ein Bett aus Papier? Das Kissen mit Seidenpapier bezogen raschelt am Ohr und knistert noch nach, wenn der Kopf schon wieder weg ist, sein Abdruck bleibt. Deine Bilder schimmern hindurch, wie von einer Eisschicht zugedeckt, ungreifbar. Dann plötzlich ein Riss, aus dem Käfer krabbeln. Von einem schmalen Rand zum andern balanciert meine Aufmerksamkeit wie durch einen Nebel zu dir. Noch will
kein Traum zu mir.

Bis übers Ohr will ich bedeckt sein. Deckst du mich zu, liest du mir vor, siehst du den Schatten über uns? So wird der Raum zum Buch.

Wenn mein Kopf schon wieder weg ist, ist er wohl beim nächsten und übernächsten Essen. Orangene Suppe könnte es geben bei unserer Vernissage. Oder frisch gepressten Karotten-Apfel-Ingwer-Saft, wie heute hier.

Auszeit

Nächtelang erkläre ich Papa per Brief, was eine einsame Auszeit auslöst und warum wir lieber im Gespräch bleiben mit unserem Kind. Er will es nicht wissen. Und ich einfach in den Arm genommen werden. Er bestimmt auch.

Nöte

Stillen, alle zwei Stunden oder drei, maximal vier, länger bin ich nie allein, seit vier Monaten. Stillen, dann Stillliegen zwischen beiden Kindern. Das große hält bei jedem Atemzug die Luft an, um nicht einzuschlafen, und sagt: »Ich vergesse heute alles, was ich gut machen soll.« Zwei Stunden liegen wir schon wach im Dunkeln. Ich wünsche mir ein Gerät, das meine gedachten Sätze licht- und lautlos zu Zeilen schreibt, während ich hier so liegen muss, bis es gleichmäßig atmet und der Abend mir gehört. Und was mache ich damit? Jetzt Licht. Noch einmal deinen Brief lesen, der zwar mit mir am See war, doch dort wollte ich nur vergessen, mich weglesen, Trost finden: ›Other writers need to concentrate‹. Ich könnte dir das Buch schicken, bezweifle aber, dass dich die literarisierten Nöte schreibender Eltern so rühren wie mich.

Vom Text zum Bild

Du kommst mich besuchen in meinem Buch­traum, hier findest du dich. Du schimmerst zwischen den Zeilen hervor, spinnst feine Fäden von einem Fragment zum nächsten, zum Licht. Hier fallen mir deine Bilder ein. Ina! Fragment in meinem Namen. Und ich in deinen Bildern? Die ich nun sortieren will. Mein neues Du. Kein Zurück in den Text vom letzten Jahr. Er ist uns Material für neue Träume auf Papier, das knistert, knirscht und klingt. Wir reißen, schneiden, falten, knittern, knüllen, rollen uns ein. Schluss mit Papiertheorie, ran ans Material, rein in deine Bilder und raus aus dem Text. Und das Buch? Ein Traum. Nicht mehr. Mehr nicht.

Buchschatten

Wie viel Freude mir das macht, dein Orange in meinen Texten! Deine-meine Sätze schlängeln sich durch die Galerie. Am Boden ein orangenes, meterlanges Lesebändchen am winzigen Buch, das orange angestrahlt einen riesigen Buchschatten auf Wand und Decke wirft.

Vor genau zwei Jahren träumte ich von einer orangenen Ausstellung. Und jetzt von einem Buch in Orange mit allen Texten, in denen Orange vorkommt.

Gefallen

Ich liege wach mit deinem Husten, der in mir eingezogen ist, er bleibt mir treu für den kleinen Rest unserer Zeit. Deine rosa Lippen tanzen im Bunker mit ihr und allen, denen du noch gefallen sollst. Gefallen aus allen Wolken ins Nichts deiner Worte, die schon verblassen, wenn du sie schreibst und verschwinden, wenn sie mir gefallen haben, oder wem? Austauschbares Du, für sie, für dich. Sie fragt dich nicht nach mir und mich nicht nach dir. Ausgesprochen verfliegt ihr der Zauber jenseits der Worte. Ich kenne ihre Heimlichkeiten zu gut, schütze mich vor ihr, in die du fällst. Treuer Husten hältst mich wach und aus für heute Nacht.

Weiß

Plötzlich bin ich allein im Weißraum der Seite. Stille. Keine Stimmen mehr im Kopf, keine Briefe im Kasten, alle Notizen weg. Die Worte werden weniger, mein Wortschatz schrumpft. Wir sammelten Sätze, die schon vergessen sind. Ich sammelte Wörter, Menschen, Küsse, ließ sie stehen, ging weiter und weg. Vergesse nun auch mich und schaue aufs Weiß, werde blass und durchsichtig, wie alles, was ich geschrieben habe. Meine Bücher verlieren ihre Farben, die Buchstaben purzeln heraus und krabbeln wie Ameisen davon. Zuletzt verschwinden die Punkte auf meiner Haut und ich bin weiß wie diese letzte Seite, mit der ich mich zudecke. Weich wie eine Decke, weiß wie das Licht in diesem Nichts. Nebel zieht auf und dämpft dein fernes Vorlesen, ich schlafe ein.

Klotz

Ich höre auf, höre draußen wen husten, dein Husten? Wie du. Hoffe kurz, du bist es schon, habe Bauchweh, hoffe dann, du hast Spaß, bestimmt sogar! Komisch ist das. Ich umarme dich, oder nicht, weil du riechst nach wem. Wie oft wirst du duschen, um wieder hier zu sein, mein, nein, warst du nie und wirst du je? Ich dein, Klotz am Bein, bei aller Liebe.

Gedicht

Die Lust in deinem Garten vergessen, du reichst sie mir durch ein Loch im Zaun, der Tag war ein Gedicht.

Drei Tage lang Bücher gestreichelt und einmal auch dich.

Spiegelbild

Wortschwallwesen fang mich auf bevor du aufspringst lässt mich sitzen im Echo meiner Suche verhallt im Rot dein Schal dimmt das Kuchenlicht. Das Schaf auf dem wir landen ganz weich beim Absturz des Luftfahrrads weil Fußkrampf beäugt von der Eule rettender Schatz. Erwarten wir Zeichen wir schenken uns nichts oder so spät schon wachgeklappert nebenan verrutschtes Gestern im Spiegelbild. Ungefragte Bilderschau bewundert bis über mich hinweg ein Fluss mäandert vorbei am Fenster das Boot schaukelt uns zum Mai.

Mittagsbaumel

Mein Kopf schaut dir zu, wie du uns dein Gartenbett zimmerst. Vorhin mit Familie daran vorbei spaziert. Nach Brombeerpfannkuchen jetzt Mittagsbaumel in der Hängematte, die Kunst des Reisens bei mir. Das Ende der Identität geht mir noch nach. Träume vom Vorlesen im Gartenhaus, das so nah ist, wir leben im Dorf.

Oktopus

In der Kirche brennt Licht, die Tür ist verschlossen, von draußen höre ich die Orgel, setze mich auf eine kalte Bank, sehe ein Schiff im Sturm, eine Flucht, einen Stummfilm in Schwarzweiß. Ich will dir alles zeigen, was ich sehe, alles teilen mit dir, alles hören, was du denkst, das ist verrückt und einfach zu viel. Warum wählst du den Oktopus? Weil er orgeln kann, die Arme überall.

Gekämmt

Man macht das Bett, kämmt sich und tut so, als wäre alles in Ordnung. Ist es nicht, nach so einer Nacht. Jetzt in der Zacke, die Sonne erklimmt die Ränder des Kessels und leuchtet. Wie schön ist eigentlich diese Stadt von oben!