Christina Schmid
Anfänge und Enden

Vermisst

Zwischen Wäschebergen lausche ich dem Buch ›Wohnen‹ von Doris Dörrie. Sie beschreibt Räume, die uns bewohnen. Und über ihre zeitweilige, sich selbst zugewiesene Rolle als Hausfrau, in der sie sich selbst schrecklich vermisst. »Wie viel Alleinsein ist nötig, um Künstlerin zu sein?«

Trampolin

»Besser ein kaputtes Bett als ein kaputtes Kind.«

Das wichtigste aller Bücher würdigen: das Notizbuch.

Lio: Wie hat der erste Mensch schreiben gelernt? Und wer hat alle Wörter erfunden? Weißt du, was ›ich esse einen Baum‹ auf Spanisch heißt? – Brokkoli!

Du hast meinen Traum weggeschüttelt.
Lio: Der ist jetzt in der Pflanze, die träumt jetzt.

40

40 Ideen, wie ich meinen 40. Geburtstag verbringen könnte:

Schnitt

Das Schnitterinnenfest steht an und erinnert mich daran, dass ich den Schnitt setzen darf, der ansteht:

»Was ausgedient hat brenne, im Feuer der Verwandlung, wir vertrauen dem leeren Raum.«

Der leere Raum. Wie gerne ich ihn zeige. Und gleich wieder fülle mit Plänen, anstatt ihn als Raum wirken zu lassen. Auf mich. Fülle ihn mit Kreisen, die sich noch fremd anfühlen, in denen ich reflektiert und selbstbewusst meine Pronomen aufsagen soll. Wen ich alles gelesen haben müsste, um zu verstehen, dass ich mich noch immer in den falschen Spiegeln suche. Please: Richtet hier im Haus einen Leseraum mit all euren Texten ein.

Ich habe mir Raum geschaffen im Kalender und fülle ihn wieder mit deinen vorgestrigen Texten und meinen, für die mir der Mut fehlt, die Klarheit und Ausdauer.

Ich muss uns nicht wieder aufwärmen.
Ich muss dieses Buch nicht schreiben.
Ich muss das Haus nicht retten.
Ich muss nicht deine Verlegerin sein.

Aber ich könnte. Und diese Möglichkeit macht mir Spaß.

Und jetzt?

Diese Kiste voller Briefe und mein Textmeer, das plötzlich wieder angeschaut werden will. Wenn ich kurz reinlese werde ich nur traurig über die fehlende Zeit für das uferlose Unterfangen, dieser Fülle an Material ein Buch (oder zwei) abzuringen.

Schnitt!

»Es ist das Fest, das uns oft am meisten herausfordert, weil wir uns so oft weigern, den Schnitt zu setzen, obwohl wir sehen, dass er ansteht.«

»Wir vertrauen dem leeren Raum, wir vertrauen dem leeren Raum.«

Erfüllung

Theo: Das darf ich nicht verraten, weil das ein Geheimnis ist, sonst geht meine Erfüllung nicht in Sicherheit.

»Das Buch leuchtet nicht im Dunkeln, wir waren extra im Schrank.«

»Bist du sauer auf das Buch?«

»Vergiss deine Rakete nicht.«

»Bei meinem Mann ist das genauso.«

»Ich werde Ihnen eine Bestätigung der Eskalation senden.«

Und die Sonne streichelt mein Gesicht, der Wind die Haare.
»Die dürfen das einfach so bei jedem!«

Leben

Lio: Kleine Leben.
Große Leben.
Viele Leben!

Kleben

Lio: Mehr Leben!
Wo bist du Leben?
Kein Leben.

Meditation

Als Genre: Sehr offen sein, eins werden mit dem Text, noch näher ran als im Gedankenspiel des Essays.

Kitaliebe

Erzieherin stellt fest:
Pablo liebt Maila, Maila liebt Lio und Lio liebt die Autos.

Passanten

Wir haben den Tatortkommissar gesehen und ein paar Leute, die als Passanten verkleidet waren.

Unbeschriebenes Blatt

Man bekommt ein unbeschriebenes Blatt geschenkt und lässt das Blatt sich selbst beschreiben. Das Blatt nennt sich Meo. Um dem Amt zu beweisen, dass der Zweitname Thoje tatsächlich existiert, komponieren Thorsten und Jenny kurzerhand einem wahrscheinlich norwegischen Musiker ein Notenblatt – überzeugt.

Seit vier Jahren sind Vater und Sohn im Wohnmobil unterwegs, 66.000 Kilometer, davon 55.000 in Deutschland, immer abwechselnd entscheiden sie, wohin: Links, rechts, wieder links, da sieht es schön aus, Meo dirigiert sie zielsicher zum schönsten Stellplatz an der Lorelei.

Und Jenny? Superöko, acht Jahre vegan, Lotusgeburt, lange gestillt, dann über Nacht nicht mehr, wie Meo auch über Nacht aufgehört hat, Zucker zu essen und YouTube-Videos zu schauen, will er nicht mehr. Was ist passiert, will ich fragen, Halbwaisenrente hat er erwähnt. Später frage ich – Krebs in der Brust und schon überall.

Der Wohnmobilstellplatz ist belegt, doch sie haben ein Zelt – als Corona kam, für den Ernstfall gekauft, ein großes Tipi in Beige, von Meo ausgesucht. Zum Sonnenuntergang setze ich mich als Gartenzwerg in den Vorgarten, dort grast Meos imaginäre Kuh, die bei ihm ist, seit sie im aufgeräumten Haus der Großeltern mit Spielzeugverbot kistenweise imaginäre Spielsachen ausgekippt haben.

– Meo: Papa, wir brauchen noch meine Schlafsachen!
– Thorsten: Hab ich natürlich alles dabei, mein Sohn, ich bin doch Eventmanager.
– Gartenzwerg: Meo, dein ganzes Leben ist ein Event.

Spüren

»… selbst stören mich die Einschlüsse nicht, eher die Fläche, die schnell markiert und irgendwie wie weg von den Händen flieht.«

Stillheimer

Jemand sprach heute von einem Phänomen namens Stillheimer, wie schrecklich. Dann jongliere ich mal weiter mit meiner Aufmerksamkeitsspanne von drei Minuten.

Schwanger

Ein letztes Aufbäumen der Prinzessin, bevor alle Aufmerksamkeit der nächsten Generation gilt.

Strenggenommen

Im Vorbeigehen höre ich sein »Strenggenommen« und mein Puls beschleunigt sich, als wäre er noch immer mein Vermieter.