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Christina Schmid
Anfänge und Enden

Blog: 2018

Telenovela zu halb geschenkten Johannis­beeren.

Jetzt musst du Bier gucken und Fußball trinken.

Jaja.
Nanu?
Aha.
Soso.
Naja.
Nö.

Dahinter das Meer

Dahinter das Meer

Vollmond in Galéria

Vollmond in Galéria

Steinblume

Stein­blume

Blume oder Vogel

Blume oder Vogel

Schattenplatz in Calvi

Schatten­platz in Calvi

Seemannsgarn in Bastia

Seemannsgarn in Bastia

Farbstufen

Farbstufen

Farbstufen

Farbstufen

Linie#4

In Linie 6 hält einer ein Brett, Fabian R. steht da drauf, geometrische Buchstaben, sorgfältig ins Holz gefräst. Ein übergroßes Namens­schild für einen übergroßen kleinen Jungen in Schreinerhose. Seine Hände halten sich am Brett, während er einschläft. Sein Kopf kippt immer wieder ruckartig nach vorn, bald auch das Brett und mit ihm der junge Mann und vielleicht auch sein Sitz und bergauf dann auch die ganze Linie 6.

Und so verharrt sie in der Rolle des Mädchens, das nicht erwachsen werden will. Flach­brüstig, in Röcken und klobigen Schuhen, unfrisiert, trotzig, gelang­weilt.

Linie#3

Linie 2, wie immer zu spät. Ein ›Immer‹ dürfte ich mir gar nicht erlauben, gehöre ich doch nur für zwei mal drei Tage zur pendelnden Arbeiterschaft, die ich von außen als einge­schworene Gemeinschaft sehe – ein leicht spürbares Wir im morgendlichen Schweigen und Blickeaus­weichen. Ich gehöre nicht dazu, bin Touristin im Linien­verkehr. Linie 2 zuckelt also gemächlich durchs fette Maigrün, meine Augen trinken gierig davon, welche Pracht! Für einen Moment ist der Weg das Ziel. Dann, im Tunnel, kurz vor ihrem Ziel, wird sie noch langsamer. Und immer noch laang­saaaammee­eerrrrr. Ich versuche sie gedanklich anzuschieben und rede ihr gut zu: Komm schon, nicht stehen­bleiben, es ist nicht mehr weit, gleich sind wir da, nur beeile dich, bitte beeile dich, wenigstens ein bisschen. Sie lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, rollt langsam aus und bleibt erst stehen, als aller Schwung weg ist und auch Linie 74. Ich sitze fest, im sonnen­warmen Nirgendwo.

Der Reiz des Verspeisens von Nasen­popeln hat sich mir schon als Kind nicht erschlossen. Tatsächlich soeben gesehen, schräg gegenüber in der Linie 74. Immerhin sind sie dann aufge­räumt.

Straßenblumen

Straßenblumen

Straßen­blumen

Linie#2

In Erwartung einer längeren Strecke habe ich es mir lesend und schreibend in der Linie 3 bequem gemacht. Fast so bequem wie heute früh im Bett (bis ich bemerkte, dass der Mann neben mir fehlt, er hat die Nacht im Büro verbracht, daher die außer­ordentliche Ruhe). Und fast so bequem wie wenig später der Zahnarzt­stuhl – wirklich sehr bequem, in allen Positionen (wäre da nur nicht das helle Licht und die meine Stirn kitzelnden langen Haare der professionellen Zahnreinigungs­kraft). Danach etwas unbequem: Ein schwarzer Badeanzug in der Umkleide, zu eng am Po, größer nur in grün, dann lieber nicht. Sehr bequem: Das Mittag­essen steht schon auf dem Tisch, als ich zu spät komme. Nachsicht. Und dann Nachlässigkeit: Die Handtasche im Lokal vergessen, samt ungelesener Nachrichten. Zumindest deine hätte mich durchaus inter­essiert. Mein Glück: Die Tasche wurde gleich entdeckt und verwahrt, deine Nachrichten warten bis morgen auf mich. Vielleicht ist es, nach all der Aufregung, nun gerade deshalb so bequem. Keine Nachrichten, keine Aufregung. Huch, schon da!

Von wegen, keine Aufregung: Überstürzter Aufbruch (äußerst unbequem), meine Sachen geschnappt, raus aus Linie 3 und gerade noch recht­zeitig zur Linie 826 geschafft. Die holpert und verun­möglicht mir mein Schreiben. Sie zittert, wackelt und kurvt, so auch mein Stift.

Wäscheklammern

Wäscheklammern

Wäsche­klammern, mit und ohne Schatten.
Aus der Sammlung »Die wenigen Dinge, die ich über meine Nachbarn weiß«.

Linie#1

Am Anfang war die Linie. Linie 1. In der sitze ich nun und versuche mich in deinem französischen Text zurecht­zufinden. Linie 1 um kurz nach eins, voller Schülerinnen und deren Blicke auf mein Schreiben, das nicht weiß, welchem Gedanken es zuerst folgen will. Mein Kopf – ein Knäuel aus Linien, die sich entwirren, die straff gezogen werden, je länger die Reise geht. Linie 1 ist zu kurz dafür, gleich muss ich raus und weiter. Vielleicht sind es gerade zu viele Linien, denen ich folge. Die Punkte sind gesetzt, Anfang und Ziel, vielleicht ein paar Zwischen­stopps. Manchmal dauert es Wochen, bis ich die eine oder andere Linie wieder aufnehme, sie in Punkten oder Strichen wie Trippel­schritten dem nächsten Etappenziel näher­bringe. Ob gepunktet, gestrichelt oder durch­gezogen – gerade ist keine dieser Linien. Sie winden sich, schlagen Wellen, zeichnen Umwege in Richtungen, die nie geplant waren. Am Ende ziehen sie sich straff und behaupten, stets zielstrebig gewesen zu sein. Dem traue ich nicht, niemals. So sehr ich es mir manchmal wünsche – wie eintönig wäre doch diese Gerad­linigkeit: Nie würden zwei Linien sich kreuzen oder ablenken und in neue Richtungen locken. Eine jede strebte stur ihrem Ziel entgegen, ohne nach links und rechts zu schauen, rücksichtslos und unbeirrbar. Magisch wird es, wenn zwei sich treffen, einander stupsen, sich gegen­seitig schieben und ziehen, umein­ander winden, eins werden. Linie 1.

Vorm Fensterbrett

Ein Blick aus meinem Küchen­fenster: Blauer Himmel mit weißen Wolken, Wind rauscht durch die Bäume im Hinterhof, Vogel­gezwitscher, ein weinendes Baby auf dem Balkon nebenan, den ich nicht sehe. Wir kennen uns vom Hören, wohnen Wand an Wand. Wir leben hier auf engstem Raum neben­ein­ander her, Schuh­karton auf Schuh­karton, Küche, Bad, Wohn- und Schlaf­zimmer, jeder Grundriss ungefähr gleich. 

Die Sonne beleuchtet die Balkone des Nachbar­hauses, noch ist niemand draußen. Ein ruhiger Montag­morgen, Brückentag. Beim genaueren Hinsehen etwas Leben hinter den Fenstern: Eine rundliche Frau mit Schürze (4. Etage links), ein nackter Männer­rücken (6. Etage rechts), ein Laufstall direkt am Fenster (3. Etage links). 

Eine Frau im lila Bademantel mit blondem Dutt und Sonnen­brille betritt den Balkon (3. Etage rechts). Links darüber beinahe gleich­zeitig für einen kurzen Moment eine junge Frau mit kurzem Haar und weißer Hose – und wieder drin, beide. Der lila Bademantel geht mehrmals rein und raus, deckt naschend einen Tisch für zwei. 

Sieht mich jemand? Zu viele Fenster, aus denen zurück­geschaut werden könnte. Ich fühle mich beobachtet beim Beobachten, schließe vorsichtshalber das Fenster und hoffe, das Glas verspiegelt meinen Ausguck. Ich könnte den ganzen Morgen hier sitzen und das Treiben meiner Nachbarn proto­kollieren. Testweise mal frech mit dem Fernglas einen Zoom auf den Frühstücks­tisch: Honig, Nutella, aha.

Sie setzt sich, die Sonne scheint ihr ins Gesicht, ihr wird warm. Sie schält sich aus dem lila Frottee, darunter ein übergroßes weißes T-⁠Shirt. Ein Mann in verwaschenem Rot betritt den Balkon, geht wieder rein und kommt wieder raus, setzt sich ihr gegenüber, jetzt mit Sonnen­brille und Smart­phone. Sie trinkt, er tippt. Schlaffe Schultern, noch müde, schweigendes Wachwerden. 

Der Balkon hängt voller weißer Lampions. Außerdem: eine gelbe und eine rote Laterne, Teelichter in Metall­bechern mit Lochmustern, ein grauer Emailletopf mit blühenden Zweigen, eine Blumen­ampel mit Pfingst­rosen, ein einge­klappter weißer Sonnen­schirm, eine blaue Mülltüte, ein Bastkorb voller Altpapier, eine Holzkiste mit Altglas und ein futuristischer Gasgrill auf einem Holzschränkchen. Vor dem Balkon zwei Wäsche­leinen mit bunten Klammern. Ihre Schatten fallen auf die Balkon­ver­kleidung, sie doppeln sich.

Der Mann legt sein Smart­phone zur Seite, sie werden munter, sprechen, trinken, löffeln Joghurt aus einem Becher. Sie rücken ihre Stühle neben­ein­ander, legen die Füße auf dem Balkon­geländer ab, räkeln sich in der Sonne. Dann beide an ihren Smart­phones, diese Fenster zur Welt.

Balkone sind Bühnen. Eine Vielzahl an Dingen wird hier ausge­stellt. Sonnen­schirme und bunte Wimpel, trocknende Unter­hosen, wuchernde und vertrocknete Pflanzen, ein rotweißer Rettungsring im sechsten Stock. Eine Inventar­liste meines Hinterhofs, Balkon­porträts, Voyeurismus vom Küchen­fenster aus, Ausschnitte aus dem Draußen-Wohnen meiner Nachbarn. Wir leben städtische Anonymität und ignorieren meist, wie dicht wir aufein­ander sitzen, wie nah wir uns sind. Und wie ähnlich.

Schicht für Schicht

Traum von einem Jungen, der zwar nicht ganz helle ist, aber seinem Onkel in der Werkstatt zur Hand geht. Er kommt klar mit dem wenigen, was ihm zugesteckt wird. In seiner Freizeit baut er Objekte aus Lappen, Schicht für Schicht, blau lackiert. Eines Tages kommt ein Künstler­freund des Onkels und fragt nach seinen Farben, die er vor Jahren dem Jungen anver­traut hat – da sieht er die Werke und plant eine Ausstellung. Eines der Werke besteht aus Schokolade und ist bereits angeknabbert, das muss eh neu gemacht werden, also vernaschen wir es und springen vergnügt vom Boot aus in den See. Später schmolle ich, da ihn keiner ernst nimmt, dabei geht es diesmal einzig und allein um ihn und seine Kunst!

Besser oder anders

Meine Tage sind da, wieder nicht geklappt. So ist das. Bleiben wir halt selbst Kinder und werden nicht erwachsen. Ein Kind bei uns haben, seine Wärme spüren, seine Haut streicheln, ihm beim Schlafen zusehen. Wie es erst gar nichts kann und dann irgendwann krabbeln, babbeln, laufen, sprechen und später dann alles und besser oder anders als wir.

Südafrika

Traum von einer Reise durch Südafrika. Ein Bus schlängelt sich auf engen Straßen durch die Berge, bis er in einer Kurve neben einem großen Haus stehen bleibt. Wir beschließen dort zu übernachten. Es gibt einen Grusel-Parcours, den ein Großteil unserer Gruppe gleich ausprobiert, ich erst später. Kurz bevor er schließt, gehe ich zur Kasse und krame in meinem Geldbeutel nach Kleingeld, es reicht nicht ganz, also gibt mir eine Frau eine Münze dazu, dann kann es losgehen. Ich soll unbedingt die Tür hinter mir schließen, sagt mir die Kassiererin zum Abschied. Ich stehe im ersten Raum vor zwei Türen, entscheide mich für die rechte und finde mich in einem Sitzungssaal wieder, der Tisch steht voller Torten. Als ich am nächsten Tag wieder­komme, merke ich, dass ich die Tür nicht geschlossen habe. Jetzt geht sie nicht mehr zu, der Raum dahinter hat sich ausge­dehnt.

Rollenbild

Gespräch mit Gabi und Hexe über die Rolle der Frau, wenn sie keine Kinder hat. Über die Sprüche, die da kommen, wenn man dann doch noch heiratet mit 46. Über das Abgemeldet sein in der Familie, wenn die Schwester mit 42 doch noch ein Kind bekommt. Und über den Druck, der jetzt da ist – gebär­fähiges Alter, verheiratet, jetzt aber los und da kann man doch nachhelfen. Und wenn nicht? Längst überstanden geglaubte Rollen­bilder, unfreie Zeiten, ein Leben ohne Kinder ist nicht vorge­sehen.

Schmetterling

Richards runder Geburtstag, nur wenige Häuser entfernt, eine andere Welt. Da steht er wieder, dieser Typ von vor acht Jahren, und schaut mich an, als würden wir uns kennen, als wüsste er, was hätte sein können, wer ich hätte sein können. Als ich ihn neben Richard sehe, weiß ich, dass er seinen Sohn ist. Ich kann nicht aufhören ihn anzuschauen und den Gesprächen kaum folgen. Ein kleiner Schmetterling flattert durch meinen Bauch. Ich sage ihm: Wir haben getanzt, vor acht Jahren, ich habe dich geküsst und bin dann weg, eigentlich nur kurz und dann doch heim, mit einem Anderen. Das ist mir öfter passiert, meint er lachend. Und Richard später: Er hat lange geschaut. Und ich? Suchver­suche, Chaos­jahre. Wenn Erinnerungen an diese Zeit wach werden, treffe ich eine andere Version von mir. So viele Möglichkeiten, mögliche Leben. Und nun also verheiratet.

Wieviel Offenheit ist mit dir wirklich möglich? Im Traum fühle ich mich von dir beobachtet. Ich empfinde deinen Blick als einengend, sobald ich nicht in dein Bild von mir passen will oder wenn ich mich erzählend neu erfinde. Wenn ich dieses Leuchten in meinen Augen habe und dieses offene neugierige Lachen im Gesicht, wenn mein Körper durch die Räume schwebt und ich wahrge­nommen werde, von dir gehalten und doch frei.

Ich möchte ihn wieder­sehen. Meine Gedanken wollen das. Vielleicht reicht auch das. Wieso habe ich seiner Freundin meine Karte gegeben und nicht ihm? Der Abend verging zu schnell, vor lauter Familie trauten wir uns nicht. Lass sie uns zusammen kennen­lernen, vielleicht melden sie sich.

Hefezopf

Im Traum habe ich dann doch Tobi geheiratet, um nicht zu viel Druck in die Beziehung zu dir zu bringen. Die Steuer­ersparnis dient Tobi und mir als Stipendium. Du und ich feiern trotzdem, als Hochzeits­geschenk bekommen wir Hüte. Ich trage ein dunkel­rotes Kleid mit Glitzer und einer passenden Schürze. Du bestellst Brot und bekommst jedes Mal einen kleinen Hefezopf in die Hand gedrückt. Du drehst und wendest ihn, betrachtest ihn von allen Seiten, um dann doch nach einem großen Laib Bauernbrot zu verlangen. Das wiederholt sich täglich. Die beiden Verkäuferinnen scheinen es nicht zu merken und versuchen es immer wieder mit dem Hefezopf. Ich liege neben Tobi, wir schauen uns an und wissen nicht so recht, was wir davon halten sollen, dass wir jetzt also verheiratet sind.

Nähe und Wärme

Traum von einem Gespräch an einem langen Tisch, am anderen Ende sitzt Demian, er lässt mich an seinen Drink nippen. Als ich mich über Stuttgart beschwere, meint Simon pragmatisch: Konzentriere dich auf deine Projekte und auf das, was dir wirklich wichtig ist, dann ist der Ort zweit­rangig.

Zuvor in New York ein Treffen mit Mehmet, den ich kaum wieder­erkenne. Er wirkt mager und verwahrlost, als hätte er zu viele Stunden allein am Computer verbracht. Wir sitzen im Kreis im Matratzen­lager einer WG, die sich gerade auflöst. Sie sagen, hier gibt es zu wenig Privat­sphäre, da ist es egal, wie gern man sich hat und wie sehr man sich nach Nähe und Wärme sehnt.