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Christina Schmid
Anfänge und Enden

Blog: 2010

Manchmal macht es mich wahnsinnig, dass das Leben eine Baustelle ist und bleibt.

»In Wahrheit ist jede Wahrnehmung schon Gedächtnis. Die reine Gegenwart ist das unfassbare Fortschreiten der Vergangenheit, die an der Zukunft nagt.«

Henri Bergson, Materie und Gedächtnis.
Entdeckt bei Haruki Murakami: Kafka am Strand.

Bus zum Killesberg

Zwei Sitzreihen weiter vorne führt ein Mann aufge­bracht Selbst­gespräche. Kurz vor dem Aussteigen dreht er sich spontan zu mir um, sieht mir mit stechendem Blick in die Augen und verkündet mit theatralischer Stimme: »Renate Farn hat ihr liebstes Spielzeug, an dem sie ihre perversesten Fantasien ausleben konnte, verloren! Nämlich mich. Kennen Sie Renate Farn? Nein? Seien Sie froh!«

Die Bustür öffnet sich und der Mann schreitet mit energischen Schritten in die Abend­dämmerung.

»Lieber mit dem Boden auf den Füßen und mit dem Kopf in der Luft.«

Kistenkrieg

Kisten über Kisten. Bastelkram ohne Ende. Allerlei Papier. Noch mehr Papier. Und Staub, überall! Ausge­trocknete Stifte. Leere Sprüh­dosen. Acryl­farben. Weiße Leinwände. Blöcke mit Aktzeichnungen aus dem ersten Semester. Das Studium fällt aus ungeordneten Ordnern (sortiert wird bestimmt später). Klamotten und Schuhe, die ich nicht mehr mag und trotzdem nicht wegwerfen kann. Durch­löcherte Strumpf­hosen in allen Farben. Plastik­schmuck. Postkarten. Juhuu: 20 Euro in einer Weihnachts­karte! Flyer. Faltblätter. Ansichts­material. Andenken. Viel zu viele Bücher. Romane. Design­bücher. Comics. Kochbücher. Bilder­bücher. Zeitschriften. Die CDs meiner Jugend. Noch mehr Staub. Alte Fotos, lieber nicht anschauen. Eintritts­karten. Kalender der letzten Jahre. Angefangene Skizzen­bücher. Veraltete Listen. Kabel­salat. Stoff für den Traum vom Nähen. Knöpfe. Alte Schreib­maschine mit meter­langen Kurznach­richten auf Kassen­rolle. Kuckucksuhr und eine Kassette von Papa. Benjamin Blümchen rettet den Kinder­garten. Wählscheiben­telefon, das ja eigentlich nicht so ganz mir gehört. Kaputte Disco­kugel. Seifen­blasen­maschine. Und Briefe.

Und Briefe

»Ich habe es sehr genossen mit Dir zusammen diesem Frage­zeichen aus dem Weg zu gehen.«

»Ein bunter Film, und du hast mir einen kleinen Vorrat an Farbe da gelassen. (…) Als ob deine Droge nicht mehr wirkt.«

»Ich träume von einer nicht müden Christina neben mir … in irgend­einer Zukunft.«

»Für mich ist alles wie vorher. Es war halt nur so ein gefühlsmäßiges Probieren. Schwer zu beschreiben. Aber es war echt nichts weiter.«

Nichts weiter. Oh Mann. Weiter­packen.