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Christina Schmid
Anfänge und Enden

Blog: 2018

Mond

Die Macke in der Wand fasziniert mich: Ein Mond, er schaut nach rechts, daneben abgeblätterte Farbe und Tapete, darunter ein halbdia­gonaler Strich, als würde der Mond einen Satz nach oben machen, Hochsprung. So viel Kraft und Wut, mit der du meine Tastatur gegen die Wand gepfeffert hast.

Linda und Frederik

»Diese jungen Menschen […] agierten als Reprä­sentanten eines neuen Jahrhunderts. Sie arbeiteten nicht mehr für Vorge­setzte. Sie kannten keine überheizten Büros, keine grauhaarigen Sekretärinnen und keine Telefone, die über Kabel mit der Wand verbunden waren. Sie kannten keine Abteilungen und deren Abteilungs­leiter, keine kurzen und langen Dienstwege und auch nicht den Geruch von frisch gesaugten Teppich­böden, der die Arme schwer, den Rücken krumm und die Schritte langsam machte. Sie waren selbst­ständig, selbst­sicher, selbst­süchtig, wandelnde Selfies, zwei dauer­bewegte Selbst­porträts.«

Juli Zeh: Unter­leuten

Albanien

Traum von einem Urlaub in Albanien mit einer Aussicht, die das Auge kaum fassen kann. Eine Panorama­auf­nahme zeigt Natur, Stadt, Meer, Felsen, Grün und Schnee. Tatsächlich beginnt es zu schneien, während meine Schwester und ich auf Liege­stühlen schlafen. Die Flocken sind nicht kalt, eher neutral. Wir fahren nach Süden, die Pfeile auf den Straßen wechseln ständig zwischen Links- und Rechts­verkehr hin und her. An der Südspitze erwartet uns ein Schiff mit schmalen Kabinen – Julias Unter­kunft von vor zwei Tagen. Sie hat noch Proviant, wir picknicken zwischen Dusche und Bett.

SwiftKey

Seit du über die Tasten wischst:
Als für also.
Passieren ist zu weit.
Für mir leid.
So ist das also nochmal genau?
Vertrauen ruhig die Sachen.
Denke auch, dass der gelb gut wird.
Muss von dir zu mir!
Dann wirst du ja jetzt wie ich ohne Bär aussehe.
Frei mich!

Raketen

Traum von einem Fest mit Raketen, ein historisches Gebäude brennt ab. Mama möchte los, Micha und ich bleiben noch auf ein Kloge­spräch zum Thema ›Wie arbeiten?‹. Derweil fährt mein Rucksack samt Laptop versehentlich im Auto meiner Eltern weg. Eine Lampe wird mithilfe eines Flaschenzugs an der Decke installiert, darunter tanzt die Festge­sellschaft, die mir plötzlich völlig fremd ist. Ich bekomme eine Rechnung serviert, soll mein Essen bezahlen und verschwinden. Nur kurz setze ich mich zu Martin und frage ihn, ob er bei unserem Fest auch alleine kochen würde für hundert Gäste. Er nickt und schüttelt den Kopf.

Über das Magische und Heilige zwischen Wäsche, Spüle und Hausputz:

»Dieses Aufräumen ordnet etwas auf allen Ebenen und irgendwann weiß ich, ich kann wieder aufhören. Dann hat es sich auch in mir geordnet oder die Antwort darauf, wie der nächste Schritt aussehen kann, ist da.«

Ein morgendlicher Kuss auf die eigenen Schultern. Jeden Tag eine Kerze für sich selbst anzünden. Spiegel­notiz: Ich bin die Heldin meines Alltags. Tanzend mit dem Besen auf dem Dach. Und Putzen nur im schönsten Kleid. Denn entweder ist alles heilig oder nichts.

Anregungen von Cambra Skadé, ›Auf dem Herzensweg‹ von Sabrina Gundert

Perpetuum mobile

Du bügelst meine Stirn mit deinen Fingern, die Falten verschieben sich auf die Backe zu Grübchen. Wir strahlen uns gegen­seitig an – ein Perpetuum mobile des Glücks.

Gerhard

»Wie sollte sich ein intelligenter Mensch überhaupt zum Handeln entschließen, wenn doch die Haupt­aufgabe des Verstandes darin bestand, zu jedem ›Für‹ ein ›Wieder‹ zu präsentieren? […] Lieber ein kluger Zauderer als ein dummer Drauf­gänger.«

Juli Zeh: Unter­leuten

Rutschbahn

Im Traum treffe ich Christian, nach Jahren zum ersten Mal. Er tippt mir auf die Schulter und wir gehen ein Stück zusammen über den Campus seiner neuen Uni. Er sieht aus wie damals, halblange rote Haare, kein Bart. An einer Ecke bleibt er stehen, um sein Rad aufzu­schließen, daneben hängt ein Plakat mit seinem Kopf und eine Einladung, die direkt auf sein Gesicht geheftet ist. Ich erinnere mich: Von hier aus hat er mir ein Foto geschickt, das ist sein Platz. Er steigt auf sein Rad, fährt einen kunst­vollen Bogen nach unten, ich sehe ihm von einer Art Balkon aus zu. Er deutet auf einen Treppenturm, den ich nehmen soll, wir treffen uns wohl unten. Der Turm ist höher als gedacht, und es gibt zwar Stufen, doch die sind so steil, dass ich schon beim Hinschauen Höhen­angst bekomme. Eine Frau, von ihren Freunden angefeuert, klettert vorsichtig hinunter und flucht leise vor sich hin. Ich sehe eine blaue Rutsche, die auch nach unten führt. Aller­dings gibt es so viele Kurven und Abzweigungen, dass ich nicht weiß, ob ich noch richtig bin. Ich lande auf einer Zwischen­ebene und krabble weiter auf ein Förderband. Das war falsch: Hinter mir hupen zwei Kinder in Einsitzern, kurz darauf die Eltern in einem Zweisitzer. Wohl auch Touristen aus Deutschland, sie sind ebenso ratlos wie ich, wohin dieses Band führt und wo ich aussteigen könnte. Es befördert mich immer weiter weg von Christian. Dabei wollte ich das bunte Treppen- und Rutschen­geflecht doch unbedingt noch für dich fotografieren! Sicher gibt es davon schon tausend Bilder im Internet, hatte ich vorhin gedacht. Jetzt da ich wach bin, bedaure ich, dass ich im Traum nicht fotografieren kann.