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Christina Schmid
Anfänge und Enden

Blog: 2019

Im Natur­horoskop bin ich ein Apfelbaum.

Durchlässig

Klappernder Fenster­laden dem Wind, draußen ist alles weiß. Heute geht es nach Hause, nach drei Tagen im öster­reichischen Schnee, in denen zu viel gesagt wurde. Es war laut und emotional, jede Nuance der Stimmungen am Tisch sickerte in mich ein. Ich bin zu durch­lässig für diese Art der Kommunikation. Und es schmerzt mich, wenn du in Schuss­feuer gerätst.

Soldaten

Im Auto ein aufge­kratzter Matthias, der von seiner Jagdaus­bildung berichtet und von seiner Zeit als Soldat. Davon kann auch Thomas erzählen: Er war Panzer­fahrer, während der Rest der Welt Sonntags­spaziergang machte, in bunten Kleidern.

Kreidespur

Abends dann noch so ein surrealer Moment: Blinkendes Blaulicht auf der Haupt­straße, lachende Jungs am Straßenrand und ein auf der Fahrer­seite liegendes Auto mitten auf der Fahrbahn, umkreist von einer Kreidespur. Polizisten leuchten mit Taschen­lampen in die parkenden Autos. Wie schafft man es, bei maximal fünfzig Stunden­kilo­meter sein Auto auf die Seite zu legen? Ich muss weiter, habe kaum Zeit zu gucken und vergesse später, zu schauen, ob die Kreidespur noch da ist.

Zu weit unten

Als ich den Papiermüll runter­bringe, sind die grünen Tonnen frisch geleert, bis auf einen handge­schriebenen Zettel, den ich wieder­erkenne: Mein Brief an Fabian, in der Morgen­dämmerung aufs Papier gekrakelt, im Lande­anflug auf Zürich, wo er mich abholen sollte. Sehnsüchtige Gedanken an unsere Körper auf Papier, die da am Boden der Papier­tonne kleben. Ausge­rechnet. Hat sie etwa jemand extra so platziert, um mir nochmal zu zeigen, was ich da wegwerfe? Ein Stück Leben, zu weit unten, um es zu retten oder zu Konfetti zu verarbeiten, unleserlich zu machen für meine Nachbarn. Vielleicht bleibt es dort kleben. Vielleicht liegen die anderen Blätter auf den Böden der anderen Tonnen. Ich schaue nicht nach und werfe den restlichen Müll einfach so oben drauf.

Auf links gedreht

Im Traum ein neues Schlaf­zimmer, in dem die alten Pflanzen ihre Blätter hängen lassen und neue Bäume von Bienen umschwärmt sind. Auf jeder Biene sitzen mehrere kleine Wespen, es brummt und ich zieh mir die Decke über den Kopf.

Kurz darauf ein Spaziergang mit Clara. Es ist warm, doch nicht warm genug, um ohne Strümpfe zu sein und ohne Schuhe. Nach einigen Metern ziehe ich die mitge­brachten Socken an und muss feststellen, dass von den drei Paar Schuhen nur noch zwei einzelne da sind. Ich gehe ein wenig zurück, finde einen und stelle fest, dass auch mein Kleid auf links gedreht ist – wieso hat Clara nichts gesagt? Ich stelle mich in einen Hauseingang, fühle mich beobachtet, also betrete ich das Haus und den Aufzug. Der fährt mit mir hoch und runter, ohne anzuhalten. Die Beschriftung der Stock­werke verrät mir, ich bin in der Caritas. Auch keine geeignete Umkleide­möglichkeit.

Vermissen

Ich vermisse dich, obwohl du da bist. Ich vermisse uns, wie wir sind, wenn wir Zeit haben.

Ruhe

Mein Schlaf ist so durch­lässig, ganz dünn und zerbrechlich. Ich sehne mich nach Ruhe, nach einem Bett ohne Autokolonnen, die Morgen für Morgen an unserem Schlaf vorbei kriechen.

Stehpulte

Traum von Georgs neuem Zimmer und Clara, die ihm beim Einrichten hilft. Auch ich packe mich mit an, trage Bretter raus, arrangiere eine Sammlung an Stehpulten und gebe zu bedenken, dass niemand, nicht mal Georg, so viele Vorträge hält, dass er zu jedem einen anderen Tisch mitbringen muss. Das meiste wird dann doch behalten, das Ausmisten auf später verschoben, denn Georgs Verwandtschaft steht vor der Tür und will bewirtet werden.

Immer nur noch

Nicht mehr geschrieben, seit die Treppen pausieren, nichts mehr festge­halten, seit alle Fragen von außen wichtiger wurden als meine innere Welt. Geträumt, aber verlernt, die Erlebnisse festzu­halten, bis Papier und Stift zur Hand sind. Gegrübelt und formuliert, doch nur im Kopf. Immer nur im Kopf. ›Immer‹ und ›nur‹ aus den Texten streichen, und ›noch‹ auch.

20 Jahre Blut

Wieviele Liter sind das?
Durch­schnittlich:
70 Milli­liter im Monat
840 Milli­liter im Jahr
16,8 Liter in 20 Jahren

Niemand hat sich dieses Datum gemerkt und mit mir den Abschied der Kindheit gefeiert. Keiner sprach darüber, wie schmerzhaft es ist, das Mädchen zurück­zulassen und es erst viel später wieder in sich zu entdecken. Das Baby im Kind im Mädchen in der Frau in der Mutter in der Großmutter. Alle da. Alle bin ich.

Es gab auch keine Willkommens­feier für meine Fruchtbarkeit, die erst jetzt inter­essant wird. Erst zwanzig Jahre später fand ich einen Kompass und einen Reise­führer (nicht schön, doch hilfreich) als Wegge­fährten für meine monatliche Reise durch das innere Jahr. Jeden Morgen ein neuer Cocktail. Zyklisch leben, das wär doch was. Wer bin ich heute?