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Christina Schmid
Anfänge und Enden

Blog: 2020

Ungeplünderte Notizen

Auf dem Weg zu meinem geliebten Bodensee hält der Zug jetzt so, dass der Mond an der Oberleitung hängen bleibt, in einer Linie über dem Fernsehturm. Im Gepäck die bislang ungeplünderten Notiz­bücher meiner letzen fünf Jahre. Rohdiamanten, vielleicht.

Tropfend

Im Traum falle ich samt Rucksack ins Hafen­wasser. Die Boots­besitzer lachen mich aus und helfen mir erst raus aus dem brackigen Nass zwischen den Booten, als ich schreie. Es ist Freitag­nach­mittag und sie wollen schleunigst raus auf den See. Ich hole den Laptop aus dem Rucksack, seine Tastatur ist jetzt stark gewellt, doch er tut noch. Tropfend trotte ich heim. Schmutziges Geschirr stapelt sich am Straßenrand, da fällt mir unsere Küchen­bau­stelle wieder ein, spülen dürfen wir derweil beim Nachbarn. Ich trage einen Stapel Teller zur Treppe. Der Teppich, der Boden und auch die Schränke sind dort so verklebt, dass ich alles stehen lasse und gehe. Ich tropfe noch immer.

Rosarote Sicht

Singend bin ich durch den Regen geradelt, nachdem ich dich zum Bus gebracht hatte. Meine Gäste waren ja längst weg, selbst die Spuren ihres Besuchs in meiner Abwesenheit. Nur der Geruch verbrannter Pinien­kerne hielt sich bis Montagfrüh.

Und bei dir, alles wie geplant? Montag Orgel, Dienstag Yoga, Mittwoch Boxen, nächsten Samstag Oper, irgendwann Hamburg. Und dann?

Zeit für Teil Eins.

Dein Jogurt zum Frühstück gibt mir Rätsel auf. Selbst Schuld – du spielst mir meine verwirrenden Wortfragmente zurück, jetzt ahnen wir beide soviel wie zuvor. Na, du vielleicht etwas mehr, ich bin ein offenes Buch.

Doch halt: Rosarote Sicht!? Sowas hält sich zwischen sechs Wochen und sechs Monaten. Wir sollten uns sehen, bevor sie sich trübt. Oder hält sie länger, wenn man sich nicht sieht? Oder nicht, weil aus den Augen, aus dem Sinn?

Kann ich deine Nummer haben?

Teil Zwei dann mit 64.

Polyfonie

Den Vormittag verbringe ich lesend. Den Wortschatz auffrischen, auf der Suche nach Begriffen aus der queeren Szene – als wäre das ein Club, in dem eine verheiratete Frau nichts zu suchen hat. Worte für Schub­laden. Und die Zwischentöne? Bekommen ein Plus. Hetero­normative Welt, ja, wir sind viele, die Norm, wieviele sind mehr, mehr als hetero und mono, um poly ging unser erstes Gespräch, daran ändert doch Heiraten nichts.

Als Kind wollte ich ein Junge sein und bitte bloß keine Brüste bekommen. Ich war sowas von ein Mädchen, am liebsten unter Jungs.

Mich verstecken, unsichtbar sein. Für Wochen wollte ich das jetzt, Winter­schlaf. Und plötzlich diese Lust, gesehen zu werden, mich zu zeigen, schön gefunden zu werden, gefunden zu werden. Wie eine Raupe, die sich über Monate verpuppt hat und nun als Schmetterling schlüpft. Noch immer im Schlaf­anzug (weil Montag, der gehört mir), doch mit einem neuen Leuchten im Blick.

Synchron

Wir warten am Bühnen­eingang, beide an zweiter Stelle, wir werden synchron die Bühne betreten – du rechts oben, ich links unten. Du blickst zu mir, bis das Orchester sitzt, dann gehen wir los.

In den letzten Takten dann ein optisches Phänomen: Ich konzentriere mich so sehr aufs Singen und unsere Dirigentin, dass alles um sie herum verschwimmt und verschwindet. Sie leuchtet, hält die Spannung, die Stille, ich kippe gleich um. Zu wenig getrunken, geblinzelt oder geatmet? Die Luft ist ganz schwer. In Zeitlupe lässt sie den Taktstock sinken, ein letztes Mal, mit uns. Hinter mir eine tickende Uhr.

Applaus!

»Kann es sein, dass wir heute das selbe Hemd tragen?«

»Nein, denn sonst stünde einer von uns oben ohne da.«

Eingereiht

Eingereiht

Einge­reiht

Angenehm verwirrt

Wieder suche ich deinen Blick. Du blickst zurück, länger als ich es aushalte. Was ist das, was mich an dir so angenehm verwirrt? Will ich einfach jemanden neu sehen oder neu gesehen werden? Mich neu erzählen geht vielleicht nur mit einem neuen Gegenüber. Ohne all das, was war oder nicht. Nicht wahr?

Wärmflasche

Verdis Trompeten im Ohr surfe ich auf meiner Wärmflasche durch deinen Sauer­kraut­auf­laufduft.

Höher und heller

Im Traum wohnt Georg in einem Wohnmobil, im Parkdeck über einem Einkaufs­zentrum. Clara gibt uns eine kleine Führung und lässt durch­blicken, wie enttäuscht er ist, dass die versprochene Aussicht ins Grüne jetzt beton­verbaut ist. Das Fenster seiner Schlafkoje zeigt direkt auf den Eingang zum Kaufhaus, täglich strömen Menschen­massen darauf zu und alle schauen rein. Auch Max und Vroni berichten von ihrer Hausre­novierung: Sie beschließen, das Dach anzuheben und ringsum ein Fensterband einzu­setzen, so wird alles höher und heller.

Nach dem Aufwachen erzähle ich meinem Architekten davon, er entgegnet:»Verrückt, was heute alles geht.«

Musikalisch verzauberter Joghurt

Es gab mal eine Zeit, da fand mein Leben im E-⁠Mail-Postfach statt. Seither wohne ich hier. Liebes­briefe kamen schon länger keine mehr an und doch erwarte ich immer, wenn ich hier reinschaue (mindestens drei, vier, fünf – ach, wahrscheinlich zehn oder zwanzigmal täglich), dass zwischen all den Fragen, Bitten, Aufträgen, Korrekturen, Informationen und Rundbriefen etwas passiert. Etwas Magisches.

Nach Wochen im Schneckenhaus sitzt du plötzlich neben mir. Ein neuer Mensch! Wir tanzen die halbe Nacht im Dreivierteltakt durch den Spiegelsaal. Am Morgen begegnen wir uns lachend am Frühstücks­buffet. Während der Proben und des Konzerts suche ich deinen Blick – wenn sich nicht gerade die Beine der Dirigentin oder die Kleider der Solistinnen zwischen uns schieben. Nach dem Konzert finde ich dich nicht mehr. Dafür unsere Tanzflächen-Gouvernante Frank, die mir deinen Nachnamen verrät. Dann noch Joghurt dazu und schon bist du zu finden! Ich schreibe dir, drehe und wende die Sätze, prüfe den Rhythmus, Klang und Tanz der Wörter auf unver­bindliche Leichtigkeit, und klicke auf das Papier­flugzeug. Aufgeregt wie früher warte ich jetzt.

Wahrscheinlich ist das Warten selbst das Magische daran. Vielleicht sollte ich öfter mal ein verheißungsvoll glitzerndes Leuchten versenden. Verdi hat dich wahrlich verzaubert, das sah schön aus. Wollte ich dir sagen.

Wasserspiegel

Im Traum bin ich zu Gast bei Thomas Gottschalk, in seinem Domizil am Wasser. Er empfängt mich in der riesigen Garage, dort stehen ein Gefährt mit unheimlich großer Ladefläche und ein Motorrad. Ich soll ihn inter­viewen, er flirtet lieber. Ich folge ihm durch lange weiße Gänge, vor den Fenstern nur blauer Himmel und weit unten das Meer. Er zeigt mir seine Kunst­sammlung, Skulpturen in obszönen Formen. Eine roboterhafte Bedienstete schaut abwechselnd nach ihm und einem leeren Kinderbett, das sie gedanken­ver­loren hin- und herwiegt.

Er fragt mich, ob ich mein Rad dabeihabe, wir könnten eine Tour entlang der Küste machen. Ich kam mit dem Bus, also nehmen wir sein Motorrad – bis kniehohes Wasser die Fahrbahn überschwemmt. Wie das geht, am Steilhang über dem Meer? Die Felswände sind glatte Wasser­flächen, wie riesige Spiegel, die Sonne blendet aus allen Richtungen. Wir waten weiter, ich falle hin und die Strömung reißt mich Richtung Klippe, er greift nach meiner Hand und hilft mir auf.

Nach unserem Ausflug schaut er nach seiner Roboterin. Sie wiegt noch immer das Kinderbett, darin nun ein Berg Penne mit Tomatensoße, sie fallen beide hinein, er stopft sich voll mit Nudeln und vernascht sie gleich mit.

Liegen

Geträumt vom Philo­sophen, der mir stolz das Ergebnis seiner neusten Umräum­aktion präsentiert: Das Aquarium weg vom Fenster, dafür hat dort jetzt ein Stall für Kleinvieh Platz, es raschelt im Stroh.

Dann mein erster Tag im neuen Büro: Drei Schreib­tische und eine Liege­landschaft aus mehreren Betten. Die Tische sind belegt, also bleiben mir die Betten, die ich ans Fenster schiebe. So mag ich arbeiten, liegend und mit Ausblick auf einen weitläufigen englischen Garten. Wenn nur die anderen nicht wären. Können die Schreib­tische auch weg?

Liege­möbel sind ein Thema in meinen Träumen. Mag am Schlafen liegen.