Blog: 2021
Ein exemplarischer Mensch
Die zwölf Arbeiten des Verlegers
»Die Arbeit des Verlegers ist vor allem eine Suche … Der Wunsch, die flüchtige Gegenwart lesbar zu machen, ist sein Antrieb. Die Spur seiner Suchbewegung sind die Bücher, die entstehen. Jetzt und jetzt und jetzt.«
Jan Wenzel
Mehr
Lila
»Doch wir waren zwei sehr unterschiedliche Schwangere. Mein Körper reagierte mit Zustimmung, ihrer mit Widerwillen.«
»In den neapolitanischen Geschichten, die sie erzählte, gab es anfangs immer etwas Hässliches, Ungeordnetes, das später die Formen eines schönen Bauwerks, einer Straße, eines Monuments annahm, um dann wieder in Vergessenheit zu geraten, an Bedeutung zu verlieren, schlimmer zu werden, besser zu werden, schlimmer zu werden, in einem von Natur aus unvorhersehbaren Strom, der aus Wellen, Windstille, Sturzfluten und Kaskaden bestand.«
»Um irgendein Projekt auf die Beine zu stellen, das man mit dem eigenen Namen verband, musste man sich selbst lieben, und sie hatte es mir gesagt: Sie liebte sich nicht, liebte nichts an sich.«
»Es gibt diese Anmaßung bei denen, die sich zur Kunst und besonders zur Literatur berufen fühlen: Man arbeitet, als wäre man mit einem Amt betraut worden, aber eigentlich hat uns niemand je mit irgendwas betraut, wir selbst haben uns ermächtigt, Autoren zu sein, und dennoch sind wir bekümmert, wenn andere sagen: ›Was du da geschrieben hast, interessiert mich nicht, es ärgert mich sogar. Wer hat dir das Recht dazu gegeben.‹«
Ein vierwöchiger Sog – die Neapolitanische Saga von Elena Ferrante:
Meine geniale Freundin
Die Geschichte eines neuen Namens
Die Geschichte der getrennten Wege
Die Geschichte des verlorenen Kindes
Schwimminsel
Im Traum erwache ich in einem Schloss, in einem riesigen Bett, umgeben von Wänden aus Stein voller Stuck und raumgreifender Schnörkel. Draußen tobt das Meer. Wir sprechen über eine schwimmende Insel, die regelmäßig von einer großen Welle überrollt wird. So werden die pastellfarbenen Fassaden der schmalen Häuser immer enger zusammengeschoben. Bei einer Radtour sehe ich Pauls Freunde mit Kind. Ich frage, wie das so ist, die Mutter zuckt mit den Schultern, sie weiß es noch nicht. Sie zeigt mir ihr Haus, in dem noch Platz für uns ist. Es besteht nur aus Fluren und Treppen, die Waschbecken sind unpraktisch in Zwischengeschossen angebracht. Erst auf der dampfenden Straße bemerke ich meine im Schloss vergessenen Schuhe und starre auf ihre winzigen Füße in knallrotem Lack mit Plateau-Sohlen, die sich gut abheben vom heißen, schwarz glänzenden Teer.
Freundinnen
Ich liege wach und denk an dich. Und dass dir dein Papa mal vorgeschlagen hat, du könntest mir eine Zitrone schicken, damit ich wenigstens weiß, dass du sauer bist. Das hast du mir geschrieben, da waren wir vielleicht zwölf.
Wann fing es an, dass Freundschaften kompliziert wurden? Vielleicht waren sie das schon im Sandkasten, als ganz klar war, dass es nur eine beste Freundin geben kann. Wir wohnten in einer Straße, du vorne an der Kurve, ich ganz hinten im letzten Haus vor der Wiese, die bald bebaut werden sollte. Noch gehörte die Wiese uns und die Straße unseren Parcours aus Kreide, für unsere Dreiräder und Bobbycars. Wir trafen uns bei dir oder bei mir und wenn es Zeit war, uns zu verabschieden, begleiteten wir uns noch ein Stück nach Hause. Manchmal dreimal hin und her, um irgendwann in der Mitte Tschüss zu sagen, bis morgen. Einmal, als dein Papa dabei war, mit Abschiedskuss, das war seine Idee und fanden wir komisch.
Klar gab es andere Freundinnen. Monja oder Anna von gegenüber, die du nicht mochtest. Du warst meine Nummer eins und trotzdem immer ein bisschen eifersüchtig. Als ich ein Jahr vor dir in die Schule kam, bist du mit deinen Eltern weggezogen. Wir wurden Brieffreundinnen, besuchten uns viermal im Jahr und der Platz der besten Freundin wurde frei. Er wurde immer wieder neu besetzt, doch keine blieb, so ist es bis heute. Nur du.
Was hält uns zusammen?
Wir sind so verschieden.
Du kamst zu keiner meiner Partys, meine Freunde schüchterten dich ein. Oder interessierten dich nicht. Deine mich ja auch nicht. Bis auf einen, deinen Tanzpartner, der uns beide geküsst hat. Mich mit achtzehn, dich mit dreißig. Es geht nur um uns zwei. Beste Freundinnen, in guten wie in schlechten Zeiten, durch alle Lebensphasen. Mit langen Pausen, die den Alltag raushalten aus dieser Freundschaft.
Einmal dann richtig lange Funkstille und einsilbige Antworten auf meine Fragen. Nach meiner Hochzeit, bei der spontan eine andere Trauzeugin war. Auch diese Freundschaft währte nicht lang – zu empfindlich und explosiv, zu verschieden und doch zu gleich.
Manchmal sprichst du bitter, wie deine Mutter, der du scheinbar nie genügen konntest. Und ich manchmal pragmatisch wie meine, der ich nie richtig nah sein konnte. Beide sind wir doch mehr wie unsere Väter, die wir lieben. Wir suchten nach Männern wie ihnen.
Jetzt strampelt mein Kind neben mir und du wohnst in einem Haus mit einem Arzt und seinen zwei Kindern. Du hast den Vormietern den Rasenmäher abgekauft, einen neuen Job und einen Stall für deine zwei Pferde gefunden. Dein zweites Pferd habe ich noch nicht kennengelernt, auch nicht den Arzt. Und du nicht mein Kind.
Kennen wir uns noch? Unser Leben überholt uns in diesem Jahr, in dem der Rest der Welt den Atem anhält.
Ziffernblatt
Im Traum treffe ich Armin von der Maus, der mir erzählt, dass er das Ziffernblatt erfunden hat, bevor er beim Fernsehen gelandet ist. Ich erinnere mich, wie sich die Maus das Ziffernblatt auf die Nase steckt und ihren Schnurrbart als Uhrzeiger benutzt. Er nickt und schaut über die Stadt in Bolivien, von der ein Teil in der Luft schwebt. Warum wir hier sind (wir wollten Designer Uebele unsere Entwürfe zeigen, doch niemand hat welche gemacht), fällt mir erst wieder ein, als Justynas Performance beginnt, wobei sie diesmal nur das Catering macht. Unten vor der Burgmauer drei tanzende Frauen in Schwarz, oben ein inszeniertes Blutvergießen. Ich sehe das Rot über den Boden fließen. Wie schön egal mir das alles ist, denke ich, als ich das schlafende Kind aus meinem Rucksack hole.
Inselsturm
Die Pause des Seminars nutze ich für einen Strandspaziergang. An der Hauswand führt eine steile Wendeltreppe hinab zum Meer. Dann kommt Wind auf und wirbelt mir Möwen, Enten und Schwäne entgegen, dann auch Schafe, Pferde und alles Getier der Insel, ich ducke mich und werde vom Sturm verschont. Zurück in unserem Zimmer hast du Damenbesuch mit raspelkurzen Haaren, wie du es magst. Sie schaut mich neugierig an. Selbst in deinen Träumen fragst du mich doch immer vorher.
Zinzilore
Im Berufsschulzentrum treffe ich auf den großen schwarzlockigen Jungen aus der Parallelklasse (der immer so vertraut mit Leyla geflüstert hat – was wohl aus Leyla geworden ist?), nehme ihn bei der Hand und mit ins Klassenzimmer. Alle sehen es, auch du, mit unserem Kind auf deinem Schoß. Wir setzen uns hinter dich in die zweite Reihe, ich spüre die Blicke aller im Rücken. Du lässt dir nichts anmerken und die Versteigerung beginnt. Als unsere beiden Namen aufgerufen werden, stehst du auf, ich auch, und wir tanzen zur einsetzenden Musik, für das Grundstück in Zinzilore – so heißt auch das Lied, zu dem wir sanft schunkeln. Ob das reicht?
Schreibtisch mit Aussicht
Schriftstellerinnen über ihr Schreiben
»Obwohl ich weiß, dass es nicht nur vergeblich, sondern auch ein Verlust ist, der anarchischen Welt-Grammatik meines Kindes eine Ordnung entgegenzusetzen, die Prinzipien wie Stringenz und Effizienz unterworfen ist, werde ich es immer wieder versuchen (die Spülmaschine ausräumen, die Wäsche erledigen, Dinge dorthin zurückbringen, wo ich will, dass sie sind, immer), um diese Tätigkeiten nicht dann erledigen zu müssen, wenn ich arbeiten, also schreiben könnte. Ich werde daran scheitern und schließlich bereuen, dass ich es, in der wenigen Zeit, die meinem Kind und mir täglich bleibt, trotzdem versucht habe.«
– Antonia Baum
»Doch wenn der Drang zu schreiben tatsächlich unbezwingbar ist, dann kommt er stärker zurück denn je, macht einem das Leben als Mutter schwerer als üblich, belädt einen mit unbegründeten und äußerst begründeten Schuldgefühlen. Ist es nun also besser für eine Frau, die schreiben will, Kinder zu bekommen – oder nicht? Ich weiß es nicht. Leben heißt nicht nur lesen und schreiben. Doch das Lesen und Schreiben kann die Macht haben, unser ganzes Leben zu fordern.«
– Elena Ferrante
»So, das war es auch schon. Mehr ist da nicht. Vermutlich geht es jedem, der arbeitet, nicht anders. Man glaubt an sich, man zweifelt an sich, man findet sich lächerlich, und das zu Recht. Das Gute daran ist einzig, dass ich mein Leben zu Hause verbringen kann, ohne einen Vorgesetzten, ohne Kollegen, die vielleicht aus irgendwelchen Gründen schlecht gelaunt sind. Ein unglaublich gutes Leben habe ich, auch wenn ich weiß, dass es überraschenderweise irgendwann endet.«
– Sibylle Berg
Du wächst
Du wächst so schnell und streckst dich lang, wirst schwerer und wacher mit jedem Tag. Wir warten auf dein Lachen, tun alles, um dich zu trösten, bei jedem Pups, mit dem du kämpfst. Wir streicheln deine feinen Haare über dem Köpfchen, das wir schon zehn Stunden vor deiner Ankunft in mir spüren durften, ein unvergessliches Gefühl. Deine runden Backen, die Stupsnase, der kleine Mund und das lustige Kinn. Und wie bei mir: Die Falten um die Augen, die hellen Wimpern, die spitze Oberlippe und eindeutig die Ohren. Die weichen Falten an deinem Hals, wo du dich gar nicht gerne waschen lässt. In deinem Nacken leuchtet ein Storchenbiss. Dein fester Trommelbauch, mit dem versteckten Nabel und der zarten warmen Haut, die wir so gerne küssen. Von Kopf bis Fuß finden wir dich zum Knutschen und die Liebe wächst wie du. Schläfst du mal länger, dann vermissen wir dich – selbst dein Schreien klingt dann wie Musik in uns nach. Auch wenn dein Gesicht verzweifelt rot wird, dein Mund sich verzerrt, die Unterlippe bebt und deine Augen sich maximal zusammenkneifen, finden wir dich wunderbar. Nur halten wir es nicht lange aus, wir wollen, dass es dir gut geht, immer. Wir halten deine rudernden Arme und Beine, wenn du Angst hast zu fallen – ins Nichts dieser viel zu großen Welt, die so klein ist, seit du da bist.


