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Christina Schmid
Anfänge und Enden

Blog: 2026

Unbemerkte Katastrophen

Wo stellen sie sich aus und traust du dich hin?

Strategie

Erst hier sehe ich, welch schlaf­trunken wankenden Schrift­größen mein nächtliches Getippsel fabriziert hat. Nochmal drüber schlafen ist nicht so mein Ding. Dem Zweifel zuvor­kommen ist eine Strategie. Mal sehen, wie der liebe Zweifel dann über den Tag Blüten schlägt, wenn er nicht antwortet – was er nun wirklich nicht muss auf diesen Kuss. Doch ›seine‹ Buchob­jekte hätten eine Atelier­woche verdient. Überhaupt, ein Atelier! Mit Buch, das auf seinem eigenen Umschlag fliegend liegen kann, ohne Leim und ohne Faden, aus einem kunstvoll gefalteten Stück. Im Traum natürlich viel raffinierter als meine Skizze hier, undurch­schaubar auf so einen Traum­blick, der ja doch eher seinen Augen und seinem Mund gehörte. Aber dann doch dem Buch, das erst lesbar wird, wenn die Trans­parenzen sich finden, aufein­ander­legen – Buchstaben aus Öl im Papier? Der Umschlag flächig perforiert: blitzendes Licht durch schwarzes Papier, das sich anschmiegt und gerne biegt durch die vielen kleinen Schlitze darin.

Und wohin träume ich uns jetzt?

Küssen

Mein Traum schenkt mir die schönste Liebelei mit Jörg. Als er mir seine wundersamen Papier- und Buchex­perimente zeigt, kann ich ihn nur küssen! Meine Träume sind zurück und umarmen mich. Da bin ich wieder. Nächtliche Grüße nach Zürich und schnell zurück in diesen Traum! Oder doch gleich an den Schreib­tisch und seine absonderlichen Bindungen, feinen Perforationen und vielschichtigen Trans­parenzen ausprobieren? Unlesbar, aber wunderbar poetisch.

Durchsichtig

Im Traum lande ich in New York und merke erst dort, dass ich vergessen habe, Pete die Tage zu bestätigen, die ich bei ihm sein will. Ich finde unseren Chat nicht mehr, nur hunderte bunt illustrierte Tarot­karten, die er mir wohl im Lauf der letzten Jahre geschickt hat und ich hatte sie nicht bemerkt. Ich suche nach der richtigen Subway zu ihm. Wer mich anstarrt, den fotografiere ich, zuletzt auch mich: Ich bin durch­sichtig geworden, trans­parente Brille, gläserne Schuhe, durch­scheinende Haut.

Grüße aus dem Familien­hotel in Südtirol in die große Stadt, die, wenn sie in einem Buch vorkommt, den Wunsch weckt, Pete und mein Ribbit von 2008 an seinem Kühlschrank tatsächlich zu besuchen.

Ruinenhügel

Im Traum strömen schon Stunden vor Beginn unserer Veran­staltung Menschen­massen in den Garten. Nichts ist fertig vorbe­reitet – kein Waffelteig, kein frisch­gepresster Saft, kein aufge­brühter Liebes­zauber, auch nicht die Räume im Brombeer­schloss, das bis unters Dach voller Kleider hängt und sowieso viel zu klein wäre für so viele Leute. Sie trampeln weiter über Zäune, durch andere Gärten Richtung Marien­hospital, zerstören leerstehende Gebäude­teile und feiern die Ruinen. Atemlos folge ich ihnen und frage eine Fotografin, wie sie davon erfahren hat. Sie sagt, sie ist eine Koryphäe für spektakulär inszenierte Feuer und Wasser­massen, und jemand Großes hat unsere Einladung geteilt.

Tropf

Ich salze meine Suppe mit Tränen.

Ich salze unsere Suppe mit meinen Tränen.

Ich salze unsere Suppe mit meinen Tränen und esse sie dir weg.