Christina Schmid
Anfänge und Enden

Und doch erscheint es mir die natürlichste politische Grundhaltung gegen all die
links
ist alles keine Lösung
keine Ahnung
weniger ist mehr
tut doch nicht so erwachsen
erwachsen gibt es nicht
aneinandergereihte Allgemeinplätze
Floskeln der Ahnungslosigkeit
mir fehlen die Worte
es gibt nichts zu sagen
ausgedrückt
vergessen
ist mir
zu groß
egal
als ob
soll doch wer anders
immer
nur
ich ich ich

Und wie gehe ich nun um mit der außerordentlichen Freiheit einer Nichtbeziehung voller Liebe ohne Eifersucht und Erwartungen? Die emotionalen Grenzen in meinem zurechtgerückten Kopf produzieren schon beim Gedanken an mögliche Eskapaden des absoluten im Moment Seins schlechtes Gewissen. Es ist Zeit, die Zäune, Mauern und Schutzwälle einzureißen, die Fenster aufzureißen und den frischen Wind tief einzuatmen, den grauen Erwartungsmüll frei und loszulassen. Hier und Jetzt. Ich und du oder ihr. Meine Welt, mein Leben, die Ideen – das größte Geschenk. Nimm es an, pack es aus und freu dich daran, immer wieder, jeden Tag und in jedem noch so kleinen Moment, in dem ein Einfall deinen Kopf durchzuckt und als Geistesblitz in deine Welt einschlägt, um dort ein weiteres, unerwartetes Monument zu hinterlassen.

Ein Kürbisfeld! Orangene Inseln im Grünbraun der vor dem Zugfenster vorbeiziehenden Landschaft.

Und so baue ich weiter und um und aus und hoch hinaus. Darüber der blaue Himmel, wie gemalt. Die Luft, so wie sie sein soll. Eine leichte Brise, angenehm warm. Manchmal auch Sturm. Bin ich da allein? Dort gibt es keine Fragezeichen. Alles ist selbstverständlich und gut so, in ständigem Wandel. Eine unermessliche Fülle an Details, in sich perfekt und unfassbar. Sie ist da. Du hast sie gesehen, im Glanz meiner Augen. Ich habe sie verlassen, für dich, und dann vergessen. Jetzt wo ich sie wieder sehe, könnte ich mich in ihr verlieren. Eure Welt wird zum Traum, der meine Welt vollmüllt und zu dem macht, was sie ist. Hier versammeln sich die Extreme. Das Gute wie das Schlechte. Die Banalitäten gehen verloren im Grau. Was ich mag findet seinen Platz, stellt sich zusammen. Eine Ansammlung an Kuriositäten, Entdeckungen im Zuviel und Zuwenig. Was ich mag wird geschliffen, poliert und schwebt und glänzt in der watteweichen, warmen, leuchtenden Luft.

Je tiefer ich mich hineinträume, desto härter der Aufprall auf dem Boden eurer Realität. Die scheppernde Lautsprecheransage reißt mich aus dem Rundgang durch die wundersame Einrichtung meiner Räume und Gebäude, Gärten und Plätze, Miniaturen und detailreichen Vergrößerungen. Maßstäbe entscheide ich, oder jemand, der das alles hier archiviert.
Ich war so lange nicht hier –

Öffentliche Verkehrsmittel

Buch vergessen. Aus dem Fenster schauen, grübeln, beobachten, entdecken, aussteigen, umsteigen, sitzen, warten, ein Lächeln von dem Typ mit dem seltsam kantigen Gesicht. Wars überhaupt ein Lächeln oder nur ein Blick, sachlich, aber einen Tick zu lang? Zumindest hat er mir gefallen, der Blick. Und mich zum Lächeln gebracht – habe ich gelächelt? Innerlich vielleicht. Das Wort Lächeln mag ich überhaupt nicht. Schmunzeln klingt besser und schmunzeln muss ich über frühe Busverknalltheiten. Und ein spätes Wiedersehen mit übermütigem Geständnis von – ja, von was eigentlich? Ein Blick, immer einen Tick zu lang, den ich ihm morgens an seiner Haltestelle schenkte. Als die Liebe noch ausschließlich Gedankenspiel war. Weder seinen Namen wusste ich, noch sonst. War nicht wichtig, habe ich auch jetzt wieder vergessen. Und dann wartete er draußen, nach seinem flüchtigen Abschied, als die Party noch in vollem Gang war und nur ich beschloss das Menschengedränge im heruntergekommenen Studentenwohnheim zu verlassen. Die seltsame Situation bei mir. Wie langweilig. Manches bleibt besser Gedankenspiel.

du – das ist zumeist einer, den ich liebe, geliebt habe oder lieben wollte. Oder ich, im Selbstgespräch, die ich mir etwas vorwerfe und mich auffordere, endlich anzufangen.

ich – das bin ich. Wie ich bin, im Moment, immer wieder anders. Wie ich sein will. Oder wie ich nicht sein will. Mein schreibendes Ich ist wer anders.

ihr – meist ein Vorwurf. Eure Welt, eure Regeln, euer System. Ihr seid anders, wollt und erwartet etwas von mir, das ich nicht kann, will und bin.

wir – ein Konstrukt in meinem Kopf, erträumt und selbst wenn auch mal real ein wir da ist – mein Wir besteht aus mir, und dir – wie ich dich sehe und sehen will.

er – wird oft mitten im Text zum du. Wenn ich in Erinnerungen schwelge, mich in Sehnsüchte stürze und dir sagen will, was nie oder zu oft gesagt wurde.

Beim Fingernägelschneiden denke ich an Chris. Daran, wie er mir, die ich mich abmühte mir mit der linken Hand die Nägel der rechten Hand zu kürzen, die Schere aus der Hand nahm, mich auf seinen Schoß setzte und fachgemäß alles abschnitt, was für ekelhafte Kratzgeräusche in der Nacht verantwortlich war. Das milbenverseuchte Ausklappsofa im ewig dämmrigen Dachzimmer mit muffigem Teppich und verblichenen Kunstdrucken auf der mittelbraunen Holzvertäfelung. Die klapprige Küche mit Mini-Wintergarten-Balkon – im Sommer unerträglich heiß, im Winter bitterkalt. Der Kühlschrank leer, also bestellten wir Pizza oder Indisch zum Film. Ein Film nach dem anderen, Serien in unermesslicher Auswahl flimmerten über den farbfalschen Riesenflachbildmonitor. Betrunkene Nächte, getanzt haben wir gern. Beim Tanzen denke ich auch an ihn. Weil ich wohl so tanze wie er, aber nicht so gut. Ich, ein egoistisches Miststück von 20 Jahren. Mir, nie verziehen, lebenslänglich. Wären da keine gemeinsamen Freunde, die sich selbst nach Jahren der Funkstille und geglätteten Wogen noch überlegen, wen von uns sie zu ihrer Abschiedsparty einladen – es würde nicht stören. Aber so werde ich mitten im Spätsommertag von indirektem Langzeithass heimgesucht und fange plötzlich an, die Fragmente der Erinnerung an uns zusammenzuklauben. Unsere E-Mails sind der Schlüssel zur damaligen Faszination …

3

Kerzenstummel vergangener Beziehungen, Marmeladenreste gefällter Bäume. Nummer drei fehlt noch. Es müssen immer drei sein. Drei.

Urlaub

Paula wirft ihren Hund Bonsai ins Wasser und lässt ihr Marienkäferboot mit Apfelfamilie auf der Saale schwimmen.

Technikverweigerung und Wünschelrute: Architektenpaar auf Fahrrädern an der Elbe.

Dunkel (November 2004 – April 2010)

Faszinierend traurige Augen, lange dunkle Mäntel, lange Haare und Nieten überall. Tiefgründiges Dunkel. Aber ich träumte von Farben.
– Die nicht.

Später, seitenlange Briefe, stundenlange Gespräche und der schwüle Sommer im Halbdunkeln einer Halbbeziehung. Ich wollte raus.
– Er nicht.

Die Farben eines Sommers in neuer, strahlender Zweisamkeit – schleichend von einem dunklen Herbstgrau verschluckt. Das Grau blieb bei ihm.
– Ich nicht.

Sonnenstrahlen im Herzen, Farben vor Augen und Träume im Kopf. Endlich.
– Nur ich.

So fand mich einer, mitten im Winter, der eine, dachte ich. Das Dunkel lag hinter ihm, die Einsamkeit war seine Freundin. Ich wollte näher, mehr, alles.
– Er nicht.

So verlor ich mich, mitten im Sommer, und ihn. Das Dunkel, so ist das also. Die Einsamkeit, ich ertrug sie nicht. Kalt. Farblos. Leer.
– Ich?

Die Einsamkeit rettete mich, behutsam, Schritt für Schritt, aus den Tiefen des Dunkels. Am Ende wartete der Frühling. Sonnenstrahlen, Farben, Träume. Wiedergefunden.
– Ich.

Unverfänglich positiv

Sie steht auf und geht. Gerade wird ein Herz ausgeschüttet – Zuviel für sie. Für mich auch. Und so höre ich nicht zu. Ein anderes Gesprächsthema muss her. Was mir einfällt sind unterhaltsame Zweifel, allgemeine Probleme und persönliche Katastrophen. Unverfänglich positiv sind höchstens schönes Wetter und gutes Essen.

Samthandschuhe

Burn Out, Psychose, Depression. Sie hat die Sache erkannt, benannt und in eine Schublade gepackt. Nein, besser gleich in eine Kiste zum Mitnehmen, Pflegen, Loswerden. Sie ist uns allen voraus und überlegen, ein Opfer der Umstände, Zeit, Gesellschaft. Dass auch ich meine Zweifel habe, gilt nicht. Denn mir geht es ja gut. Ihr geht es schlecht. Dann packe ich also mal wieder meine Samthandschuhe aus. Etwas verstaubt sind sie, nach all der Egozentrik nach dem Absturz nach der Selbstaufgabe nach der absoluten Liebe. Ja, früher hatte ich sie immer bei mir, die Samthandschuhe mit genügend positiver Energie für die faszinierend tiefgründigen Depressionen dieser Welt.

weg da
da —
— weg
da! der weg
weg damit

einfach
ohne
extra

mit —
— machen
— dabei
— ohne

lebensentwürfe

statt
zu
leben

dahin
dorthin

wem gehört das?

hier

Manchmal macht es mich wahnsinnig, dass das Leben eine Baustelle ist und bleibt.

Goodbye

Schöne Abschiedsparty, fast alle sind da und haben Spaß. Am nächsten Morgen fehlen die Videos auf meiner Kamera, vielleicht besser so. Mein Englisch kam mir plötzlich so gut vor. War das so?

Meine letzte Woche in New York verbringe ich tagsüber bei Pentagram und nachts am Computer, bis das Buch über mein Praktikum hier und in Berlin fertig ist. Der Freitag nach einer durchgemachten Nacht ist etwas vernebelt mit Team-Lunch und viel zu viel Goodbye.

Jetzt ist Montag, in vier Stunden geht mein Flug. Für 30 Tagen durch die USA: Seattle, Portland, San Francisco, Yosemite National Park, Monterey, Big Sur, Los Angeles, Grand Canyon, Santa Fe, Denver, Chicago und (für weitere fünf Tage) New York. Und dann zurück nach Germany.

Matt hat mir den Soundtrack zu meiner Reise zusammengestellt und auf meinen iPod gepackt. Der große Rucksack steht bereit, Jesse wartet schon auf den Einzug in mein Zimmer und der Computer freut sich auf vier Wochen Pause.

Also los!

Käsespätzle

Cassie war im deutschen Restaurant Lorelei und es gab Käsespätzle. Daraufhin üben wir die deutsche Aussprache von »ich liebe Käsespätzle« und »lecker«.

Es ist Sonntagabend, viel zu spät, mein Bett schreit schon ganz laut, doch meine Listen rauben mir den Schlaf. Neben meinem Fulltimejob habe ich mir vorgenommen, mein Buch übers Praxissemester anzugehen. Außerdem gilt es, freie Betten in Los Angeles, Denver und Chicago zu finden. Nebenbei möchte ich so viel wie möglich von New York sehen, bevor es in zwei Wochen schon losgeht. Zwei Wochen. Ich will nicht weg aus dieser großartigen Stadt.

Die Nachfolgerin für mein Zimmer ist schon da: Jesse aus Denver. Sie und Pete haben dort einen gemeinsamen Freund, den soll ich unbedingt treffen. In San Francisco werde ich mir das Office von Pentagram anschauen und in Monterey habe ich schon eine Schlafgelegenheit. Und so füllen sich die vier Wochen.

Am Samstag geht es zum Brunch in eines meiner Lieblingsrestaurants. Ausdrücklich kein Fastfood, daher kommen wir viel zu spät nach Queens, Yelena ist etwas sauer, dass wir nur eine Stunde für die Kunst im PS1 haben. Dabei heißt die Ausstellung ›Take your time‹ und für Olafur Eliasson braucht man die auch – wunderbar!

Ich geh ja gleich schlafen. Nur noch kurz die Einladung für meine Goodbye Party am Samstag rausschicken: An alle Leute, die ich in vier Monaten kennengelernt habe. Mal sehen, wer sich auf den Weg zu uns nach Bushwick macht.

Candlelight

Nach einem langen Dienstag steige ich müde und hungrig die vier Stockwerke zu unserer Wohnung hoch, schließe die Tür auf und … huch! Alles voller Kerzen. Meine Mitbewohner sitzen nicht wie gewöhnlich schweigend an ihren Bildschirmen, sondern am vom Kerzenlicht erleuchteten Tisch. What happened?
»It's Energy Saving Day.«

Mir war bis dahin nicht bewusst, dass Amerikaner so etwas haben und ich bin tief beeindruckt. Als ich den Kühlschrank öffne und nicht einmal dort das Licht brennt, finde ich das doch übertrieben. Das Eis schmilzt ja schon! Da kommt die Wahrheit ans Licht (oder ins Dunkel): Jemand hat vergessen die Stromrechnung zu bezahlen, also wurde uns der Strom abgestellt. Eigentlich ganz schön so für einen Abend: Flackerndes Kerzenlicht und Pete mit seiner Gitarre. Nur kochen geht heute nicht.

The Met

Am Sonntag gehe ich mit Pete und Brian ins Metropolitan Museum, riesige Menschentrauben stehen auf der Treppe vor dem Eingang. Ich träume immer öfter von Stille und Leere – Wüste wäre gut.

Die Kunst ist gigantisch und das Museum so groß, dass wir nicht mal die Hälfte schaffen. Da muss ich nochmal hin, unbedingt. An den Bildern von Chuck Close können wir nur noch vorbeirennen – wahrscheinlich waren wir zu lange bei den Ägyptern, Griechen und Römern, bei der afrikanischen und indianischen Kunst und in der permanenten Sammlung der Moderne. Auch das Dach mit Blick über den Central Park verpassen wir leider.

Frühlingsspaziergang und dann zum Carnegie Deli, dort teilen wir uns einen Fleischberg und das größte Käsekuchenstück der Welt.

Chess

Am Mittwoch kann ich mich vor acht aus dem Office schleichen und mir die Abschlussausstellung an der Parsons Design School anschauen. Anschließend gehe ich mit Brian (Architekt bei Pentagram) ins Fat Cat mit Livemusik, Billiard, Ping Pong, Scrabble und Chess. Die englischen Schachfiguren heißen von nun an Jumper, Runner, Tower und Farmer und Brian schreibt ein Lied drüber.

Am Freitag ist Rinas letzter Tag bei Pentagram, nach Feierabend gehen wir ins East Village zur teamübergreifendem Arbeitsklima-Analyse überarbeiteter Praktikantinnen und Freelancerinnen. Schön, die Mädels mal außerhalb des Büros zu sehen.

Chocolate

Unser Nachbar zeichnet traurig dreinblickende Gestalten, die ab heute im Kleiderladen seiner Freundin in der Lower East Side zu sehen sind. Die Eröffnung feiert er mit einem Chocolatier, dessen Kreation alles übertrifft, was ich bisher an Schokolade probiert habe (und das ist nicht wenig). Die Party ist komisch, aber nun kenne ich Fritz – in rosa Netzstrümpfen. Er hat mal in meinem Zimmer gewohnt.

Superflat

Am Samstag gehe ich ins Brooklyn Museum zu Murakamis grinsenden Blumen. Faszinierend, wie aggressiv mich das macht. Vor dem Museum treffe ich Yelena von Pentagram. Sie hat freien Eintritt zum Botanical Garden für sich und ihre Gäste, spontan gehe ich mit.

Wie gut das tut: Grünes Gras, blühende Kirschbäume, ein Duftgarten, Gewächshäuser mit exotischen Pflanzen, ein chinesischer Garten, ein Teich mit Fischen und ein Bach mit plantschenden Enten. Nach dieser Portion Ruhe verstören mich die lauten Straßen. Diese Stadt ist so laut, Dauerbeschallung, immer und überall.
I need a break.

Abends gehe ich mit Pete und unserem Nachbarn zur ›Peace of Pizza Party at Glasslands‹ – da gibt es Farbe und Wände zum Bemalen, jetzt habe ich Farbspritzer auf den Klamotten, wie früher. Ich vermisse Pinsel und Farbe, könnte ich doch mal wieder versuchen.

Queue

Das mag ich: »Hi Christina, nice to meet you! Oh, you will go to Denver? We are from Denver! You could meet our friends there! … – Hey, this is our friend Christina, we just met her, she's awesome! She will travel through Amerika …«

Und so plant sich meine Reise weiter in der Warteschlange zum Konzert, für das ich ein übriges Ticket ergattern kann: ManMan und Yeasayer – der Drummer wohnt in unserem Haus und seine Musik läuft bei uns rauf und runter.

Spring

New York riecht nach Frühling, die Bäume blühen, Vögel zwitschern, die Melodie des Eiswagens tönt durch die Straßen und die New Yorker machen Mittagspause im Park. Und ich verbringe die Tage und Nächte im Keller, lasse die Plotter auf Hochtouren laufen, schneide Berge von Papier zurecht (wieviele Bäume muss ich wohl pflanzen, um diese Exzesse wieder gutzumachen?) und produziere auf Hochtouren Prototypen für poster, postcards, stationery, bags, boxes, brochures und presentation boards.

Neuer Rekord: Im Office von 8 AM bis 3:30 AM. Dann mit dem Taxi nach Hause.

Family Time

Ihr kommt gerade recht zum Pillow Fight am Union Square, alles ist voller Federn. Dann Jetlag, also bringe ich euch ins Hotel und gehe spontan zum Konzert von Digitalism in die Webster Hall. Die Fans kreischen zu laut und der Fisch im Aquarium neben der Bar sieht auch etwas depressiv aus. Also nach Hause, Osterbrunch vorbereiten.

Dann kommt es doch anders, ein Typ steht etwas verzweifelt vor unserer verschlossenen Haustür, er will zu einer Party in den dritten Stock und lädt mich dazu ein. Ein riesiger Raum mit zehn Bewohnern, ganz pur, nichts renoviert und irgendwo gibts wohl auch Zimmer. In diesem Haus ist jedes Stockwerk anders. Der Typ weiß mir allerlei Tipps über das Reisen mit dem Zug durch die USA. Die Dimensionen werden mir erst klar, als Pete Europa auf Amerika legt.

Die Woche mit meiner Familie ist mit Abstand die anstrengendste, seit ich hier bin. Ich zeige ihnen alles: Meine Lieblingsorte, verschiedene Viertel, Läden, Restaurants und natürlich die Touri-Highlights, die ich selbst noch nicht kenne: Rockefeller Center, Flatiron Building, Financial District, mit der Staten Island Ferry vorbei an der Statue of Liberty, Central Park, MoMA, Shopping in Soho und der Upper East Side, Gallery hopping in Chelsea, Restaurants im West Village, in der Lower East Side, in Greenich Village … Ich ziehe zu Ihnen ins Hotel mit gigantischen Matratzen, einer doppelköpfigen Dusche und Aussicht auf den Times Square aus dem 31. Stock.

Das Fazit der Eltern: Beeindruckend, aber so laut und all die Menschen … Kein Wunder leben hier alle in ihrer eigenen kleinen Blase, mit Soundtrack aus dem iPod auf den Ohren und in der Subway die Nasen hinter Buchseiten versteckt. Zurück in die Ruhe, Naturpark Donautal.

Erst jetzt fällt mir auf, wie laut es hier ist.

13

Kein Skyscraper in New York hat einen dreizehnten Stock.

Very

Ja, es gibt mich noch. Auch wenn ich mich schon lange nicht mehr von Kopf bis Fuß gesehen habe, der Spiegel in der WG ist zu klein. Die Geschichten schreibe ich nur noch im Kopf, die Tage und Erlebnisse ziehen vorbei, ohne dass ich ein Foto mache. Dabei passiert hier doch immer was.

Viel zu tun bei Pentagram: Bobby’s Burger Palace braucht Verpackungen für Hamburger, Fries, Fingerfood, Soft-Drinks und Napkins. Das Museum of Art and Design will Tüten und Kisten in allen Größen für den Museumsshop. Der Annual Report muss zu Channel Thirteen (zwanzig Blocks westlich von hier und es regnet New Yorker Regen – ich brauche dringend Gummistiefel). Dies und das muss hier und dort hin. Das muss geklebt, gecuttet, gescannt, fotografiert, gedoubblecheckt werden. Bevor der Fotograf fürs Portfolio fotografieren darf, sollen Vorfotos vom gewünschten Bildaufbau gemacht werden. Für Meetings braucht man Kaffee, Tee, Milch (non fat, fat reduced, half-half, whole oder organic?) die fünf gängigen amerikanischen Zuckersorten, Früchteteller, Muffins, Croissants und Cookies vom Edelkonditor, Orangensaft – und bitte alles im richtigen Layout drapiert. Was wäre Pentagram ohne seine Praktikanten?

Trotz langer Arbeitstage gewöhne ich mich an Feierabendprogramm. Bei einer Recherche nach Illustratoren und Cartoonisten für das Redesign des Atlantic Magazins, stoße ich auf eine Veranstaltung in einem kleinen Buchladen: Die beiden Verfasser von ›Monseur Jean‹, einem berühmten französischen Comic-Charakter, sind aus Paris angereist, um den New Yorker Comicfans (hauptsächlich selbst Cartoonisten) zu erzählen, dass sie wirklich ALLES zusammen zeichnen und schreiben. Und ich bin nun im Besitz meines ersten Comicbuchs.

Im sonntäglich überfüllten Guggenheim Museum bleiben Matt und mir (beide notorische Zuspätkommer) 40 Minuten für eine überkitschige Autoexplosion in der Eingangshalle und tolle Sprengstoffkunst von Cai Guo-Qiang.

Endlich ist das Justice Konzert, das ich in Berlin verpasst hatte. Ich weiß nicht, wie oft ich Pete auf dem Weg nach den Tickets frage – am Ende verliert er sie doch. Das Gute an Onlinetickets: Wir können sie nochmal ausdrucken, im Copyshop. Glück gehabt, das Konzert ist großartig, trotz der Sitze um uns herum.

Am Samstag gleich zum nächsten Konzert ins Studio B zu Fixed und Cut Copy.

Ich träume noch auf Deutsch, mit Ausnahme einer Horrornacht, in der alle auf Englisch auf mich einreden und ich nichts, gar nichts mehr verstehe. Aber es gibt ja Wecker und in unserer WG gleich drei, die jeden Morgen um die Wette klingeln und jeder hört die anderen mit dem Wachwerden kämpfen.

Table!

Mit rotem Tape klebe ich meine Forderung an die Wand: Table! Der friendly Reminder wirkt, Pete und Martin gehen zu ›Eikia‹ und kaufen uns endlich einen Tisch. Platz für Whiskey zu Monopoly.

Stefan Sagmeisters Ausstellung hat ihren letzten Tag. Bei der Vernissage waren die hunderte Bananen an der Wand noch grün, jetzt sind sie braun und verströmen ihr volles Aroma in den Ausstellungsräumen. Der Meister ist sogar da und lässt sich auf Österreichisch interviewen.

Yusuke und ich beschließen, dass japanisches Essen super wäre und er für mich Nudelsuppe kocht. Lecker! Nur die Stäbchen und das japanische Schlürfen liegen mir noch nicht. Ich muss trotzdem mal nach Japan.

Bei einem Spaziergang durch den kleinen Park neben der Brooklyn Bridge sehe ich den Sonnenuntergang und in der Ferne die Freiheitsstatue, winzig klein.

Die Arbeitswoche startet ruhig und endet stressig – am Freitagabend soll ich länger bleiben. Dann kommt es anders und ich habe spontan ab halb neun frei. Matt hat zwei Konzertkarten und ich noch 20 Minuten, um im Nieselschnee zum Bowery Ballroom zu kommen. Dort spielen Anna Ternheim, El Perro del Mar und Lykke Li. Ganz wunderbar. Danke Matt!

Sonntagsdienst: Um 2 PM soll ich einen Fotografen im neuen New York Times Building treffen. Meine Aufgabe besteht darin, »I’m from Pentagram« zu sagen und für zwei Stunden beim Shooting dabei zu sein. Dokumentiert wird das Leitsystem und das Logo an der Fassade. Interessant, die verschiedenen Arbeitsplätze der Journalisten zu sehen – unglaublich in welchem Chaos manche Menschen arbeiten.

Anschließend finde ich irgendwo Energie für die neue Ausstellung im MoMA: Color Chart – eine Bodenarbeit aus buntem Tape, die perfekte Kunst für mich!

Ribbit

Wieder Party im verrückten Künstlerhaus. Rubulad heißt es, wie ich jetzt weiß. Das Thema diesmal: Leap Before You Look – dress froggy. Also gut: Ribbits für alle und für mich ein Krönchen, mal sehen, welchen der Frösche ich küssen mag. Die Party ist großartig, sie haben einfach drüber dekoriert, noch mehr als beim letzten Mal, die ganze Decke hängt voll, hinter jeder Ecke eine andere Welt, anderes Licht, andere Musik, verkleidete Menschen, die Leute sind verrückt und ich auch. Im Rausch des Abends will ich alles festhalten, mitschreiben, verirre mich in den Zwischengeschossen, über Leitern aufs Dach, verliere meine Freunde. Als ich sie gefühlte Stunden später von weitem tanzen sehe, finde ich sie doof. Pete sammelt mich ein, er will mich heimbringen, ich will bleiben, doch ich kann nicht mehr sprechen, habe die Garderobennummer verloren. Pete kämpft um meine Jacke, das dauert ewig, doch Zeit, die gibts nicht mehr für mich. Ich schaffe es bis zwei Meter vor unsere Wohnungstür, dort bleibe ich sitzen. Von Prinzessin zu Kröte. Weil ungeküsst?

Washington D.C.

Zum Presidents’ Day fahren Pete und ich raus aus New York nach Washington D.C.
Der Bus startet in Chinatown und vier Stunden später kommen wir im Fake-Chinatown Washingtons an.

Lustige Wände in der Metro-Station, die sehen hier alle so aus. Kein Gebäude darf höher gebaut werden als das Capitol, so ist es von überall zu sehen. Das Wasserbecken kenne ich aus Forrest Gump. Pete erklärt mir Amerika und seine Geschichte.

Plötzlich ist es Frühling und so warm, dass alle in T-Shirts zwischen dem Weißen Haus, dem Lincoln Memorial und dem Jefferson Memorial herumlaufen. Wir legen uns ins Gras und blinzeln in die Sonne. Es ist Februar!

Der Nachmittag bringt Regen. Ein schöner Ausflug, erholsam und lehrreich. Washington als Stadt ist etwas langweilig, umso glücklicher sind wir nachts zurück in New York City.

Sugar Clouds

Essengehen in New York ist großartig: Alle Speisen dieser Welt in einer Stadt! Diesmal: Japanisch. Matt bestellt einen ganzen Tisch voller kleiner Teller und Schüsseln. Und als Nachtisch gibt es für jeden einen Becher rosa Zucker für die Cotton Candy Machine. Das Ergebnis taufe ich Sugar Clouds.