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Christina Schmid
Anfänge und Enden

Blog: 2012

Chicago, Detroit, St. Louis, Bennett Springs, Platt­sburg, Boulder, Santa Fe, Page, Zion, Las Vegas, Los Angeles.

4096 of 5940 Photos in 6 weeks.
May / June / July 2012

Spiegelblind

Im ständigen Abgleich mit dem Ich von Heute und Gestern und allen anderen. Mindestens täglich denke ich über mein Geschlecht nach und über mein Alter. Zeit im Zeitgeist. Wie alt ich mich fühle. Welche Rolle ich spiele. Als Frau. Mein Frausein so zu durch­denken macht den stets unkom­plizierten Umgang mit Männern befremdlich, die Unter­schiede überhaupt zu benennen ist dir fremd. Ich suche und frage und schaue zu, bin schläfrig und desinter­essiert und desillusioniert. Ich bleibe stehen, während die Zeit an mir vorbeirast. Die Zeit steht still und ich bin eine alte Lady, müde und voller Geschichten. Meine Augen sind satt und noch habe ich nichts verstanden. In mir sitzt ein Kind – neugierig, ungeduldig, hochnäsig, besser­wisserisch, überzeugt, jähzornig, pubertierend. Und eine müde Frau – erschöpft, ausge­brannt und leer. Und eine fürsorgliche Mutter. Und eine Großmutter – ruhig, gelassen und mit der Welt im Reinen, der alten zumindest, denn all das Neue geht zu schnell. Ich bin langsam und bremse euch aus. Verzeiht, dass ich euch eure Jugend stehle, weil mich das alles nicht mehr berührt. Ich sehe nicht hin und habe doch alles schon mal gesehen.

Mein Gesicht ist älter geworden. Aus dem Spiegel blickt mich eine sachliche, freundliche, fast selbst­bewusste junge Frau an. Ich mag sie und möchte das Bild mitnehmen, doch ich kann es mir nicht merken. Die Blicke von Fremden prallen auf die Aura meiner inneren Leere und ich vergesse, was sie sehen. Ich wäre lieber unsichtbar, nicht durch­sichtig und verblasst wie eine verkleinerte, unscharf verwischte schwarz-weiß-Kopie meiner selbst. Habe ich zu oft in den Spiegel geschaut? Oder waren es doch zu viele Fotografien, die mich – nein, meine Hülle festhalten und in Pixel und Punkt bannen wollten?

Heiße Luft

Jemanden eingehend und allum­fassend über Tage und Wochen zu beobachten, ruft nichts weiter hervor, als eine dicke Unter­streichung des ersten Eindrucks. Als ich ihn besser kennen­lernte, war mir nicht mehr klar, warum ich ihn anfangs als unsicher und phrasenhaft empfunden hatte. Ich fand ihn schlichtweg langweilig und glaubte keinen Moment, dass er mehr zustande bringen würde, als Material und Ausreden anzuhäufen. Wie ein kleiner, ungeduldiger Schüler trat er von einem Bein auf das andere, drauf und dran einfach wegzu­rennen, um hinter der nächsten Kurve sein großes Abenteuer zu finden. Wie er nun wieder um den heißen Brei tänzelt, weckt meinen ersten Eindruck erneut. Wie er sich windet und hinter Floskeln versteckt, mit wippenden, unent­schlossenen Schritten den Weg nicht weiß, aber unbedingt irgend­etwas machen muss und keinen Augen­blick ruhig sitzen bleibt. Er trommelt mit der Hand auf den Tisch, um seine nichts­wagenden, oft aufge­sagten Worte zu unter­streichen. Er übt deren Aussprache, spricht mit stolzem Akzent und bedient sich abgelauschter Redewendungen der Amerikaner. Wer bin ich, festsitzend in meinem Käfig der Sprachlosigkeit, so über ihn zu richten? Gab ich mir doch alle Mühe, ihn als den abenteuer­lustigen, unter­haltsamen, zielstrebigen, sympathischen und attraktiven jungen Mann zu sehen, den er darstellt, wenn ich ihn zwischen Tür und Angel, Arbeit und Küche, Architektur und Alkohol antreffe. Und doch, nach jeder unver­meidlichen Musterung seiner Bewegungs­abläufe ist er wieder da, mein abschätziger Blick. Sein Gehampel lässt mich noch ruhiger und unauf­geregter dasitzen. Ich werde mir der angenehmen Stille in mir bewusst, während der heiße Wind meine Haare zerzaust, durch die Maisfelder saust und durch die Bäume rauscht. Je aufge­regter der Wind, desto ruhiger meine Gedanken. Die Wolken ziehen über das Land, Geschirr klappert in der Küche und ich sitze auf der schattigen Veranda. Ja, ich sehne mich nach genau dieser zeitlosen Lange­weile, wann immer die Welt um mich herum nervös zuckt und brummt und unbedingt irgend­etwas machen muss. Das Leben ist in mir und hier, die ganz einfachen Gedanken, die alles erklären und doch nichts verstehen, aber vor allem nichts müssen.

»Auf die Frage ›wer?‹ antworten, heißt, wie Hannah Arendt nachdrücklich betont hat, die Geschichte eines Lebens erzählen.«

Paul Ricœur, Zeit und Erzählung

Bevor mich keiner fragt

Zwei Tage im Nirgendwo

Bis zum kugel­runden Bauch im Wasser, alle fünf Meter einer, die Angel im Blick, die Ausrüstung perfekt. Fisch­köpfe dümpeln am Ufer, wo die Jungs ihr Angler­glück versuchen. Ausbeute: drei. Auf der Ladefläche sitzend, mit wehenden Haaren den Berg hinauf zum Camping­platz inmitten von grün. Die Klima­anlage tut ihr bestes, um das mobile Provisorium auf sound­sovielen Squarefoot kühl zu halten.

Vom Urlaub am Fluss ins Landleben der Morgans. Haus Nummer zwei nach dem großen Brand, innerhalb von drei Jahren vollge­müllt, von einem Fuhrpark umrundet, als wären es vergessene Spiel­zeug­autos. Mitten im Nirgendwo aufzu­wachsen, lässt einem dicken Jungen wohl keine andere Wahl, als die Tage im Keller mit Video­spielen und die Wochen­enden mit Angeln oder Schießen hinter sich zu bringen. Die zwei Hunde hecheln und die fünf Katzen schleichen durch ein abgedunkeltes, muffiges Chaos der Konsum­kultur. Kultur­ver­mittlung, wo keine gemeinsamen Inter­essen bestehen. Eine Prinzessin von einem anderen Stern sieht zu und schweigt und beißt in das frittierte, fetttriefende Allerlei. Im Kopf nur Kunst und Bücher, und Gemüse im Fahrradkorb der süddeutschen Klein­stadt. Die Natur ist gemein und Tiere sind doof. Während der Stift über das Papier gleitet, krabbelt eine Ameise im Zickzackkurs zwischen die Zeilen.

Books

»Without books, history is silent, literature dumb, thought and speculation at a standstill. Without books, the development of civilisation would have been impossible. They are engines of change, windows on the world, and (as a poet said) ›light­houses erected in the sea of time‹. They are companions, teachers, magicians, bankers of the treasures of the mind. Books are humanity in print.«

Barbara W. Tuchman

Detroit

Nach vier spannenden Tagen in Chicago voll feinster Architektur, Blues, Sonne und Riesensee stand am Memorial Day der Mietwagen für uns bereit: ein knall­roter Fiat 500. Damit durch Detroit und die USA zu tingeln wäre zwar ein amüsanter Anknüpfungs­punkt an die Reise zu viert im Twingo durch Skandinavien, aller­dings sind wir ja in Amerika und um den Fiat herum stehen weit und breit lauter Jeeps, also beschließen die Jungs, dass wir noch mal etwas Geld drauf­legen, um nach einigem Hin und Her einen blauen Passat Richtung Detroit zu steuern. Auf dem Weg machen wir Halt an Dünen­stränden und im aufge­räumten Grand Rapdis, der zweit­größten Stadt in Michigan. Seit Dienstag Abend sind wir in the D und wohnen bei Paul. Wie schön er das Haus innen renoviert hat, lässt sich von außen noch nicht erahnen, aber bald wird es blau verkleidet.

Über den Stuttgarter Regisseur Marcello hatten wir schon im Vornherein Kontakt zu seinen Freunden, mit denen er in den Neunziger­jahren Filme über Detroit drehte. Nach und nach besuchen wir sie und erfahren immer mehr über diese kaputte Stadt mit ihren traurigen aber eigentümlich schönen Industrie- und Wohnruinen und zerfledderten Vierteln, von denen manche eine ganz besondere Energie und Motivation ausstrahlen. Wir treffen auf Nachbarn, die zusammen ihr Viertel aufräumen und Gemeinschafts­gärten anlegen, auf Urban Farming zwischen verlassenen und abgebrannten Wohnhäusern und die Natur, die sich überall in dieser riesigen Stadt breit macht. Es gibt so viel zu sehen und mit jedem Tag wird unsere Liste länger.

Auf den Spuren des Individual­konsums, dem Amerikanischen Traum schlechthin. Wir besichtigen seine Relikte vom Auto aus, danach frönen wir der Nostalgie auf der Route 66. Destruktive Frage­zeichen vom Rücksitz des überdimensionierten Mietwagens.

»Irgendwas müssen wir machen!«

3 in Amerika

3 in Amerika

Unzerplatzbare Seifenblasen

Wenn einem schon beim Aufwachen der Tod einfällt. Man denkt an das weiße Licht, an das Nichts und an die Leere. Das wars dann. Einfach so. Ohne dass noch jemand weiß, was war. Religion fällt einem ein, später vielleicht, der Angst wegen. Statt mit angemessen ängstlicher Miene die eigene Endlichkeit zu thematisieren, verfällt man in flapsige Ironie und vergisst es schnell wieder. Dann steht man auf und macht weiter und lebt.

Am Abend sagt einer, dass das Bewusstsein aus Energie besteht und dass Energie sich nicht einfach auflöst. Das hilft.

»Man kann einfach weggehen, dachte ich. Entweder man geht ein bisschen weg, oder man geht richtig weg, oder man bleibt.
Erst bin ich ein Stückchen wegge­gangen und habe gemerkt, ein Stückchen ist schon zuviel, aber noch nicht genug. Ein Stückchen ist zuviel zum Umkehren und Zurück­gehen, aber man ist noch nicht richtig wegge­gangen.«

Birgit Vanderbeke: Ich sehe was, was Du nicht siehst

Ich habe die Ruhe wach zu sein.
Die wachen Gedanken machen mich müde.

How to survive as a painting

»Aber es herrscht eine giftige Status­angst, ein gewaltiges Sinnvakuum, ein wahnsinniges selbst­referenzielles Klima.«

Katja Kullmann, Rasende Ruinen

Triptychon

Triptychon

Zu Anaïs Nin

»Ich bin überzeugt, wenn Sie bei Ihrer Schrift­stellerei Erfolg haben, werden Sie die auch aufgeben, um sich zu bestrafen.«

»Nie trifft man den anderen im gleichen Gemüts­zustand, der gleichen Phase, der gleichen Stimmung – niemals. Wir sitzen alle auf einer Wippe.«

»Im Zug begann ich zu schreiben, um die Sieben­meilen­stiefel­sprünge meines Lebens durch die Ameisen­aktivität meiner Feder auszu­gleichen.«

Über eine solche Fülle von bezeugtem Leben müsste sich ein Biograph eigentlich freuen … sie hat alles sagen wollen, was sich irgend sagen lässt … die Fülle des Formulierten und Notierten führt in ein Dickicht in welchem sich Anaïs Nin auch verliert und versteckt.
Es gibt Situationen, da macht man viele Worte um das eine Wort nicht sagen zu müssen, das einen so zeigen könnte, wie man sich selbst nicht sehen möchte und wie man nicht gesehen werden will … Zudecken mit Material haben Analytiker das genannt.
Gegen was schreibt sie an? Welchen Schmerz sollen die vielen Worte lindern, und wovon lenken sie ab?

Linde Salber

Der Engel hat gelogen.

Zwei Jahre nachge­dacht, um nun gar nichts mehr zu wissen.

180 Motivations Aufkleber, 10 Motive.
Motivation, Position, Haltung, Meinung, Vision!

»Der halb bewusste Dämmer zwischen Selbst­täuschung und Betrogen werden.«

Hartmut Böhme

Halbschlaf-Kino

Dein gleichmäßiger Atem zerteilt die Zeit in Einatmen, Ausatmen, Stille. Einatmen, Ausatmen, Stille. Ich liege wach und mag mich nicht. In der Ecke wacht ein Schatten über uns. Das Halbschlaf-Kino lüftet seinen Vorhang, der Opernsaal wird zur Requisite, die Dimensionen heben sich auf. Der Schatten wird zum Riesen und steigt mit einem Schritt auf einen Logen­platz, sein Schuh passt gerade so hinein.

Vielleicht lese ich auch einfach gerne
Und schaue mir gerne Bilder an
Und träume vor mich hin
Den lieben langen Tag
Bücher lesen ist kein Beruf
Bilder anschauen auch nicht
Aber die Öffentlichkeits­arbeit für –
Ich werde protestieren
Werde mich fluchend daran erinnern
Dass ich Kunst studieren wollte

»Es ist leichter ein Zeichen zu werden, als zu versuchen, etwas zu bezeichnen.«

Laurie Penny

Zimmer ohne Tür

»Leben kann man sein Leben nur vorwärts, verstehen nur rückwärts.«

Oma Heidi, frei nach Sören Aabye Kierke­gaard

Gekocht haben wir diesmal Kartoffel­suppe und zum Nachtisch Ofenschlupfer, der im Bayrischen Wald »Scheiter­haufen« heißt. Dazu gab es echte Vanillesoße und Geschichten von der Rückkehr ihres Vaters aus der russischen Kriegs­gefangenschaft und einem jahrelang unent­deckten Zimmer ohne Tür im Haus ihrer Schwester.

Sabrinas schönste Sprichwörter

Ich zieh dir die Ohren über den Kopf.
Da legt sich die Katze schlafen.
Ich hab Angst, dass mir der Faden platzt.
Das ist das Wahre vom Ei.
Wir ziehn doch alle am selben Boot.
Du willst mich wohl hinters Glatteis führen.
Kanonen vor die Säue schießen.
Oder Kanonen vor die Perlen werfen.
Und den Knüppel ins Getriebe.
Noch grün hinter den Fittichen.
Wer im Glashaus sitzt sollte nicht mit Elefanten werfen.
Morgen­stund fängt den frühen Vogel.
Morgen­stund ist aller Laster Anfang.
Morgen­stund ist echt zu früh.

Das Nützliche mit dem Praktischen verbinden. Oder doch lieber das Angenehme mit dem Schönen.

Frühling. Ich traue mich aus dem Haus. Nur wenige Schritte weiter begegne ich anderen Frühlings­flaneuren. Ihr Schwatzen verschreckt mich, ich beschleunige meinen Schritt und senke den Blick zum Asphalt. Die Sonne im Rücken kriechen die Zweifel von den ausge­tretenen Sommer­schuhen bis in das verwaschene Grün meiner Strick­jacke. Die erste Begegnung mit bekannten Gesichtern überstehe ich mit leichtem Bauchweh. Ich nehme den schmalen Weg hinter den Häuser­reihen und beruhige mich. Da ist es, da sitzt sie, freut sich über das Gänse­blümchen und meinen Kuchen. Was sie alles kann! Und macht! Ich schrumpfe und verstecke in Gedanken alles, was ich noch gestern an die große Glocke meines Schnecken­hauses gehängt habe. Ich gehe weiter, verworrene Wege, vor und zurück, über alle drei Ampeln der Kreuzung. Fühle mich beobachtet und fast wie nackt ohne den grauen Winter­mantel. Drei Bauarbeiter machen Pause und sehen mir dabei zu, wie ich die Treppe hinunter tripple und kurze Zeit später wieder hoch. Die Schuh­sohlen sind nach innen abgelaufen, sicher habe ich X-⁠Beine, und dann noch dieser Hintern – er fängt die Blicke auf und wackelt weiter, weiter in ruhige Gassen, vorbei an verschlafenen Schreber­gärten, einem einsamen Kinder­garten, Fußballfeld, Tennis­platz, Vereinsheim, einer braun­grünen Wiese, einer lauten Haupt­straße – ich hasse Autos. Sportlich verkleidete Kinder rasen an mir vorbei. Ich hasse sportliche Kinder. Sie sind laut und grell und müssen immer zeigen, wie gut und wie viel besser als andere sie dies und jenes können. Ich will zurück in mein Schneckenhaus.