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Christina Schmid
Anfänge und Enden

Blog: 2025

Rohzustand

Am Montag fühlen sich meine Hände riesig, riesenhafte Pranken, die einen Klumpen Ton kneten.

Am Dienstag sagen wir uns alles und sehen uns gut. In diesen Tagen nehme ich mehr Raum ein, als ich mir zugestehe. Mittags lese ich in dem Buch mit dem seltsamen Geruch.

Am Mittwoch will das Kind zu Hause bleiben. Wir verbauen jeden einzelnen Duplo-Stein.

Am Donnerstag erledige ich alles, was sich mein Postfach für den Januar vorge­nommen hatte und bisher unmöglich schien.

Am Freitag sprudelt es nur so aus mir heraus, schon morgens um vier, als mich das Baby weckt. Um sechs stehe ich auf, setze mich an den Schreib­tisch und um neun sprudelt es weiter wie im Traum, als ich im Schwimmbad meine Bahnen ziehe, unter mir die Kacheln, quadratisch, nein recht­eckig, nein beides – wo ist der Übergang? Dreimal verpasst. Bei der vierten Bahn halte ich die Luft an und gleite über die Linie.

Plötzlich ist alles klar und da: Der Boden ist voller Buchseiten, Puzzle­teile aus den letzten Jahren fügen sich zusammen. Geomerie, Archi­tektur, Schatten, Licht, vergessen geglaubte Visionen rauschen durch mich hindurch. Es öffnet sich ein Spalt zu meinem Spiel­platz in Straßburg voller Konzepte, die ich nicht zerdenken wollte. Plötzlich verstehe ich dich und den Rohzu­stand. Die Freude über deine Einladung in unseren Dialog ist wieder da, ich bin wieder da.

Klavier

Vielleicht erinnerst du dich:

Das kleinste Noten­büchlein der Welt: Ein Ton pro Seite, einer für dich, einer für mich und so weiter. Komponierst du das Stück? Dann mache ich das Buch.

Das Klavier bekommt ein winziges Noten­büchlein, ein Leporello, zwei mal zwei Zenti­meter groß. Ich frage dich, ob es Binde­bögen braucht. Du schickst mir zwei Inter­pretationen zurück. Die Melodie habe ich mir für das Kind überlegt, vor seiner Geburt.

Jetzt wartet es auf mich im Kinder­garten, ich muss los und will nicht, seit Freitag schimpft es mit mir. Oh, diese Wut mit vier.

Erfüllung

Theo: Das darf ich nicht verraten, weil das ein Geheimnis ist, sonst geht meine Erfüllung nicht in Sicherheit.

Klick

Klick: Licht an
Klick: Licht aus
Klick: Licht wieder an
Klick: Aus

Bettge­raschel
Papier­geknüll
Knister­sym­phonie
Klavier?

Kissen

Wie klingt ein Bett aus Papier? Das Kissen mit Seiden­papier bezogen raschelt am Ohr und knistert noch nach, wenn der Kopf schon wieder weg ist, sein Abdruck bleibt. Deine Bilder schimmern hindurch, wie von einer Eisschicht zugedeckt, ungreifbar. Dann plötzlich ein Riss, aus dem Käfer krabbeln. Von einem schmalen Rand zum andern balanciert meine Aufmerksamkeit wie durch einen Nebel zu dir. Noch will
kein Traum zu mir.

Bis übers Ohr will ich bedeckt sein. Deckst du mich zu, liest du mir vor, siehst du den Schatten über uns? So wird der Raum zum Buch.

Wenn mein Kopf schon wieder weg ist, ist er wohl beim nächsten und übernächsten Essen. Orangene Suppe könnte es geben bei unserer Vernissage. Oder frisch gepressten Karotten-Apfel-Ingwer-Saft, wie heute hier.

Auszeit

Nächtelang erkläre ich Papa per Brief, was eine einsame Auszeit auslöst und warum wir lieber im Gespräch bleiben mit unserem Kind. Er will es nicht wissen. Und ich einfach in den Arm genommen werden. Er bestimmt auch.

Preisschild

Im Traum machst du Paula und Sascha ein Geschenk: Eine Schachtel mit Pralinen wie Kiesel­steine zu einer philo­sophisch-geologischen Abhandlung, ein dünnes Heft. Du siehst, dass ich das Preis­schild sehe, 447 Euro. Du wirst rot, nimmst die Schachtel wieder an dich und willst sie zurück­geben, wenn das noch geht. Kopfschüttelnd laufe ich durch den Raum zu Marlies und anderen stillenden Müttern am Boden zwischen Theater­proben. Dass ich obenrum nackt bin stört hier niemanden, nicht einmal mich.

Grasfrisur

Im Traum schwimmen wir durch eine Wasser­landschaft aus Kanälen, Strudeln und Becken, Mama redet ganz untypisch wie ein Wasserfall auf mich ein: Das geht doch nicht, so ein Lieben kreuz und quer. Vor uns schwimmt ein Typ, der sagt: In manchen Betten fühlt man sich eben wohler als in anderen. Auf seinem Kopf wächst grünes Gras in Büscheln, wild gemäht. Diese Grasfrisur bleibt mir tagelang im Kopf, bis ich sie jetzt endlich aufschreibe.