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Christina Schmid
Anfänge und Enden

Eisfabrik

»Mein Vater kaufte sich einen weißen VW-Bus mit einer lauten Hupe, die drei verschiedene Töne spielen kann. Damit hupt er die ersten zwei Takte von ›Im Frühtau zu Berge‹, dann ist Schluss. Einmal habe ich ihn gefragt, warum es gerade dieses Lied sein müsse, und er antwortete, dass es Appetit auf Eis mache. Der Haupt­grund sei jedoch, dass Frühtau, ach Frühtau, ein Wort sei, das eigentlich selbst eine Eissorte sein müsse. Und daraufhin ging er in den Keller und schuf eine neue Eissorte, die er ›Frühtau‹ nannte, ein Quitten­sorbet. Später komponierte er auch eine Sorte für burnout­gefährdete Deutsch- und Englisch­lehrer. Sie besteht aus Kumquats, Dörrpflaumen und gerösteten Mandeln, die ein bisschen angebrannt sein müssen, und heißt ›Plusquam Parfait‹.
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Mein Vater fährt immer dann mit dem Eiswagen herum, wenn er Lust dazu hat, selbst im Winter. Die Leute kaufen sein Eis auch in der kalten Jahreszeit. Auf Anfrage kreiert er Sorten für bestimmte Menschen oder Anlässe. Das ist teuer, aber es gibt trotzdem eine Menge Leute, die gern eine Eissorte haben wollen, die nach ihnen benannt ist. So viele Dinge werden nicht nach einem benannt. Für das meiste muss man tot sein und für den Rest reich.
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Das Eis meines Vaters ist anders als andere Eise, die man sonst so bekommt. Die Sorten haben Namen wie ›Schulfrei‹, ›Freude‹ oder ›Schöner Götter­funken‹. Aber es gibt auch düstere Sorten wie ›Melancola‹, ›Mathe-Eis‹ und ›Kummer­speck‹. Er hat Eis für jeden Tag in der Woche. Montags gibt es Sauren Apfel, dienstags Zartbitter, mittwochs Grieß­breis und donnerstags Rhabarber­kucheneis mir Baiser. Die Wochen­end­sorten sind zwanzig Cent teurer. Das Freitagseis besteht aus eine Kugel Schoko­vanille mit Pfann­kuchen­streifen darin und einem Geheimnis. Das heißt, innen in der Kugel versteckt er eine kleine Überraschung. Meistens ist es etwas zu essen, ein Kaugummi, ein Schokopfeffer­minz­taler oder ein Karamell­bonbon. Doch hin und wieder ist es etwas anderes, ein runder Kiesel, eine Muschel oder ein gestreiftes Schneckenhaus. Jeden­falls muss man dieses Eis sehr langsam essen.

Das Samstagseis birgt zwar keine Überraschungen, ist aber dafür eine Riesen­monster­kugel Fiordilatte mit rosaroter Himbeer­sahne­haube. Sonntags gibt es Mandeleis mit Meersalz in der Konzentration menschlicher Tränen. Das Sonntagseis enthält kaum noch Wasser, sondern ist eher wie kaltes Marzipan. Dieses Eis gibt es auch – mit jahres­zeit­lichen Variationen – an höheren Festtagen wie Ostern (mit Hefekranz­stückchen), Pfingsten (mit rosa Pfeffer) und den Advents­sonn­tagen (mit Apfel, Nuss und Mandelkern). Aller­dings heißt es an den Feier­tagen ›Kyrieleis‹. Alle Tages­eis­kugeln kann man ausschließlich an ihren jeweiligen Wochen­tagen erhalten.

Mein Vater denkt sich auch Eissorten aus, die er nur in Kombination verkauft. ›Stadt­land­fluss‹ zum Beispiel besteht aus drei Kugeln, nämlich ›Stadt‹ (Gin und Tonic), ›Land‹ (Milch und Honig) und ›Fluss‹ (Wasser­minze). Die Sorte ›Freiheit und Abenteuer‹ besteht aus jeweils einer Kugel wildem Thymian und einer aus Pistazie-Sambal. Es gibt außerdem eine Sorte, die heißt ›Vorfrühling‹ und besteht aus Waldmeister und Jasmin. Eine andere heißt ›Sommer‹, ein Blutorangeneis, unter das er die gelben, orangenen und roten Blüten­blätter von Ringel­blumen mischt. ›Herbst‹ macht er aus Birne in Rosen­wasser und ›Winter‹ aus Sternanis und Kokosmakronen­krümeln. Alle vier Kugeln zusammen kosten so viel wie drei, denn die Jahreszeit, die gerade ist, gibt es gratis dazu.«

Katharina Hagena: Das Geräusch des Lichts