Christina Schmid
Anfänge und Enden

Schwitters

»Sein Herz schlug vorwärts. Er liebte seinen Bau. Ein System von Höhlen, in die Höhe gedacht, ein aus Würfeln, Tetraedern, Kuben geometrisch sich auftürmendes Labyrinth mit dramatischem Lichteinfall, Fensterschlitzen, Draperien, Nischen. Ein Labyrinth, in dem kein Wollknäuel half, weil es nicht darauf ankam, zu einem Zentrum vorzudringen oder aus der Skulptur, in die man sich verschluckt fand, herauszutreten. Man musste sich ducken, fast kriechen. Er hatte Höhlen geformt und wieder zugemauert. Grottenreich, Wunderland, zu Anfang Kathedrale des erotischen Elends genannt. Hier steckte man einen Finger in einen Schlitz, dort hielt man die Nase an ein Loch und wurde aufgesogen von Erinnerungen, Bildern, Ideen. Jenen, die man sah, und stärker noch jenen, die lediglich evoziert waren. Spiegel gehörten von Anfang an dazu. Die Säulen glichen Raketen, Kaminen oder Spindeln, Wände und Treppen wurden eingezogen, dann schlug er eindrucksvolle Splitter von ihnen ab, schuf frappierende Aus- und Durchblicke. … Kurt hatte einen Raum der Erinnerung, Liebe, Verrücktheit geschaffen; eine begehbare Skulptur, die sich inzwischen über mehrere Stockwerke erstreckte. … Leben und Ordnung, Erfindung und Glanz. Man drehte sich, schaute, klopfte an Wände, spürte sich. Besucher fühlten sich überwältigt, zum Lachen gebracht, oder als habe ihnen jemand einen Kinnhaken versetzt. Manche beschimpften ihn, andere weinten.
Während der Arbeit flog die Zeit. Er formte Bögen, Trapeze, Dreiecke, Pyramiden, schickte Lichtstrahlen um Ecken. Linien kreuzten sich, Fläche stand gegen Fläche, weiße Musik aus angeschnittenen Buchstaben, Fundstücken, eine zusammengesetzte, nach und nach erst entstehende, in sich bewegliche Form, eine aus den Schatten gewaltig in die Höhe schießende Kunst, etwas, was es nirgendwo sonst auf dieser Welt gab.
Und nun musste er gehen.«

»Kurt-kürzestum: an selbstgekochtem Kleber schnüffeln, süchtig nach dem Bildvorgang zwischen Kopf und Hand. Menschen mit Worten aus ihren Dreiteilern, Leibbindern, Uniformen schmelzen. Nachdenken über Wiederholung und Müll. Erkunden, wie aus zweckgebundener verbrauchter Materie allein durch Kombination und Rekombination etwas Unbegreifliches entstand. Das Geistige der Kunst hatte Kandinsky es genannt. Er nannte es MERZ.«

»Aneinander vorbeileben. Das war schwierig in der kleinen Wohnung. Allemal mit jemandem wie K. S. Der war nicht nur groß gewachsen, der breitete sich aus, tigerte herum, machte Geräusch.«

»Militärisch fuhr das Deutsche Reich durch die Welt, als wäre die Welt ein Butterkuchen. Aufschneiden, mit deutschem Quark bestreichen, braune Rosinen darüber streuen.«

»Nacht wie ein Topf. Sterne sehen. Er sah nichts. … So kam es, dass er nun, da die Kinder schliefen, denn die hatten ihre Hormone und ihr gegenseitiges Atmen und wussten nichts von der Schlaflosigkeit des späteren Lebens, das Fenster öffnete …«

»Sie hatte Verehrer gehabt, sie hatte gewählt. Sich dem täglichen Kleinklein widmen, so dass Kurt in seinem Atelier arbeiten konnte – schneiden, kleben, denken, aufbrechen zu einem seiner Suchgänge nach ›Stoff‹ – er nahm, was ihm in die Finger fiel … So wirkte, was sie tat, von außen. Tatsächlich erfand und betrieb sie die Kurt-Arena-Hannover, wie Käthe Steinitz das gesamte Schrott&Schrat-Theater genannt hatte. Betrieb es in gleichem Maß wie Kurt. Und oft genug stärker als er.
Sie tippte, ordnete, verwaltete, besorgte Material, kochte für alle, machte den gesamten Haushalt, organisierte Kurts Reisen, seine Feste, seine Lesungen, lachte, prüfte, an ihr wurden Texte ausprobiert, an wurden sie hingesagt, sie kommentierte, verbesserte, hatte die weiterführende Idee. Denn das war das eine, der ›künstlerische Prozess‹, das ›große Geheimnis‹, das sie Shining genannt hatte … Natürlich gab es dieses, ›was er kann, kann keiner sonst‹, diesen Moment der Inspiration oder das Talent, aus dem heraus etwas anfing. Nur wie bescheiden fiel es aus im Vergleich zu dem Vorgang, der nötig war, um einen Einfall in ein Werk zu verwandeln. Mitunter sah selbst das schnell aus, etwa bei den Klebecollagen, wenn Kurt fieberhaft arbeitete, zehn Minuten, eine halbe Stunde. Dann wieder brauchte er Jahre. Ein erster Impuls verpuffte, wenn nicht das gesamte Umfeld mit wirksam wurde, die Unterstützung, Hilfe, Kritik, die Hebearbeit von Amme-Mamme H.«

»Er machte die Figuren, um es sich an ihnen noch einmal anzusehen. Man verstand nicht, was man erlebte. … hier oben begriff man, dass man nichts begriff. Das klang leicht. Das war leicht, für einen Augenblick. Dann fasst es auf das gesamte Leben zurück. Zersetzte es. … Mit der Zeit wurde das eigene frühere Leben durchsichtig. Und löste sich auf.«

Ulrike Draesner: Schwitters