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Christina Schmid
Anfänge und Enden

Lilablau

Theater­probe zu Justynas neustem Stück. Ich soll ein Kochbuch dazu gestalten mit handge­schriebenen Rezepten aller Darstellerinnen. Der Saal ist dunkel und leer, das Stück geht los. Futuristische Kostüme, die Handlung verstehe ich nicht. Ich stehe im Weg, werde mal hierhin und mal dorthin geschoben und spontan Teil der Inszenierung. So normal gekleidet wirke ich wie aus einer anderen Zeit. Wir fahren durch die Stadt, selbst diese ist völlig verändert, wie ein Rendering, es fehlen die Details. Ganze Viertel sind lilablau gestrichen, auch die Dächer und Straßen. Weit und breit keine Autos außer unserem Lastwagen, dessen großflächiger Aufdruck mit einem erstaunt drein­blickenden Smiley – ein mit dicken Linien gezeichneter lilab­lauer Quadrat­schädel – für das Theater­stück wirbt. Vorne im Wagen sitzen Winfried und Katrin, wir besprechen das Buch: Handschrift und Handskizzen der Gerichte, eine Doppel­seite pro Künstlerin. Ich krame in meiner Tasche, mein Smart­phone fällt heraus und das Display zersplittert am Polster, das hart ist wie Stein. Alles Kulisse. Ich kann mein Notizbuch nicht finden, also fahren wir zur Google-Zentrale, finden keinen Eingang. Ich rufe meinen Kollegen an und bitte ihn, mir mein Notizbuch und den gelben Kugel­schreiber herunter­zuwerfen. Statt­dessen öffnet er die gläserne Lamellen-Fassade für mich. Das Gebäude kann noch mehr: Wer versucht an der Fassade hinauf­zuklettern, wird mit Illusionen seiner größten Ängste konfrontiert: Spinnen, Wespen, Höhe – individuell projiziert. Google weiß ja alles. Auch über die eigenen Mitarbeiter. Das machen wir uns zunutze und drehen den Spieß um. Im Gebäude wimmelt es von Phobien, bald haben wir alle vertrieben und die Etage für uns. Die Welt, eine Projektions­fläche individueller Ängste und lilab­lauer Visionen.