Zum Inhalt

Christina Schmid
Anfänge und Enden

Russland

In der Abend­dämmerung mit der Familie am Strand, wir liegen im seichten Wasser und diskutieren, ob das Wasser wärmer ist als der Wind. Kirchen­glocken scheuchen uns auf, wir müssen uns beeilen, um recht­zeitig vor dem Gottes­dienst unsere auf dem Stein­boden verstreuten Dinge zu sortieren und einzu­packen – es ist unser letzter Abend in Russland. Lena und Jana sitzen wartend auf ihren gepackten Koffern und kommentieren den Kram, den wir im Laufe der Reise gekauft haben, vorwiegend Bücher. Lena sieht die Preise und ist schockiert, wie viel Geld wir ausge­geben haben. Ich sage ihr, was sie in Schuhwerk, Jacken und Gewehre investiere, fließe bei uns eben in Bücher. Sie zuckt mit den Schultern und geht schon mal vor. Das Glocken­geläut wird drängender, wir sind zu langsam. Gudrun zeigt uns einen Stein, der aussieht, als habe darauf der faltige Hinterkopf eines Säuglings seinen Abdruck hinter­lassen. Sie streicht liebevoll darüber und ist glücklich über ihren Fund. Während wir noch packen, erzählt sie uns alles, was sie im Internet über diese Kirche gelesen hat: Die Boden­platte sei vom Eingang bis zum Altar unter­teilt in sieben Abschnitte, wie die Teile eines Briefes. Und Briefe schreibe man hier nur im Beisein der Mutter, die am Anfang und Ende jedes Absatzes erwähnt sein muss. Der Boden ist nun leer, die Koffer sind gepackt, die Glocken verstummt. Von außen lauschen wir den Gesängen und schauen durch die Kirchen­fenster, die farbigen Scheiben wie Buchrücken an Buchrücken im Regal, wir setzen uns auf Höhe der Titel.