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Christina Schmid
Anfänge und Enden

Blog: 2008

Kiss me

Kiss me at first sight or should I laugh because my life is missing?

Mein erster englischer Kühlschrank­magnet­wörtersatz.

Am Samstag­mittag spaziere ich los: Vorbei an den Gebäuden der Columbia University, zahlreichen Denkmälern irgend­welcher Freiheits­kämpfer und dem Morning Side Park (der nachts gefährlich sein soll) bis zum Central Park. Nach zwei Stunden zwischen Joggern, Bikern, Pärchen, Herrchen, Frauchen, Hündchen (mit Jäckchen) und struppigen Kötern, Müttern mit Gelände­kinder­wägen, Baseball trainierenden Vätern und Söhnen, schnatternden Enten im halb zugefrorenen Gewässer, vielen neugierigen Eichhörnchen (Squirrels) und entspannten, freundlich grüßenden Spazier­gängern, habe ich den Park mit seinen 340 Hektar dann fast durch­quert und mir eine Hot Chocolate mit Triple Chocolate Cookie verdient.

Bei Einbruch der Dunkelheit gehe ich zum Empire State Building. Bis ich oben bin, muss ich mich in 15 Schlangen einreihen, mich durch­checken lassen, fürs Erinnerungsfoto vor Green­screen in die Kamera grinsen, sämtliche Extras mehrfach ablehnen, zweimal Aufzug fahren, um dann im Andenkenshop zu landen. Draußen dann die unglaubliche Höhe von 86 Stock­werken. Während der langen Warterei lerne ich drei Mädels kennen, die zwar schon immer in New York wohnen, nun aber zum ersten mal hier oben sind. Sie zeigen mir die markanten Punkte von Manhattan.

Work

Die ersten zwei Tage bei Pentagram liegen hinter mir. Das Büro ist in einem ehemaligen Bankge­bäude, das auch mal ein Nachtclub war, in der Fifth Avenue direkt gegenüber vom Madison Square Park. Im Keller gibt es noch zwei alte Tresor­türen, eine Material­bibliothek und den riesigen Modell­bautisch – dort fühle ich mich gleich wohl. Auch sonst mag ich’s: Alles ist gut organisiert, das Material­lager gefüllt, die Anzahl der Drucker und Plotter lässt mich den Kopf schütteln und dienstags bis donnerstags kocht die Köchin healthy Lunch für alle, was sich ein bisschen nach Design-Camp anfühlt. Meine Aufgaben beschränken sich bislang auf Basteln und Türen in Architektur­plänen zählen – die FIT Fashion School ein paar Straßen weiter braucht Türschilder und ein neues Leitsystem. Wer weiß was noch kommt. Die Subway scheint hier direkt unter dem Gebäude durch­zufahren, im Keller und im ersten Stock dröhnt es alle paar Minuten. Besonders gemein ist der neue Teppich: Sobald ich ein paar Schritte durchs Büro gehe, muss ich beim Berühren des nächsten Tischs damit rechnen, einen elektrischen Schlag zu bekommen – Autsch!

Loft

Als ich mich am Diens­tag­abend für das Minizimmer in der gemütlichen Miniwohnung des ruhigen, netten, schwulen, spanischen Kochs inklusive zweier Minihunde in Queens entscheide, kommt seiner­seits keine Rückmeldung mehr. Vielleicht hatte ich erwähnt, dass ich Hunde nicht so mag. Dafür stehen nun zwei Loftbe­sichtigungen in Brooklyn an.

Loft Nummer eins: Industrie­halle, riesengroß, be»wohnt« von drei Produkt­designern, die den Großteil des Stock­werks als Werkstatt nutzen und lustige Möbel bauen. Die Heizung etwas unter­dimensioniert, die Bäder im Original­zustand von damals … zu krass für mich, also weiter.

Eigentlich will ich zu Fuß zur nächsten Wohnung, doch es weht ein furchtbar eisiger Wind und ich bin ziemlich allein auf den Straßen, also nehme ich die Subway. Als ich dann völlig durch­gefroren und fertig dort ankomme, öffnen mir zwei nette Jungs die Tür zu einem gemütlichen Loft und machen mir erstmal einen Tee. Hier endet meine Wohnungs­suche, in 10 Tagen ziehe ich nach Bushwick zu Pete und Martin. Mein Schlaf­zimmer dort ist ein fensterloser Schuh­karton mit Bett und Kleider­stange, der Wohnraum riesig, hell und voller weicher Sofas. Das Beste ist der Blick vom Dach auf Manhattan.

Silvester … am Times Square

Ich wollte da ja nicht hin. Stunden in der Kälte, kein Sekt, kein Feuerwerk. Die Kugel platzt, Konfetti prasselt über die Köpfe, wir sehen es auf der Leinwand. Ein paar Funken sprühen, alle jubeln für zwei Minuten, fallen sich in die Arme und schon setzt sich die riesige Menschen­masse in Bewegung. Sie suchen nach der Party des Jahres, aber die gibt es nicht, nicht an diesem Abend. Nächstes Jahr bitte ganz unspektakulär, zu zweit Feuerwerk gucken und mit Sekt anstoßen. Happy new year!

Nachher eine Zimmer­besichtigung in Queens: »gay latin chef easy going & respectful to all.« – na denn.

Morgen ist mein erster Arbeitstag bei Pentagram, ich bin gespannt. Und etwas aufgeregt.