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»Auf die Frage ›wer?‹ antworten, heißt, wie Hannah Arendt nachdrücklich betont hat, die Geschichte eines Lebens erzählen.«
Paul Ricœur, Zeit und Erzählung
Bevor mich keiner fragt
Zwei Tage im Nirgendwo
Bis zum kugelrunden Bauch im Wasser, alle fünf Meter einer, die Angel im Blick, die Ausrüstung perfekt. Fischköpfe dümpeln am Ufer, wo die Jungs ihr Anglerglück versuchen. Ausbeute: drei. Auf der Ladefläche sitzend, mit wehenden Haaren den Berg hinauf zum Campingplatz inmitten von grün. Die Klimaanlage tut ihr bestes, um das mobile Provisorium auf soundsovielen Squarefoot kühl zu halten.
Vom Urlaub am Fluss ins Landleben der Morgans. Haus Nummer zwei nach dem großen Brand, innerhalb von drei Jahren vollgemüllt, von einem Fuhrpark umrundet, als wären es vergessene Spielzeugautos. Mitten im Nirgendwo aufzuwachsen, lässt einem dicken Jungen wohl keine andere Wahl, als die Tage im Keller mit Videospielen und die Wochenenden mit Angeln oder Schießen hinter sich zu bringen. Die zwei Hunde hecheln und die fünf Katzen schleichen durch ein abgedunkeltes, muffiges Chaos der Konsumkultur. Kulturvermittlung, wo keine gemeinsamen Interessen bestehen. Eine Prinzessin von einem anderen Stern sieht zu und schweigt und beißt in das frittierte, fetttriefende Allerlei. Im Kopf nur Kunst und Bücher, und Gemüse im Fahrradkorb der süddeutschen Kleinstadt. Die Natur ist gemein und Tiere sind doof. Während der Stift über das Papier gleitet, krabbelt eine Ameise im Zickzackkurs zwischen die Zeilen.
Books
»Without books, history is silent, literature dumb, thought and speculation at a standstill. Without books, the development of civilisation would have been impossible. They are engines of change, windows on the world, and (as a poet said) ›lighthouses erected in the sea of time‹. They are companions, teachers, magicians, bankers of the treasures of the mind. Books are humanity in print.«
Barbara W. Tuchman
Detroit
Nach vier spannenden Tagen in Chicago voll feinster Architektur, Blues, Sonne und Riesensee stand am Memorial Day der Mietwagen für uns bereit: ein knallroter Fiat 500. Damit durch Detroit und die USA zu tingeln wäre zwar ein amüsanter Anknüpfungspunkt an die Reise zu viert im Twingo durch Skandinavien, allerdings sind wir ja in Amerika und um den Fiat herum stehen weit und breit lauter Jeeps, also beschließen die Jungs, dass wir noch mal etwas Geld drauflegen, um nach einigem Hin und Her einen blauen Passat Richtung Detroit zu steuern. Auf dem Weg machen wir Halt an Dünenstränden und im aufgeräumten Grand Rapdis, der zweitgrößten Stadt in Michigan. Seit Dienstag Abend sind wir in the D und wohnen bei Paul. Wie schön er das Haus innen renoviert hat, lässt sich von außen noch nicht erahnen, aber bald wird es blau verkleidet.
Über den Stuttgarter Regisseur Marcello hatten wir schon im Vornherein Kontakt zu seinen Freunden, mit denen er in den Neunzigerjahren Filme über Detroit drehte. Nach und nach besuchen wir sie und erfahren immer mehr über diese kaputte Stadt mit ihren traurigen aber eigentümlich schönen Industrie- und Wohnruinen und zerfledderten Vierteln, von denen manche eine ganz besondere Energie und Motivation ausstrahlen. Wir treffen auf Nachbarn, die zusammen ihr Viertel aufräumen und Gemeinschaftsgärten anlegen, auf Urban Farming zwischen verlassenen und abgebrannten Wohnhäusern und die Natur, die sich überall in dieser riesigen Stadt breit macht. Es gibt so viel zu sehen und mit jedem Tag wird unsere Liste länger.
Auf den Spuren des Individualkonsums, dem Amerikanischen Traum schlechthin. Wir besichtigen seine Relikte vom Auto aus, danach frönen wir der Nostalgie auf der Route 66. Destruktive Fragezeichen vom Rücksitz des überdimensionierten Mietwagens.
»Irgendwas müssen wir machen!«
Unzerplatzbare Seifenblasen
Wenn einem schon beim Aufwachen der Tod einfällt. Man denkt an das weiße Licht, an das Nichts und an die Leere. Das wars dann. Einfach so. Ohne dass noch jemand weiß, was war. Religion fällt einem ein, später vielleicht, der Angst wegen. Statt mit angemessen ängstlicher Miene die eigene Endlichkeit zu thematisieren, verfällt man in flapsige Ironie und vergisst es schnell wieder. Dann steht man auf und macht weiter und lebt.
Am Abend sagt einer, dass das Bewusstsein aus Energie besteht und dass Energie sich nicht einfach auflöst. Das hilft.
»Man kann einfach weggehen, dachte ich. Entweder man geht ein bisschen weg, oder man geht richtig weg, oder man bleibt.
Erst bin ich ein Stückchen weggegangen und habe gemerkt, ein Stückchen ist schon zuviel, aber noch nicht genug. Ein Stückchen ist zuviel zum Umkehren und Zurückgehen, aber man ist noch nicht richtig weggegangen.«
Birgit Vanderbeke: Ich sehe was, was Du nicht siehst
Ich habe die Ruhe wach zu sein.
Die wachen Gedanken machen mich müde.
How to survive as a painting
»Aber es herrscht eine giftige Statusangst, ein gewaltiges Sinnvakuum, ein wahnsinniges selbstreferenzielles Klima.«
Katja Kullmann, Rasende Ruinen
Zu Anaïs Nin
»Ich bin überzeugt, wenn Sie bei Ihrer Schriftstellerei Erfolg haben, werden Sie die auch aufgeben, um sich zu bestrafen.«
»Nie trifft man den anderen im gleichen Gemütszustand, der gleichen Phase, der gleichen Stimmung – niemals. Wir sitzen alle auf einer Wippe.«
»Im Zug begann ich zu schreiben, um die Siebenmeilenstiefelsprünge meines Lebens durch die Ameisenaktivität meiner Feder auszugleichen.«
Über eine solche Fülle von bezeugtem Leben müsste sich ein Biograph eigentlich freuen … sie hat alles sagen wollen, was sich irgend sagen lässt … die Fülle des Formulierten und Notierten führt in ein Dickicht in welchem sich Anaïs Nin auch verliert und versteckt.
Es gibt Situationen, da macht man viele Worte um das eine Wort nicht sagen zu müssen, das einen so zeigen könnte, wie man sich selbst nicht sehen möchte und wie man nicht gesehen werden will … Zudecken mit Material haben Analytiker das genannt.
Gegen was schreibt sie an? Welchen Schmerz sollen die vielen Worte lindern, und wovon lenken sie ab?
Linde Salber
Der Engel hat gelogen.
Zwei Jahre nachgedacht, um nun gar nichts mehr zu wissen.
180 Motivations Aufkleber, 10 Motive.
Motivation, Position, Haltung, Meinung, Vision!
»Der halb bewusste Dämmer zwischen Selbsttäuschung und Betrogen werden.«
Hartmut Böhme
Halbschlaf-Kino
Dein gleichmäßiger Atem zerteilt die Zeit in Einatmen, Ausatmen, Stille. Einatmen, Ausatmen, Stille. Ich liege wach und mag mich nicht. In der Ecke wacht ein Schatten über uns. Das Halbschlaf-Kino lüftet seinen Vorhang, der Opernsaal wird zur Requisite, die Dimensionen heben sich auf. Der Schatten wird zum Riesen und steigt mit einem Schritt auf einen Logenplatz, sein Schuh passt gerade so hinein.
Vielleicht lese ich auch einfach gerne
Und schaue mir gerne Bilder an
Und träume vor mich hin
Den lieben langen Tag
Bücher lesen ist kein Beruf
Bilder anschauen auch nicht
Aber die Öffentlichkeitsarbeit für –
Ich werde protestieren
Werde mich fluchend daran erinnern
Dass ich Kunst studieren wollte
»Es ist leichter ein Zeichen zu werden, als zu versuchen, etwas zu bezeichnen.«
Laurie Penny
Zimmer ohne Tür
»Leben kann man sein Leben nur vorwärts, verstehen nur rückwärts.«
Oma Heidi, frei nach Sören Aabye Kierkegaard
Gekocht haben wir diesmal Kartoffelsuppe und zum Nachtisch Ofenschlupfer, der im Bayrischen Wald »Scheiterhaufen« heißt. Dazu gab es echte Vanillesoße und Geschichten von der Rückkehr ihres Vaters aus der russischen Kriegsgefangenschaft und einem jahrelang unentdeckten Zimmer ohne Tür im Haus ihrer Schwester.
Sabrinas schönste Sprichwörter
Ich zieh dir die Ohren über den Kopf.
Da legt sich die Katze schlafen.
Ich hab Angst, dass mir der Faden platzt.
Das ist das Wahre vom Ei.
Wir ziehn doch alle am selben Boot.
Du willst mich wohl hinters Glatteis führen.
Kanonen vor die Säue schießen.
Oder Kanonen vor die Perlen werfen.
Und den Knüppel ins Getriebe.
Noch grün hinter den Fittichen.
Wer im Glashaus sitzt sollte nicht mit Elefanten werfen.
Morgenstund fängt den frühen Vogel.
Morgenstund ist aller Laster Anfang.
Morgenstund ist echt zu früh.
Das Nützliche mit dem Praktischen verbinden. Oder doch lieber das Angenehme mit dem Schönen.
Frühling. Ich traue mich aus dem Haus. Nur wenige Schritte weiter begegne ich anderen Frühlingsflaneuren. Ihr Schwatzen verschreckt mich, ich beschleunige meinen Schritt und senke den Blick zum Asphalt. Die Sonne im Rücken kriechen die Zweifel von den ausgetretenen Sommerschuhen bis in das verwaschene Grün meiner Strickjacke. Die erste Begegnung mit bekannten Gesichtern überstehe ich mit leichtem Bauchweh. Ich nehme den schmalen Weg hinter den Häuserreihen und beruhige mich. Da ist es, da sitzt sie, freut sich über das Gänseblümchen und meinen Kuchen. Was sie alles kann! Und macht! Ich schrumpfe und verstecke in Gedanken alles, was ich noch gestern an die große Glocke meines Schneckenhauses gehängt habe. Ich gehe weiter, verworrene Wege, vor und zurück, über alle drei Ampeln der Kreuzung. Fühle mich beobachtet und fast wie nackt ohne den grauen Wintermantel. Drei Bauarbeiter machen Pause und sehen mir dabei zu, wie ich die Treppe hinunter tripple und kurze Zeit später wieder hoch. Die Schuhsohlen sind nach innen abgelaufen, sicher habe ich X-Beine, und dann noch dieser Hintern – er fängt die Blicke auf und wackelt weiter, weiter in ruhige Gassen, vorbei an verschlafenen Schrebergärten, einem einsamen Kindergarten, Fußballfeld, Tennisplatz, Vereinsheim, einer braungrünen Wiese, einer lauten Hauptstraße – ich hasse Autos. Sportlich verkleidete Kinder rasen an mir vorbei. Ich hasse sportliche Kinder. Sie sind laut und grell und müssen immer zeigen, wie gut und wie viel besser als andere sie dies und jenes können. Ich will zurück in mein Schneckenhaus.
Sonntagskloß im Hals. Vergessen ist die zuckersüße watteweiche Glückseligkeit der verschlafenen Morgenstunden in deiner warmen Nähe. Im gleißenden Tageslicht verengt sie meinen Blick. Ich werde blöde, anhänglich und einfach.
Vergesse mich und merke, wenn ich jetzt nicht rausgehe platze ich. Und ich bleibe und platze. Gehe dann raus, ohne dich. Da fällt mir wieder ein: Vergiss dich nicht. Vergiss mich nicht. Vergiss nicht.
Vergiss es.
Ich habe Angst.
Angst davor dass alles zusammenbricht.
Mein System.
Eure Hoffnungen.
Online.
Bei mir tut’s.
Aber bei dir?
Und bei denen?



