Christina Schmid
Anfänge und Enden

Falter

Zwanzig Falter aus Papier. Kurz breite ich die Flügel aus in meinem Zimmer und falte mich schnell wieder ein, mache mich klein, bevor der Wirbelwind alles durcheinander bringt. Wieder schiele ich zum Haus im Garten und sehe meine Papierwerkstatt darin.

Habe ich dir das Haus schon gezeigt?
Komm mal vorbei!

Blitz

Ich lege meinen Kopf in die Ritze zwischen zwei Kissen, alle paar Atemzüge blitzt es darin. Meine Matratze, Decke und drei Kissen mischen sich zu einem grüngrauen Kompromiss um meinen kranken Körper, der sich nicht bewegen will, und doch ständig muss, auch das Baby ist krank. Stillen nach Bedarf, und der ist groß in dieser Nacht. Schnuller, Zudecken, Schnuller, Nähe, Schnuller, Abstand, Schnuller und wieder Stillen. Schlaf, bitte schlaf. Wenn es dann schläft, ist da noch mein Kopf, der nicht Nichtdenken kann. Im Fieber baut er mir unsere Ausstellung als mehrstöckige Geschichte auf Rädern. Wann immer ich wach bin, flüstern sich Uhrzeiten ins Geraschel von Bett und Papier. Mein Traum wird angezapft von einer dunklen Macht, die vom Baby nur eine Reihe kleinerer Hüllen und einen USB-Stick übrig lässt. Ich lausche jedem Atemzug neben mir und jedem Geräusch im Kinderzimmer nebenan. Immer waches Mutterhirn, Kranksein ist nicht vorgesehen.

Lücken

Mittwoch und wieder ist das Kind krank. Seine Fünftagewoche ist abgeschafft. Ich habe ja eh nur zwei konzentrierte Tage und für die Kunst sind höchstens die Lücken und Ränder vor­gesehen. Weil ich nicht raus will und kann aus unserem Offenen Buch, schaut es die Sendung mit der Maus. Orange!

Ich mag deine Orangen im Seidenpapier.

Gestern lag ein schwarzes Seidenpapier in einem Paket, das habe ich gefilmt.

Jetzt werde ich gebraucht, muss wieder raus aus meinem Fluss und bin frustriert.

Fehlende Anhänge

Skizze Kachelübergang
Maßstabssprünge
Orangenmaterialproben

Rohzustand

Am Montag fühlen sich meine Hände riesig, riesenhafte Pranken, die einen Klumpen Ton kneten.

Am Dienstag sagen wir uns alles und sehen uns gut. In diesen Tagen nehme ich mehr Raum ein, als ich mir zugestehe. Mittags lese ich in dem Buch mit dem seltsamen Geruch.

Am Mittwoch will das Kind zu Hause bleiben. Wir verbauen jeden einzelnen Duplo-Stein.

Am Donnerstag erledige ich alles, was sich mein Postfach für den Januar vorgenommen hatte und bisher unmöglich schien.

Am Freitag sprudelt es nur so aus mir heraus, schon morgens um vier, als mich das Baby weckt. Um sechs stehe ich auf, setze mich an den Schreibtisch und um neun sprudelt es weiter wie im Traum, als ich im Schwimmbad meine Bahnen ziehe, unter mir die Kacheln, quadratisch, nein rechteckig, nein beides – wo ist der Übergang? Dreimal verpasst. Bei der vierten Bahn halte ich die Luft an und gleite über die Linie.

Plötzlich ist alles klar und da: Der Boden ist voller Buchseiten, Puzzleteile aus den letzten Jahren fügen sich zusammen. Geomerie, Archi­tektur, Schatten, Licht, vergessen geglaubte Visionen rauschen durch mich hindurch. Es öffnet sich ein Spalt zu meinem Spielplatz in Straßburg voller Konzepte, die ich nicht zerdenken wollte. Plötzlich verstehe ich dich und den Rohzustand. Die Freude über deine Einladung in unseren Dialog ist wieder da, ich bin wieder da.

Klavier

Vielleicht erinnerst du dich:

Das kleinste Notenbüchlein der Welt: Ein Ton pro Seite, einer für dich, einer für mich und so weiter. Komponierst du das Stück? Dann mache ich das Buch.

Das Klavier bekommt ein winziges Notenbüchlein, ein Leporello, zwei mal zwei Zentimeter groß. Ich frage dich, ob es Bindebögen braucht. Du schickst mir zwei Interpretationen zurück. Die Melodie habe ich mir für das Kind überlegt, vor seiner Geburt.

Jetzt wartet es auf mich im Kindergarten, ich muss los und will nicht, seit Freitag schimpft es mit mir. Oh, diese Wut mit vier.

Klick

Klick: Licht an
Klick: Licht aus
Klick: Licht wieder an
Klick: Aus

Bettgeraschel
Papiergeknüll
Knistersymphonie
Klavier?

Kissen

Wie klingt ein Bett aus Papier? Das Kissen mit Seidenpapier bezogen raschelt am Ohr und knistert noch nach, wenn der Kopf schon wieder weg ist, sein Abdruck bleibt. Deine Bilder schimmern hindurch, wie von einer Eisschicht zugedeckt, ungreifbar. Dann plötzlich ein Riss, aus dem Käfer krabbeln. Von einem schmalen Rand zum andern balanciert meine Aufmerksamkeit wie durch einen Nebel zu dir. Noch will
kein Traum zu mir.

Bis übers Ohr will ich bedeckt sein. Deckst du mich zu, liest du mir vor, siehst du den Schatten über uns? So wird der Raum zum Buch.

Wenn mein Kopf schon wieder weg ist, ist er wohl beim nächsten und übernächsten Essen. Orangene Suppe könnte es geben bei unserer Vernissage. Oder frisch gepressten Karotten-Apfel-Ingwer-Saft, wie heute hier.

Klappkisten

Wer bin ich bloß geworden? Welche Teile von mir ich verloren habe, sehe ich in deiner Wohnung, als sei sie mein Spiegel: Schau, so frei und beweglich kann ein Leben eingerichtet sein.

Ina, Fragment in meinem Namen. Und ich? Entsetzt in deinem Archiv aus dreihundert Klappkisten direkt unter der Galerie. Fasziniert, wie du mit diesem Haus verwachsen bist.

Ist »Entsetzt« das richtige Wort?
Wertvolle Last.

Orangenheizung

Nach einigem Stöbern fand ich das Bild vom Bild der Orangenheizung wieder, 2016 in einem Buch in Straßburg entdeckt. Was sich die Träume doch so merken, und was alles nicht.

Skizzenbücher voller Buchskizzen, seitenweise Zweiseiter träumen im Regal. Alle scannen und übereinanderlegen: verdichtetes Potenzial.

Treffen wir uns mal bei dir mit Papier?

Vom Text zum Bild

Du kommst mich besuchen in meinem Buch­traum, hier findest du dich. Du schimmerst zwischen den Zeilen hervor, spinnst feine Fäden von einem Fragment zum nächsten, zum Licht. Hier fallen mir deine Bilder ein. Ina! Fragment in meinem Namen. Und ich in deinen Bildern? Die ich nun sortieren will. Mein neues Du. Kein Zurück in den Text vom letzten Jahr. Er ist uns Material für neue Träume auf Papier, das knistert, knirscht und klingt. Wir reißen, schneiden, falten, knittern, knüllen, rollen uns ein. Schluss mit Papiertheorie, ran ans Material, rein in deine Bilder und raus aus dem Text. Und das Buch? Ein Traum. Nicht mehr. Mehr nicht.

Offenes Buch

Ich schreibe mich zu deinen Bildern.
Lege aus, was zu mir spricht.
Lese dich in meinen Texten.
Überschreibe mich an dich.
Wohin es uns noch blättert?

Buchschatten

Wie viel Freude mir das macht, dein Orange in meinen Texten! Deine-meine Sätze schlängeln sich durch die Galerie. Am Boden ein orangenes, meterlanges Lesebändchen am winzigen Buch, das orange angestrahlt einen riesigen Buchschatten auf Wand und Decke wirft.

Vor genau zwei Jahren träumte ich von einer orangenen Ausstellung. Und jetzt von einem Buch in Orange mit allen Texten, in denen Orange vorkommt.

Kleid

Dein Buch ist ein Kleid, das deinen Körper einhüllt, es raschelt, wenn du dich darin drehst. Zu Kleidern kamst du über den Tanz, nun kleidest du dich als Buch für mich, willst gelesen werden, sortiert, die Seiten ohne Reihenfolge übereinandergeschichtet, ich kann dich nicht lesen, nicht in diesem Licht und schon gar nicht in diesem Kleid, das dich verdeckt. Zugedeckt mit seitenweisem Text ohne Ende und Anfang, wie lose Fäden hängen die Sätze von dir weg. Erst jetzt sehe ich den Raum, in dem wir uns drehen: Text über Text an Wänden, Boden und Decke, sie flüstern und rascheln im Wind, der durch das nächtliche Fenster in dich und dein Kleid weht, dein Buch, das du jetzt ausziehst. Darunter trägst du nur noch ein Wort auf deiner Haut, am Ellbogen, was steht da für immer für dich? Imagine.

Weiß

Plötzlich bin ich allein im Weißraum der Seite. Stille. Keine Stimmen mehr im Kopf, keine Briefe im Kasten, alle Notizen weg. Die Worte werden weniger, mein Wortschatz schrumpft. Wir sammelten Sätze, die schon vergessen sind. Ich sammelte Wörter, Menschen, Küsse, ließ sie stehen, ging weiter und weg. Vergesse nun auch mich und schaue aufs Weiß, werde blass und durchsichtig, wie alles, was ich geschrieben habe. Meine Bücher verlieren ihre Farben, die Buchstaben purzeln heraus und krabbeln wie Ameisen davon. Zuletzt verschwinden die Punkte auf meiner Haut und ich bin weiß wie diese letzte Seite, mit der ich mich zudecke. Weich wie eine Decke, weiß wie das Licht in diesem Nichts. Nebel zieht auf und dämpft dein fernes Vorlesen, ich schlafe ein.

Orangentraum

›Das Schweigen der Orangen‹ – so könnte meine Ausstellung heißen. Orangen rollen durch den Raum und halten den Mund, als sie auf den Boden geworfen und zermatscht werden. Reglos liegen sie auf den heißen Heizungsrippen und verströmen ihren Duft. Alle Orangen ausverkauft in der gesamten Region, am nächsten Tag fluten sie dann den Markt, Konsumkritik in Orange. Natürlich gibt es frischgepressten Orangensaft zur Vernissage.