Christina Schmid
Anfänge und Enden

Auszeit

Nächtelang erkläre ich Papa per Brief, was eine einsame Auszeit auslöst und warum wir lieber im Gespräch bleiben mit unserem Kind. Er will es nicht wissen. Und ich einfach in den Arm genommen werden. Er bestimmt auch.

Elefantenbrunnen

Im Traum sitzen wir in einem Bus, er fährt nicht los und wird immer voller. Wir steigen aus und gehen zu Fuß zum Meer. Es ist zu heiß, kein Schatten weit und breit, nur gleißendes Sonnenlicht. Also wieder in die Stadt zu einem Brunnen mit Elefanten aus Stein, von dem du gelesen hast. Wir klettern barfuß auf ihren Köpfen herum, jeder Elefant spritzt anders. Humpelnd zeigst du mir einen Paravent, hinter dem sich ein kleiner Elefant versteckt, schon grün vor Moos. Auf deinen Wunsch steige ich auf seinen Kopf, da plustert er wummernd die Backen auf und taucht ab ins Dunkel mit mir und wieder auf. Er spritzt aus allen Poren dich und dein Buch nass, du lachst.

»Die Zeit verläuft nicht linear, ebenso wenig die Erinnerungen. Man erinnert sich immer stärker an das, was einem gerade emotional nahe ist. An Weihnachten denkt man immer, das vergangene Weihnachten wäre erst vor kurzem gewesen, obwohl es zwölf Monate zurückliegt. Der eigentlich nähere Sommer von vor sechs Monaten liegt dagegen gefühlt viel ferner. Die Erinnerungen an Dinge, die emotional der Gegenwart ähnlich sind, nehmen quasi eine Abkürzung.«

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit

»Vielleicht schreibst du nicht auf Papier, doch in deinem Kopf tust du es. Das hast du schon immer getan. Du bist ein Erinnerer und Bewahrer, und du weißt es.«

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit

Linie#7

Ohne einen Blick für die vorbeiziehenden Felsen, Wälder und Kornfelder betrachten sich zwei in der Spiegelung der Scheibe: Zahnspangen und künstliche Wimpern, im Nacken ein Pickel und etwas Sonnenbrand. Sie lümmeln auf den Sitzen, drücken ihre Schuhe aufs Polster, lösen sich gegenseitig die Schnürsenkel und besprühen sich von Kopf bis Fuß mit Himbeerduft. Die Wolke umhüllt sie wie ein Privatabteil. Sie sehen uns nicht oder durch uns hindurch auf sich im nächsten Spiegel.