»Es war einmal« lag Nina nicht. Sie erzählt nicht von A bis O, sie erzählt von wo sie stehen geblieben war bis wohin sie gerade kommt. Hatte er das schon vergessen? …
Das Erzählen brauche nur genügend Raum, und womöglich sei es so, dass, wenn die Erzählenden gerade nicht genug davon hätten, wenn es ihnen eng ums Herz oder eng in der Kehle sei, sich das Erzählen erst mal in Sicherheit bringe. Ein paar Tausend Jahre in Eiswasser und Ruhe zwischen lose stehenden Kiefern machten ihm gar nichts aus. …
Es sei nun an der Zeit, mal nach dem Erzählen zu sehen. Leider zeige es sich nicht gleich jedem, man müsse Geduld mitbringen. – Und nicht auf die Idee kommen, es ließe sich mit einem »Es war einmal« locken, meinte Nina, bevor sie in die Küche ging, um Tee zu kochen. Im Zimmer hielt man inne. Als sie zurückkam, fragte sie: »Wo waren wir stehen geblieben?« …
Ob sie das nicht eines Tages alles aufschreiben wolle. Für die Welt. Für die Nachwelt. Nein! Witterung aufnehmen, das lasse sich nicht fixieren! Eben gerade nicht. Weil Konzentration und Beweglichkeit erforderlich seien, schnelle Entscheidungen: die eine Spur verlassen, einer anderen folgen, ins Ungewisse. Keine Zeit für Papier und Stift.
Das Haus
Wenn Nina und Carl abends spazieren gehen, gehen sie »am Haus« vorbei. »Das Haus« gehört zu ihrer neuen Welt, wie eine Requisite; vertraut, aber ohne Bedeutung – denkt Nina. Carl hat ein Auge darauf geworfen, oder das Haus eines auf ihn? – Jedenfalls fühlt sich Carl schon das erste Mal, als er es sieht, ins Mark getroffen. …
Jedes Mal, wenn sie an »dem Haus« vorbeigehen, verwandelte es sich in etwas; bis es sich in eines immer mehr verwandelt – in etwas, was es womöglich sogar einmal gewesen ist. Und nun beginnt er, darüber zu sprechen: »Das Haus«, sagte er. Er habe sich dazu etwas gedacht. Er könne sich dazu etwas vorstellen. Nina schaut ihn an mit einem Blick, den man nicht anders als alarmiert nennen kann. Bitte, es soll sich nichts ändern! Sie möchte nichts und niemanden an ein Haus verlieren. Und doch, Carl bleibt dabei, er möchte in dieser Welt einen Ort haben, der etwas bedeutet, der ›ihm‹ etwas bedeutet, und darüber hinaus auch dem Gemeinwesen, dem er angehört.
»Haben«, wiederholt Nina. »Damit fängt das Elend an.«
»Haben«, entgegnet Carl, »heißt nicht, dass ich ein anderer werde.«
Sie streiten. Der Streit löst die Sprachlosigkeit ab. …
So reden sie immer weiter um das Haus und das vermeintliche Hotel herum und in eine nahezu unentwirrbare Kette von Missverständnissen hinein. Denn ein Hotel – nein!, das will er doch gar nicht. Er will etwas ganz anderes. Er möchte eine Schule: eine Knüpf- und Webschule, er möchte Webstühle bauen – aber ja, er möchte auch durch ein Haus gehen, treppauf, treppab, und nicht dauernd den Kopf einziehen müssen. Ja, das möchte er. Endlich. …
Dass er meinte, ihr Wohlwollen würde aufhören genau dort, wo ihr nicht mehr wohl war. War es so? War sie so? …
»Wir können ein solches Haus niemals kaufen, Carl, niemals.«
»Natürlich nicht. Weil es nicht verkauft wird. Es steht zu pachten. Es wird nicht die Welt sein.«
Ein Lächeln breitete sich auf Ninas Gesicht aus: »Doch Carl, es wird die Welt sein. Für uns. Für uns wird es die Welt sein.«
Zwei Tage am See mit Karin Kalisa: Fischers Frau
Im Traum sitze ich unter freiem Himmel im Theater, wo sich Schauspieler ihre Spielpartnerinnen im Publikum suchen, ich bin eine der Auserwählten mit zwei Schmetterlingen, die ich dann doch anderen überlasse. Ein eiförmiger Bus fährt herein und kriecht den Berg hinauf nach Haus. Zu Fuß bin ich schneller, ich laufe ihm voraus, bis er mich einholt, der Fahrer besteht darauf, dass ich einsteige, es ist der Schauspieler, der mich wollte. Er will Bruchschokolade mit mir machen, mit lustigen Toppings, das klingt gut und du beobachtest amüsiert, wie ich in seinen Arm hüpfe, Huckepack trägt er mich bergauf zu seinem Schokoladenhaus.
»Für mich hat so ein Notizbuch den Vorteil, dass es mich immer daran erinnert, wozu ich auf Erden bin – um von Dingen Notiz zu nehmen.«
Richard Ford
Als hättest du ihn bestellt in meiner Traumfabrik: Erst ein Kästchen mit Tuch, das sich beim genaueren Hinsehen als bewegte Geschichte entpuppt, Hologramm mit Eidechse, die ausbüxt. Später ein leeres Buch mit bläulich schimmernden Seiten, die sich in mehrere Bücher aufteilen und um die Wette rennen, wie Hase und Igel im raschelnden Papier.
Im Traum besuche ich eine vertikale Buchmesse, die Bücher lagern weit oben über den Ausstellungstischen, ein rostiges Fahrrad an Seilen dient als Aufzug, natürlich will ich das oberste Buch, dort wohnt der Mond. Ich pflücke einen Strauß hochgewachsener Stifte, die sich schon biegen, manche Farben gibt es nur in kurz.
Lio und ich sind auf seinem kleinen Holzroller unterwegs im großen Verkehr. Wir rasen durch Tunnel, Autoaufzüge, eine Schotterpiste hinab und schließlich durch einen Fluss, in dem wir fast nicht nass werden in unseren Matschhosen. Am Ende des Parcours erwartet uns Kathi, um unser Wochenende in den Bergen abzusagen – sie fühlt sich krank und Vroni ist zu beschäftigt mit ihrer Website als Mama.
Wir planen ein Literaturfest in einer Art Freilichtmuseum, eine Schleuse hinter Maschendraht führt in eine andere Zeit, ein knarzendes Haus ganz für meine Textinstallation. Wochenlang vorbereitet, am Ende gekürzt auf eine Schatulle mit Postkarten, von Lio bekrakelt, und Briefen von dir. Damit sitze ich auf dem uralten Bett, als die ersten Gäste eintreffen: Der tapsige Nachbarsjunge, den ich freundlich auf Knien begrüße, meine Mama mit ihrem fragenden Blick, und du, mit blondierten Haarspitzen. Du setzt dich aufs Bett, ich kann nicht mehr denken, mein Gesicht hinter dem Vorhang meiner Haare verborgen suche ich heimlich deine Hand. Jemand schiebt mir noch kurz die Verantwortung für die Suppe unters Bett, ich müsse sie ja nur anschalten. Dort brodelt sie also vor sich hin, bis sie explodiert und von der Decke auf mein Bett tropft als orangene Tupfen. Das wars mit Texten in weißer Bettwäsche, auch die Ersatzdecke liegt halb im Topf.
Ich traue mir so wenig wie dir. Dabei schreibst du mir die Angst weg mit deiner Orangenmarmelade um den Mund.
Im Traum schaue ich auf die Uhr und mir fällt ein, dass genau jetzt unser Flug nach London startet. Ich suche unsere Flugtickets, die noch unausgedruckt im Datenmeer dümpeln. Wir sitzen am Rand eines blau leuchtenden Schwimmbeckens. Drei winzige Wasserwesen sollen uns eine Abkürzung zeigen, nur die eine mit Brille und blauer Dauerwelle schmollt und taucht ab. Sie sortiert ihre Handtasche und lässt sich nur mit bunten Sammelkarten überreden, uns zu begleiten. Auf dem Weg sehen wir unsere Freunde vor und hinter einem Schaufenster sitzen. Da will ich bleiben und doch nicht mehr weg.
Im Traum besuchen wir spontan entfernte Verwandte auf ihrem Anwesen. Das Haus hat so viele Zimmer, dass die Besitzer selbst nicht alle kennen. Wir stolpern hinein, durchwandern staunend die leeren, verstaubten Säle, die immer seltener für Feste vermietet werden. Die beiden Kinder rennen uns fast um vor Freude und führen uns ins Untergeschoss. Dort besteigen wir die Gondeln eines Riesenrads, das in der Wand versteckt ist. Oben landen wir auf einer Dachterrasse mit großen schwarzen Bodenplatten, die unvermittelt absinken und wieder auftauchen. Stempelaufzüge, denke ich mir, und kauere am Boden, während die dunklen Wände um mich herum immer höher werden. Umgekehrte Höhenangst oder Klaustrophobie? Und was passiert, wenn man auf zwei verschiedenen Platten steht?
Im Traum treffe ich ihn auf einer Geschäftsreise durch Fernost in einem Restaurant. Am Tisch meiner Reisegefährten ist kein Platz mehr für mich, so setze ich mich an seinen. Er bestellt Speisen, die so anders sind, dass alles um ihn zu leuchten beginnt. Seine Geschichten duften, sein Körper glänzt, ich will ihn behalten und stelle ihn ein.
Meine Dienerschaft weiß um die Querelen im Familienunternehmen, so lädt sie mich und ihn und meine Labor-Assistentin wie jeden Tag zur Mittagszeit ein, im Nebenzimmer Platz zu nehmen. Nur eines ist anders: Sein Blick gilt nicht mehr mir, sondern ihr, die ich kurzerhand für unbestimmte Zeit auf Forschungsreise ins Exil schicke. Sein verliebtes Lächeln erstarrt, er schießt mit kalten Blicken auf mich.
Traum von einem Klassentreffen, für das jemand richtig gut recherchiert hat. Auf jedem Platz steht eine Geschenktüte mit Anspielungen auf den eigenen Lebenslauf. Über jeden wird eine Präsentation gezeigt, humorvoll und tiefgreifend – ein Spaziergang durch die 18 Jahre, in denen wir uns nicht gesehen haben. Über mich wurde ein Film gedreht mit einer rothaarigen Frau, die durch eine Stadt aus gestapelten Büchern tanzt. Immer wieder stürzt sie in die Tiefe auf ein Trampolin, das sie wieder nach oben katapultiert und auf die Füße stellt. Über meinen Nebensitzer erfahren wir, dass er erst neulich seinen Vater ausfindig gemacht hat. Und später jubelt der ganze Saal bei der Meldung, dass Ende des Jahres nun endlich auch ich Mutter werde. (Wohl genau dann, wenn das Klassentreffen tatsächlich stattfinden wird.)
Im Traum ein Essen im Wald mit Clemens und seinen Freunden. Es gibt Kokosnuss und Currykugeln. Ich sitze neben einem, der mir von seinen Kindern erzählt und von seiner gescheiterten Ehe, er wohnt jetzt wieder in seiner Studentenhöhle und sortiert sein Leben. Seine Tochter springt von einer Pfütze zur nächsten, als wir aufbrechen landen auch die anderen darin und sind von Kopf bis Fuß mit Schlamm verschmiert. Das richtige Outfit für das Festival, zu dem wir wollen. Auf dem Weg sehe ich seine Tochter in einer winzigen Höhle verschwinden, sie selbst wird winzig, der Eingang führt durch meine Handtasche. Aufgeregt berichte ich dem Vater davon, der einen Zaubertrank dabei hat, mit dem auch wir uns schrumpfen können, doch erst mal werden wir riesig, schleichen über winzige Straßen und versuchen, die Autos und Passanten in Ameisengröße nicht zu zertrampeln. Zurück im Wald nähert sich ein knurrendes Monster, vor dem wir in die kleine Höhle flüchten. Dort treffen wir auch die Tochter wieder, sie trägt einen gelben Schirm als Hut und stellt uns ihre neuen Freundinnen vor. Alle haben sehr lange Haare, ewig waren sie hier drin. Die einzige, die noch groß ist und uns zurückverwandeln kann, ist die Mutter, die mit einer Schere am Höhleneingang auf uns wartet. Die Haare schneidet sie uns, solange wir noch klein sind, mit einem Schnitt. Nun haben wir alle die gleiche Frisur.
Im Traum lasse ich mich durch Lissabons Abenddämmerung treiben und finde auf einem Hügel ein gemütliches Restaurant. Bunte Lichterketten, entspannte Gäste auf Sitzkissen und Kellner in abgetragener Kleidung stehen im Kontrast zu den Preisen für Speisen und Getränke, die ich nicht bezahlen kann, ich habe viel zu wenig Bargeld dabei. Ein Mann am Tisch lädt mich ein, ich will ihm das Geld am nächsten Tag zurückgeben. Bis ich da das Restaurant endlich wiedergefunden habe, ist es Abend. Der Mann ist nicht mehr dort, der Kellner beschreibt mir das Haus, in dem er wohnt, nicht weit weg. Ich treffe ihn an seiner Tür, er muss schnell zum Bahnhof und für ein paar Tage weg. Ich renne mit ihm die steilen Treppen hinab und durch ein ehemaliges Industrieareal, in dem nun Ausstellungen stattfinden. Wir werden langsamer und schauen uns die Kunst dann doch genauer an. Ein Irrgarten aus Tüchern, in dem wir uns verlieren und wiederfinden. Er verschiebt seine Reise auf morgen, will bei mir bleiben, wenigstens heute Nacht. Am nächsten Tag ist er fort und die Stadt hat ihre Farben verloren. Ich irre durch die Hügel, treffe Sarah und Philipp, gemeinsam suchen wir das Restaurant mit den Lichterketten, das es nicht mehr gibt. Meine Schulden konnte ich nicht bezahlen, keiner ließ mich.
Ein letztes Aufbäumen der Prinzessin, bevor alle Aufmerksamkeit der nächsten Generation gilt.
Gegenüber im Zug Vater und Tochter, sie futtert Bifi, er M&Ms. Sie schaut Videos und streckt ihm die Hand hin: »Blau.« Sie wird gefüttert, bis die Lippen blau sind. Dann ein genervter Blick ins karierte Heft. Sonntagabend, ich kenne das Gefühl. Der Vater sucht ein Erklärvideo über Nährstoffe. »Wenn schon Video gucken, dann was Sinnvolles.«
In meinem Kopf hallt der Samstag nach, ein vielstimmiges Plapperkonzert. Zwischen Wandern und Tanzen ein paar Tränen im Zug, mein Gesicht im Spiegel der nächtlichen Scheibe.
Dann eine Begegnung im Tanz, ein Stichwort zum Schreiben, eine Einladung aufs Schloss Vellexon. Tatsächlich! Dieser Ort, den ich so liebe – aus dem wir vorletzten Sommer rausgeflogen sind. Seither suchen wir nach einem neuen Schloss. Nun kommt der Ort zu mir zurück, mit neuen Menschen. Ist es dann noch der Ort?
»Sonntag ist Nordpol für mich. Unerreichbar. Von einer dicken Eisschicht umgeben. Abweisend und kühl.«
Sabine bläst das Licht aus, Stromausfall, selbst das Sturmlicht am Hafen blinkt nicht mehr. Sie lässt die Fenster zittern, zerrt an den Bäumen und macht Wellen wie am Meer. Alle Schwäne schauen in eine Richtung und sitzen wie Rennfahrer vor dem Start auf dem Wasser neben dem Feuerwehrboot. Wer vergibt den Namen meiner Mutter an so ein Unwetter? Keine Bahn fährt, mein Besuch hängt hier fest.
Du schreibst aus dem Bus und verrätst mir etwas (in Klammern), das dich zum dritten Mal auf den Kopf stellt. Jede Woche eine neue Information. Du machst das gut, das hält mich wach und mein Bild von dir lebendig. O Mensch, bewein dein Sünde groß. Während du Orgel übst, finde ich meinen Blog von 2007, meine Zeit in New York. Zeiten der Sünde? Wann warst du im Kloster?
Dieses Stöbern in alten Notizen ist wie ein langer Blick in den Spiegel. Eigentlich will ich das nicht sehen. Was für eine Zeitverschwendung, mir im Spiegel beim Älterwerden zuzuschauen. Später werde ich schreiben, denke ich oft. Vielleicht schon seit ich schreiben kann. Ich schreibe ja längst und dieses Schreiben, seine Entwicklung und Anfänge werden sichtbar in meinem Blog.
Alle scheinen zu wissen, wer du bist. Hat dich mal jemand gefragt? Die Suche beginnt in deinem Innersten. Bist du bereit, da reinzugehen? Und mich mitzunehmen? Was soll ich da? Vielleicht ist Verlieben nur eine Idee, ein Ausbruch aus dem was ist, was ich schon kenne. Eine Flucht vom Selbst. Nur noch du, alles andre egal. Alle Gedanken richten sich an dich. Sie brauchen ein Gegenüber, Resonanz, um ihre Kraft zu spüren. Wie der Sturm da draußen, der den See aufwühlt.
Lieber das Große im Kleinen abhandeln als das Kleine am Großen.
»Es zählt nicht mehr das Erreichte, es reicht das Erzählte.«
Innerhalb von Minuten löst sich der Nebel auf. Erst schaut der Kirchturm raus, dann das andere Ufer. Ich sitze schreibend im Sand der Schmugglerbucht, kneife die Augen zusammen vor lauter Licht. Sonniger Windhauch, in Erwartung auf Wirbelsturm. Lass dich nicht wegwehen!
Dein Leben ist gerade so viel voller und schneller als meins. Das habe ich nach meinem letzten Jahr im Dauerlauf abgebremst, um genauer hinzuschauen. Um mich einzulassen auf das, was kommen mag. Auf dem Weg zeigen sich zarte Blättchen, die gedanklich zu Büchern heranwachsen. Nur das eigentliche Beet liegt brach, egal wie regelmäßig wir gießen. Seit fünf Jahren, wie ich heute in meinen Notizen las.
Vor mir liegt eine Woche am See. Die Tulpen duften, draußen das Ufer voller Vögel, nebenan der neue Nachbar, der immer etwas zu laut spricht. Etwas zu laut ist es in mir drin seit einigen Tagen und etwas zu still bin ich. Ich möchte es immer noch stiller, bis hin zum Stillstand, den ich dann nicht mehr ertrage. Mit den Gedanken und Erinnerungen an Matt kam mir auch meine überdrehte Seite wieder in den Sinn. Reisen, Menschen, Ausstellungen, Essen, Lachen, Mitschwimmen in diesem spannenden Leben.
Gegenüber sitzt einer in kurzen Hosen dermaßen breitbeinig, dass die Frau an seiner Seite kaum Platz hat. Sie, unscheinbar, fast unsichtbar. Er, braungebrannt von Kopf bis Fuß, die Beine voller Zeichnungen, die Haare blondiert, Kopfhörer auf den Ohren, die Hände trommelnd, die Lippen zum Kuss geschürzt. Nicht für sie – für alle, die ihn sehen sollen. Höhnisch schaut er mich an. Ich muss lachen und bin schnell weg.
Im Traum treffe ich eine Frau in hellgrauer Kutte mit wunderschönem Gesicht, alterslos. Ich setze mich zu ihr und weiche nicht mehr von ihrer Seite. Selbst als Schüler die Hallen fluten und klar wird, die Lehrer müssen raus – Schüler an die Macht, zumindest für einen Tag Schülerstreich. Vor der ruhigen Aura ihrer Rektorin haben sie Respekt, auch vor mir, die ich so entschlossen neben ihr sitze und lausche. Ich begleite die Nonne nach draußen. Sie spricht vom Ende der Sechzigerjahre, als sie nach Indien in ein Kloster ging, dabei lächelt sie in die Ferne der österreichischen Landschaft.
Wir feiern hier in einer Scheune eines der vielen Feste, die ein großes ersetzen sollen. Zu Gast sind auch zwei Frauen mit seltsamen Auswüchsen am Hals, wie fleischige Bärte, mit Haut. Das bringe das Kinderkriegen mit sich, zumindest bei Mädchen, erst nach Jahren bilde es sich zurück. Sie zeigen mir ihre Tricks, wie sie es in der Kleidung verstecken. Das funktioniert gut, daher hatte ich so etwas vorher noch nie gesehen. Da spricht auch keine drüber, sagen die Frauen und schütteln sich lachend. Sie tanzen, verstecken nichts mehr.
Nun feiern schon die Nächsten mit großer Tafel, an der noch Platz für uns ist. Du setzt dich ans andere Ende, möchtest nicht stören. Ich winke dich zu mir und du kletterst umständlich über den fein gedeckten Tisch und die Beine der tafelnden Gäste.
In der Nähe steht ein Baum, darunter eine Picknickdecke, auf der ich Anja zu erkennen glaube. Ich gehe hin, sie ist es und begrüßt mich, als hätten wir uns nicht vor Jahren sondern gestern erst gesehen. In ihrem Nacken erscheint ein Baby und noch eines, sie winden sich um sie wie Würmchen um ein Turngerät. Anja beachtet sie kaum und spricht lässig weiter über ihre Zeit in Schweden und München.
Im Traum sehe ich von Weitem Dennis, er will gerade gehen. Am Ausgang fange ich ihn ab und wir verabreden uns, wir haben uns Jahre nicht gesehen. Zum Abschied küsse ich ihn, wir lachen, er geht zu seinem Date und ich gehe wieder rein. Drei Tage Feiern haben ihre Spuren hinterlassen. Jemand baut verschiedene Bionade-Sorten zu einer Flasche zusammen, unter Gejohle wird versucht daraus zu trinken. Der Boden klebt. In einer ruhigen Ecke spreche ich mit Bettina, dann verschwindet sie in einem Zelt, in dem ihr neugeborenes Baby weint. Nach unserem Fest lassen wir alles stehen und liegen und gehen einfach los. Jedes Mal wenn wir kurz nach Hause kommen, sind wir überrascht, dass es noch immer so aussieht, als wäre die Party gerade erst vorbei. Dann gehen wir wieder.