Im Traum packt Julia ihren Koffer, sie muss los, spricht von einer Insel, auf die sie am Wochenende fliegt. Ich kann mir meinen obligatorischen Kommentar zur Klimabilanz nicht verkneifen. Sie wird sauer, schnappt sich ihr Bobby-Car und lässt sich zur Bushaltestelle rollen. Mir tut es leid, so möchte ich mich nicht von ihr trennen, ich laufe ihr hinterher, erwische ihren Bus gerade noch so. Sie drückt mir wirsch ihr Bobby-Car in die Hand und meint: Danke, dann kannst du ja an der nächsten Haltestelle raus und damit zurückfahren. Doch der Bus hält nicht. Nicht bis zum Studentenwohnheim, vor dem wir dann gemeinsam stehen und nicht reinkommen vor lauter Menschen, die ein- und ausgehen oder vor dem Eingang herumlümmeln. Irgendwann schaffen wir es dann doch im Julias WG. Aus dem Bad kommt eine Mitbewohnerin, sie ist nackt und ignoriert uns. Ich versuche, Julia zu umarmen, doch ich komme nicht an sie ran – zu viel zu tun, die Schule, die Reise. Also schaue ich mir eine Serie an. Dann klingelt mein Wecker den ich kurz ausmache, um weiterzuschauen – es klappt. Die Sendung handelt von meiner Hochzeit, den Vorbereitungen und dem fürchterlichen Chaos danach. Eine Biene sticht mich in meine Handfläche. Als ich dann doch aufwache, freue ich mich dass der Stich nur ein Traum war.
Halbzeit. Ich sitze unter dem großen Märchenbaum, dessen Äste wie Stämme bis zum Boden reichen. Es riecht nach Harz, warmen Nadeln und trockenem Gras. Einmal im Jahr sind wir Schlossbewohner, verarmter Landadel oder doch Prinzessinnen, die versehentlich in der Stadt und in der Kunst gelandet sind.
Nichtstun. Außer auf dem Bett liegen und mit den Zehen wackeln. Und den Gedanken dabei zusehen, was sie doch für Akrobaten sind.
Wir schlafen im Rosenzimmer. Im Schrank eine Baby-Badewanne und Windeln, im Vorzimmer ein Wickeltisch und ein Babybett. Ich rede besonders laut und locker über die Aufgabe, die uns damit klar vor Augen steht. Jakob seufzt, Sarah lächelt mitleidig, ich schiebe es lachend beiseite und kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass mein nächstes Baby tatsächlich eines aus Fleisch und Blut und kein Buch sein soll. Die Aufgabe, die mich findet. Nun erst einmal Regeneration nach Monaten der Disziplin, die diese Projekte brauchen, um vollendet zu werden.
Er sagt, wir machen die Kunst nicht für uns. Wir übernehmen Aufgaben, die uns finden und wenn wir sie annehmen, werden sie zum Auftrag, dessen Umsetzung Disziplin erfordert. Dafür nicht entlohnt zu werden, leiden zu müssen, sei ein großes Missverständnis in der Gesellschaft. Dazu gehört, unsere Ergebnisse zu veröffentlichen, sie in Resonanz zu bringen mit anderen Menschen.
Jedes Jahr sauge ich seine Sätze auf, als wären sie die Wahrheit. Plötzlich bin ich wach und da, vom Sommer warm und offen und empfänglich für derlei Welterklärung.
Nicht weit entfernt rollt Donner durch die Wolken. Ich liege unter den hohen Bäumen im Park unseres neuen Schlosses, ein Schmuckstück mitten in Frankreich. Beim ersten Spaziergang durch den Park ratterten so viele Gedanken durch meinen Kopf, dass ich das Gefühl hatte, nur mitschreiben zu müssen. Die Inspiration eines neuen Ortes und der Freiheit nach dem Projekt. Schon gestern auf der Fahrt hierher vermischten sich meine Schläfrigkeit mit der Musik und produzierten einen Film, den ich gerne aufgenommen hätte. Vielleicht regnet es gleich, ich warte bis der Donner über mir kracht. Krähen krähen auf den Feldern, der Wind rauscht durch die Blätter der Bäume, es klingt wie Musik. Und wie gut es riecht, nach Sommer und sonnentrockenem Laub. Jetzt, der Donner direkt hier. Ist es wirklich meine Aufgabe, mitzuschreiben? Nehme ich sie an? Oder schaue ich einfach der Zeit dabei zu, wie sie vergeht? Ganz langsam und doch zu schnell für das Assoziationsfeuerwerk in meinem Kopf.
»Weißt du eigentlich, welches Glück du hast, dass du so leben und arbeiten kannst? Nimm es an.
Es geht um Kraft, Kraft für den eigenen Weg, für die eigene Arbeit, nach der niemand fragt. Du musst dich selbst feiern, dich toll finden.
Du strebst nach dem scheinbar Unerreichbaren. Am Anfang machst du riesige Schritte darauf zu, dann werden die Schritte kleiner und schwieriger – feiere jeden kleinen Schritt, auch die Skizzen und Zwischenstände.
Kinder, klar, die kosten 20 Jahre. Aber sie stärken dich, diese 20 Jahre.
Was ist das für Kunst, die du machst? Was daran ist Kunst? Was macht dich zur Künstlerin? Was brauchst du noch, um Kunst zu machen und darin zu wachsen? Ausstellungen, Veröffentlichungen, Wahrnehmung, Diskussion und stärkende Ateliergespräche, wie dieses hier.
Lass den Eltern ihre Sorgen, es sind ihre, nicht deine. Du existierst unabhängig von Ihnen, dein Leben hat einen höheren Sinn, wie jedes Leben.
Da ist etwas, dass nur dir gegeben wurde und das solltest du nutzen, annehmen, weiterentwickeln. Das war schon im Kindergarten da. Du bist Künstlerin. Und die wird jetzt wach und groß. Geh los. Vergleiche dich nicht. Geh deinen Weg.«
Im Traum eine Wanderung in schwerem Geschmeide, danach ein Empfang und Oper. Wer kam denn auf diese Kombination? Die Nachbarn. Und doch meldet sich ein Großteil der Belegschaft für diesen Ausflug an. Die Tafel, an der gespeist werden soll, besteht aus einem Holztisch und in den Boden eingelassenen Holzpflöcken als Hocker, alles steht schief auf der freien Wiese am Hang, unbrauchbar für Sekt in Gläsern. Im Wirtshaus nebenan ist noch ein schlauchiges Nebenzimmer frei, wir ordnen die Tische neu an und dann doch wieder zurück. Die Nachbarn tragen elegante Kleider mit zartem Halschmuck, der sich optisch von einem Hals zum nächsten fortsetzt, wie Spiralen, die sich um Häuser winden und in den Kleidern wiederfinden. Meine Schwester bestellt Kir Royal für alle, obwohl wir noch verkatert sind. Deine Kollegen stoßen dazu, Daniel und Ferdi in glitzernden Radlerhosen, für die Demo, die gleich beginnt. Eine Choreografie langsamer Schritte, alle stehen im gleichen Abstand zueinander und staksen so uniformiert den Berg hinab. Ich schaue zu und kenne den Zweck der Demo nicht. Ich frage eine der Veranstalterinnen, die mich fassungslos zurückfragt, ob ich das wirklich nicht gehört hätte – in den Medien sei seit Wochen nichts anderes. Ich gestehe, dass mich Nachrichten zu sehr mitnehmen und ich sie daher meide. Sie holt aus und gib mir eine Zusammenfassung der Geschehnisse, ich nicke betroffen. Dann müssen wir schnell los zur Oper. Eigentlich wissen wir schon jetzt, dass zehn Minuten für den Weg nicht reichen, wir werden den Anfang verpassen und bis zur Pause vor verschlossenen Türen warten müssen. Die Treppe ist so überfüllt, dass wir über die Geländer steigen und in unseren langen Kleidern außen weiterklettern. Noch fünf Minuten, einmal durch die ganze Stadt.
Aber die Freiheit!
Aber die Einsamkeit?
Die Familienchronik als Vorwort zu mir selbst?
Ich. Wo fängt das an? Hier und Jetzt oder bei meiner Geburt oder Zeugung oder der Begegnung meiner Eltern, Großeltern, Urgroßeltern? Oder bei meiner ersten Erinnerung? Oder mit meinem ersten Tagebuch, in dem ich mich schreibend an mich selbst richtete?
Ich. 31 Jahre, 163 cm, 55 kg, dünner als ich mich fühle. Ich habe studiert, aber nicht so richtig. Ich arbeite, aber nicht so richtig. Weil allein, daheim und ohne Ziel, von Auftrag zu Auftrag, der mir zufliegt, mich einnimmt, verschlingt und dann wieder ausspuckt. Jedes Mal denke ich, das mache ich noch, danach wird alles anders. Es muss sich etwas ändern, nein – nicht etwas, alles muss sich ändern. Arbeit, Ort, Familiensituation. Entweder ich werde schwanger oder. Oder was?
Ich. Dehydriert. Ich empfange zu viele Signale, Radiowellen, welcher ist mein Sender? Die Antennen sind aufgestellt, der Empfang gestört durch den Matsch in meinem Kopf, wohltuender Nebel, Regenwolken über uns, Stimmen von drüben, Plätschern vom Teich, Tropfen von oben, Schritte im Kies, Wind in den Bäumen, Vogelgezwitscher, klackernde Boule-Kugeln. »Oh la la Monsieur«, ruft einer, der so viel schöner gealtert ist als seine Frau. Ich sehe, wie sie an sich arbeiten, seit Jahren ihre Zweisamkeit verteidigen, gegen sich selbst, das Alter, die Zeit. Ich habe Durst.
Gestern am Fluss, da lag er und ich wollte, dass er mich sieht. Seit ich denken kann, will ich gesehen werden. Von Männern. Papa, Opa, die Jungs aus der Nachbarschaft, aus der Parallelklasse, aus dem Dorf, der Clique, im Delta, im Urlaub am Strand mit 13 in diesem Bikini mit Reißverschluss zwischen den noch nicht vorhandenen Brüsten. Ich öffnete ihn dennoch so weit wie möglich. Schaut mich an! Was seht ihr? Sehe ich mich erst durch euren Blick? Ein unscheinbares komisches Mädchen, vielleicht interessant. Was sie wohl denkt? Wie sie wohl nackt aussieht? Wie sie im Bett ist? Und wenn sie erst loslässt und aufblüht, dann wird sie groß und schön und berühmt mit ihrem schiefen Blick auf die Welt. Ganz genau beschreibt, seziert, durchbohrt sie die Menschen um sich herum. Projektionsfläche, ich und ihr. Warum interessiert mich der Blick der Männer? Derjenigen, die stark scheinen und schonungslos in ihrem Urteil. Sein Blick. Weil er schreibt? Weil ich schon immer eine Romanfigur sein wollte? Wenn sich mein Handeln durch seine Feder fügt, wenn meinen Weg nicht mehr ich bestimme, sondern sein Schreiben. Und warum nicht mein Schreiben? Ein Leben, erschrieben statt erlebt? Kann ich nur beschreiben, was ich auch erlebt habe? Als ob ich schon so viel erlebt hätte. Genug, um mich den Rest meines Lebens mit dem Bisherigen zu befassen. Am liebsten möchte ich doch Bücher lesen, in denen ich selbst vorkomme, wahrhaftig, mein Innerstes erfasst. Und warum sollte er das besser können als ich? Zumal noch ein Mann, irgendein schreibender Mann.
Hier komme ich sofort an. Alles ist mir vertraut, das Haus und der Garten, die Abläufe und Rituale, die Offenheit der Leute, die Leichtigkeit. Als würden wir dort ansetzen, wo wir vor einem Jahr aufgehört haben. Ein unendlicher Aufenthalt auf dem Schloss, nur kurz unterbrochen durch ein Jahr woanders. Wie die Träume, nur kurz unterbrochen durch den Tag. Alles fällt von mir ab, ich möchte auch nicht darüber sprechen, was war, wie es mir ging im letzten Jahr, was ich so mache und was ich noch alles tun könnte. Oder doch – das geht ganz gut aus der Distanz, der Konjunktiv.
Etappe drei oder sechs unserer Reise: Schloss Vellexon! Ich sitze im Tanzsaal, der jetzt Yogaraum ist – das Schloss hat neue Besitzer. Mein Blick streift über die Landschaft vor dem Fenster, kühle Morgenluft strömt herein und ein Lachen von unten – ich weiß, wem es gehört, ich weiß nur nicht mehr, was ich mit ihm reden soll. Alles gesagt. Neuen Leuten von neuen Ideen zu erzählen, fällt mir so viel leichter, als Freunden, die mich kennen und meine Pläne womöglich gleich in die Schublade einordnen, in der sie mich gut aufgehoben wissen.