Christina Schmid
Anfänge und Enden

Hi

In der Kita ein gehauchtes Hi von einem, der mich an mich erinnert, als ich noch zu Konzerten ging, wo ich schmachtend stand und träumte gesehen zu werden von einem so süß wie er, weniger verlebt als die anderen hier, nicht ganz da, natürlich mit Gitarre auf der Familienwand neben dieser großen unnahbarschönen Frau, nur nebenbei Mutter, sonst auf der Bühne bestimmt.

Umarmung

Im Traum umarmt mich Daniel, wir sitzen am Boden zwischen vielen Beinen in dieser Umarmung, ganz lang und innig – zu lang, Mama guckt schon. Wir gehen rein, da sind die Kinder und wollen alles von mir. Weiteres bleibt im Kopf, selbst im Traum.

Trampolin

»Besser ein kaputtes Bett als ein kaputtes Kind.«

Unbemerkte Katastrophen

Wo stellen sie sich aus und traust du dich hin?

Strategie

Erst hier sehe ich, welch schlaftrunken wankenden Schriftgrößen mein nächtliches Getippsel fabriziert hat. Nochmal drüber schlafen ist nicht so mein Ding. Dem Zweifel zuvorkommen ist eine Strategie. Mal sehen, wie der liebe Zweifel dann über den Tag Blüten schlägt, wenn er nicht antwortet – was er nun wirklich nicht muss auf diesen Kuss. Doch ›seine‹ Buchobjekte hätten eine Atelierwoche verdient. Überhaupt, ein Atelier! Mit Buch, das auf seinem eigenen Umschlag fliegend liegen kann, ohne Leim und ohne Faden, aus einem kunstvoll gefalteten Stück. Im Traum natürlich viel raffinierter als meine Skizze hier, undurchschaubar auf so einen Traumblick, der ja doch eher seinen Augen und seinem Mund gehörte. Aber dann doch dem Buch, das erst lesbar wird, wenn die Transparenzen sich finden, aufeinanderlegen – Buchstaben aus Öl im Papier? Der Umschlag flächig perforiert: blitzendes Licht durch schwarzes Papier, das sich anschmiegt und gerne biegt durch die vielen kleinen Schlitze darin.

Und wohin träume ich uns jetzt?

Küssen

Mein Traum schenkt mir die schönste Liebelei mit Jörg. Als er mir seine wundersamen Papier- und Buchexperimente zeigt, kann ich ihn nur küssen! Meine Träume sind zurück und umarmen mich. Da bin ich wieder. Nächtliche Grüße nach Zürich und schnell zurück in diesen Traum! Oder doch gleich an den Schreibtisch und seine absonderlichen Bindungen, feinen Perforationen und vielschichtigen Transparenzen ausprobieren? Unlesbar, aber wunderbar poetisch.

Ruinenhügel

Im Traum strömen schon Stunden vor Beginn unserer Veranstaltung Menschenmassen in den Garten. Nichts ist fertig vorbereitet – kein Waffelteig, kein frischgepresster Saft, kein aufgebrühter Liebeszauber, auch nicht die Räume im Brombeerschloss, das bis unters Dach voller Kleider hängt und sowieso viel zu klein wäre für so viele Leute. Sie trampeln weiter über Zäune, durch andere Gärten Richtung Marienhospital, zerstören leerstehende Gebäudeteile und feiern die Ruinen. Atemlos folge ich ihnen und frage eine Fotografin, wie sie davon erfahren hat. Sie sagt, sie ist eine Koryphäe für spektakulär inszenierte Feuer und Wassermassen, und jemand Großes hat unsere Einladung geteilt.

Tropf

Ich salze meine Suppe mit Tränen.

Ich salze unsere Suppe mit meinen Tränen.

Ich salze unsere Suppe mit meinen Tränen und esse sie dir weg.

Anrufung der Riesin

»… wie ich immer wieder auf dem Boden sitzen geblieben bin, den Kopf voller Träume über die Sterne, aber im Körper ein Scharlatanwissen, das besagte: zu weit weg, nicht zu erreichen, nicht für dich.«

»Es stimmt, dass so viel Schmerz aus den Strukturen stammt, dass sie es sind, die ihn erzeugen. Und es stimmt auch, dass ich mich teilweise in diesem und anderem Schmerz eingerichtet habe, dass ich ihn angenommen und zu meiner Sache gemacht habe. Nicht nur, dass ich mich vor allem über diesen Schmerz verstanden habe, sondern auch darüber verstanden werden wollte.«

»Nie würde ich sagen, dass mit einem liebevollen Verhältnis zu mir selbst alle Probleme gelöst würden. Diese einseitige Geschichte von Selbstliebe ist auch nur ein weiterer Scam unserer verrohten Strukturen, weil es bei Liebe natürlich auch um Responsivität und Resonanz geht, um Berührung im weitesten und offensten Sinne, um Zusammenleben. In einer liebesarmen Gesellschaft, in der unser Miteinander von Wettbewerb, von Vereinzelung und Verelendung, von Überlebenskampf definiert wird, sind die Rufe nach Selbstliebe viel zu oft nichts anderes als die Rufe nach Verpanzerung. Ein Onewayticket in die Abschottung, wo eigentlich tentakuläres Agieren notwendig wäre. Aber auch ein Tintenfisch muss mal seine Noppen putzen und es ist wichtig für mich, mich daran zu erinnern, dass es einen Spielraum gibt.«

»… eine der unverwandten Mütter meines Herzens. Ich will mich zwischen ihren Füßen niederlassen mit meiner ganzen lädierten Erbärmlichkeit, meiner schmallippigen Ernsthaftigkeit, bodenlosen Witzlosigkeit. Ich möchte meine Frigidität hier ausbreiten, meine Sprachlosigkeit mitbringen, meine Seltsamkeit, mein übersprudelndes Sprechen, meine überbordende Freude, mein überdrehtes Lachen. Lass mich meine Hysterie niederlegen, und meine unstillbare Lust, meine brennende Scham, meinen schweren Kopf, die leichten Gedanken, die süßen, die bitteren. Das Gesagte, das für immer Verschwiegene, alle Geheimnisse, die ich niemals aufdecken werde, niemals aufdecken will, weil nicht in jedem Aussprechen eine Katharsis steckt, weil manches verborgen bleiben darf.«

»Ich weiß, welche Sehnsucht dieses Bild in mir anspielt: die Sehnsucht nach einer ungebrochenen Mutter. Ich werde dieser Gesellschaft nie ihre traurigen Mütter verzeihen, diesen anhaltenden Schmerz, der Weiblichkeit bedeutet, und der immer deutlich spürbar war, in den Bewegungen, dem Welt- und Selbstverständnis, den Gesten und Worten meiner Vorfahrinnen.«

Lisa Krusche: Anrufung der Riesin

Was mich interessiert

»Klammern, die sich öffnen, und in ihnen: Welten.

Mich interessieren Randbemerkungen, Einwürfe, Apropos. Nebensächliches, das zu Hauptsache wird wie das Abwasser im Schacht.

Eine bestimmte Art, Verwirrung zu stiften.

Schachtelsätze, die in –, oder besser: gar nicht enden.

Episoden, zwischen denen ein Kind gefüttert, eine Ananas, umgetopft wird, wie die Ananas, die früher im Zimmer meiner Klavierlehrerin stand. Wie sie in Tränen ausbrach, als ihr Auto auf den Schrott musste, Fiat Panda, erste Generation, und sie schilderte mir jede darin unternommene Reise, und – das hatte ich immer gefragt – wie die Notenberge im Kofferraum dorthin gekommen waren, Blatt für Blatt. Das Zittern ihres kleinen Fingers, des einzigen, den sie lackierte, metallicgrün wie ein Rosenkäfer, zehn Jahre lang.

Mich interessieren Epen, die, verkapselt wie ein Geschwür, im Inneren der Erzählerin, die ein Archiv ist, schlummern, bis sich die richtige Zuhörerin nähert, Schlüssel-Schloss-Prinzip

Mich interessieren Dinge, die mich absolut nichts angehen.«

Enis Maci: die Haken, die die Sache hat
In: Neue Erschöpfungsgeschichten

Allgemein

»Und ich denke jetzt immer wieder daran, wie ich mich vor drei Jahren nach dem Nachhausekommen ›auf den Boden warf‹ und sagte ›so will ich nicht mehr leben‹ und dass ich mich inmitten der Verzweiflung fragte, wie ich umgehen soll mit dem Bedürfnis, ›das alles‹ origineller, zu formulieren, origineller zu handhaben, eigener. Ich komme aber jetzt zu dem Schluss, dass es richtig war, so allgemein mich auf den Boden zu werfen und so allgemein zu reden, weil alles ganz allgemein geworden war und ich mit vielen zugleich ganz allgemein unzumutbare Gefühle hatte.
Ich hänge Euch dieses Foto der Frau mit dem Maxipullover an, auf dem in riesigen Buchstaben BLA BLA BLA steht …
Das Foto ist ein Foto des Autorückspiegels, der die Frau auf irgendeiner Raststätte, es war bestimmt Frankenwald, telefonierend zeigt. Am Rand der Finger meines kleinen Sohnes, der versucht, die Aufnahme zu stören.«

Heike Geißler: Liebe X, lieber X,
In: Neue Erschöpfungsgeschichten

Lio: Wie hat der erste Mensch schreiben gelernt? Und wer hat alle Wörter erfunden? Weißt du, was ›ich esse einen Baum‹ auf Spanisch heißt? – Brokkoli!

Auf allen vieren

»Ich bin niemand, den man kennt. Ich spare mir weitschweifige Details, was ich genau mache, nur vielleicht so viel: Ich bin eine Frau, die in jungen Jahren auf mehreren Gebieten erfolgreich war und sehr beständig weitergearbeitet hat, die ihre zentralen Themen stets in einem ekstatischen, losgelösten Dämmerzustand umkreist, in einer Art dissoziativer Fugue, getragen von dem Wissen, dass es keinen anderen Weg gibt und ihr ganzes Leben in diesem einen Gespräch mit Gott besteht. Vielleicht ist Gott aber auch das falsche Wort. Mit dem Universum. Dem Netz unter allem. Ich arbeite in unserer umgebauten Garage. Ein Bein meines Schreibtisches ist kürzer als die anderen, und ich nehme mir seit fünfzehn Jahren praktisch täglich vor, irgendetwas darunterzuklemmen, aber meine Arbeit lässt es an keinem Tag zu, so dringlich ist sie – ich bin permanent an einem entscheidenden Wendepunkt; alles steht ständig kurz vor der Offenbarung. Um fünf Uhr nachmittags muss ich mich ganz bewusst runterholen, bevor ich wieder ins Haus gehe, als müsste sich Buzz Aldrin darauf einstellen, direkt nach seiner Rückkehr vom Mond den Geschirrspüler auszuräumen. Sprich nicht über den Mond, sage ich mir. Frag die anderen, wie ›ihr‹ Tag war.«

»– all diese Dinge waren dicker und exquisiter als alles, was ich mir zuvor überhaupt hatte vorstellen können. In mir stieg Panik auf – wie sollte ich danach leben, wo ich wusste, dass es so etwas gab?«

»Harris will eigentlich nie mehr als das Nötigste hören. Was vollkommen okay ist. Es wird eine Zeit kommen, nach dieser eher förmlichen Phase, da werden wir einander übersprudelnd alles erzählen, bis ins kleinste Detail. Und jetzt im Moment würde ich ganz offensichtlich nur noch mehr ›Lügen‹ hinzufügen. Lügen in Anführungszeichen, weil alle das Wort so selbstgerecht benutzen, als wäre die Wahrheit ein natürlich vorkommender Diamant. Aber gut, nennen wir es lügen. Jeder Mensch lügt in dem Maße, in dem es für ihn stimmig ist. Man muss sich selbst kennen und herausfinden, welches Maß an Unwahrheit die eigene Natur erfordert. …
Für mich erzeugen Lügen genau die richtige Menge an Problemen, und auch ich zeige mein wahres Gesicht, aber immer nur eins meiner vier oder fünf – jedes davon real und mit ganz eigenen Bedürfnissen. Die einzige gefährliche Lüge ist eine, die mich zwingt, mich selbst auf ein einzelnes praktisches Wesen zu reduzieren, das man verstehen kann. Ich bin ein Kaleidoskop, und jede glitzernde Glasscherbe changiert, sobald ich mich bewege.«

»Wenn wir eines Tages beide soweit wären, würde ich mich Harris mit allem, was ich war, offenbaren; das wäre dann, als würde ich ihm einen Pullover zeigen, den ich die ganze Zeit heimlich gestrickt hatte.
›Oh. Mein. Gott,‹ würde er sagen. ›wann hast du denn den gestrickt?!‹
›Ach, einfach immer mal wieder, wenn ich Zeit hatte. Manchmal hast du sogar danebengesessen.‹
›Ich wusste ja gar nicht einmal, dass du Stricken kannst!‹
›Es gibt vieles, was du über mich nicht weißt, deshalb diese ganze Pullover-Metapher.‹
Aber wenn man jahrelang strickt, wird der Pullover natürlich irgendwann so riesig, dass man ihn nicht mehr verstecken kann.«

»Ich hatte das nicht kommen sehen und mein Leben nicht entsprechend gelebt. Ich war nicht ausgegangen und hatte, als ich es noch konnte, nicht all die Heterosachen getan, die ich gern tun wollte. Wie eine selbstgefällige Henne hatte ich auf meinem Nest gehockt und war mir sicher gewesen, dass alles noch unverändert wäre, wenn mir dann wieder nach Herumstolzieren zumute war.«

»Ohne es zu wissen, oder wirklich zu begreifen, war ich ein Körper für andere gewesen, hatte aber für mich selbst keinen bekommen. Ich hatte nie an der aufreibenden Freude teilgehabt, einen echten und konkreten Leib auf Erden zu begehren.«

»Nein, natürlich trieb ich mich nicht in Bars herum. Ich hatte die letzten fünfzehn Jahre in meiner umgebauten Garage verbracht, an dem Tisch mit dem einen zu kurzen Beinen, und gearbeitet. Und wenn ich mal ausgegangen war, dann, um an meinen eigenen Veranstaltungen teilzunehmen oder an den Veranstaltungen, Vernissagen und Premieren von Freund*innen und Peers. … Es war nicht mein Plan gewesen, ein derart exklusiver Mensch zu werden, ich hatte bloß jeden wahren Moment meines Lebens zu vermitteln versucht, was das Leben in meinen Augen eigentlich ›war‹, und mich nur von wirklich Unausweichlichem – dem Kind, einer schlimmen Grippe, Hunger oder Durst – davon abbringen lassen. Und in der Zwischenzeit war offenbar Zeit vergangen – große Schwaden von Jahren, Jahrzehnte.«

»Andererseits kam ich mir immer größenwahnsinnig vor, egal, wie klein ich mich machte. In meiner Vorstellung war ich wohl von Anfang an sehr klein gewesen.«

»›Mama?‹ Sam flitzt durchs Haus, der Roller rattert er auf dem Küchenboden über meinem Kopf. Der Klang von deren Stimmchen zerschlug mein Herz in tausend Scherben. Was auch immer ich getan hatte, um diesen Schmerz erträglicher zu machen, es verlor abrupt seine Wirkung – ich musste mein Kind sehen, jetzt sofort. Aber ich konnte mich nicht bewegen. Ich war reglos, wie versteinert. Ich schaffte den Übergang einfach nicht. … Sie wussten, dass ich zu Hause war, aber wo steckte ich nur? Wie lange konnte ich noch hier unten bleiben, ohne in echte Erklärungsnot zu geraten? Nicht mehr lange. … Ich war nicht tot, aber zu sehr Seele. Ich hatte mich zu sehr von Musik und Poesie leiten lassen, und mein derart beseelter Geist hatte begonnen, sich als vollständige Person wahrzunehmen. Ihm war gar nicht klar, wie deformiert er war. Jetzt suchten sie mich draußen im Garten. Während andere Menschen, die Dinge in Einklang zu bringen wussten, rannte ich ewig zwischen Gegensätzen hin und her, war nie hier, aber auch nicht da.
Man fand mich nicht.
Sie fanden mich nicht.
Gefühlt in letzter Sekunde stapfte ich die Treppe hoch; erwischte den letzten Zug nach Hause.«

»Mein System, bei dem auf ›ächz‹ irgendwann ›puh‹ folgte, versagte auf ganzer Linie.«

»In gewisser Hinsicht war es allein mit Kind leichter. Ich hatte den ganzen Laden fest im Griff. Ich ließ Sam das Bett selbst machen und Servietten falten, und wir folgten einem minutengenauen Zeitplan. Aber die Tage waren seltsam hohl und blutleer, woran auch erfundene Spiele und Kochrezepte, Fahrradfahren und langes gemeinsames Baden nichts ändern. Irgendwie gelang es mir allein nicht, eine gesunde herzliche Familienatmosphäre zu schaffen. Es fühlte sich gespielt an. … Nicht, wenn wir zusammen in der Badewanne lagen, aber ja, wahrscheinlich gab ich mich die meiste Zeit ausgeglichener, als ich wirklich war.«

»›Hormonell geradliniger‹, sagte Jordi mit Blick auf das Diagramm. ›Stell dir mal vor, wie das ist als Mann. Keine Zyklen. Keine Tode vor dem Sterben. Keine Verwandlungen in einen ganz anderen Menschen.‹
Bei unseren Treffen gingen Jordi und ich immer davon aus, dass wir uns seit dem letzten Mal radikal verändert hatten und das auch in Zukunft immer wieder tun würden. Diese ständige Aufruhr war schmerzhaft, um ehrlich zu sein. Aber auch aufregend, weil wir nie sicher sein konnten, was kam. Unsere Dauertransformation war natürlich streng geheim; der Welt, selbst Sam, spielten wir Beständigkeit vor.
›Vielleicht sollten wir das lassen‹, sagte Jordi. ›Uns nicht auf diese Weise verflachen. Sich zu wandeln heißt ja nicht automatisch, verrückt oder verantwortungslos zu sein. Sollten wir nicht versuchen, Veränderung zu normalisieren?‹«

»Sie wollte gehen? Das glaubte ich jetzt nicht. Andererseits konnte ich es nie glauben. … Meine alte Fassungslosigkeit über das Verlassenwerden (oder inzwischen vielleicht ein Denkmal des Verlassenwerdens, ein Turm) passte auf jeden Verlust, egal wie groß oder klein.«

»›Arschloch‹, flüsterte ich. Ich meinte das Leben selbst. Kam immer mit irgendwas Neuem um die Ecke, immer mit etwas Unerwartetem. Ich hatte mir einen gottverdammten Mutterleib erschaffen, und einmal pro Woche durfte ich darin im Einklang sein. Mit mir selbst, mit Gott, mit meinen Freundinnen und manchmal meinen Geliebten. Und er gehörte mir nicht. Weil einem nichts gehört. Gar nichts, nicht einmal der eigene Leib. Alles vergeht. Aber ich konnte jeden Mittwoch dorthin zurück, mit oder ohne Lust, und – wie nannte man das noch mal? Frei sein.«

Miranda July: Auf allen vieren

Assistentin

Im Traum irre ich durch ein Luxuskaufhaus und werde ungefragt beäugt und beraten, was ich doch alles unbedingt mal anprobieren soll. Ich flüchte in einen goldenen Aufzug, dort höre ich den alten Chef des Ganzen zu seiner Leibwache sagen, wie sehr er doch seine Assistentin vermisst: Sie war treu und fleißig bis zum Umfallen, brauchte niemals Urlaub und beschwerte sich nie – besser als jede Ehefrau, die er bislang hatte. Ich schnaube laut auf, tätschle ihm den Kopf wie einem Kind und steige aus.

40

40 Ideen, wie ich meinen 40. Geburtstag verbringen könnte:

»wie sehr kann man sich selbst ausgesetzt sein?«

Lisa Krusche: Die Anrufung der Riesin

Verscheucht

An meinem Bett sitzt eine alte Frau mit langem grauen Haar, ich erschrecke, sie lacht. Ihre Kleider sind orange und so schmutzig, dass ich die Farbe nur erahne. Ich verscheuche sie, gsch, wie eine Katze, wedle sie weg. Sie lacht noch lauter und bleibt sitzen. Ich schreie. Mein Herz pocht so laut, dass ich erwache. Ich stehe auf und trete ans Fenster. Da liegt die Frau auf der morgennassen Wiese, dürftig zugedeckt mit unserer orangenen Decke. Der Garten ist viel größer als sonst, weitläufig und gepflegt wie ein Park – und überall sind Leute. Ich trete auf die Veranda, ein Stapel weißer Wäsche auf Beinen läuft in mich hinein und fällt zu Boden, frisch gebügelt, oh nein! Darunter kommt ein Mädchen mit weißer Schürze zum Vorschein, eine Bedienstete? Fast noch ein Kind. Sie schaut mich ängstlich an, ich berühre sie am Arm. Um ihren Hals trägt sie eine Kette mit einem weißen Herz aus Gips, es pocht bei meiner Berührung. Ein Mann unterbricht uns, er redet auf mich ein, nichts davon verstehe ich. Er trägt auch so eine Kette, mit Sternen, sie zerspringen unter meinem Blick, die Scherben liegen in meiner Hand – mir wird ein Teller gereicht, um sie zu entsorgen. Von unten aus dem Garten ruft der Doktor nach mir, er ergreift meine Hand und küsst sie, ich schüttle ihn ab. Was machen all die Leute hier? Ich will schlafen! Eine ganze Dienerschar ist mit mir beschäftigt – ich hatte ja keine Ahnung, wie privilegiert ich bin. Alle starren mich an. Heulend schreite ich zu der alten Frau und decke sie besser zu. Um mich dann auch wieder ins Bett zu legen. Bis der kleine Amor mich weckt und einigermaßen geduldig wartet, bis dieser Traum notiert ist.

M

Das M auf meiner Tastatur hakt – was will mir das sagen?

»Mut darf haken, aber er schreibt sich trotzdem weiter.«

Soso, ChatGPT.

Schnitt

Das Schnitterinnenfest steht an und erinnert mich daran, dass ich den Schnitt setzen darf, der ansteht:

»Was ausgedient hat brenne, im Feuer der Verwandlung, wir vertrauen dem leeren Raum.«

Der leere Raum. Wie gerne ich ihn zeige. Und gleich wieder fülle mit Plänen, anstatt ihn als Raum wirken zu lassen. Auf mich. Fülle ihn mit Kreisen, die sich noch fremd anfühlen, in denen ich reflektiert und selbstbewusst meine Pronomen aufsagen soll. Wen ich alles gelesen haben müsste, um zu verstehen, dass ich mich noch immer in den falschen Spiegeln suche. Please: Richtet hier im Haus einen Leseraum mit all euren Texten ein.

Ich habe mir Raum geschaffen im Kalender und fülle ihn wieder mit deinen vorgestrigen Texten und meinen, für die mir der Mut fehlt, die Klarheit und Ausdauer.

Ich muss uns nicht wieder aufwärmen.
Ich muss dieses Buch nicht schreiben.
Ich muss das Haus nicht retten.
Ich muss nicht deine Verlegerin sein.

Aber ich könnte. Und diese Möglichkeit macht mir Spaß.

Und jetzt?

Diese Kiste voller Briefe und mein Textmeer, das plötzlich wieder angeschaut werden will. Wenn ich kurz reinlese werde ich nur traurig über die fehlende Zeit für das uferlose Unterfangen, dieser Fülle an Material ein Buch (oder zwei) abzuringen.

Schnitt!

»Es ist das Fest, das uns oft am meisten herausfordert, weil wir uns so oft weigern, den Schnitt zu setzen, obwohl wir sehen, dass er ansteht.«

»Wir vertrauen dem leeren Raum, wir vertrauen dem leeren Raum.«

Lavendel

Abendspaziergang in Zeitlupe mit Kind, von einem Gartentor zum nächsten, den steilen Weg zum Weinberg hinauf. Wir streicheln kleine Mooshügel an der Mauer, in der Ohren wachsen, grün und dick. Wir schreien gegen den Lärm der Lüftungsanlage: A-O-A-O-A-O. Wir üben SCH und SSS, haben Angst vor einem Hund, der nicht weiß, wie groß er ist. Es riecht nach Lavendel, verregnet, besonnt.

Buchstaben

Ich soll es genießen, dass die Kinder da sind, diese besondere Zeit, in der sie klein sind. Stattdessen nerven mich meine Hormone und die Frage, ob mit mir etwas (oder vieles) nicht stimmt. HSP, PMDS, ADHS – diese Buchstaben brauchen eine Diagnose. Hast du dir die Wörter im Glas angesehen? Deine Wörter. Fremdwörter, und doch fehlen sie hier. Zwischen den Ideen lauert mein Loch, in dem ich verschwinde, mich vergesse. – Da haben wir die Diagnose.

Halt

Halt im Chaos finden und in der Neugier den Kern.

Verkleiden

Verkleide mich weiter als die, die ich nie war.

Herzrasen

Das Herz will mir was sagen, klopft wie wild, will mich warnen: Achtung, die sind gefährlich! Warum? Weil sie ganz genau wissen, wie sie dich aus dem Konzept bringen. Und das tun sie, um sich zu spüren.

Das Ich ist nun sie, die Dus kenne ich nicht.

Erfüllung

Theo: Das darf ich nicht verraten, weil das ein Geheimnis ist, sonst geht meine Erfüllung nicht in Sicherheit.

Preisschild

Im Traum machst du Paula und Sascha ein Geschenk: Eine Schachtel mit Pralinen wie Kieselsteine zu einer philosophisch-geologischen Abhandlung, ein dünnes Heft. Du siehst, dass ich das Preisschild sehe, 447 Euro. Du wirst rot, nimmst die Schachtel wieder an dich und willst sie zurückgeben, wenn das noch geht. Kopfschüttelnd laufe ich durch den Raum zu Marlies und anderen stillenden Müttern am Boden zwischen Theaterproben. Dass ich obenrum nackt bin stört hier niemanden, nicht einmal mich.

Grasfrisur

Im Traum schwimmen wir durch eine Wasserlandschaft aus Kanälen, Strudeln und Becken, Mama redet ganz untypisch wie ein Wasserfall auf mich ein: Das geht doch nicht, so ein Lieben kreuz und quer. Vor uns schwimmt ein Typ, der sagt: In manchen Betten fühlt man sich eben wohler als in anderen. Auf seinem Kopf wächst grünes Gras in Büscheln, wild gemäht. Diese Grasfrisur bleibt mir tagelang im Kopf, bis ich sie jetzt endlich aufschreibe.