Christina Schmid
Anfänge und Enden

Federkleid

Als Gastgeschenk für die Familie meiner Braut trage ich vier Eier in den Händen, in verschiedenen Größen und Formen, winzig, kugelrund, fast plattgedrückt, eines davon ist roh. Mit kahlgeschorenem Kopf und wehender Perücke eile ich die Treppe zur Straße hinab und weiter in den Untergrund zur Bahn, die ich nicht finde, stattdessen einen Kraftraum voller Geräte. Wieder oben erwartet mich eine Rikscha im Federkleid mit buntbemaltem Faun, den ich immer nur von hinten sehe. Ich steige ein für eine Irrfahrt durch New York mit flüsternden Fragen, seine Buntheit färbt ab und mich ein. Wir geraten in eine Parade durch die teuerste Straße in einen Saal, eine Wendeltreppe führt zur Dachterrasse mit nächtlichem Garten, Andreas ist da und alle sind so bunt wie ich.

Unbeschriebenes Blatt

Man bekommt ein unbeschriebenes Blatt geschenkt und lässt das Blatt sich selbst beschreiben. Das Blatt nennt sich Meo. Um dem Amt zu beweisen, dass der Zweitname Thoje tatsächlich existiert, komponieren Thorsten und Jenny kurzerhand einem wahrscheinlich norwegischen Musiker ein Notenblatt – überzeugt.

Seit vier Jahren sind Vater und Sohn im Wohnmobil unterwegs, 66.000 Kilometer, davon 55.000 in Deutschland, immer abwechselnd entscheiden sie, wohin: Links, rechts, wieder links, da sieht es schön aus, Meo dirigiert sie zielsicher zum schönsten Stellplatz an der Lorelei.

Und Jenny? Superöko, acht Jahre vegan, Lotusgeburt, lange gestillt, dann über Nacht nicht mehr, wie Meo auch über Nacht aufgehört hat, Zucker zu essen und YouTube-Videos zu schauen, will er nicht mehr. Was ist passiert, will ich fragen, Halbwaisenrente hat er erwähnt. Später frage ich – Krebs in der Brust und schon überall.

Der Wohnmobilstellplatz ist belegt, doch sie haben ein Zelt – als Corona kam, für den Ernstfall gekauft, ein großes Tipi in Beige, von Meo ausgesucht. Zum Sonnenuntergang setze ich mich als Gartenzwerg in den Vorgarten, dort grast Meos imaginäre Kuh, die bei ihm ist, seit sie im aufgeräumten Haus der Großeltern mit Spielzeugverbot kistenweise imaginäre Spielsachen ausgekippt haben.

– Meo: Papa, wir brauchen noch meine Schlafsachen!
– Thorsten: Hab ich natürlich alles dabei, mein Sohn, ich bin doch Eventmanager.
– Gartenzwerg: Meo, dein ganzes Leben ist ein Event.