Christina Schmid
Anfänge und Enden

Allgemein oder Konkret?

Lieber das Große im Kleinen abhandeln als das Kleine am Großen.

Rosarote Sicht

Singend bin ich durch den Regen geradelt, nachdem ich dich zum Bus gebracht hatte. Meine Gäste waren ja längst weg, selbst die Spuren ihres Besuchs in meiner Abwesenheit. Nur der Geruch verbrannter Pinienkerne hielt sich bis Montagfrüh.

Und bei dir, alles wie geplant? Montag Orgel, Dienstag Yoga, Mittwoch Boxen, nächsten Samstag Oper, irgendwann Hamburg. Und dann?

Zeit für Teil Eins.

Dein Jogurt zum Frühstück gibt mir Rätsel auf. Selbst Schuld – du spielst mir meine verwirrenden Wortfragmente zurück, jetzt ahnen wir beide soviel wie zuvor. Na, du vielleicht etwas mehr, ich bin ein offenes Buch.

Doch halt: Rosarote Sicht!? Sowas hält sich zwischen sechs Wochen und sechs Monaten. Wir sollten uns sehen, bevor sie sich trübt. Oder hält sie länger, wenn man sich nicht sieht? Oder nicht, weil aus den Augen, aus dem Sinn?

Kann ich deine Nummer haben?

Teil Zwei dann mit 64.

20 Jahre Blut

Wieviele Liter sind das?
Durchschnittlich:
70 Milliliter im Monat
840 Milliliter im Jahr
16,8 Liter in 20 Jahren

Niemand hat sich dieses Datum gemerkt und mit mir den Abschied der Kindheit gefeiert. Keiner sprach darüber, wie schmerzhaft es ist, das Mädchen zurückzulassen und es erst viel später wieder in sich zu entdecken. Das Baby im Kind im Mädchen in der Frau in der Mutter in der Großmutter. Alle da. Alle bin ich.

Es gab auch keine Willkommensfeier für meine Fruchtbarkeit, die erst jetzt interessant wird. Erst zwanzig Jahre später fand ich einen Kompass und einen Reiseführer (nicht schön, doch hilfreich) als Weggefährten für meine monatliche Reise durch das innere Jahr. Jeden Morgen ein neuer Cocktail. Zyklisch leben, das wär doch was. Wer bin ich heute?

Kennst du eine Abkürzung zum Eigentlichen?

Gastfreundschaft

Sie war mein Vorbild: Offen für jeden, interessiert, zugewandt und so voller Wärme und Gastfreundschaft. Braucht man ein Schloss, um Menschen so einladen zu können? Du sagst, das ist eine Haltung, kein Ort und keine Wohnform.

Verliebt

Kurz vor dem Einschlafen, das Licht brennt gerade noch so, bin ich ganz verliebt. Ich lache dich an, du liegst neben mir, die Decke bis zur Nase hochgezogen. Ich bin glücklich in diesem Moment. Warum gerade jetzt? Weil ich dann nichts mehr will vom Tag und von mir. Dann werde ich ruhig und entspannt, dann bin ich da.

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Warum stehst du morgens auf?
Wie viele Rollenbilder sind gesund?
Gibst du auch mal nach?

Aber die Freiheit!
Aber die Einsamkeit?

Die Familienchronik als Vorwort zu mir selbst?

Vielleicht interessant

Gestern am Fluss, da lag er und ich wollte, dass er mich sieht. Seit ich denken kann, will ich gesehen werden. Von Männern. Papa, Opa, die Jungs aus der Nachbarschaft, aus der Parallelklasse, aus dem Dorf, der Clique, im Delta, im Urlaub am Strand mit 13 in diesem Bikini mit Reißverschluss zwischen den noch nicht vorhandenen Brüsten. Ich öffnete ihn dennoch so weit wie möglich. Schaut mich an! Was seht ihr? Sehe ich mich erst durch euren Blick? Ein unscheinbares komisches Mädchen, vielleicht interessant. Was sie wohl denkt? Wie sie wohl nackt aussieht? Wie sie im Bett ist? Und wenn sie erst loslässt und aufblüht, dann wird sie groß und schön und berühmt mit ihrem schiefen Blick auf die Welt. Ganz genau beschreibt, seziert, durchbohrt sie die Menschen um sich herum. Projektionsfläche, ich und ihr. Warum interessiert mich der Blick der Männer? Derjenigen, die stark scheinen und schonungslos in ihrem Urteil. Sein Blick. Weil er schreibt? Weil ich schon immer eine Romanfigur sein wollte? Wenn sich mein Handeln durch seine Feder fügt, wenn meinen Weg nicht mehr ich bestimme, sondern sein Schreiben. Und warum nicht mein Schreiben? Ein Leben, erschrieben statt erlebt? Kann ich nur beschreiben, was ich auch erlebt habe? Als ob ich schon so viel erlebt hätte. Genug, um mich den Rest meines Lebens mit dem Bisherigen zu befassen. Am liebsten möchte ich doch Bücher lesen, in denen ich selbst vorkomme, wahrhaftig, mein Innerstes erfasst. Und warum sollte er das besser können als ich? Zumal noch ein Mann, irgendein schreibender Mann.

Alles verkaufen und verschenken, nur ein Rucksack und los. Oder liegt es am Sommer, dass ich die Dinge, Bücher und Wollsachen nicht mehr verstehe?

Blau oder rotweiß gestreift zu schwarz, oder rosa zu schwarzweiß kariert?

Steffi neulich: „Glaubst du immer noch, dass die Zeit springt, wenn du durch Türen gehst?“

À propos

Über oder Für?
Über überhöht sich, schaut aber hin.
Für schenkt, wo es nichts braucht.

Le cube

Ateliereinrichtung: Zwei Tischplatten, vier Böcke, zwei Stühle, ein durchgesessener Sessel, ein Hocker als Beistelltisch, ein hoher Hocker, um aus dem Fenster zu schauen, ein Sockel neben der Tür, unter dem Nagel für meine Jacke. Der Rest kann raus oder in die Nische nebenan. Den Schreibtisch stelle ich so, dass ich die Riesigkeit des Raums nicht sehe. Da sitze ich nun. Vor mir eine hohe, weiße Wand. Und ein weißes Blatt. Was tun mit all dem Weiß?

Spiegelkabinett

Nach dem Urlaub falle ich zurück in mein Loch. Zweifel drücken mich morgens zurück in die Federn und verjagen mich schneller aus meinem Schaufenster als ich mit der Arbeit beginnen kann. Herrje, hört das denn nie auf? Oder erst wenn ich ein Kind habe? Oder am Bodensee wohne? Oder Kunst mache? Oder schreibe? Oder nur noch koche und backe? Oder allen Ballast von mir schüttle und aus einem kleinen Rucksack lebe, nirgendwo zu Hause, überall daheim? Das ist keine Achterbahn mehr, das ist ein Spiegelkabinett ohne Ausgang.

Verflucht

Plötzlich schlägt mir eine Kälte entgegen. Ein Kommentar auf Facebook entlarvt meine tiefsten Ängste, ich fühle mich ertappt. »Ihr verfluchten Nachmacher!!!!!« schreit da einer. Mein Bauch verkrampft sich, ich will ins Bett und nie wieder aufstehen. Oder zumindest heiß duschen.

Was meint er genau? Das Logo, das sich mit Abstand betrachtet als eine Mischung der Logos zweier Designschulen interpretieren ließe? Oder meint er die Website, deren Menü dem meiner Lieblingswebsite ein wenig zu sehr gleicht? Die andere Schrift, die neue Bildsprache, die Bespielung des Logos – sind das nicht genug »neue« Elemente für ein eigenständiges Erscheinungsbild?

Geht das überhaupt, etwas Neues zu erschaffen, wenn man doch von allen Seiten beeinflusst wird? Sind unsere Ausdrucksmittel nicht viel zu limitiert, um uns nicht ständig – versehentlich oder unbewusst – gegenseitig zu kopieren? Und warum ist das schlimm?

Weil es wohl mal wieder ums Ich geht, um Identität. Als ich bemerkte, dass meine kleine Schwester sich heimlich meine Klamotten auslieh, fühlte ich mich in meinem Stil (wenn man das, was ich mit 17 trug, als Stil bezeichnen möchte) kopiert. Nicht mehr eigenständig, besonders, ich. Ich hätte es auch als Kompliment verstehen können.

Und wer kennt das nicht: einen tollen Entwurf aufs Papier gebracht zu haben, nur um kurz darauf festzustellen, dass das so oder so ähnlich schon vor hundert Jahren entworfen wurde. Mein Freund erzählt gerne, dass er in seinem ersten Semester den Klappstuhl neu erfunden hat. Alles schon da gewesen, die Farben, die Formen, das Rad.

Die Kopie ist in unserem Kulturkreis verpönt, Nachmacher werden geächtet. Nun komme ich aber seit geraumer Zeit auf nichts Neues, Eigenes – aus lauter Angst, etwas falsch zu machen. Wann hat das angefangen? Als ich merkte, dass ich zu wenig weiß? Als ich keinen Strich mehr zustande brachte, ohne mindestens bei fünf Anderen zu schauen, wie die das machen? Aus Faulheit? Aus Angst. Doch welche Angst ist größer: Der Kopie verdächtigt zu werden oder den Fehler zu riskieren? Beides bleibt wohl keinem erspart, der nicht im Bett bleibt. Im Kopieren lerne ich von anderen, im Fehlermachen von mir selbst.

Kurze Zeit später stellt sich heraus, dass der Kommentar gar nicht uns galt. Immerhin hat er mir ein paar Gedanken beschert.

Woher kommen bloß all die Klassenfahrten und Gruppenreisen in meinen Träumen?

Grauschleier

An irgendeinem Punkt vor ein paar Jahren haben die Dinge aufgehört normal zu sein. Nichts war mehr, was es davor gewesen ist, alles musste ich neu lernen und die Falten auf meiner Stirn wollten nicht mehr verschwinden. Was war der Musik passiert? Was machte das Essen so schwierig? Was hat den Grauschleier auf alle Kleider gelegt? Was hat die Uhren beschleunigt? Was hat mich so weit weg getrieben von allen und mir? Was ist hier los?

Raketenstation

Wie träge sich die letzten Seiten füllen. Ich wage kaum mehr etwas zu notieren. Ein neues Buch erst dann, wenn das hier überstanden ist. Ich schreibe um mein Leben im Jetzt und entferne mich immer weiter davon. Wie weit kann ich gehen, um noch unbeschadet zu mir zurückzufinden? Es mag Jahre dauern, Jahre der Verwirrung, nicht bei mir. Was mache ich hier? Ich stolpere durch Berge aufgeschlagener Bücher auf dem Tisch von Oswald Egger und sage: Hallo, hier bin ich, was kann ich für dich tun? Welch absurde Frage bei meiner akuten Sehnsucht nach dem Nichts. Ein Leben ohne Kalender, ohne Uhr und ohne Pflichten. Das Hier und Jetzt, ich weiche ihm aus, ignoriere die Sonne, sehe die Blumen nicht. Er sagt: »Interessant, weil man so gar nicht sieht, wo das hinführt, dieses Schreiben.«

Wie kann sich so ein junger Mensch mit so viel Vergangenheit beschäftigen?

Heißt die wirklich Broccoli mit Nachnamen?

Durchbrennen

Bin ich neidisch auf seine wiederentdeckte Freiheit? Ich lauere ihm auf, ich beobachte wie er sich durch die Wohnung bewegt, ich lausche, wann er nach Hause kommt und wann nicht, wie gestern Abend. Spontan mit ihm durchbrennen in die Berge. Ich schleiche um ihn herum, bin vorsichtig und ruhig und brav, allemal eingerostet. Gleich am ersten Abend hier habe ich mich verguckt, ein kleines bisschen, er sich vielleicht auch. Ist doch nett, so ein bisschen Spannung in der Wohnung. Ich atme, sehe Schmutz unter meinen Fingernägeln, liege im hübschen Kleid auf dem Bett, unterdrücke den Lebensdurst und studiere.

Fällt mir vielleicht auch mal was mit Hand und Fuß ein?

Ich habe Angst.
Angst davor dass alles zusammenbricht.
Mein System.
Eure Hoffnungen.
Online.

Bei mir tut’s.

Aber bei dir?
Und bei denen?