Christina Schmid
Anfänge und Enden

Lebendig

So lebendig sind wir nie wieder: Uns verdoppeln, das tun wir nie mehr.

Theaterkritik

Zu zweit im Homeoffice, eigentlich ganz nett. »Deinen Geschmack möchte ich mal haben«, knurrt Matthias am Telefon. Er schreibt an einer Theaterkritik über das, was uns hier gespielt wird.

Nebelmaschine

»Ich muss zugeben, ich bin ein großer Nebelmaschinen-Fan.«

Frühlingswind

Gegenwind beim Sonntagsspaziergang auf Abstand. Sie fragt, warum ich mich nackt ausziehe in aller Öffentlichkeit. Ja, was ist das nur mit dem Veröffentlichen, warum mache ich das? Mutig, meinen so manche, sie könnten das nicht. Ich kann nicht ohne. Ungefiltert und nah mag ich es. Noch suche ich mein Schreiben, mache Fingerübungen, vielleicht bleibt es dabei. Teil der Suche ist der Wunsch nach Resonanz, darum setze ich die Pflänzchen aus im kühlen Frühlingswind. Ganz warm wird es, wenn das Literaturhaus schreibt: Welch schöne Texte, der Ton ist so kurz und einfach und doch so fein.

Gewächshaus

Sie sagt, ich solle mir gut überlegen, ob ich wirklich nochmal das Gleiche machen möchte in blau und grün. Ich will zurück zu den Pflänzchen im Gewächshaus, in die Wärme ohne Gegenwind.

Korrespondenz

Guten Morgen Traumfrau, schreibst du und damit ist der Traum, den ich schon im Halbschlaf festhalten wollte, endgültig weg. Natürlich meinst du meine Träume. Und doch mag ich die Doppeldeutigkeit unserer Korrespondenz – ein zielloses Unterfangen zweier Menschen, die doch nie zueinander finden werden.

Authentic Movement

Am liebsten am Boden, am Verkriechen und Verstecken. Meinen Tanzbegriff ausweiten aufs Liegen.

»Wer hat jemals was von senkrecht gesagt?«

Ungehorsam

Klein und naiv fühle ich mich nach dem Telefonat mit diesem lauten Mann, der mir rät, zu zivilem Ungehorsam anzustiften.

Versteckt

Besuch von Anastasia, die uns Fotos zeigt von ihrem Haus auf Lefkada. Da wollen wir hin, da gehen wir hin, im Mai! Sie zeigt uns ihre Strände und eine versteckte Bucht mit weißen Felsen, weißem Sand und türkisblauem Wasser. Dorthin führt ein versteckter Pfad mit 300 Stufen. Nun ja, wohl nicht mehr ganz so versteckt, Google kennt ihn schon. Am höchsten Punkt der Insel eine kleine Kirche mit Rundblick, im Tal eine Flusswanderung mit Wasserfall. Ich träume mich schon mal dorthin, ans Ionische Meer. Io, Tochter des Flussgottes Inachos und eine der Geliebten des Gottes Zeus.

»Also die Zitrone beim nächsten Mal vorsichtiger dosieren.«

Immer.

»Beim Cocktail nicht.«

Das ist aber kein Cocktail, das ist ein Salat.

»Und wenn ich Cocktailtomaten reingemacht hätte?«

Und dann fragt er:
»Wovon leben Sie eigentlich?«

Luft und Liebe, was sonst.

Blau

Gegenüber im Zug Vater und Tochter, sie futtert Bifi, er M&Ms. Sie schaut Videos und streckt ihm die Hand hin: »Blau.« Sie wird gefüttert, bis die Lippen blau sind. Dann ein genervter Blick ins karierte Heft. Sonntagabend, ich kenne das Gefühl. Der Vater sucht ein Erklärvideo über Nährstoffe. »Wenn schon Video gucken, dann was Sinnvolles.«

Nordpol

»Sonntag ist Nordpol für mich. Unerreichbar. Von einer dicken Eisschicht umgeben. Abweisend und kühl.«

»Kann es sein, dass wir heute das selbe Hemd tragen?«

»Nein, denn sonst stünde einer von uns oben ohne da.«

»Das sind Erwachsenenfehler – weißt du, was ich meine?«

Authentizität

Ich höre einen Podcast zu Authentizität, während ich Wäsche zusammenlege und die Küche schrubbe. Und dann noch einen über häusliche Gewalt – nirgendwo ist Frau gefährdeter, Mann übrigens auch.

»Tropft dein Cembalo eigentlich?«

Nixen

Nichtstun. Außer auf dem Bett liegen und mit den Zehen wackeln. Und den Gedanken dabei zusehen, was sie doch für Akrobaten sind.

Empfänglich

Er sagt, wir machen die Kunst nicht für uns. Wir übernehmen Aufgaben, die uns finden und wenn wir sie annehmen, werden sie zum Auftrag, dessen Umsetzung Disziplin erfordert. Dafür nicht entlohnt zu werden, leiden zu müssen, sei ein großes Missverständnis in der Gesellschaft. Dazu gehört, unsere Ergebnisse zu veröffentlichen, sie in Resonanz zu bringen mit anderen Menschen.

Jedes Jahr sauge ich seine Sätze auf, als wären sie die Wahrheit. Plötzlich bin ich wach und da, vom Sommer warm und offen und empfänglich für derlei Welterklärung.

Es fehlt nichts.

Im Naturhoroskop bin ich ein Apfelbaum.

Soldaten

Im Auto ein aufgekratzter Matthias, der von seiner Jagdausbildung berichtet und von seiner Zeit als Soldat. Davon kann auch Thomas erzählen: Er war Panzerfahrer, während der Rest der Welt Sonntagsspaziergang machte, in bunten Kleidern.

Wer morgens zerknittert aufsteht, hat den ganzen Tag, um sich zu entfalten.

Telenovela zu halb geschenkten Johannisbeeren.

So vergnügt und gut gelaunt wie du bist, könntest du jeden Moment einschlafen.

Wichtig

Nichts aufschieben, das dir wichtig ist.

Nachbarn

Endlich mal nicht am Schreibtisch, wenn nebenan der Gong zur Tagesschau ertönt und mittags, pünktlich um halb 12 Uhr, das Geklapper des Bestecks auf Tellern. Wir sind uns so nah und sehen uns doch nur alle paar Wochen mal im Treppenhaus.

76

Zum Busfahrer:
»Werden Sie am Bahnhof zur 76?«