Du bügelst meine Stirn mit deinen Fingern, die Falten verschieben sich auf die Backe zu Grübchen. Wir strahlen uns gegenseitig an – ein Perpetuum mobile des Glücks.
Kosmetik, wo es einen Pflug bräuchte.
Ankunft in der steilen Gasse zu unserer Unterkunft bei Rui, eine kurze Führung durch die blitzsaubere Wohnung und Küche mit Ausblick und Rührmaschine – er betreibt einen Lieferservice für Kuchen. Mittagspause im gemütlichen Zimmer, dann raus ins nahe gelegene Zentrum Lissabons und weiter Richtung Castelo. Wunderbarer Blick über die hügelige Stadt mit Abendsonne und windzerzausten Haaren.
Wieviel Portugal passt in zwölf Tage?
Zwei symmetrische Türen, etwa einen Meter auseinander, hellgrau, wie die Wand, die Rahmen etwas dunkler. Die Scharniere jeweils solidarisch: oben hell, unten dunkel. Zwischen den Türen an der Wand eine Lampe, halbrund, oben offen – fast passend zum orange-beige melierten Linoleumfußboden. Knallblaue Sockelleisten, oben parallel dazu orangene Zierleisten auf Türrahmenhöhe (aber nur zwischen den Türen) sowie kurz unter der Decke. Fehler in der Symmetrie: Der Lichtschalter links ist weiter vom Türrahmen entfernt als der rechts. Die linke Tür ist unten auf beiden Seiten leicht engekerbt. Das Schlüsselloch links ist klassisch, rechts ist es rund. Beide Türen öffnen sich fast gleichzeitig. Frau und Herr Doktor, Tür an Tür. Der nächste, bitte.
Ich. Wo fängt das an? Hier und Jetzt oder bei meiner Geburt oder Zeugung oder der Begegnung meiner Eltern, Großeltern, Urgroßeltern? Oder bei meiner ersten Erinnerung? Oder mit meinem ersten Tagebuch, in dem ich mich schreibend an mich selbst richtete?
Ich. 31 Jahre, 163 cm, 55 kg, dünner als ich mich fühle. Ich habe studiert, aber nicht so richtig. Ich arbeite, aber nicht so richtig. Weil allein, daheim und ohne Ziel, von Auftrag zu Auftrag, der mir zufliegt, mich einnimmt, verschlingt und dann wieder ausspuckt. Jedes Mal denke ich, das mache ich noch, danach wird alles anders. Es muss sich etwas ändern, nein – nicht etwas, alles muss sich ändern. Arbeit, Ort, Familiensituation. Entweder ich werde schwanger oder. Oder was?
Ich. Dehydriert. Ich empfange zu viele Signale, Radiowellen, welcher ist mein Sender? Die Antennen sind aufgestellt, der Empfang gestört durch den Matsch in meinem Kopf, wohltuender Nebel, Regenwolken über uns, Stimmen von drüben, Plätschern vom Teich, Tropfen von oben, Schritte im Kies, Wind in den Bäumen, Vogelgezwitscher, klackernde Boule-Kugeln. »Oh la la Monsieur«, ruft einer, der so viel schöner gealtert ist als seine Frau. Ich sehe, wie sie an sich arbeiten, seit Jahren ihre Zweisamkeit verteidigen, gegen sich selbst, das Alter, die Zeit. Ich habe Durst.
Hier komme ich sofort an. Alles ist mir vertraut, das Haus und der Garten, die Abläufe und Rituale, die Offenheit der Leute, die Leichtigkeit. Als würden wir dort ansetzen, wo wir vor einem Jahr aufgehört haben. Ein unendlicher Aufenthalt auf dem Schloss, nur kurz unterbrochen durch ein Jahr woanders. Wie die Träume, nur kurz unterbrochen durch den Tag. Alles fällt von mir ab, ich möchte auch nicht darüber sprechen, was war, wie es mir ging im letzten Jahr, was ich so mache und was ich noch alles tun könnte. Oder doch – das geht ganz gut aus der Distanz, der Konjunktiv.
Etappe drei oder sechs unserer Reise: Schloss Vellexon! Ich sitze im Tanzsaal, der jetzt Yogaraum ist – das Schloss hat neue Besitzer. Mein Blick streift über die Landschaft vor dem Fenster, kühle Morgenluft strömt herein und ein Lachen von unten – ich weiß, wem es gehört, ich weiß nur nicht mehr, was ich mit ihm reden soll. Alles gesagt. Neuen Leuten von neuen Ideen zu erzählen, fällt mir so viel leichter, als Freunden, die mich kennen und meine Pläne womöglich gleich in die Schublade einordnen, in der sie mich gut aufgehoben wissen.
Jetzt haben wir Urlaub! Seltsam, dass ich dermaßen strahle, wenn ich das verkünde. Die Bildschirmabhängigkeit und Lethargie in unserer Wohnung ertrage ich keinen Tag länger – raus hier, raus! Augen auf für die Welt und füreinander. Dabei ist Urlaub nur eine Idee, ein Konzept. Wenn man das braucht. Brauchen wir. Jetzt.
Patrick überredet mich, bei der Critical Mass mitzuradeln. Meine erste Demo (wie peinlich). Ich entdecke neue Ecken, Freunde, Bekannte und das starke Gefühl, auf dem Rad durch den Wagenburgtunnel abwärts zu sausen. Am Ende des Tunnels blendet uns goldenes Abendlicht, kurz bevor die Sonne hinter dem Berg verschwindet.
Er spricht so begeistert, da hüpft mein Herz. Seine Leidenschaft für seine Arbeit verdrängt alles andere: Freunde, Freizeit, Urlaub, Liebe, Kinder. Das ist doch nicht gesund! Aber ein Geschenk für die Kunst- und Bücherwelt. Man kann nicht ein bisschen so sein – nur ganz oder gar nicht.
Vor einigen Jahren hatte ich das große Bedürfnis, Wurzeln zu schlagen. Jetzt möchte ich mich ausgraben und verpflanzen. Oder ich lasse den Baum stehen und fliege als Samenkorn weiter in neue Erde. Oder in alte Erde, hier am See?
Draußen wirbelt ein Sturm die Abendpläne durcheinander, während ich drinnen sitze und nach meiner Mitte suche. Dann traue ich mich doch raus in den warmen Sommerwind und stelle fest: das Leben aus meinen Träumen gibt es tatsächlich. In der fast windgeschützten Bucht werde ich mit offenen Armen willkommen geheißen, so wie ich bin, ganz nah, vom ersten Moment an. Ich bin überrascht, überwältigt, überfordert von so viel Zutraulichkeit und liebevollem Streicheln. Gitarren unterm Sternenhimmel, Barfußtanz im Sand, ein Mondbad. Mein Kopf will diese Nähe, doch mein Körper sucht Distanz. Oder umgekehrt. Wieso bin ich nach Hause und nicht mit? Zu schnell, zu nah, zu viel? Mir fällt wieder ein, wie leicht es hier am See ist. Ich will hier leben. Ich will leben.
Das Gefühl, dass ich es nicht ganz ernst meine mit dem, was ich tue.
Im Wartezimmer liegt ein Spielteppich mit Straßen, Parkplätzen, Bushaltestellen, Kreisverkehr mit Kreisverkehrskunst, Zebrastreifen und Grünstreifen mit Bäumen. Häuser mit Kino, Post, Polizei, Feuerwehr, Tankstelle, Waschanlage und Kiosk, auf den Dächern Lautsprecher, Satellitenschüssel und Windhose. Ein Park mit See, Segelboot und Eisverkäufer, ein Spielplatz mit Wippe und Schaukel. Und ein Bauernhof mit Traktor, Hühnern, Schafen, Scheunentor und Lattenzaun.
Ich habe so große Lust, meine Träume zu tippen, meine Notizbücher und Fotos der letzten Jahre zu durchforsten, Momente auszugraben, etwas großes Ganzes daraus entstehen zu sehen.
Alles hängt mit allem zusammen. Alle Geschichten sind schon einmal dagewesen. Bei jedem Buch, das ich lese, gibt es diese Déjà-vus. Jedes neue Gesicht, in das ich schaue, ähnelt einem, das ich schon kenne. Das Leben besteht aus Wiederholungen das Immergleichen. Ist das gut? Oder soll ich raus aus diesem Kreis, der sich immer enger um mich legt? Ich will tiefer rein und näher ran an den Kern, der die Dinge im Innersten zusammenhält.
Ich nehme mir einen Tag frei. Heute. Also ob ich nicht jeden Tag frei wäre, das zu tun. Aber es wirklich zu tun und es allen zu sagen, das ist neu. So viele Möglichkeiten, jeden Tag. Schreiben und Zeichnen! Oder ins Freibad? Ein Tag scheint zu wenig und doch, Moment für Moment, unendlich lang.
Im ›Piece of Cake‹ ein Zusammenschnitt von Badewannenszenen aus Filmen: Kinder, Männer und Frauen im Schaum, Wetttauchen, Singen, Essen in der Badewanne, und natürlich Selbstmord und Todschlag, blutrotes Wasser. Und wieder Waschen, Einseifen, Entspannen.
Du rollst gerade in Berlin ein, im Nachtzug, zu dem ich dich gestern Abend gebracht habe. Ein langer Kuss auf dem Bahnsteig, ein kurzer Gedanke, ob ich nicht einfach mitfahren soll, mit dem Wenigen, was ich bei mir trage: Kleid und Sandalen, Handtasche mit Geld, Handy und Notizbuch. Pflichtbewusstsein und Vernunft halten mich zurück. Doch morgen fahre ich dir entgegen, wir sehen uns in Kassel.
Meine Ausstellung steht und ist eröffnet. Sie ist leicht zu übersehen, unscheinbar am Rand platziert. Wieso verstecke ich die Dinge so? Vielleicht weil auch meine Sehen so ist? Alltägliche Beobachtungen, nicht inszeniert. Klein, leise und ruhig, im Schatten oder Halbschatten. Schon lustig, die Kunst: Man taucht ab, macht, legt hin, lädt ein – alle kommen, schauen und nicken.
Der Bundestag beschließt die Ehe für alle. Clara macht mir spontan einen Antrag, ich sage sofort ja. Du stehst daneben – amüsiert und auch etwas verschreckt, zumal wir gleich allen erzählen, dass wir verlobt sind. Trauung in Konstanz, in der Kapelle, die meinem Papa so gefällt. Dann mit dem Schiff raus auf den See, ein Fest auf dem Wasser, die Nacht in Bregenz. Und dann leben wir am Bodensee, genau zwischen Konstanz und Bregenz, auf einer eigens für uns aufgeschütteten Insel, in einem Haus, das du für uns entwirfst. Wir adoptieren dich und Sabine wird Trauzeugin, die den Junggesellinnenabschied organisiert – garantiert ohne Eierlikör, Alkohol aus Spritzpistolen und Kartoffelsalat in Plastikeimern. Wir tragen Kleider, ich in blau, Clara in pink. Oder doch ein rosa Anzug? So streichen wir dann auch unser Haus mit Holzwerkstatt und Atelier in blau und rosa.
Kein Tag ohne Schreiben, dem Denken wegen. Das Papier ist mein Zuhause, da bin ich ich. Jeden Tag neu.
Ein Hochbett mit guter Aussicht auf die Blumenwiese, die damals noch kein Wohngebiet war. Wand und Decke aus Holz mit Astlöchern, in denen ich Tiere sah. Neben dem Kopfkissen an der Wand ein Bildchen, ich glaube gestickt von Mama. Sie hatte ein paar so Schätze, eine hübsche Nadeldose (die hat sie heute noch) und Metallplättchen mit Glasblumen, selbstgemacht, nur wie? Unter dem Hochbett mein Puppenhaus mit elektrischem Licht und Klingel, es hat mal Mama und ihrer Schwester gehört. Opa baute mir den dritten Stock dazu: Kinderzimmer und Bad. Vom Taschengeld kaufte ich mir Polly Pocket, noch kleinere Welten. Und gegenüber der Kaufladen, auch von Mama geerbt. Jetzt mit Holzgemüse (vielleicht auch erst später, als es der Laden meiner Schwester war). Mein Schreibtisch hatte vorne so ein rundes Fach für Stifte und einen roten Stuhl. Immer lief ein Hörspiel rauf und runter. Dazu habe ich gemalt und mir selbst Geschichten erzählt. Oder den Barbies Kleider genäht, Villen aus Lego gebaut und Gärten angelegt. Und jedem Besuch musste ich es zeigen: Mein Zimmer, meine Welt.
Sie hat ein Sternchen geboren, vorletzte Nacht.
Abends wiegen die Sorgen schwerer als morgens. War es vor den Morgenseiten nicht umgekehrt? Muss ich mich nun auch abends leer schreiben? Oder einfach immer weiterschreiben, den Stift nicht mehr absetzen, jeden Atemzug festhalten in einem immerwährenden Schreibfluss ohne Punkt und Komma mit Sprüngen in alle Richtungen unvermitteltselbstdielücken
zwischendenwörternweglassennurnoch
einflussausbuchstabenbisinalleewigkeit, Amen.
Etwas Magie in meinem Zimmer: An der Wand zwei Regenbögen und ein Sonnenfleck. Das will ich immer einfangen und wie einen Schatz aufbewahren.
Ich sehe anderer Leute Kinder und schaue nicht die Kinder an, sondern die Eltern – aus der Kind-Perspektive.
Miserabel geschlafen, die dritte Nacht in Folge. Seit ich von Serotoninmangel gehört habe. Nun liegt sogar ein Druck auf meiner Schlafqualität.
Stickige Luft im Wartezimmer. Das Fenster unterteilt die Komplexität der Welt in einzelne Ausschnitte. Jeder für sich genommen scheint verständlich, wie jeder Moment für sich genommen erträglich ist. Ich schaue auf einen Fensterausschnitt, vorne ein altes Dach, dahinter eine neue Fassade, oben ein Stück Himmel. Neun Fenster, neun Ausschnitte. Ich mag diese Aufteilung der Welt, Fensterblicke. Details statt das große Ganze. So ist es auch mit meinen Grundsatzfragen – die kleinen Beobachtungen retten mich vor dem großen unfassbaren Ganzen.
Dieser Typ, der mir alle paar Jahre über den Weg radelt oder läuft oder plötzlich dasteht und guckt – als ob er mich immer mal wieder daran erinnern wollte, dass ich mich nicht erinnern kann. Als ob er wüsste, wer ich bin und wer ich nicht war, als ich ihn küsste und kurz darauf ging und einen Anderen mit nach Hause nahm. War das überhaupt er? Oder hatte ich mir den Kuss nur gedacht, als ich ihn bei einer anderen Party tanzen sah? Von dort kam ich nicht mehr nach Hause, es war zu spät. Ich fragte einen harmlos aussehenden Jungen, ob ich bei ihm schlafen könne. Ich wusste nichts über ihn, folgte ihm zu seiner Wohnung, bekam ein großes weißes T-Shirt und legte mich in sein Bett. Ich wachte früh auf und nahm den Bus, nur weg, nichts wie weg. Wer war ich? War ich überhaupt? Ich kannte hier niemanden und niemand kannte mich. Hinter mir war alles zusammengebrochen, alle wollten weg, also ging auch ich. Nur wohin? Und wie sollte es weitergehen? Ich war einsam, ohne Heimat, Liebe, Halt und so sehr auf der Suche. Dann fand ich das große Nichts. Das Vergessen. Ein Loch in meiner Erinnerung. Manchmal krabbelt dieser Typ dort heraus. Vielleicht will er mir sagen, wie es dort ist, in diesem Loch, in dem ich ihn einfach so habe stehenlassen, um kurz etwas zu holen. Wahrscheinlich hatte ich es sogar so gemeint. Oder jemand hat schräg geguckt und mich erkannt, ich wollte kein Gerede. Oder ich ahnte, dass er gerade dabei war, sich zu verlieben, mich zu verhexen und dann zu gehen. Vorher ging ich. Doch er geht nicht. Taucht ab und zu auf und guckt. Dieser schiefe Mund, immer in Bewegung, als wüsste seine Zunge nicht wohin mit sich. Nächstes Mal frage ich ihn, was damals war, ob was war, ob mein eigentliches Leben genau dort in diesem Loch weiterging, während ich hier draußen danach suche.
Das Leben wird also langsamer mit 31. Man geht nicht mehr aus und merkt es nicht einmal. Nur wenn eine Freundin kommt, die man schon 12 Jahre kennt, oder immer noch nicht. Man leert eine Flasche Wein und lacht wie früher. Und dann? Man spricht von dreimonatigem Fernweh, dem man keine Reise entgegensetzt, sondern ein aalglattes Portfolio, zu dem weder Werber noch Architekten nein sagen können. Für wen will man arbeiten? Will man überhaupt arbeiten? Und was tun, wenn nicht? Hinschmeißen, Esandersmachen, Panik.
Draußen dreht sich das Karussell weniger schnell.