»… He even came to my thirtieth birthday party in Oakland that doubled as performance art, where I demanded that everyone wear white and that no one speak. In the video of it, Matt is the star, master of communicating through silence—playful, reverent, and true. This is how I will remember him.«
Ivy Johnson, thank you for sharing this memory.
Vor mir liegt eine Woche am See. Die Tulpen duften, draußen das Ufer voller Vögel, nebenan der neue Nachbar, der immer etwas zu laut spricht. Etwas zu laut ist es in mir drin seit einigen Tagen und etwas zu still bin ich. Ich möchte es immer noch stiller, bis hin zum Stillstand, den ich dann nicht mehr ertrage. Mit den Gedanken und Erinnerungen an Matt kam mir auch meine überdrehte Seite wieder in den Sinn. Reisen, Menschen, Ausstellungen, Essen, Lachen, Mitschwimmen in diesem spannenden Leben.
Matt ist gestorben, schreibt mir Cassie. Es dauert, bis ich die Nachricht verstehe. Ich versuche im Internet herauszufinden, was passiert ist. Ein Verbrechen oder ein Unfall, vielleicht beides. Erst war er vermisst, dann fand man seinen Rucksack und später, ganz woanders, seinen Körper. Wie manisch schaue ich meine alten Fotos durch und seine Bilder auf Facebook und Instagram der letzten Jahre. Das ist alles, was bleibt, eine Timeline. Am nächsten Tag ist sie gelöscht.
Den letzten Kontakt hatten wir vor zwei Jahren, als ich in New York war und er in Hongkong. Wir haben uns immer wieder verpasst. 2008 waren wir Praktikanten bei Pentagram, gleich an meinem ersten Tag haben wir uns angefreundet. Bei Matt fühlte ich mich wohl, er war geduldig mit meinem holprigen Englisch, wir lachten zusammen über meine Wortschöpfungen. Ich mochte seine ruhige freundliche Art, seinen Humor und seinen offenen Blick auf die Welt. Gemeinsam besuchten wir Ausstellungen und probierten uns durch New Yorks Restaurants, er nahm mich mit zu Konzerten, durch ihn lerne ich die Stadt und viele spannende Menschen kennen. Er stellte mir seine Lieblingsmusik zusammen, der Soundtrack zu meiner vierwöchigen Reise mit dem Zug durch die USA. Am Tag meiner Abreise zurück nach Deutschland begleitete er mich zum Flughafen. Auf dem Weg dorthin fiel mir auf, dass ich das Ticket falsch gelesen hatte und ich meinen Flug verpassen würde. Matt blieb ruhig und half mir beim Umbuchen, gar kein Problem. Danke, Matt. Für jeden Moment mit dir.
Im Traum bereite ich eine Rundmail an unsere Hochzeitsgäste vor, in der Mustervorlage sitzen seltsamerweise Bilder von griechischen Skulpturen, die Ausschnitte so gewählt, dass vor allem Penisse und Venushügel zu sehen sind. Die Bilder kann ich später ersetzen, nach der Familienfeier. Als mich Justus anruft und verwirrt nach dem Datum der Hochzeit fragt, dämmert mir, dass sich die Mail automatisch verschickt hat und zwar an den ganzen Verteiler. Unverzeihlich. Ich gehe los und treffe Justus auf einer Rikscha, wir werden durch Stuttgart geradelt. Keine Gelegenheit, meinen Fehler zu erklären. Ich wühle in meinem Geldbeutel zwischen ausländischen Geldscheinen und finde glücklicherweise noch einen Zehner, um die Rikscha-Radlerin zu bezahlen.
Im Wind bemalt ein Baum die Holzwand einer Scheune.
Im Naturhoroskop bin ich ein Apfelbaum.
Klappernder Fensterladen dem Wind, draußen ist alles weiß. Heute geht es nach Hause, nach drei Tagen im österreichischen Schnee, in denen zu viel gesagt wurde. Es war laut und emotional, jede Nuance der Stimmungen am Tisch sickerte in mich ein. Ich bin zu durchlässig für diese Art der Kommunikation. Und es schmerzt mich, wenn du in Schussfeuer gerätst.
Im Auto ein aufgekratzter Matthias, der von seiner Jagdausbildung berichtet und von seiner Zeit als Soldat. Davon kann auch Thomas erzählen: Er war Panzerfahrer, während der Rest der Welt Sonntagsspaziergang machte, in bunten Kleidern.
Abends dann noch so ein surrealer Moment: Blinkendes Blaulicht auf der Hauptstraße, lachende Jungs am Straßenrand und ein auf der Fahrerseite liegendes Auto mitten auf der Fahrbahn, umkreist von einer Kreidespur. Polizisten leuchten mit Taschenlampen in die parkenden Autos. Wie schafft man es, bei maximal fünfzig Stundenkilometer sein Auto auf die Seite zu legen? Ich muss weiter, habe kaum Zeit zu gucken und vergesse später, zu schauen, ob die Kreidespur noch da ist.
Als ich den Papiermüll runterbringe, sind die grünen Tonnen frisch geleert, bis auf einen handgeschriebenen Zettel, den ich wiedererkenne: Mein Brief an Fabian, in der Morgendämmerung aufs Papier gekrakelt, im Landeanflug auf Zürich, wo er mich abholen sollte. Sehnsüchtige Gedanken an unsere Körper auf Papier, die da am Boden der Papiertonne kleben. Ausgerechnet. Hat sie etwa jemand extra so platziert, um mir nochmal zu zeigen, was ich da wegwerfe? Ein Stück Leben, zu weit unten, um es zu retten oder zu Konfetti zu verarbeiten, unleserlich zu machen für meine Nachbarn. Vielleicht bleibt es dort kleben. Vielleicht liegen die anderen Blätter auf den Böden der anderen Tonnen. Ich schaue nicht nach und werfe den restlichen Müll einfach so oben drauf.
Im Traum ein neues Schlafzimmer, in dem die alten Pflanzen ihre Blätter hängen lassen und neue Bäume von Bienen umschwärmt sind. Auf jeder Biene sitzen mehrere kleine Wespen, es brummt und ich zieh mir die Decke über den Kopf.
Kurz darauf ein Spaziergang mit Clara. Es ist warm, doch nicht warm genug, um ohne Strümpfe zu sein und ohne Schuhe. Nach einigen Metern ziehe ich die mitgebrachten Socken an und muss feststellen, dass von den drei Paar Schuhen nur noch zwei einzelne da sind. Ich gehe ein wenig zurück, finde einen und stelle fest, dass auch mein Kleid auf links gedreht ist – wieso hat Clara nichts gesagt? Ich stelle mich in einen Hauseingang, fühle mich beobachtet, also betrete ich das Haus und den Aufzug. Der fährt mit mir hoch und runter, ohne anzuhalten. Die Beschriftung der Stockwerke verrät mir, ich bin in der Caritas. Auch keine geeignete Umkleidemöglichkeit.
Ich vermisse dich, obwohl du da bist. Ich vermisse uns, wie wir sind, wenn wir Zeit haben.
Mein Schlaf ist so durchlässig, ganz dünn und zerbrechlich. Ich sehne mich nach Ruhe, nach einem Bett ohne Autokolonnen, die Morgen für Morgen an unserem Schlaf vorbei kriechen.
Traum von Georgs neuem Zimmer und Clara, die ihm beim Einrichten hilft. Auch ich packe mich mit an, trage Bretter raus, arrangiere eine Sammlung an Stehpulten und gebe zu bedenken, dass niemand, nicht mal Georg, so viele Vorträge hält, dass er zu jedem einen anderen Tisch mitbringen muss. Das meiste wird dann doch behalten, das Ausmisten auf später verschoben, denn Georgs Verwandtschaft steht vor der Tür und will bewirtet werden.
Nicht mehr geschrieben, seit die Treppen pausieren, nichts mehr festgehalten, seit alle Fragen von außen wichtiger wurden als meine innere Welt. Geträumt, aber verlernt, die Erlebnisse festzuhalten, bis Papier und Stift zur Hand sind. Gegrübelt und formuliert, doch nur im Kopf. Immer nur im Kopf. ›Immer‹ und ›nur‹ aus den Texten streichen, und ›noch‹ auch.
Wieviele Liter sind das?
Durchschnittlich:
70 Milliliter im Monat
840 Milliliter im Jahr
16,8 Liter in 20 Jahren
Niemand hat sich dieses Datum gemerkt und mit mir den Abschied der Kindheit gefeiert. Keiner sprach darüber, wie schmerzhaft es ist, das Mädchen zurückzulassen und es erst viel später wieder in sich zu entdecken. Das Baby im Kind im Mädchen in der Frau in der Mutter in der Großmutter. Alle da. Alle bin ich.
Es gab auch keine Willkommensfeier für meine Fruchtbarkeit, die erst jetzt interessant wird. Erst zwanzig Jahre später fand ich einen Kompass und einen Reiseführer (nicht schön, doch hilfreich) als Weggefährten für meine monatliche Reise durch das innere Jahr. Jeden Morgen ein neuer Cocktail. Zyklisch leben, das wär doch was. Wer bin ich heute?
»Die Zeit verläuft nicht linear, ebenso wenig die Erinnerungen. Man erinnert sich immer stärker an das, was einem gerade emotional nahe ist. An Weihnachten denkt man immer, das vergangene Weihnachten wäre erst vor kurzem gewesen, obwohl es zwölf Monate zurückliegt. Der eigentlich nähere Sommer von vor sechs Monaten liegt dagegen gefühlt viel ferner. Die Erinnerungen an Dinge, die emotional der Gegenwart ähnlich sind, nehmen quasi eine Abkürzung.«
Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit
»Vielleicht schreibst du nicht auf Papier, doch in deinem Kopf tust du es. Das hast du schon immer getan. Du bist ein Erinnerer und Bewahrer, und du weißt es.«
Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit
Mit Socken zu Weihnachten kann man der Generation Knöchelfrei wohl eher keine Freude machen.
Wer morgens zerknittert aufsteht, hat den ganzen Tag, um sich zu entfalten.
»Für mich hatte diese Korrespondenz die ursprüngliche Qualität von etwas, das seinen Zweck nur in sich selber findet.«
Eulàlia Bosch in: I send you this Cadmium Red ...
Kennst du eine Abkürzung zum Eigentlichen?
Von wegen viel Gepäck: In Leipzig drängt sich eine dreiköpfige Familie mit sechs Koffern zu mir ins Abteil, bis der Vater merkt, dass sie in die zweite Klasse müssen. Die Tochter bleibt erst mal bei mir sitzen und bewacht das Gepäck, während die Eltern nach einem Sitzplatz suchen. Ihr habt aber viele Koffer, sage ich. Zwei pro Person für eine Woche Dubai, erklärt sie mir. Sie war auch schon zweimal in dem Land mit den Pyramiden. Sie fragt mich, wo ich herkomme. Ich sage, ich war in Berlin, da habe ich einen Freund getroffen, den ich acht Jahre nicht gesehen habe. Das ist aber traurig, sagt sie. Acht Jahre, so alt ist sie. Sie muss weiter, klemmt sich das rosa Einhornkissen unter den Arm, der Vater kümmert sich ums restliche Gepäck.