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Christina Schmid
Anfänge und Enden

Blog:

Donnergrollen

Nicht weit entfernt rollt Donner durch die Wolken. Ich liege unter den hohen Bäumen im Park unseres neuen Schlosses, ein Schmuck­stück mitten in Frank­reich. Beim ersten Spaziergang durch den Park ratterten so viele Gedanken durch meinen Kopf, dass ich das Gefühl hatte, nur mitschreiben zu müssen. Die Inspiration eines neuen Ortes und der Freiheit nach dem Projekt. Schon gestern auf der Fahrt hierher vermischten sich meine Schläfrigkeit mit der Musik und produzierten einen Film, den ich gerne aufge­nommen hätte. Vielleicht regnet es gleich, ich warte bis der Donner über mir kracht. Krähen krähen auf den Feldern, der Wind rauscht durch die Blätter der Bäume, es klingt wie Musik. Und wie gut es riecht, nach Sommer und sonnen­trockenem Laub. Jetzt, der Donner direkt hier. Ist es wirklich meine Aufgabe, mitzu­schreiben? Nehme ich sie an? Oder schaue ich einfach der Zeit dabei zu, wie sie vergeht? Ganz langsam und doch zu schnell für das Assoziations­feuerwerk in meinem Kopf.

Urlaub im Buch

Ich schaufle Geschichten in mich rein, ohne große Pausen, mit Vergnügen am Traum­tanzen zwischen den Worten. Kurz vor der Ankunft im Schloss ist der Urlaub im Buch zu Ende. Der letzte Satz bringt mich zum Schmunzeln: »Boobs would be cool.«

Jillian Tamaki, Mariko Tamaki: This One Summer

Spiegel

Du musst nicht in jeden Spiegel schauen, der dir ins Auge fällt. Starke Frauen, geht voran als Teil unserer suchenden und fragenden Generation. Ich backe solange Brot und schaue aus dem Fenster dieser etwas zu kleinen Wohnung in dieser komischen Stadt, die ich zu lieben mir vorge­nommen habe. Reisen geht ja auch nicht für immer.

Romantische Ruine

»Die als verfallene Ritter­feste gebaute Löwenburg bekommt bald ihren zerbombten Hauptturm zurück.«

Manchmal habe ich das Gefühl, ich wohne mehr in meinem E-⁠Mail-Postfach als bei dir.

Sabrinas schönste Sprichwörter, Teil 3

Sie wollte uns über den Tisch führen.
Zurück zum Text.
Ins kalte Messer laufen lassen.
Zwei Gänge runter­schrauben.
Um das Pferd von Hinten aufzu­rollen.
Ständig kommt man ins Hinter­treffchen.
Dafür ist zu viel Porzellan den Bach runter­gegangen.
Ich fühl mich wie die Prinzessin unter der Erbse.
Das reicht ja für keinen müden Finger.
Dann können wir jetzt auch gleich den Löffel in den Sand werfen.

Zuid-Kennemerland

Zuid-Kennemerland

Nähe

»Glück ist, im Fremden die Nähe zu finden, die man bei Freunden manchmal gar nicht mehr sieht. Oder sich nicht zu sehen traut.«

Blätterdach

Blätterdach

»Das mag nach ›Schuster, bleib bei deinen Leisten‹ klingen. Aber es heißt vor allem, dass es zuletzt keine Literatur ohne persönliche Erfahrung geben kann.«

Es fehlt nichts.

Wintersonne

Wintersonne

Wintersonne

Winter­sonne

Matt

»… He even came to my thirtieth birthday party in Oakland that doubled as performance art, where I demanded that everyone wear white and that no one speak. In the video of it, Matt is the star, master of commu­nicating through silence—playful, reverent, and true. This is how I will remember him.«

Ivy Johnson, thank you for sharing this memory.

Tulpen

Vor mir liegt eine Woche am See. Die Tulpen duften, draußen das Ufer voller Vögel, nebenan der neue Nachbar, der immer etwas zu laut spricht. Etwas zu laut ist es in mir drin seit einigen Tagen und etwas zu still bin ich. Ich möchte es immer noch stiller, bis hin zum Still­stand, den ich dann nicht mehr ertrage. Mit den Gedanken und Erinnerungen an Matt kam mir auch meine überdrehte Seite wieder in den Sinn. Reisen, Menschen, Ausstellungen, Essen, Lachen, Mitschwimmen in diesem spannenden Leben.

Treppentanz

Treppentanz

Dahinter die Treppen

Dahinter die Treppen

Timeline

Matt ist gestorben, schreibt mir Cassie. Es dauert, bis ich die Nachricht verstehe. Ich versuche im Internet heraus­zufinden, was passiert ist. Ein Verbrechen oder ein Unfall, vielleicht beides. Erst war er vermisst, dann fand man seinen Rucksack und später, ganz woanders, seinen Körper. Wie manisch schaue ich meine alten Fotos durch und seine Bilder auf Facebook und Instagram der letzten Jahre. Das ist alles, was bleibt, eine Timeline. Am nächsten Tag ist sie gelöscht.

Den letzten Kontakt hatten wir vor zwei Jahren, als ich in New York war und er in Hongkong. Wir haben uns immer wieder verpasst. 2008 waren wir Praktikanten bei Pentagram, gleich an meinem ersten Tag haben wir uns angefreundet. Bei Matt fühlte ich mich wohl, er war geduldig mit meinem holprigen Englisch, wir lachten zusammen über meine Wortschöpfungen. Ich mochte seine ruhige freundliche Art, seinen Humor und seinen offenen Blick auf die Welt. Gemeinsam besuchten wir Ausstellungen und probierten uns durch New Yorks Restaurants, er nahm mich mit zu Konzerten, durch ihn lerne ich die Stadt und viele spannende Menschen kennen. Er stellte mir seine Lieblings­musik zusammen, der Sound­track zu meiner vierwöchigen Reise mit dem Zug durch die USA. Am Tag meiner Abreise zurück nach Deutschland begleitete er mich zum Flughafen. Auf dem Weg dorthin fiel mir auf, dass ich das Ticket falsch gelesen hatte und ich meinen Flug verpassen würde. Matt blieb ruhig und half mir beim Umbuchen, gar kein Problem. Danke, Matt. Für jeden Moment mit dir.

Rikscha

Im Traum bereite ich eine Rundmail an unsere Hochzeits­gäste vor, in der Muster­vorlage sitzen seltsamerweise Bilder von griechischen Skulpturen, die Ausschnitte so gewählt, dass vor allem Penisse und Venus­hügel zu sehen sind. Die Bilder kann ich später ersetzen, nach der Familien­feier. Als mich Justus anruft und verwirrt nach dem Datum der Hochzeit fragt, dämmert mir, dass sich die Mail automatisch verschickt hat und zwar an den ganzen Verteiler. Unver­zeihlich. Ich gehe los und treffe Justus auf einer Rikscha, wir werden durch Stuttgart geradelt. Keine Gelegenheit, meinen Fehler zu erklären. Ich wühle in meinem Geldbeutel zwischen ausländischen Geldscheinen und finde glücklicherweise noch einen Zehner, um die Rikscha-Radlerin zu bezahlen.

Holzwand

Im Wind bemalt ein Baum die Holzwand einer Scheune.

Im Natur­horoskop bin ich ein Apfelbaum.

Durchlässig

Klappernder Fenster­laden dem Wind, draußen ist alles weiß. Heute geht es nach Hause, nach drei Tagen im öster­reichischen Schnee, in denen zu viel gesagt wurde. Es war laut und emotional, jede Nuance der Stimmungen am Tisch sickerte in mich ein. Ich bin zu durch­lässig für diese Art der Kommunikation. Und es schmerzt mich, wenn du in Schuss­feuer gerätst.

Soldaten

Im Auto ein aufge­kratzter Matthias, der von seiner Jagdaus­bildung berichtet und von seiner Zeit als Soldat. Davon kann auch Thomas erzählen: Er war Panzer­fahrer, während der Rest der Welt Sonntags­spaziergang machte, in bunten Kleidern.

Kreidespur

Abends dann noch so ein surrealer Moment: Blinkendes Blaulicht auf der Haupt­straße, lachende Jungs am Straßenrand und ein auf der Fahrer­seite liegendes Auto mitten auf der Fahrbahn, umkreist von einer Kreidespur. Polizisten leuchten mit Taschen­lampen in die parkenden Autos. Wie schafft man es, bei maximal fünfzig Stunden­kilo­meter sein Auto auf die Seite zu legen? Ich muss weiter, habe kaum Zeit zu gucken und vergesse später, zu schauen, ob die Kreidespur noch da ist.

Zu weit unten

Als ich den Papiermüll runter­bringe, sind die grünen Tonnen frisch geleert, bis auf einen handge­schriebenen Zettel, den ich wieder­erkenne: Mein Brief an Fabian, in der Morgen­dämmerung aufs Papier gekrakelt, im Lande­anflug auf Zürich, wo er mich abholen sollte. Sehnsüchtige Gedanken an unsere Körper auf Papier, die da am Boden der Papier­tonne kleben. Ausge­rechnet. Hat sie etwa jemand extra so platziert, um mir nochmal zu zeigen, was ich da wegwerfe? Ein Stück Leben, zu weit unten, um es zu retten oder zu Konfetti zu verarbeiten, unleserlich zu machen für meine Nachbarn. Vielleicht bleibt es dort kleben. Vielleicht liegen die anderen Blätter auf den Böden der anderen Tonnen. Ich schaue nicht nach und werfe den restlichen Müll einfach so oben drauf.