Punkt. Nein, ein Ausrufezeichen! Zwei!! Drei!!!
Nun stehen sie da und hallen nach, als hätten sie zu laut gelacht. Sowohl von lautem Gelächter als auch von Ausrufezeichen will man wissen, was davor kam. Und, was war? – Unangemessen überschwänglich und viel zu euphorisch. Der Punkt ist entlarvt. Er vollführt hier seine Akrobatik mit dem Strich, ohne zu beachten, was er da unterstreicht. Aussagen waren gestern. Der alles ironisierende Zeitgenosse bevorzugt den Punkt.
Ein verspiegeltes schwarzes Rechteck auf dem Tisch. Der Blick darauf geht nach unten und sieht die Decke mit Beamer, Kabelkanal, Leuchtstoffröhren, Steckdose, Haken. Oder Himmel.
Durch Tombola zum Trampolin, es trampeln die Ampeln, wenn die Pendel enden, denn wer kann die Kenner nennen, oder öfter was öffnen, öffentlich, Flöter und Kläffer im Kloster, dem Globus ein Obolus, lustig im durstigen Dunst, sonst, ansonsten die Sonne, nicht ohne, oder Tiroler, ein rollender oller Teller im Text.
Heute weigere ich mich erstmals in diesem Studium ausdrücklich, eine Hausaufgabe zu erfüllen. Doch es raubt mir den Schlaf, also knipse ich den Tag wieder an und lasse den Stift erklären, dass Hausieren nicht mein Medium ist – Kunst hin, Workshop her.
Ein Medium vorgegeben zu bekommen widerstrebt mir zutiefst, vor allem wenn der Inhalt dem Medium wegen erst noch erfunden werden muss. Ausgebildet für Inhalt und Form habe ich mir über die Jahre eingebildet, dass Inhalt am besten aus sich selbst heraus entsteht, und erst dann das Haus verlässt, wenn er weiß wie und warum. Solange bleibt er drinnen.
Nach vier Monaten Dauerbeschallung von außen, ist es drinnen still geworden. Nun kann klopfen wer mag, ich habe nichts zu sagen, will nicht gestört werden, geschweige denn andere stören und bleibe zu Hause, wo ein dickes, graues, schlechtes Gewissen vor der Tür steht und nervt.
In den Kopf geht alles rein, verquirlt sich und was rauskommt ist ein spannendes Durcheinander. Nur wenn man zieht, entsteht ein Knoten. Dann kommt gar nichts mehr. Jeder Satz ist rausgepresst und was da steht, hat so wenig mit mir zu tun wie die Finanzwelt, die Raumfahrt, Comedy, Hiphop, Erdnussflips, Computerspiele, Zigaretten, Schusswaffen, Autolärm, Skifahren, Paprika und Zürich.
Wenn man sich abends Gute Nacht sagt und morgens nach dem Schlaf erkundigt, ist es, als hätte jeder dazwischen eine lange Reise unternommen. Keiner versteht so recht, was passiert, wenn er sich in seine Traumwelt verabschiedet.
Das Archiv ist mächtig, aber nicht so neutral, wie es gerne wäre. Das Archiv weiß mehr als die Geschichtsbücher und stößt doch an die Grenzen des Sagbaren. Das Archiv lebt auf, wenn es zum Produktionsort einer Erzählung wird, doch lebendig ist es nur im Entstehen.
Im Zug lausche ich drei junge Frauen, sie besprechen die Liebe ihrer Eltern. Der Vibrator als Weihnachtsgeschenk für die Mutter war zu teuer, also doch eine Flasche Champagner. Der Vater der anderen hat auf einer Geschäftsreise eine Frau abgeschleppt, die Mutter daraufhin einen tollen Freund gefunden. Sie selbst wohnt mit ihrem Exfreund zusammen und … ach bei den Themen kann die dritte nicht mitreden. Seit sechs Jahren ist sie in einer geheimen Beziehung, das ganze Dorf weiß Bescheid, nur die Eltern dürfen davon nichts erfahren. Liebe gibt es nur zwischen Mutter und Tochter in der Familie – alles andere geht vorbei. Tattoos bleiben: Das elbische Zeichen für Seele oder doch lieber eine weibliche Schnake auf dem Rücken? In der Küche stapelt sich das Geschirr, bis es schimmelt – er spült. Der Mitbewohner kifft von morgens bis abends. Dann doch lieber mit dem Exfreund wohnen.
Mit dem Kopf in der Zukunft, während sich die Gegenwart der Schweizer Landschaft vor dem Zugfenster ausbreitet. Der Himmel ist schön, Dezemberhimmel. Driving home for Christmas.
Mein Ich ist wandelbar, wie jedes Ich
Allein wenn ich die Augen schließe
Bin ich wer anders und kann jede sein
Heute früh sogar ein Mann
Wann genau der Traum begann
Macht keiner fest
Denn Träume geben sich die Klinken
Einfach so von Hand zu Hand
Ohne Begrüßung, ohne Abschied
Kämpft sich das Traumschiff auf und ab
Und durch die Wogen
Über Wellenberge durch Wellentäler
Alles gleichzeitig und manchmal nichts
Und viel, so viel, dass beim Aufwachen
Brei daraus geworden ist
Wie ich wünscht’ ich könnte reimen
Dann entsteht am Ende Sinn
Doch so bleibt nur das Beschreiben
Von Frauen und Männern
Die ich selber bin
––
Meine Oma wirkt nervös und fahrig
Enkel nur Montags und Dienstags
Das ist nicht genug
Ich schlafe ein und werde nicht wach
Als der Dozent fragt wo denn alle sind
Die Oma rennt im Kreis
Bis sie umkippt, in meine Arme
Ein Sessel, ein Glas Wasser
Wir sind im Haus meiner Eltern
Sie erwacht mit einem Lächeln
Hat vergessen wer sie ist
Ich erkenne hier nichts wieder
Doch sie erkennt nicht mal mehr mich
Sie tanzt zur Tür, zum Garten
Wo Dunkelheit sie zu verschlucken droht
Im Wahn des Moments will sie weiter
Ich halte sie fest
Verzweifelt gehe ich zum Telefon
Ein Arzt, ein Notfall
Die Verbindung zerhackt die Wörter
Hallo, hören Sie mich?
Vater und Schwester eilen vorbei
Keine Zeit für Omas Allüren
Sie kommen und gehen
Und lassen mich stehen
Dann kommen sie wieder
Und versprechen zu helfen
––
Höchste Zeit, ich bin in den Bergen
Mit meinem besten Freund
Den ich zuvor noch nie gesehen
Er ist verrückt, wie meine Oma
Gefangen im Moment, ohne alle Sorgen
Vor dem Wandern gehen wir baden
Meer, Felsen und Freizeit
Buntes Gelächter vom Ufer gegenüber
Bis sich der Himmel verdunkelt
Der Sittenstrolch hat zugeschlagen
Alle Hotels verbarrikadiert
Wir warten im Schlafsaal
Auf dass die Zeit vergeht
Auch ich bin nun ein Mann
Haare sprießen auf uns allen
Die einen haben Sex
Die anderen dösen im Dämmerlicht
Vorhänge verdecken die Fenster
Doch die Angst kriecht durch die Tür
Sie knarzt und durch den Spalt
Schlüpfen zwei Gespenster
Schwarzweiß bemalte Gesichter
Freundin des einen, Freund der anderen
Beide mit Sense und lachendem Hohn
Der Sex greift um sich, die Frau trägt Bart
Eine Haarsträhne am Ellbogen
Was soll das alles und wie geht es Oma
Der Wecker klingelt ein fünftes Mal
Was kann der Tag schon dazu sagen
Nichts weiß er, denn ich bin viele
Von Außen nach Innen
Das Außen stülpt sich über Alles
Vom Vorhang ins Licht
Der Vorhang bildet den Hintergrund
Vom Rahmen zur Form
Der Rahmen erdrückt den Inhalt
Welcher Inhalt eigentlich?
Die Wahrnehmung des Ich im Gehäuse:
Haut, Körper Kleidung, Raum, Haus.
Eine Parabel für das Existieren überhaupt.
Wo immer sie mit ihrem Mann ist, ist sie zu Hause.
Er ist ihr Gehäuse und sie seines.
Ich bin gefangen in Worten, die ich nicht mehr verstehe oder unbedarft einfach so verwende, seit ich gehört und gelesen habe, dass hinter jedem Wort eine neue Welt aufgeht.
Sie verrät viel, aber sie gibt nichts preis. Heute sucht sie Menschen, die sich mit sich und der Stille abgefunden haben. Sie wohnt zur Untermiete bei einer 92-Jährigen und besucht regelmäßig eine Nonne, die ihr Inspiration gibt. Sie verweigert sich der Moderne. Sie schreibt, dichtet, zeichnet, erschafft Mikrokosmen des Eigenen, Unangreifbaren. Jeden Tag.
Martin Eich über die Schauspielerin Valery Tscheplanowa
DIE ZEIT Nr. 48/2012
»Die Kehrseite der Individualisierung ist die transzendentale Obdachlosigkeit, die Einsamkeit des Ichs, das in keiner Ordnung mehr aufgehoben ist.«
Ijoma Mangold: Wir Stadtkinder
DIE ZEIT Nr. 47/2012
Wir ertragen nicht, wie sie spricht. Ohne einen Punkt zu finden hangelt sie sich von einem verschachtelten Halbsatz zum nächsten. Ihre fragmentierten Phrasen untermalt sie theatralisch mit einer unangemessenen Berührtheit. Ihre langen, dünnen Finger räkeln sich verkrampft und in unendlicher Langsamkeit vor ihrem Körper. Wir halten still und sehen zu Boden oder zur Decke. Nachdrücklich sucht sie nach etwas Greifbarem – und findet Schubladen. Die Zeit hält den Atem an. Ihre Stimme kippt ins Hysterische und trotzdem will keiner hinhören. Ihre und unsere einzige Rettung wäre es, sie zu unterbrechen, doch keine weiß was zu sagen bleibt in diesem luftleeren Raum. »Emotionen um ihrer selbst willen – der Inhalt war wie weg.« Konjunktur der Gefühle, ein vielstimmiger Monolog, ein Wortschwall, dem wir Woche um Woche ausgeliefert sind. Wir sitzen fest in unserer Rolle der Zuhörer. Je mehr sie sagt, desto leerer werden wir.
Hinter mir steht ein Koffer. Plötzlich knallt es – nur die Heizung. Der Koffer hinter meinem Rücken macht mich trotzdem nervös. Diese eingepflanzten Bilder. Kofferbombe, Teddybär, Hitler.
Achtung; U2 nach Botnang fährt ein und mit ihr die Leere, gelb, und sie spricht ausländisch. Ich spreche bald gar nicht mehr und fühle auch nichts, die Hände sind taub, die Augen sehen doppelt. Schwarze Balken, Grauwert, ich bin grau und bleich und müde. Ich brauche Urlaub bis zum Ende meines Lebens. Ihr habt frei und ich verliere mein Weltvertrauen und schreibe dagegen an, bis der Sekundenzeiger oben ist. Früher fuhr die U2 noch nach Hause. Wo das sein soll und ob es das überhaupt je geben wird, weiß ich nicht mehr. Ich schreibe mich müde und schlafe mich gesund. Gesund von leuchtenden Rechtecken der Verinselung, auf denen wir nach Oasen suchen. Schuhe mit Ns drauf, Rucksack mit Kreis, Haare mit Farbe, Sitze mit Quadraten, blau mit gelb, karriert gegen Flecken, schreiben gegen Unwirklichkeit, Beton mit Plastik, Mann ohne Frau, Hut mit Schleife, Tunnel ohne Licht, Hand mit Exzem, Nacht ohne Bedeutung, Liebe ohne Eifersucht, Tage ohne Zeit, Zeit ohne dich, du ohne M, Blume im Haar, Grinsen im Gesicht, Knopf im Ohr, Grummeln im Bauch, Lärm im Kopf*, Brille im Gesicht, Schluss für Heute.
[20:54:30] T: ist das das ende?
[20:55:07] C: Das Ende:
[20:55:13] C: “Schluss für Heute”
[20:55:22] C: aber das könnte auch der Titel sein
[20:55:45] T: in allen berreichen haben wir zunehmend das ding ohne sein wesen.
[20:55:52] T: wir haben bier ohne alkohol
[20:56:00] T: fleisch ohne fett
[20:56:10] T: kaffee ohne koffein
[20:56:15] C: Darf ich dir ein bierreichen
[20:56:27] T: und sogar virtuellen sex ohne sex
[20:56:42] T: erst wenn du mir das wasser reichen kannst
[20:56:56] T: jeseits von kunst und böse
[20:56:58] C: oder echten sex ohne alles, ohne blümchen, ohne lust und ohne sinn
[20:57:18] C: und ohne brillen, weil davon haben wir zu viele
[20:57:23] C: wir sehen alle nichts mehr
[20:57:27] C: außer die rechtecke
[20:57:45] C: beleuchtete Unwirklichkeit
[20:57:51] C: im Querformat
[20:57:58] C: im Kleinformat auch zum drehen
[20:58:18] T: schön
[20:59:08] T: und im garten blüht die illusion
[21:02:02] T: aber wir leben doch die rechtecke
[21:02:05] T: oder?
[21:02:16] T: also wir sehen nicht mal mehr die?
[21:02:22] T: nur die zum drehen
»Erstmals war ich es, war es meine Person, um die es ging an dem Stillen Ort.«
Peter Handtke: Versuch über den Stillen Ort
»Mehr als alles andere ist es die kreative Wahrnehmung, die dem einzelnen das Gefühl gibt, dass das Leben lebenswert ist. Im Gegensatz dazu steht eine Form der Beziehung der äußeren Realität, die sich als Angepasstheit bezeichnen lässt, die Welt (und ihre einzelnen Teile) wird dann nur als etwas wahrgenommen, dessen man sich bedienen kann oder das Anpassung erfordert. Diese Anpassung bringt für den einzelnen ein Gefühl der Nutzlosigkeit mich sich und ist mit der Vorstellung verbunden, dass alles sinnlos und das Leben nicht lebenswert ist. Viele der betroffenen Menschen haben gerade soviel an kreativer Lebensweise erfahren, dass sie zu der quälenden Erkenntnis kommen, die meiste Zeit unschöpferisch zu sein, im Bann der Kreativität eines anderen oder einer Maschine.«
D. W. Winnicott: Vom Spiel zu zur Kreativität
Ein Silbertablett nach dem anderen wird an meiner Nase vorbei getragen, ich muss nur zugreifen: Wissenshäppchen, nach denen ich nie gefragt habe. Für mein Päckchen undiskutierter Fragezeichen ist hier kein Platz, auch nicht nach Feierabend, denn die Häppchen wollen verdaut werden und die nächste Ladung steht bereit für wissenshungrige Studentinnen – die eigentlich schon satt sind.
Das große Gejammer um Bachelor, Master, ECTS und Bologna kann ich erst jetzt nachvollziehen, nach zweieinhalb Jahren Freiheit. Bücher gelesen, Texte geschrieben, nachgedacht und Fragen gestellt habe ich erst, als mich keiner mehr danach gefragt hat. Die Anerkennung für meinen Fleiß hat mir dann gefehlt und der Austausch mit anderen Beobachtern, Grüblern und Lesern. Darum bin ich hier.
Jetzt bleibt keine Zeit mehr, meinem Blick dorthin nachzugehen, wo er hängen bleibt. Auch nicht für eigne Wege, wegen der Themenschubladen, Journalismusrezepte und Bewertungskriterien, die in zwei Semester passen müssen. »Vielleicht bist du zu alt fürs Studieren«, vermutet Antonia und Jakob meint: »Wenn du einmal Freiheit geschnuppert hast, bist du verdorben für so eine Mühle.«
Du verstopfst alle meine Wahrnehmungsleitungen.
Wer ist -3∞k‰lter-? Ein Text ohne Name, Datum und Erinnerung. Von wem? Von mir? An wen? An mich? Solange sich kein Urheber meldet, nehme ich an, er war von mir. Schade nur, dass so das letzte Wort sein Geheimnis für sich behält.
#.txt
Zuf‰llig naht man sich, man f¸hlt, man bleibt.
Und nach und nach wird man verflochten.
-Goethe-
Du warst ein Teil von mir.
In jeder Form. Im Lachen, im Weinen, im Gehen, im Schlafen, im K¸ssen …
Du umgibst mich ohne da zu sein.
Und manchmal sehe ich dich. Aber ich kann dich nicht hˆren.
Manchmal hˆre ich dich, ohne zu sehen.
Du bist gegangen, und mit dir alles, was eine Erkl‰rung h‰tte sein kˆnnen.
Vielleicht kennt Liebe keine Zeit.
Was ist wichtiger: Zu lieben oder geliebt zu werden?
Auch wenn ich w¸sste wie es ausgeht, w¸rde ich manchmal gern alles auf Anfang zur¸cksetzen, um nochmal
GENAU zu sehen,
GENAU zu hˆren,
GENAU zu f¸hlen …
-3∞k‰lter-
Heißt die wirklich Broccoli mit Nachnamen?
Bin ich neidisch auf seine wiederentdeckte Freiheit? Ich lauere ihm auf, ich beobachte wie er sich durch die Wohnung bewegt, ich lausche, wann er nach Hause kommt und wann nicht, wie gestern Abend. Spontan mit ihm durchbrennen in die Berge. Ich schleiche um ihn herum, bin vorsichtig und ruhig und brav, allemal eingerostet. Gleich am ersten Abend hier habe ich mich verguckt, ein kleines bisschen, er sich vielleicht auch. Ist doch nett, so ein bisschen Spannung in der Wohnung. Ich atme, sehe Schmutz unter meinen Fingernägeln, liege im hübschen Kleid auf dem Bett, unterdrücke den Lebensdurst und studiere.
Heute habe ich zum ersten Mal verschlafen. Dann habe ich zum ersten Mal geschwänzt, weil zu spät kommen ist schlimm in der Schweiz. Dann habe ich zum ersten Mal mein Zimmer umgestellt, jetzt steht der Schreibtisch im Licht und macht mir vielleicht nicht mehr so viel Angst, wie in der dunklen Ecke, wo jetzt das Bett steht. Möbel-Tetris auf dreizehn Quadratmetern.
Das tolle an neuen Städten: Man kann die gewöhnlichsten Dinge zum ersten Mal tun. Und es gibt noch hunderte von Dingen, die hier gerne zum ersten Mal getan werden wollen.
Den Tag habe ich heute jedenfalls wunderbar vertrödelt und den Stapel ungelesener Texte und den noch nicht vorhandenen Stapel geschriebener Texte erfolgreich ignoriert. Ganz nebenbei ist mir jetzt immerhin ein Text passiert.
Fällt mir vielleicht auch mal was mit Hand und Fuß ein?
Vor dem Schreiben war das Malen. Mir und allen war klar: Ich werde Künstlerin! Mit dem Lesen und Schreiben begann ein Tauziehen zwischen Pinsel und Füller. Ich werde Schriftstellerin! Oder Journalistin! Aber was ist dann mit dem Visuellen? Also Kommunikationsdesign. Farbe und Pinsel waren mein Ventil, bis das herbeigesehnte Designstudium so viele Regeln in meinem Kopf platzierte, dass heute kein unbegründeter Strich mehr möglich ist. Was, wenn bald auch kein Text, kein Satz, kein Wort mehr richtig scheint? Hat jedes Studium den Verlust seiner Ausdrucksmittel zur Folge? Tötet Theorie die Praxis? Dabei dient mir doch das Schreiben als produktives Beruhigungsmittel, wenn Angst, Wut und Leere mich unter sich begraben. Ich schreibe gegen sie an, ich fange sie ein und banne sie in abstrakte Texte, um sie von mir und mich von ihnen zu lösen. Anonyme Blicke zwischen die Zeilen dieser Texte verändern und prägen mein Schreiben im Netz.
Wenn es ernst wird, wissenschaftlich oder so, ist keine eurer Schwammigkeiten vor mir sicher, ob visuell oder sprachlich: ich will erklären, veranschaulichen, präzisieren, verdichten, aufräumen. Ich liebe es zu redigieren, zu korrigieren und zu verbessern, in freiwilliger Freiheit auch nachts. Nur wenn einer sagt, das muss so und soll anders und die Zeit läuft aus, dann entstehen abgehackte Sätze einer roboterhaften Dienstleisterin. Da behält das letzte Wort der Diplomingenieur, der sach- und fachkundig an seinen bestehenden technisch-konstruktiven Wortkonstrukten hängt. Die ganze Welt schreibt sich ihren unvermittelbaren Fachwortschatz auf die Visitenkarte, die kein Kindergartenmädchen versteht. So nicht! Ich werde Kommunikationsdesignerin mit der Vertiefung publizieren und vermitteln!