In meinem Kopf hallt der Samstag nach, ein vielstimmiges Plapperkonzert. Zwischen Wandern und Tanzen ein paar Tränen im Zug, mein Gesicht im Spiegel der nächtlichen Scheibe.
Dann eine Begegnung im Tanz, ein Stichwort zum Schreiben, eine Einladung aufs Schloss Vellexon. Tatsächlich! Dieser Ort, den ich so liebe – aus dem wir vorletzten Sommer rausgeflogen sind. Seither suchen wir nach einem neuen Schloss. Nun kommt der Ort zu mir zurück, mit neuen Menschen. Ist es dann noch der Ort?
»Sonntag ist Nordpol für mich. Unerreichbar. Von einer dicken Eisschicht umgeben. Abweisend und kühl.«
Sabine bläst das Licht aus, Stromausfall, selbst das Sturmlicht am Hafen blinkt nicht mehr. Sie lässt die Fenster zittern, zerrt an den Bäumen und macht Wellen wie am Meer. Alle Schwäne schauen in eine Richtung und sitzen wie Rennfahrer vor dem Start auf dem Wasser neben dem Feuerwehrboot. Wer vergibt den Namen meiner Mutter an so ein Unwetter? Keine Bahn fährt, mein Besuch hängt hier fest.
Du schreibst aus dem Bus und verrätst mir etwas (in Klammern), das dich zum dritten Mal auf den Kopf stellt. Jede Woche eine neue Information. Du machst das gut, das hält mich wach und mein Bild von dir lebendig. O Mensch, bewein dein Sünde groß. Während du Orgel übst, finde ich meinen Blog von 2007, meine Zeit in New York. Zeiten der Sünde? Wann warst du im Kloster?
Dieses Stöbern in alten Notizen ist wie ein langer Blick in den Spiegel. Eigentlich will ich das nicht sehen. Was für eine Zeitverschwendung, mir im Spiegel beim Älterwerden zuzuschauen. Später werde ich schreiben, denke ich oft. Vielleicht schon seit ich schreiben kann. Ich schreibe ja längst und dieses Schreiben, seine Entwicklung und Anfänge werden sichtbar in meinem Blog.
Alle scheinen zu wissen, wer du bist. Hat dich mal jemand gefragt? Die Suche beginnt in deinem Innersten. Bist du bereit, da reinzugehen? Und mich mitzunehmen? Was soll ich da? Vielleicht ist Verlieben nur eine Idee, ein Ausbruch aus dem was ist, was ich schon kenne. Eine Flucht vom Selbst. Nur noch du, alles andre egal. Alle Gedanken richten sich an dich. Sie brauchen ein Gegenüber, Resonanz, um ihre Kraft zu spüren. Wie der Sturm da draußen, der den See aufwühlt.
Lieber das Große im Kleinen abhandeln als das Kleine am Großen.
»Es zählt nicht mehr das Erreichte, es reicht das Erzählte.«
Innerhalb von Minuten löst sich der Nebel auf. Erst schaut der Kirchturm raus, dann das andere Ufer. Ich sitze schreibend im Sand der Schmugglerbucht, kneife die Augen zusammen vor lauter Licht. Sonniger Windhauch, in Erwartung auf Wirbelsturm. Lass dich nicht wegwehen!
Dein Leben ist gerade so viel voller und schneller als meins. Das habe ich nach meinem letzten Jahr im Dauerlauf abgebremst, um genauer hinzuschauen. Um mich einzulassen auf das, was kommen mag. Auf dem Weg zeigen sich zarte Blättchen, die gedanklich zu Büchern heranwachsen. Nur das eigentliche Beet liegt brach, egal wie regelmäßig wir gießen. Seit fünf Jahren, wie ich heute in meinen Notizen las.
Auf dem Weg zu meinem geliebten Bodensee hält der Zug jetzt so, dass der Mond an der Oberleitung hängen bleibt, in einer Linie über dem Fernsehturm. Im Gepäck die bislang ungeplünderten Notizbücher meiner letzen fünf Jahre. Rohdiamanten, vielleicht.
Im Traum falle ich samt Rucksack ins Hafenwasser. Die Bootsbesitzer lachen mich aus und helfen mir erst raus aus dem brackigen Nass zwischen den Booten, als ich schreie. Es ist Freitagnachmittag und sie wollen schleunigst raus auf den See. Ich hole den Laptop aus dem Rucksack, seine Tastatur ist jetzt stark gewellt, doch er tut noch. Tropfend trotte ich heim. Schmutziges Geschirr stapelt sich am Straßenrand, da fällt mir unsere Küchenbaustelle wieder ein, spülen dürfen wir derweil beim Nachbarn. Ich trage einen Stapel Teller zur Treppe. Der Teppich, der Boden und auch die Schränke sind dort so verklebt, dass ich alles stehen lasse und gehe. Ich tropfe noch immer.
Singend bin ich durch den Regen geradelt, nachdem ich dich zum Bus gebracht hatte. Meine Gäste waren ja längst weg, selbst die Spuren ihres Besuchs in meiner Abwesenheit. Nur der Geruch verbrannter Pinienkerne hielt sich bis Montagfrüh.
Und bei dir, alles wie geplant? Montag Orgel, Dienstag Yoga, Mittwoch Boxen, nächsten Samstag Oper, irgendwann Hamburg. Und dann?
Zeit für Teil Eins.
Dein Jogurt zum Frühstück gibt mir Rätsel auf. Selbst Schuld – du spielst mir meine verwirrenden Wortfragmente zurück, jetzt ahnen wir beide soviel wie zuvor. Na, du vielleicht etwas mehr, ich bin ein offenes Buch.
Doch halt: Rosarote Sicht!? Sowas hält sich zwischen sechs Wochen und sechs Monaten. Wir sollten uns sehen, bevor sie sich trübt. Oder hält sie länger, wenn man sich nicht sieht? Oder nicht, weil aus den Augen, aus dem Sinn?
Kann ich deine Nummer haben?
Teil Zwei dann mit 64.
Den Vormittag verbringe ich lesend. Den Wortschatz auffrischen, auf der Suche nach Begriffen aus der queeren Szene – als wäre das ein Club, in dem eine verheiratete Frau nichts zu suchen hat. Worte für Schubladen. Und die Zwischentöne? Bekommen ein Plus. Heteronormative Welt, ja, wir sind viele, die Norm, wieviele sind mehr, mehr als hetero und mono, um poly ging unser erstes Gespräch, daran ändert doch Heiraten nichts.
Als Kind wollte ich ein Junge sein und bitte bloß keine Brüste bekommen. Ich war sowas von ein Mädchen, am liebsten unter Jungs.
Mich verstecken, unsichtbar sein. Für Wochen wollte ich das jetzt, Winterschlaf. Und plötzlich diese Lust, gesehen zu werden, mich zu zeigen, schön gefunden zu werden, gefunden zu werden. Wie eine Raupe, die sich über Monate verpuppt hat und nun als Schmetterling schlüpft. Noch immer im Schlafanzug (weil Montag, der gehört mir), doch mit einem neuen Leuchten im Blick.
Wir warten am Bühneneingang, beide an zweiter Stelle, wir werden synchron die Bühne betreten – du rechts oben, ich links unten. Du blickst zu mir, bis das Orchester sitzt, dann gehen wir los.
In den letzten Takten dann ein optisches Phänomen: Ich konzentriere mich so sehr aufs Singen und unsere Dirigentin, dass alles um sie herum verschwimmt und verschwindet. Sie leuchtet, hält die Spannung, die Stille, ich kippe gleich um. Zu wenig getrunken, geblinzelt oder geatmet? Die Luft ist ganz schwer. In Zeitlupe lässt sie den Taktstock sinken, ein letztes Mal, mit uns. Hinter mir eine tickende Uhr.
Applaus!
»Kann es sein, dass wir heute das selbe Hemd tragen?«
»Nein, denn sonst stünde einer von uns oben ohne da.«
Wieder suche ich deinen Blick. Du blickst zurück, länger als ich es aushalte. Was ist das, was mich an dir so angenehm verwirrt? Will ich einfach jemanden neu sehen oder neu gesehen werden? Mich neu erzählen geht vielleicht nur mit einem neuen Gegenüber. Ohne all das, was war oder nicht. Nicht wahr?
Verdis Trompeten im Ohr surfe ich auf meiner Wärmflasche durch deinen Sauerkrautauflaufduft.
Im Traum wohnt Georg in einem Wohnmobil, im Parkdeck über einem Einkaufszentrum. Clara gibt uns eine kleine Führung und lässt durchblicken, wie enttäuscht er ist, dass die versprochene Aussicht ins Grüne jetzt betonverbaut ist. Das Fenster seiner Schlafkoje zeigt direkt auf den Eingang zum Kaufhaus, täglich strömen Menschenmassen darauf zu und alle schauen rein. Auch Max und Vroni berichten von ihrer Hausrenovierung: Sie beschließen, das Dach anzuheben und ringsum ein Fensterband einzusetzen, so wird alles höher und heller.
Nach dem Aufwachen erzähle ich meinem Architekten davon, er entgegnet:»Verrückt, was heute alles geht.«
Es gab mal eine Zeit, da fand mein Leben im E-Mail-Postfach statt. Seither wohne ich hier. Liebesbriefe kamen schon länger keine mehr an und doch erwarte ich immer, wenn ich hier reinschaue (mindestens drei, vier, fünf – ach, wahrscheinlich zehn oder zwanzigmal täglich), dass zwischen all den Fragen, Bitten, Aufträgen, Korrekturen, Informationen und Rundbriefen etwas passiert. Etwas Magisches.
Nach Wochen im Schneckenhaus sitzt du plötzlich neben mir. Ein neuer Mensch! Wir tanzen die halbe Nacht im Dreivierteltakt durch den Spiegelsaal. Am Morgen begegnen wir uns lachend am Frühstücksbuffet. Während der Proben und des Konzerts suche ich deinen Blick – wenn sich nicht gerade die Beine der Dirigentin oder die Kleider der Solistinnen zwischen uns schieben. Nach dem Konzert finde ich dich nicht mehr. Dafür unsere Tanzflächen-Gouvernante Frank, die mir deinen Nachnamen verrät. Dann noch Joghurt dazu und schon bist du zu finden! Ich schreibe dir, drehe und wende die Sätze, prüfe den Rhythmus, Klang und Tanz der Wörter auf unverbindliche Leichtigkeit, und klicke auf das Papierflugzeug. Aufgeregt wie früher warte ich jetzt.
Wahrscheinlich ist das Warten selbst das Magische daran. Vielleicht sollte ich öfter mal ein verheißungsvoll glitzerndes Leuchten versenden. Verdi hat dich wahrlich verzaubert, das sah schön aus. Wollte ich dir sagen.
Im Traum bin ich zu Gast bei Thomas Gottschalk, in seinem Domizil am Wasser. Er empfängt mich in der riesigen Garage, dort stehen ein Gefährt mit unheimlich großer Ladefläche und ein Motorrad. Ich soll ihn interviewen, er flirtet lieber. Ich folge ihm durch lange weiße Gänge, vor den Fenstern nur blauer Himmel und weit unten das Meer. Er zeigt mir seine Kunstsammlung, Skulpturen in obszönen Formen. Eine roboterhafte Bedienstete schaut abwechselnd nach ihm und einem leeren Kinderbett, das sie gedankenverloren hin- und herwiegt.
Er fragt mich, ob ich mein Rad dabeihabe, wir könnten eine Tour entlang der Küste machen. Ich kam mit dem Bus, also nehmen wir sein Motorrad – bis kniehohes Wasser die Fahrbahn überschwemmt. Wie das geht, am Steilhang über dem Meer? Die Felswände sind glatte Wasserflächen, wie riesige Spiegel, die Sonne blendet aus allen Richtungen. Wir waten weiter, ich falle hin und die Strömung reißt mich Richtung Klippe, er greift nach meiner Hand und hilft mir auf.
Nach unserem Ausflug schaut er nach seiner Roboterin. Sie wiegt noch immer das Kinderbett, darin nun ein Berg Penne mit Tomatensoße, sie fallen beide hinein, er stopft sich voll mit Nudeln und vernascht sie gleich mit.
Geträumt vom Philosophen, der mir stolz das Ergebnis seiner neusten Umräumaktion präsentiert: Das Aquarium weg vom Fenster, dafür hat dort jetzt ein Stall für Kleinvieh Platz, es raschelt im Stroh.
Dann mein erster Tag im neuen Büro: Drei Schreibtische und eine Liegelandschaft aus mehreren Betten. Die Tische sind belegt, also bleiben mir die Betten, die ich ans Fenster schiebe. So mag ich arbeiten, liegend und mit Ausblick auf einen weitläufigen englischen Garten. Wenn nur die anderen nicht wären. Können die Schreibtische auch weg?
Liegemöbel sind ein Thema in meinen Träumen. Mag am Schlafen liegen.
Traum von Austern, in denen kleine langbeinige Monster wohnen. Glücklicherweise lasse ich anderen den Vortritt, die wissen, wie man die essen muss, um nicht von innen gegessen zu werden.
Ich beziehe eine Wohnung mit rotem Samtteppich, die Fenster schauen auf die Altstadt. Ich möchte alles umstellen, doch die Vermieterin rät mir, es erst mal so zu lassen, wie es die letzten hundert Jahre gewesen ist. Auch das Kleid, das ich trage, sieht aus wie vor hundert Jahren. Nun denn, probiere ich das mal aus, neue Perspektive. Immerhin – ein Fahrradabstellplatz direkt hinter dem Haus.
Im Traum treffe ich Madame Moneypenny und ich weiß schon alles, was sie über Geld zu sagen hat. So dauert es, bis wir ein Thema finden, das auch sie wirklich interessiert. Ernährung! Und ihre Schuhe, die sehr elegant sind und zu denen sie feine türkisfarbene Strümpfe trägt. Im Schrank sucht sie nach Kaffee, der neben der Brühe steht – das belustigt sie täglich aufs neue. Ich erzähle von New York, sie wittert genau dort in meiner Biografie einen Knick, womöglich hat sie recht.
Im Traum lädt mich meine ehemalige Klassenkameradin Judith überraschend zu ihrem dreißigsten Geburtstag ein. Ich bin etwas irritiert, dass sie erst jetzt dreißig wird, Jahre nach mir. Waren wir nicht alle ein Jahrgang, Dezemberkinder? Dich darf ich auch mitbringen. Als wir ankommen, ist noch kaum jemand da, nur die Familie, Freunde trudeln nach und nach ein. Judith begrüßt uns kurz und muss dann weiter, wir schauen uns um. Der Gasthof ist etwas altmodisch, doch schön vorbereitet. Plötzlich Gejohle und Applaus, ein Gast klärt uns auf: Heute feiern wir Judiths Hochzeit. Die Vorbereitungen sind ein Schauspiel für sich und gleichen einer mühsam einstudierten Choreografie: Der Bräutigam macht Soundcheck mit seiner Band, Stühle werden gerückt und Betten hereingetragen, die Trauung soll im Liegen stattfinden. Der Raum wird abgedunkelt und ich merke, dass ich meine Sonnenbrille trage und die normale Brille nicht mehr finde, also unscharf oder dunkel. Die Zeremonie zieht sich: Freundinnen und Tanten tragen theatralisch Texte vor, dazwischen zahlreiche Auftritte des Bräutigams mit seiner Band, Judith lacht die ganze Zeit, etwas verkrampft. Du gehst zwischendurch raus, die Band ist nicht so deins und Theater schon gar nicht. Dann sehe ich Matthias, der eben erst angekommen ist. Das Programm ist zwar noch in vollem Gange, wir fallen uns trotzdem in die Arme und ich weiß wieder, dass seine Umarmungen die besten sind. Wir lassen uns dann auch nicht mehr los und gehen Arm in Arm durch den Raum, um meine Brille zu suchen. Er erzählt, dass er auch kaum noch Kontakt zu Judith hat und sie sich nur meldet, um zu streiten. Da kommt sie angerannt und gibt Matthias im Vorbeigehen die Hand. Ihr Mann schmettert ein letztes Stück, dann ist es überstanden.
Die Brille finde ich erst nach dem Klingeln des Weckers wieder, da wo sie hingehört, auf dem Nachttisch.
»Das sind Erwachsenenfehler – weißt du, was ich meine?«
Im Traum kollidiert ein spontan angesetztes Chorprobenwochenende mit Naomis Besuch, der mir wichtiger ist. Also schwänze ich die Probe am Freitag und stoße erst Samstagfrüh dazu. Alles ist anders als die Proben zuvor: die Rhythmen, die Aussprache, die Texte, ich komme nicht mehr mit. In der Pause sollen wir die Zimmer aufräumen, zu denen man nur gelangt, wenn man über einen Turm aus aufeinandergestapelten Hockern auf den Schrank springt und dann durch eine Deckenluke klettert. Ich erinnere mich an derlei Aufstiege aus meinen Träumen – das nervt mich so sehr, dass ich gleich wieder abreisen will. Irgendwie schaffe ich es dann doch nach oben. Die Zimmer sind teilweise dermaßen verwüstet, dass nur noch ein Hochdruckreiniger und Renovierung helfen können. Ich konzentriere mich auf die Balkone, deren Bepflanzung wir etwas stutzen sollen und ich versehentlich komplett zurückschneide. Das vormals grün eingewachsene Haus ist nun kahl, die Erntehelfer auf den Feldern ringsum sind entsetzt. Wir gehen zurück in den Gewölbekeller und proben weiter. Jede halbe Stunde fährt ein Bus, der mich von hier wegbringen könnte. Ich verstehe nicht, wieso ich dann doch bleibe.
Im Traum bewohnen wir Sarahs Haus, nachdem sie sich für das Nomadenleben entschieden hat. Es hat so seine Eigenheiten, Schlupflöcher in Wänden, ein tropfsteinhöhlenartiges Bad – generell eher eine Höhle als ein Haus. Dann steht sie vor der Tür und erklärt mir, was ich noch nicht weiß. Zum Beispiel der Typ, der immer vor der Tür herumlungert: Er will hier rein, um im Flur zu pupsen und dann wieder zu gehen. Wenn wir ihn nicht einlassen, kackt er uns vor die Tür.
In der Nachbarschaft wohnt meine Schwester, die wir besuchen, als sie gerade eine Party vorbereiten will. Ihre Gäste sind schon da, alle zwei Köpfe kleiner als sie, doch sie kommt nicht durch, die Arme voller Käse, der ihr jeden Moment zu entgleiten droht. Ich dränge mich durch die kleinen Gäste, um ihr einen Teil abzunehmen, dann fällt alles runter und wird zertrampelt.