Christina Schmid
Anfänge und Enden

Vermissen

Ich vermisse dich, obwohl du da bist. Ich vermisse uns, wie wir sind, wenn wir Zeit haben.

Ruhe

Mein Schlaf ist so durchlässig, ganz dünn und zerbrechlich. Ich sehne mich nach Ruhe, nach einem Bett ohne Autokolonnen, die Morgen für Morgen an unserem Schlaf vorbei kriechen.

Stehpulte

Traum von Georgs neuem Zimmer und Clara, die ihm beim Einrichten hilft. Auch ich packe mich mit an, trage Bretter raus, arrangiere eine Sammlung an Stehpulten und gebe zu bedenken, dass niemand, nicht mal Georg, so viele Vorträge hält, dass er zu jedem einen anderen Tisch mitbringen muss. Das meiste wird dann doch behalten, das Ausmisten auf später verschoben, denn Georgs Verwandtschaft steht vor der Tür und will bewirtet werden.

Immer nur noch

Nicht mehr geschrieben, seit die Treppen pausieren, nichts mehr festgehalten, seit alle Fragen von außen wichtiger wurden als meine innere Welt. Geträumt, aber verlernt, die Erlebnisse festzuhalten, bis Papier und Stift zur Hand sind. Gegrübelt und formuliert, doch nur im Kopf. Immer nur im Kopf. ›Immer‹ und ›nur‹ aus den Texten streichen, und ›noch‹ auch.

20 Jahre Blut

Wieviele Liter sind das?
Durchschnittlich:
70 Milliliter im Monat
840 Milliliter im Jahr
16,8 Liter in 20 Jahren

Niemand hat sich dieses Datum gemerkt und mit mir den Abschied der Kindheit gefeiert. Keiner sprach darüber, wie schmerzhaft es ist, das Mädchen zurückzulassen und es erst viel später wieder in sich zu entdecken. Das Baby im Kind im Mädchen in der Frau in der Mutter in der Großmutter. Alle da. Alle bin ich.

Es gab auch keine Willkommensfeier für meine Fruchtbarkeit, die erst jetzt interessant wird. Erst zwanzig Jahre später fand ich einen Kompass und einen Reiseführer (nicht schön, doch hilfreich) als Weggefährten für meine monatliche Reise durch das innere Jahr. Jeden Morgen ein neuer Cocktail. Zyklisch leben, das wär doch was. Wer bin ich heute?

»Die Zeit verläuft nicht linear, ebenso wenig die Erinnerungen. Man erinnert sich immer stärker an das, was einem gerade emotional nahe ist. An Weihnachten denkt man immer, das vergangene Weihnachten wäre erst vor kurzem gewesen, obwohl es zwölf Monate zurückliegt. Der eigentlich nähere Sommer von vor sechs Monaten liegt dagegen gefühlt viel ferner. Die Erinnerungen an Dinge, die emotional der Gegenwart ähnlich sind, nehmen quasi eine Abkürzung.«

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit

»Vielleicht schreibst du nicht auf Papier, doch in deinem Kopf tust du es. Das hast du schon immer getan. Du bist ein Erinnerer und Bewahrer, und du weißt es.«

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit

Mit Socken zu Weihnachten kann man der Generation Knöchelfrei wohl eher keine Freude machen.

Wer morgens zerknittert aufsteht, hat den ganzen Tag, um sich zu entfalten.

»Für mich hatte diese Korrespondenz die ursprüngliche Qualität von etwas, das seinen Zweck nur in sich selber findet.«

Eulàlia Bosch in: I send you this Cadmium Red ...

Kennst du eine Abkürzung zum Eigentlichen?

Acht Jahre

Von wegen viel Gepäck: In Leipzig drängt sich eine dreiköpfige Familie mit sechs Koffern zu mir ins Abteil, bis der Vater merkt, dass sie in die zweite Klasse müssen. Die Tochter bleibt erst mal bei mir sitzen und bewacht das Gepäck, während die Eltern nach einem Sitzplatz suchen. Ihr habt aber viele Koffer, sage ich. Zwei pro Person für eine Woche Dubai, erklärt sie mir. Sie war auch schon zweimal in dem Land mit den Pyramiden. Sie fragt mich, wo ich herkomme. Ich sage, ich war in Berlin, da habe ich einen Freund getroffen, den ich acht Jahre nicht gesehen habe. Das ist aber traurig, sagt sie. Acht Jahre, so alt ist sie. Sie muss weiter, klemmt sich das rosa Einhornkissen unter den Arm, der Vater kümmert sich ums restliche Gepäck.

Fugengewächs

Fugengewächs

Fugengewächs

Fugengewächs

Linie#14

Linie 9570 – meine letzte Linie an einem der letzten Tage des Sommers. Die Hitzewelle schien endlos, heute dann Kälteeinbruch und Ratlosigkeit vor dem Kleiderschrank. Was trägt man außer Sommerkleider und Sandalen? Wer bin ich, wenn es kühler ist? In den Schaufenstern schon Herbstfarben, dazwischen demonstratives Gelb. Vielleicht ein gelber Regenmantel oder gelbe Gummistiefel? Lieber sonnengelbe Sandalen, ich bin noch nicht so weit.

Nun sitze ich also im Zug zu dir nach Straßburg. Noch steht er. Gegenüber fragt ein Vater seine Tochter: Bist du traurig? Draußen winken die sehr kleine Mutter und der sehr große Bruder, bis der Zug losrollt. Sie verdrückt ein paar Tränen, kramt nach ihrem Pass und zählt die Namen ihrer Freundinnen auf, die sie in Israel besuchen wollen.

Der Zug beschleunigt auf 274 Kilometer pro Stunde, er könnte mehr als doppelt so schnell.

Hunderte Kilometer habe ich in den letzten Monaten im öffentlichen Linienverkehr zurückgelegt, meist sitzend, selten stehend, einmal kauernd (das war nett). Im Dazwischen finde ich plötzlich Zeit, um hinzuschauen und zuzuhören. Man kommt Fremden recht nah, wenn man so unterwegs ist. Manche reisen in ihrem Kokon aus Musik, Film, Arbeit und Lesestoff. Andere blenden völlig aus, dass sie nicht unter sich sind und erzählen offen und laut aus ihrem Leben, manchmal schreibe ich mit.

Sie sieht so traurig aus mit ihren glänzenden dunklen Augen. Der Vater telefoniert leise auf Hebräisch. Auswandern, wie das wohl ist? Eine Linie unterbrechen, um woanders neu anzusetzen.

étoile filante

étoile filante

Pink auf Grün

Plötzlich kommt Wind auf und zerrt am Laub der Bäume, vertrocknete Blätter wirbeln durch die Luft. Nebenan wird ein Fensterladen aufgeklappt, er knallt gegen die Wand. Eine Hand mit pink lackierten Nägeln rangelt mit dem zweiten, der Wind hält minutenlang dagegen. Welch ein Bild, pink auf grün, passend zu den Blüten auf dem Fensterbrett.

»Er wollte noch an etwas denken, doch dann rutschte er im weichen Nebel aus, landete sanft und sank in einen Schlaf.«

»Wenn unsere Augen doch fortgehen könnten, während wir schuften, denkt er. Wir würden arbeiten und sie würden solange über Berg und Tal ziehen.«

Andor Endre Gelléri: Die Großwäscherei

Linie#13

Freitagnachmittag, auch den Linien ist es zu heiß – allen, darum erwische ich noch eine, die eigentlich längst weg wäre und noch eine, die ebenfalls verspätet eintrifft. Draußen steht wartend ein Flamingo im weißrosa Kleid mit beeindruckend hohen Stöckelschuhen. Drinnen gibt es nur noch Stehplätze im Gang. Ich finde einen Sitzplatz auf dem Boden, in der Gepäckablage zwischen zwei Rückenlehnen. Als Kind hätte ich diese Höhle geliebt! Meine Aussicht ist begrenzt auf behaarte Männerbeine mit nackten Füßen in Flip-Flops und Nadelstreifen zu Lackschuhen. Dafür sitze ich ungestört und störe auch nicht das Geschiebe der Passagiere, die samt Koffer, Rucksack und Reisetasche unbedingt weiter müssen, von hinten nach vorne oder von vorne nach hinten. Bis jeder feststeckt und zwangsläufig bleibt, wo er ist.

Linie#12

Gegenüber sitzt einer in kurzen Hosen dermaßen breitbeinig, dass die Frau an seiner Seite kaum Platz hat. Sie, unscheinbar, fast unsichtbar. Er, braungebrannt von Kopf bis Fuß, die Beine voller Zeichnungen, die Haare blondiert, Kopfhörer auf den Ohren, die Hände trommelnd, die Lippen zum Kuss geschürzt. Nicht für sie – für alle, die ihn sehen sollen. Höhnisch schaut er mich an. Ich muss lachen und bin schnell weg.

Linie#11

Und immer wieder Linie 1. Als würde ich Fahrt um Fahrt von vorne beginnen – stets die gleichen Wege. Im Vierersitz nebenan ein Gespräch über die bevorstehende Hallenhochzeit bei 32 Grad. Der Mann in Anzug und Fliege konzentriert sich darauf, sich möglichst wenig zu bewegen, um nicht zu zerfließen. Die Freundin hält ihre Hand über seine glänzende Frisur, um zu spüren, ob er dampft. Die drei Damen tragen luftige Blumenkleider zu knallroten Lippen, lange Ohrhänger und Glitzer-Pömps. Nur die großen Rucksäcke passen nicht dazu. Eine der drei soll fotografieren, dabei kann sie das doch gar nicht professionell. Ein Hund ist auch eingeladen – Empörung über mangelndes Feingefühl – zu wenig Auslauf und die armen Allergiker. Selbst Harriet hat ihr Baby abgegeben, wäre ja auch zu anstrengend. Und dann noch die zerstrittenen Familien, das kann ja heiter werden.

Zwei neue Nebensitzerinnen, die atemlosen Sorgen einer Mutter über ihren Sohn: Er möchte sich ihrem Tempo anpassen nur wie soll das gehen er hat einfach noch nicht die Richtige gefunden sie ist Jahre jünger und hat ihm spontan erklärt dass sie ihn mag weil er so anders ist er mag sie auch wenn nur die Schulfrage geklärt wäre er macht drei Kreuze dass er die Mathelehrerin los ist aber wie soll es weitergehen. Die Mitreisende nickt nur, der Sitznachbar drückt die Stöpsel tiefer ins Ohr. Nächster Halt: Goldberg.

Bis Böblingen starre ich auf die Gleise. Faszinierend, wie schnell die Augen von einem Fixpunkt zum nächsten springen.

In einer Tasche ein Kläffen. Nein. Wuff. Nein. Wuff. Nein. Daneben drei Oberstufenschüler mit kurzgeschorenen Haaren und Zeugnissen in der Hand. Sie zeigen sich gegenseitig ihre Beurteilungen, einer liest vor: Stets pünktlich, zuverlässig, vorbildlich. Gelächter, ein Gemisch aus Häme, Neid und Anerkennung.

Linie#10

Regentropfen malen Linienmuster auf die Scheibe. Vertikal und diagonal nach links unten. Einer steigt ein, dem fehlt die Nase, stattdessen ein flaches Pflaster über dem Schnurrbart. Und um die Ecke plötzlich ein neues Gebäude, Linienstruktur aus Stahlstreben.

Linie#9

Und wieder Linie 2. Die Hitze steht zwischen Anzügen und neben nackten Armen und Füßen, die auf Koffern liegen. Einer sagt: Vier Jahre keinen Urlaub, dann drei Wochen Stuttgart.

Linie#8

Ich trage einen überdimensional großen silbernen Teller unter dem Arm. Von vorne und hinten gesehen eine Linie, von links und rechts ein Kreis.

Nebenan geht es um Kosenamen: Eine Beziehung, in der dir nach ein paar Wochen immer noch nichts einfällt – ein schlechtes Zeichen. Nie im Leben wäre sie auf ›Augenweide‹ gekommen, jetzt findet sie es übelst lustig. Aber nicht in der Öffentlichkeit! Fünfzig Mal ›Schatz‹ an einem Abend, das nervt doch.

Beim Anfahren verselbständigt sich mein auf dem Boden abgestellter Kreis, klappernd rollt er rückwärts, dann wieder vorwärts, bis mein Fuß ihn bremst und gegen die Wand drückt, bis wiederum der Fuß kribbelt und krampft.

Den da in der weißer Latzhose kenne ich doch irgendwoher. Gedanklich gehe ich alle Läden des Viertels durch und werde fündig: Dem gehört das Farbengeschäft. Immer wieder verwirrend, Ladeninhaber außerhalb ihres Ladens zu sehen. Daneben eine elegante ältere Dame mit goldenem Armreif, der den halben Unterarm umfasst.

Meinen silbernen Kreis gebe ich ab, der war nur ausgeliehen.

briques en chemin

briques en chemin

stylo-plume

stylo-plume

Linie#7

Ohne einen Blick für die vorbeiziehenden Felsen, Wälder und Kornfelder betrachten sich zwei in der Spiegelung der Scheibe: Zahnspangen und künstliche Wimpern, im Nacken ein Pickel und etwas Sonnenbrand. Sie lümmeln auf den Sitzen, drücken ihre Schuhe aufs Polster, lösen sich gegenseitig die Schnürsenkel und besprühen sich von Kopf bis Fuß mit Himbeerduft. Die Wolke umhüllt sie wie ein Privatabteil. Sie sehen uns nicht oder durch uns hindurch auf sich im nächsten Spiegel.