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Christina Schmid
Anfänge und Enden

Blog:

Lücken

Mittwoch und wieder ist das Kind krank. Seine Fünftage­woche ist abgeschafft. Ich habe ja eh nur zwei konzentrierte Tage und für die Kunst sind höchstens die Lücken und Ränder vor­gesehen. Weil ich nicht raus will und kann aus unserem Offenen Buch, schaut es die Sendung mit der Maus. Orange!

Ich mag deine Orangen im Seiden­papier.

Gestern lag ein schwarzes Seiden­papier in einem Paket, das habe ich gefilmt.

Jetzt werde ich gebraucht, muss wieder raus aus meinem Fluss und bin frustriert.

Fehlende Anhänge

Skizze Kachel­übergang
Maßstabs­sprünge
Orangen­material­proben

Rohzustand

Am Montag fühlen sich meine Hände riesig, riesenhafte Pranken, die einen Klumpen Ton kneten.

Am Dienstag sagen wir uns alles und sehen uns gut. In diesen Tagen nehme ich mehr Raum ein, als ich mir zugestehe. Mittags lese ich in dem Buch mit dem seltsamen Geruch.

Am Mittwoch will das Kind zu Hause bleiben. Wir verbauen jeden einzelnen Duplo-Stein.

Am Donnerstag erledige ich alles, was sich mein Postfach für den Januar vorge­nommen hatte und bisher unmöglich schien.

Am Freitag sprudelt es nur so aus mir heraus, schon morgens um vier, als mich das Baby weckt. Um sechs stehe ich auf, setze mich an den Schreib­tisch und um neun sprudelt es weiter wie im Traum, als ich im Schwimmbad meine Bahnen ziehe, unter mir die Kacheln, quadratisch, nein recht­eckig, nein beides – wo ist der Übergang? Dreimal verpasst. Bei der vierten Bahn halte ich die Luft an und gleite über die Linie.

Plötzlich ist alles klar und da: Der Boden ist voller Buchseiten, Puzzle­teile aus den letzten Jahren fügen sich zusammen. Geomerie, Archi­tektur, Schatten, Licht, vergessen geglaubte Visionen rauschen durch mich hindurch. Es öffnet sich ein Spalt zu meinem Spiel­platz in Straßburg voller Konzepte, die ich nicht zerdenken wollte. Plötzlich verstehe ich dich und den Rohzu­stand. Die Freude über deine Einladung in unseren Dialog ist wieder da, ich bin wieder da.

Klavier

Vielleicht erinnerst du dich:

Das kleinste Noten­büchlein der Welt: Ein Ton pro Seite, einer für dich, einer für mich und so weiter. Komponierst du das Stück? Dann mache ich das Buch.

Das Klavier bekommt ein winziges Noten­büchlein, ein Leporello, zwei mal zwei Zenti­meter groß. Ich frage dich, ob es Binde­bögen braucht. Du schickst mir zwei Inter­pretationen zurück. Die Melodie habe ich mir für das Kind überlegt, vor seiner Geburt.

Jetzt wartet es auf mich im Kinder­garten, ich muss los und will nicht, seit Freitag schimpft es mit mir. Oh, diese Wut mit vier.

Erfüllung

Theo: Das darf ich nicht verraten, weil das ein Geheimnis ist, sonst geht meine Erfüllung nicht in Sicherheit.

Klick

Klick: Licht an
Klick: Licht aus
Klick: Licht wieder an
Klick: Aus

Bettge­raschel
Papier­geknüll
Knister­sym­phonie
Klavier?

Kissen

Wie klingt ein Bett aus Papier? Das Kissen mit Seiden­papier bezogen raschelt am Ohr und knistert noch nach, wenn der Kopf schon wieder weg ist, sein Abdruck bleibt. Deine Bilder schimmern hindurch, wie von einer Eisschicht zugedeckt, ungreifbar. Dann plötzlich ein Riss, aus dem Käfer krabbeln. Von einem schmalen Rand zum andern balanciert meine Aufmerksamkeit wie durch einen Nebel zu dir. Noch will
kein Traum zu mir.

Bis übers Ohr will ich bedeckt sein. Deckst du mich zu, liest du mir vor, siehst du den Schatten über uns? So wird der Raum zum Buch.

Wenn mein Kopf schon wieder weg ist, ist er wohl beim nächsten und übernächsten Essen. Orangene Suppe könnte es geben bei unserer Vernissage. Oder frisch gepressten Karotten-Apfel-Ingwer-Saft, wie heute hier.

Auszeit

Nächtelang erkläre ich Papa per Brief, was eine einsame Auszeit auslöst und warum wir lieber im Gespräch bleiben mit unserem Kind. Er will es nicht wissen. Und ich einfach in den Arm genommen werden. Er bestimmt auch.

Preisschild

Im Traum machst du Paula und Sascha ein Geschenk: Eine Schachtel mit Pralinen wie Kiesel­steine zu einer philo­sophisch-geologischen Abhandlung, ein dünnes Heft. Du siehst, dass ich das Preis­schild sehe, 447 Euro. Du wirst rot, nimmst die Schachtel wieder an dich und willst sie zurück­geben, wenn das noch geht. Kopfschüttelnd laufe ich durch den Raum zu Marlies und anderen stillenden Müttern am Boden zwischen Theater­proben. Dass ich obenrum nackt bin stört hier niemanden, nicht einmal mich.

Grasfrisur

Im Traum schwimmen wir durch eine Wasser­landschaft aus Kanälen, Strudeln und Becken, Mama redet ganz untypisch wie ein Wasserfall auf mich ein: Das geht doch nicht, so ein Lieben kreuz und quer. Vor uns schwimmt ein Typ, der sagt: In manchen Betten fühlt man sich eben wohler als in anderen. Auf seinem Kopf wächst grünes Gras in Büscheln, wild gemäht. Diese Grasfrisur bleibt mir tagelang im Kopf, bis ich sie jetzt endlich aufschreibe.

Klappkisten

Wer bin ich bloß geworden? Welche Teile von mir ich verloren habe, sehe ich in deiner Wohnung, als sei sie mein Spiegel: Schau, so frei und beweglich kann ein Leben einge­richtet sein.

Ina, Fragment in meinem Namen. Und ich? Entsetzt in deinem Archiv aus dreihundert Klapp­kisten direkt unter der Galerie. Fasziniert, wie du mit diesem Haus verwachsen bist.

Ist »Entsetzt« das richtige Wort?
Wertvolle Last.

Nöte

Stillen, alle zwei Stunden oder drei, maximal vier, länger bin ich nie allein, seit vier Monaten. Stillen, dann Still­liegen zwischen beiden Kindern. Das große hält bei jedem Atemzug die Luft an, um nicht einzu­schlafen, und sagt: »Ich vergesse heute alles, was ich gut machen soll.« Zwei Stunden liegen wir schon wach im Dunkeln. Ich wünsche mir ein Gerät, das meine gedachten Sätze licht- und lautlos zu Zeilen schreibt, während ich hier so liegen muss, bis es gleichmäßig atmet und der Abend mir gehört. Und was mache ich damit? Jetzt Licht. Noch einmal deinen Brief lesen, der zwar mit mir am See war, doch dort wollte ich nur vergessen, mich weglesen, Trost finden: ›Other writers need to concentrate‹. Ich könnte dir das Buch schicken, bezweifle aber, dass dich die liter­arisierten Nöte schreibender Eltern so rühren wie mich.

Perlen

Im Traum ein Bergdorf mit Kriegs­baracke, ich will nicht weiter­gehen. Von oben sehe ich dich am Boden unter Wäsche­bergen glitschige Perlen entdecken, sie bewegen sich. Bestimmt übertragen sie Malaria oder etwas anderes. In meinem Bein steckt auch so eine Perle fest, ich kratze sie auf und weg. Draußen auf dem Platz essen wir sehr touristisch, der Lautsprecher knackt permanent, doch ich muss schreiben. Du siehst mich durch dein Glas mit Papier und Stift, nur da bin ich ich. Die halbe Nacht warte ich darauf, dass du das Baby wieder zu dir nimmst. Halboffener Schlaf, ohne Stift aus dem Traumland gekickt. Dieser Traum ist filmreif und wieder weg nach dem x-⁠ten Stillen vom Baby und wieder Zudecken vom Kind. Was mir bleibt, ist dein verachtender Blick. Ja, ich war nochmal oben im Hotel­zimmer, das jetzt deines ist. Ich sah deine Taschen vor dem Spiegel stehen, unaus­gepackt. Auf der Treppe kommen wir uns entgegen, du siehst mich misstrauisch an. Meinen Schuh und den Stift hatte ich dort vergessen, beteure ich und wedle damit. So verab­schieden wir uns, der Traum und ich.

Orangenheizung

Nach einigem Stöbern fand ich das Bild vom Bild der Orangen­heizung wieder, 2016 in einem Buch in Straßburg entdeckt. Was sich die Träume doch so merken, und was alles nicht.

Skizzen­bücher voller Buchskizzen, seitenweise Zweiseiter träumen im Regal. Alle scannen und überein­ander­legen: verdichtetes Potenzial.

Treffen wir uns mal bei dir mit Papier?

Vom Text zum Bild

Du kommst mich besuchen in meinem Buch­traum, hier findest du dich. Du schimmerst zwischen den Zeilen hervor, spinnst feine Fäden von einem Fragment zum nächsten, zum Licht. Hier fallen mir deine Bilder ein. Ina! Fragment in meinem Namen. Und ich in deinen Bildern? Die ich nun sortieren will. Mein neues Du. Kein Zurück in den Text vom letzten Jahr. Er ist uns Material für neue Träume auf Papier, das knistert, knirscht und klingt. Wir reißen, schneiden, falten, knittern, knüllen, rollen uns ein. Schluss mit Papier­theorie, ran ans Material, rein in deine Bilder und raus aus dem Text. Und das Buch? Ein Traum. Nicht mehr. Mehr nicht.

Offenes Buch

Ich schreibe mich zu deinen Bildern.
Lege aus, was zu mir spricht.
Lese dich in meinen Texten.
Überschreibe mich an dich.
Wohin es uns noch blättert?

Buchschatten

Wie viel Freude mir das macht, dein Orange in meinen Texten! Deine-meine Sätze schlängeln sich durch die Galerie. Am Boden ein orangenes, meter­langes Lesebändchen am winzigen Buch, das orange angestrahlt einen riesigen Buchschatten auf Wand und Decke wirft.

Vor genau zwei Jahren träumte ich von einer orangenen Ausstellung. Und jetzt von einem Buch in Orange mit allen Texten, in denen Orange vorkommt.

Taghaus Nachthaus

»Wie schmerzlich war es, nur deshalb geliebt zu werden, weil man existierte. Was für eine Unruhe brachte eine solche Liebe mit sich. Wie sich die Gedanken vor Ungläubigkeit verwirrten, wie das Herz vom beschleunigten Klopfen anschwoll. Wie die Welt in die Ferne rückte und ihre Greifbarkeit verlor.«

»Auf Reisen trifft man letzten Endes immer auf sich selbst, als wäre man selbst sein Reiseziel. … Bei sich zu Hause hört man auf, sich mit sich selbst zu beschäftigen, und dann sieht man am meisten.«

»Und erst als sie aufwachte, begriff sie, dass sie sich auf eine Reise begeben hatte; vorher war es nur eine Fortbe­wegung im Raum gewesen, eine gewöhnliche, nicht weiter bemerkens­werte Ortsver­änderung. Erst der Schlaf schließt das Alte ab und öffnet das Neue, der eine Mensch stirbt, der andere erwacht zum Leben. Dieser schwarze Raum ohne Eigenschaften zwischen den Tagen ist die wahre Reise.«

»Ich dringe durch den Mund ins Innere der Menschen ein. Die Menschen sind innen wie Häuser. … Von innen wirken diese Häuser unbewohnt. … Aber ich weiß, dass ich im Inneren eines Menschen bin. Das erkenne ich an kleinen Einzelheiten. Eine der Korridorwände ist fleisch­farben und pulsiert leicht. Manchmal dringt aus der Tiefe ein fernes, gleichmäßiges Rumoren an meine Ohren, manchmal rutscht mein Fuß auf etwas Festem, Geädertem aus.«

»Sie lebten im Schloss, obwohl sie es weder erbaut hatten noch genau kannten, was bei den verschiedenen unerlässlichen Reparaturen besonders deutlich wurde. … Einige von ihnen studierten Philo­sophie oder Literatur, aber auch nur zu dem Zweck, ihr Leben in diesen paradiesischen Gefilden noch intensiver und voller auskosten zu können. Um Bescheid zu wissen. Um sich eines Ziels oder des Mangels eines solchen klar zu werden. Um sich darüber klar zu werden, wie es sein kann. Und das musste reichen.«

»Ich bin auch in einem Schloss geboren. … Ich stellte mir mein Zuhause immer als etwas Essbares vor. Wahrscheinlich habe ich es einmal aus Versehen wirklich gegessen, denn jetzt steckt es in mir drin, ein mehrstöckiges Gebäude mitten in mir. Wir bewohnen einander. Ich bin in ihm, und es ist in mir, manchmal fühle ich mich wie ein Gast darin, manchmal als Besitzerin. Nachts tritt das Schloss deutlicher hervor, es leuchtet grünlich durch die Dunkelheit. Im Sonnen­licht ist es zu grell, deshalb bleibt das Schloss tagsüber unsichtbar, aber ich fühle es in mir.«

»Es war schön. Man musste nur achtgeben, dass man nicht zu viel sagte und nicht zu laut. Dass man keine Meinung äußerte, nicht bewertete, nicht zu viel hörte, nicht hinschaute. Das war nicht schwer, denn sie hatten ja einander und das Haus und das Klavier und die Blumen im Garten.«

»Von diesem Zeitpunkt an konnten die beiden sich nicht mehr daran erinnern, was sie den ganzen Tag über gemacht hatten. Ein Tag erschien wie der andere. Das Verrinnen der Zeit ließ sich nur an den Wäsche­haufen im Badezimmer ablesen.«

»Wie sieht die Welt aus, wenn das Leben nur noch Sehnsucht ist? Sie sieht papieren aus, zerkrümelt zwischen den Fingern und zerfällt. Jede Bewegung betrachtet sich selbst, jeder Gedanke betrachtet sich selbst, jedes Gefühl fängt an und hört nicht auf, und zum Schluss wird der Gegen­stand der Sehnsucht selbst papieren und unwirklich. Nur das Sehnen ist wahrhaftig und macht abhängig. Dort zu sein, wo man nicht ist, das zu haben, was man nicht besitzt, jemanden zu berühren, den es nicht gibt. … Vor dieser Sehnsucht kann man nicht fliehen. Man müsste dafür dem eigenen Körper entfliehen, aus sich selbst hinaus. Soll man sich betrinken? Wochenlang schlafen? Sich bis zur Besessenheit in Aktivität verlieren?«

»Mir ist, als hätte ich alle Pullover der Welt schon einmal angehabt.«

Olga Tokarcuk: Taghaus Nachthaus

Schnürsenkel

Im Traum probiere ich Schnür­senkel mit Soße von meinem Neben­sitzer, ein dünner Mann, dem das Essen nicht schmeckt. Gegenüber wird eine fade Schuh­sohle mit Kimchi verfeinert, ich esse den Rest. Von zwei Seiten höre ich Klagen der Liebe, die spontan zu mir wandert. Ich will sie nicht, wie ich auch euer Essen nicht wollte, ich hatte absichtlich nichts bestellt.

Gefallen

Ich liege wach mit deinem Husten, der in mir einge­zogen ist, er bleibt mir treu für den kleinen Rest unserer Zeit. Deine rosa Lippen tanzen im Bunker mit ihr und allen, denen du noch gefallen sollst. Gefallen aus allen Wolken ins Nichts deiner Worte, die schon verblassen, wenn du sie schreibst und verschwinden, wenn sie mir gefallen haben, oder wem? Austauschbares Du, für sie, für dich. Sie fragt dich nicht nach mir und mich nicht nach dir. Ausge­sprochen verfliegt ihr der Zauber jenseits der Worte. Ich kenne ihre Heimlichkeiten zu gut, schütze mich vor ihr, in die du fällst. Treuer Husten hältst mich wach und aus für heute Nacht.

Elefantenbrunnen

Im Traum sitzen wir in einem Bus, er fährt nicht los und wird immer voller. Wir steigen aus und gehen zu Fuß zum Meer. Es ist zu heiß, kein Schatten weit und breit, nur gleißendes Sonnen­licht. Also wieder in die Stadt zu einem Brunnen mit Elefanten aus Stein, von dem du gelesen hast. Wir klettern barfuß auf ihren Köpfen herum, jeder Elefant spritzt anders. Humpelnd zeigst du mir einen Paravent, hinter dem sich ein kleiner Elefant versteckt, schon grün vor Moos. Auf deinen Wunsch steige ich auf seinen Kopf, da plustert er wummernd die Backen auf und taucht ab ins Dunkel mit mir und wieder auf. Er spritzt aus allen Poren dich und dein Buch nass, du lachst.

Schokoladenhaus

Im Traum sitze ich unter freiem Himmel im Theater, wo sich Schau­spieler ihre Spiel­partnerinnen im Publikum suchen, ich bin eine der Auser­wählten mit zwei Schmetterlingen, die ich dann doch anderen überlasse. Ein eiförmiger Bus fährt herein und kriecht den Berg hinauf nach Haus. Zu Fuß bin ich schneller, ich laufe ihm voraus, bis er mich einholt, der Fahrer besteht darauf, dass ich einsteige, es ist der Schau­spieler, der mich wollte. Er will Bruch­schokolade mit mir machen, mit lustigen Toppings, das klingt gut und du beobachtest amüsiert, wie ich in seinen Arm hüpfe, Huckepack trägt er mich bergauf zu seinem Schokoladenhaus.

Notiz

»Für mich hat so ein Notizbuch den Vorteil, dass es mich immer daran erinnert, wozu ich auf Erden bin – um von Dingen Notiz zu nehmen.«

Richard Ford

Flüchtigkeit

»Die Momente zwischen den Lesenden und Schreibenden sind Geschenke, deren Schönheit in ihrer Flüchtigkeit besteht. All das sagt vor allem eins: dass wir als Schreibende vielleicht gar nicht so genau wissen, was wir tun.«

Daniel Schreiber

Kleid

Dein Buch ist ein Kleid, das deinen Körper einhüllt, es raschelt, wenn du dich darin drehst. Zu Kleidern kamst du über den Tanz, nun kleidest du dich als Buch für mich, willst gelesen werden, sortiert, die Seiten ohne Reihen­folge überein­ander­geschichtet, ich kann dich nicht lesen, nicht in diesem Licht und schon gar nicht in diesem Kleid, das dich verdeckt. Zugedeckt mit seitenweisem Text ohne Ende und Anfang, wie lose Fäden hängen die Sätze von dir weg. Erst jetzt sehe ich den Raum, in dem wir uns drehen: Text über Text an Wänden, Boden und Decke, sie flüstern und rascheln im Wind, der durch das nächtliche Fenster in dich und dein Kleid weht, dein Buch, das du jetzt ausziehst. Darunter trägst du nur noch ein Wort auf deiner Haut, am Ellbogen, was steht da für immer für dich? Imagine.

Lesemaschine

»Schluss­endlich ist ein schönes Buch vor allen Dingen eine perfekte Lesemaschine (…); und es ist gleich­zeitig ein Kunst­gegen­stand, ein Ding, aber eines mit Persönlichkeit, das die Zeichen eines eigenen Denkens trägt.«

Paul Valéry 1926

Galaxie

Im Traum landen wir in einem Theater­stück, die Bühne voller brauner Pappröhren und Verpackungs­material, darin wartet eine träge Truppe auf Bestellungen. Das Stück heißt: ›Die Verlegerin‹. Auf einer anderen Bühne steht ein Typ in einem Wald aus Mikro­fonen, er will für sein Bühnenbild gelobt werden, was niemand tut. Frustriert trinkt er das Blumen­wasser aus den Vasen und wirft die Blumen ins Publikum. Wir folgen einem Licht ins Dunkel, besteigen ein Raumschiff und legen ab, fliegen den Licht­wölkchen hinterher, die uns der Flugvirtuose vor uns als Orientierung ins dunkle Nichts auspufft. Zwischen­durch biegt er ab in kleine Wolken­welten, um Leute einzu­sammeln und ein verlorenes Kind zu retten. Wir folgen ihm, durch­queren Schlick und Algen­felder, reißen uns los und wieder hinauf. Auch meine Eltern fahren herum mit Oma, der sie Basel zeigen und kleine Hafen­städte. Auf dem Rückweg wollen Sie zu uns und mein Gepäck abholen, bei der Hitze reicht mir der neue Badeanzug: Eine Galaxie mit Neonbändern an den Seiten zum Zusammen­ziehen, so schrumpft der Sternen­stoff zu einem Päckchen, klein und leicht wie ein Tisch­tennisball.

Schaumwasser

Im Traum reisen wir im Zug von Stadt zu Stadt, wir sind auf Tournee mit unserem Wasser­spaziergang. Sind wir hier richtig, wo müssen wir raus, kommen wir recht­zeitig an? Kein Ortsschild am Bahnsteig verrät uns, wo wir sind. Ich will mein Handy befragen, doch darin schwappt nur Spülwasser mit weißen Schaum­blasen, nicht mehr zu gebrauchen als Karte, Kompass oder Uhr. Irgendwo steigen wir aus, machen Pause am Strand, haben solch eine Lust, dass uns die Zeit egal ist und auch die anderen Leute, wir rennen nackt ins Meer. Die Lust bleibt bei mir bis im Hotel die große Lea bei mir ist, mein Kopf reicht ihr bis zum Bauch. Sie hängt mich kopfüber mit den Beinen über ihre Schultern. Müssen wir nicht los? Im Handy noch immer nur Schaum­wasser. Bestimmt ist noch Zeit.

Weiß

Plötzlich bin ich allein im Weißraum der Seite. Stille. Keine Stimmen mehr im Kopf, keine Briefe im Kasten, alle Notizen weg. Die Worte werden weniger, mein Wortschatz schrumpft. Wir sammelten Sätze, die schon vergessen sind. Ich sammelte Wörter, Menschen, Küsse, ließ sie stehen, ging weiter und weg. Vergesse nun auch mich und schaue aufs Weiß, werde blass und durch­sichtig, wie alles, was ich geschrieben habe. Meine Bücher verlieren ihre Farben, die Buchstaben purzeln heraus und krabbeln wie Ameisen davon. Zuletzt verschwinden die Punkte auf meiner Haut und ich bin weiß wie diese letzte Seite, mit der ich mich zudecke. Weich wie eine Decke, weiß wie das Licht in diesem Nichts. Nebel zieht auf und dämpft dein fernes Vorlesen, ich schlafe ein.

Unrast

»Ein wichtiger Begriff in der Reise­psycho­logie ist das Begehren, denn es verleiht dem menschlichen Wesen Bewegung und Richtung zugleich – es weckt die Hingabe an etwas. Das Begehren an sich ist leer, das heißt, es weist nur die Richtung, aber nicht das Ziel, das Ziel nämlich bleibt immer phantasma­gorisch und unklar, je näher man ihm kommt, desto rätselhafter wird es. Das Ziel lässt sich unter keinen Umständen erreichen, man kann auch nie das Begehren damit stillen.«

»Das, was mich beleidigt, lösche ich aus meinen Landkarten. Orte, in denen ich gestolpert und gefallen bin, wo man mich geschlagen, mir Leid zugefügt hat, wo etwas mir wehgetan hat, die hören auf, für mich zu existieren. Auf diesem Wege habe ich mehrere Großstädte und eine Provinz wegradiert. Vielleicht werde ich eines Tages ein ganzes Land wegradieren. Die Landkarten nehmen das verständnisvoll hin; sie sehnen sich nach weißen Flecken, das ist ihre glückliche Kindheit.«

»Ist es gut, dass ich erzähle? Wäre es nicht besser, den Verstand mit einer Klammer zu bündeln, die Zügel straff zu ziehen und mich nicht in Geschichten auszu­drücken, sondern mit einem schlichten Vortrag, wo ein Gedanke mit jedem Satz klarer Gestalt annimmt und in den folgenden Absätzen an andere Gedanken geheftet wird? … Doch ich lasse mich auf die Rolle der Geburts­helferin ein, der Gärtnerin, deren Verdienst höchstens das Säen ist und anschließend das langweilige Unkraut­jäten. Erzählungen haben ihre eigene Trägheit, die sich nie ganz unter Kontrolle bringen lässt. Sie brauchen Leute wie mich, die unsicher sind, unent­schieden, leicht an der Nase herum­zuführen. Naive.«

»In der Nacht steigt die Hölle über der Welt auf. Zuerst verzerrt sie den Raum, macht alles enger, massiver, unbeweglicher. Einzelheiten verschwinden, Gegen­stände verlieren ihr Gesicht, werden massig und unscharf, wie merkwürdig, dass man tagsüber von ihnen sagen kann, sie seien ›schön‹ oder ›nützlich‹; jetzt erinnern sie an unförmige Klumpen, deren Zweck schwer zu erraten ist. … Die Nacht gibt der Welt ihr ursprüngliches natürliches Aussehen zurück, sie erfindet nichts; der Tag ist Extra­vaganz, das Licht – nur eine kleine Ausnahme, ein Versehen, eine Störung der Ordnung. In Wirklichkeit ist Die Welt dunkel, fast schwarz. Bewegungslos und kalt.«

»Lasst stehen und liegen, was ihr besitzt, verlasst euren Grund und Boden und setzt euch in Bewegung. Denn alles, was seinen festen Platz in der Welt hat, jeder Staat, jede Kirche und Regierung, alles, was in dieser Hölle seine Form behalten hat, ist ihm zu Diensten. Alles, was bestimmt ist, was von-hier-bis-da ist, was in Rubriken erfasst, in Registern verzeichnet, nummeriert, nachge­wiesen, beschworen ist; alles, was angehäuft, zur Schau gestellt und etikettiert ist. Alles, was festhält wie Häuser, Sessel, Betten, Familie, Erde, Saat, Pflanzung, Pflege des Wachsenden. Planen, Warten auf Ergebnisse, das Erstellen von Plänen, Hüten von Ordnung. Deshalb entwöhne deine Kinder, wenn du sie schon achtloserweise geboren hast, und mach dich auf den Weg. Bestatte deine Eltern, da sie dich schon unachtsamerweise haben werden lassen, und geh.«

»Sie halten sich an den Händen, es ist die Zeit der ersten Küsse, die man nicht anders als seltsam bezeichnen kann.«

»Eine Stunde bleibe ich sitzen, nicht länger. Ich sehe die Leute, die aus dem Fahrstuhl springen und zu einer Verab­redung eilen, diese von Geburt an Verspäteten, die manchmal vor lauter Hast in der Drehtür stecken bleiben wie in einer Mühle, die sie gleich zu Staub zermahlen wird. Ich sehe die Schlurfenden, die die Füße nachziehen, sie zaudern vor jeder Bewegung. Frauen, die auf Männer warten, Männer, die auf Frauen warten.«

»Die Bibliothek steht am Fluss, auf diesen schaut sie, das ist ein Fehler. Bücher muss man hochge­legen aufbe­wahren. Als die Sonne schon herauskam und das Wasser fiel, legten die Mitarbeiter der Bibliothek die Bücher zum Trocknen aus. Aufge­fächert stellten sie sie auf den Boden, es sind Hunderte, Tausende. Geduldig ziehen sie die Seiten ausein­ander, damit die einzelnen Sätze und Worte trocknen können – sie öffnen die Bände zur Sonne hin, die Sonne soll lesen.«

»Kairos, der immer an dem Punkt wirkt, wo die lineare Zeit der Menschen und die zyklische Zeit der Götter sich schneiden. Und auch an dem Punkt, wo Ort und Zeit sich schneiden, in dem Moment, der sich kurz öffnet, um diese eine, eigene unwieder­holbare Möglichkeit statt­finden zu lassen. Der Punkt, an dem die aus dem Nirgendwo ins Nirgendwo laufende Gerade einen Augen­blick den Kreis berührt.«

»Wir, die Aufschreibenden sind ja zu vielen. Wir lassen uns nicht anmerken, dass wir einander betrachten, wir heben den Blick nicht von unseren Schuhen. Wir werden uns gegen­seitig aufschreiben, das ist die sicherste Form der Kommunikation, wir werden einander in Buchstaben und Initialen verwandeln und auf den Seiten der Notiz­bücher verewigen, wir werden uns plastinieren, ins Formalin der Sätze versenken.«

»Im Lächeln der Stewardessen verbirgt sich, wie uns scheint, ein Versprechen, dass wir vielleicht Neuge­borene werden, diesmal zur rechten Zeit am rechten Ort.«

In Griechenland mit Olga Tokarczuk: Unrast