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Christina Schmid
Anfänge und Enden

Blog:

Und ich weiß mehr als ich weiß

Mein Ich ist wandelbar, wie jedes Ich
Allein wenn ich die Augen schließe
Bin ich wer anders und kann jede sein
Heute früh sogar ein Mann
Wann genau der Traum begann
Macht keiner fest
Denn Träume geben sich die Klinken
Einfach so von Hand zu Hand
Ohne Begrüßung, ohne Abschied
Kämpft sich das Traum­schiff auf und ab
Und durch die Wogen
Über Wellen­berge durch Wellen­täler
Alles gleich­zeitig und manchmal nichts
Und viel, so viel, dass beim Aufwachen
Brei daraus geworden ist
Wie ich wünscht’ ich könnte reimen
Dann entsteht am Ende Sinn
Doch so bleibt nur das Beschreiben
Von Frauen und Männern
Die ich selber bin
––
Meine Oma wirkt nervös und fahrig
Enkel nur Montags und Dienstags
Das ist nicht genug
Ich schlafe ein und werde nicht wach
Als der Dozent fragt wo denn alle sind
Die Oma rennt im Kreis
Bis sie umkippt, in meine Arme
Ein Sessel, ein Glas Wasser
Wir sind im Haus meiner Eltern
Sie erwacht mit einem Lächeln
Hat vergessen wer sie ist
Ich erkenne hier nichts wieder
Doch sie erkennt nicht mal mehr mich
Sie tanzt zur Tür, zum Garten
Wo Dunkelheit sie zu verschlucken droht
Im Wahn des Moments will sie weiter
Ich halte sie fest
Verzweifelt gehe ich zum Telefon
Ein Arzt, ein Notfall
Die Verbindung zerhackt die Wörter
Hallo, hören Sie mich?
Vater und Schwester eilen vorbei
Keine Zeit für Omas Allüren
Sie kommen und gehen
Und lassen mich stehen
Dann kommen sie wieder
Und versprechen zu helfen
––
Höchste Zeit, ich bin in den Bergen
Mit meinem besten Freund
Den ich zuvor noch nie gesehen
Er ist verrückt, wie meine Oma
Gefangen im Moment, ohne alle Sorgen
Vor dem Wandern gehen wir baden
Meer, Felsen und Freizeit
Buntes Gelächter vom Ufer gegenüber
Bis sich der Himmel verdunkelt
Der Sitten­strolch hat zugeschlagen
Alle Hotels verbarrikadiert
Wir warten im Schlafsaal
Auf dass die Zeit vergeht
Auch ich bin nun ein Mann
Haare sprießen auf uns allen
Die einen haben Sex
Die anderen dösen im Dämmer­licht
Vorhänge verdecken die Fenster
Doch die Angst kriecht durch die Tür
Sie knarzt und durch den Spalt
Schlüpfen zwei Gespenster
Schwarzweiß bemalte Gesichter
Freundin des einen, Freund der anderen
Beide mit Sense und lachendem Hohn
Der Sex greift um sich, die Frau trägt Bart
Eine Haarsträhne am Ellbogen
Was soll das alles und wie geht es Oma
Der Wecker klingelt ein fünftes Mal
Was kann der Tag schon dazu sagen
Nichts weiß er, denn ich bin viele

Euch interessiert also nur der Rahmen

Von Außen nach Innen
Das Außen stülpt sich über Alles

Vom Vorhang ins Licht
Der Vorhang bildet den Hinter­grund

Vom Rahmen zur Form
Der Rahmen erdrückt den Inhalt

Welcher Inhalt eigentlich?

Zuhause

Die Wahrnehmung des Ich im Gehäuse:
Haut, Körper Kleidung, Raum, Haus.
Eine Parabel für das Existieren überhaupt.

Wo immer sie mit ihrem Mann ist, ist sie zu Hause.
Er ist ihr Gehäuse und sie seines.

Wortwelt

Ich bin gefangen in Worten, die ich nicht mehr verstehe oder unbedarft einfach so verwende, seit ich gehört und gelesen habe, dass hinter jedem Wort eine neue Welt aufgeht.

Mikrokosmen des Eigenen

Sie verrät viel, aber sie gibt nichts preis. Heute sucht sie Menschen, die sich mit sich und der Stille abgefunden haben. Sie wohnt zur Unter­miete bei einer 92-⁠Jährigen und besucht regelmäßig eine Nonne, die ihr Inspiration gibt. Sie verweigert sich der Moderne. Sie schreibt, dichtet, zeichnet, erschafft Mikro­kosmen des Eigenen, Unangreifbaren. Jeden Tag.

Martin Eich über die Schau­spielerin Valery Tsche­planowa
DIE ZEIT Nr. 48/2012

»Die Kehrseite der Individualisierung ist die transzendentale Obdachlosigkeit, die Einsamkeit des Ichs, das in keiner Ordnung mehr aufge­hoben ist.«

Ijoma Mangold: Wir Stadt­kinder
DIE ZEIT Nr. 47/2012

Irgendwie postmoderne Beliebigkeit

Wir ertragen nicht, wie sie spricht. Ohne einen Punkt zu finden hangelt sie sich von einem verschachtelten Halbsatz zum nächsten. Ihre fragmentierten Phrasen untermalt sie theatralisch mit einer unange­messenen Berührtheit. Ihre langen, dünnen Finger räkeln sich verkrampft und in unendlicher Langsamkeit vor ihrem Körper. Wir halten still und sehen zu Boden oder zur Decke. Nachdrücklich sucht sie nach etwas Greifbarem – und findet Schub­laden. Die Zeit hält den Atem an. Ihre Stimme kippt ins Hysterische und trotzdem will keiner hinhören. Ihre und unsere einzige Rettung wäre es, sie zu unter­brechen, doch keine weiß was zu sagen bleibt in diesem luftleeren Raum. »Emotionen um ihrer selbst willen – der Inhalt war wie weg.« Konjunktur der Gefühle, ein vielstimmiger Monolog, ein Wortschwall, dem wir Woche um Woche ausge­liefert sind. Wir sitzen fest in unserer Rolle der Zuhörer. Je mehr sie sagt, desto leerer werden wir.

Hinter mir steht ein Koffer. Plötzlich knallt es – nur die Heizung. Der Koffer hinter meinem Rücken macht mich trotzdem nervös. Diese einge­pflanzten Bilder. Koffer­bombe, Teddybär, Hitler.

*geklaut

Achtung; U2 nach Botnang fährt ein und mit ihr die Leere, gelb, und sie spricht ausländisch. Ich spreche bald gar nicht mehr und fühle auch nichts, die Hände sind taub, die Augen sehen doppelt. Schwarze Balken, Grauwert, ich bin grau und bleich und müde. Ich brauche Urlaub bis zum Ende meines Lebens. Ihr habt frei und ich verliere mein Weltver­trauen und schreibe dagegen an, bis der Sekunden­zeiger oben ist. Früher fuhr die U2 noch nach Hause. Wo das sein soll und ob es das überhaupt je geben wird, weiß ich nicht mehr. Ich schreibe mich müde und schlafe mich gesund. Gesund von leuchtenden Recht­ecken der Verinselung, auf denen wir nach Oasen suchen. Schuhe mit Ns drauf, Rucksack mit Kreis, Haare mit Farbe, Sitze mit Quadraten, blau mit gelb, karriert gegen Flecken, schreiben gegen Unwirklichkeit, Beton mit Plastik, Mann ohne Frau, Hut mit Schleife, Tunnel ohne Licht, Hand mit Exzem, Nacht ohne Bedeutung, Liebe ohne Eifer­sucht, Tage ohne Zeit, Zeit ohne dich, du ohne M, Blume im Haar, Grinsen im Gesicht, Knopf im Ohr, Grummeln im Bauch, Lärm im Kopf*, Brille im Gesicht, Schluss für Heute.

Schluss für Heute

[20:54:30] T: ist das das ende?
[20:55:07] C: Das Ende:
[20:55:13] C: “Schluss für Heute”
[20:55:22] C: aber das könnte auch der Titel sein
[20:55:45] T: in allen berreichen haben wir zunehmend das ding ohne sein wesen.
[20:55:52] T: wir haben bier ohne alkohol
[20:56:00] T: fleisch ohne fett
[20:56:10] T: kaffee ohne koffein
[20:56:15] C: Darf ich dir ein bierreichen
[20:56:27] T: und sogar virtuellen sex ohne sex
[20:56:42] T: erst wenn du mir das wasser reichen kannst
[20:56:56] T: jeseits von kunst und böse
[20:56:58] C: oder echten sex ohne alles, ohne blümchen, ohne lust und ohne sinn
[20:57:18] C: und ohne brillen, weil davon haben wir zu viele
[20:57:23] C: wir sehen alle nichts mehr
[20:57:27] C: außer die rechtecke
[20:57:45] C: beleuchtete Unwirklichkeit
[20:57:51] C: im Querformat
[20:57:58] C: im Klein­format auch zum drehen
[20:58:18] T: schön
[20:59:08] T: und im garten blüht die illusion
[21:02:02] T: aber wir leben doch die rechtecke
[21:02:05] T: oder?
[21:02:16] T: also wir sehen nicht mal mehr die?
[21:02:22] T: nur die zum drehen

»Erstmals war ich es, war es meine Person, um die es ging an dem Stillen Ort.«

Peter Handtke: Versuch über den Stillen Ort

Vom Spiel zu zur Kreativität

»Mehr als alles andere ist es die kreative Wahrnehmung, die dem einzelnen das Gefühl gibt, dass das Leben lebenswert ist. Im Gegensatz dazu steht eine Form der Beziehung der äußeren Realität, die sich als Angepasstheit bezeichnen lässt, die Welt (und ihre einzelnen Teile) wird dann nur als etwas wahrge­nommen, dessen man sich bedienen kann oder das Anpassung erfordert. Diese Anpassung bringt für den einzelnen ein Gefühl der Nutzlosigkeit mich sich und ist mit der Vorstellung verbunden, dass alles sinnlos und das Leben nicht lebenswert ist. Viele der betroffenen Menschen haben gerade soviel an kreativer Lebens­weise erfahren, dass sie zu der quälenden Erkenntnis kommen, die meiste Zeit unschöpferisch zu sein, im Bann der Kreativität eines anderen oder einer Maschine.«

D. W. Winnicott: Vom Spiel zu zur Kreativität

Zu alt und für immer verdorben

Ein Silber­tablett nach dem anderen wird an meiner Nase vorbei getragen, ich muss nur zugreifen: Wissens­häppchen, nach denen ich nie gefragt habe. Für mein Päckchen undis­kutierter Frage­zeichen ist hier kein Platz, auch nicht nach Feier­abend, denn die Häppchen wollen verdaut werden und die nächste Ladung steht bereit für wissens­hungrige Studentinnen – die eigentlich schon satt sind.

Das große Gejammer um Bachelor, Master, ECTS und Bologna kann ich erst jetzt nachvoll­ziehen, nach zweieinhalb Jahren Freiheit. Bücher gelesen, Texte geschrieben, nachge­dacht und Fragen gestellt habe ich erst, als mich keiner mehr danach gefragt hat. Die Anerkennung für meinen Fleiß hat mir dann gefehlt und der Austausch mit anderen Beobachtern, Grüblern und Lesern. Darum bin ich hier.

Jetzt bleibt keine Zeit mehr, meinem Blick dorthin nachzu­gehen, wo er hängen bleibt. Auch nicht für eigne Wege, wegen der Themen­schub­laden, Journalismus­rezepte und Bewertungs­kriterien, die in zwei Semester passen müssen. »Vielleicht bist du zu alt fürs Studieren«, vermutet Antonia und Jakob meint: »Wenn du einmal Freiheit geschnuppert hast, bist du verdorben für so eine Mühle.«

Liebeserklärung:

Du verstopfst alle meine Wahrnehmungs­leitungen.

Wer ist -3∞k‰lter-? Ein Text ohne Name, Datum und Erinnerung. Von wem? Von mir? An wen? An mich? Solange sich kein Urheber meldet, nehme ich an, er war von mir. Schade nur, dass so das letzte Wort sein Geheimnis für sich behält.

#.txt

Zuf‰llig naht man sich, man f¸hlt, man bleibt.
Und nach und nach wird man verflochten.
-Goethe-

Du warst ein Teil von mir.
In jeder Form. Im Lachen, im Weinen, im Gehen, im Schlafen, im K¸ssen …
Du umgibst mich ohne da zu sein.
Und manchmal sehe ich dich. Aber ich kann dich nicht hˆren.
Manchmal hˆre ich dich, ohne zu sehen.
Du bist gegangen, und mit dir alles, was eine Erkl‰rung h‰tte sein kˆnnen.
Vielleicht kennt Liebe keine Zeit.
Was ist wichtiger: Zu lieben oder geliebt zu werden?
Auch wenn ich w¸sste wie es ausgeht, w¸rde ich manchmal gern alles auf Anfang zur¸cksetzen, um nochmal
GENAU zu sehen,
GENAU zu hˆren,
GENAU zu f¸hlen …
-3∞k‰lter-

Heißt die wirklich Broccoli mit Nachnamen?

Durchbrennen

Bin ich neidisch auf seine wieder­ent­deckte Freiheit? Ich lauere ihm auf, ich beobachte wie er sich durch die Wohnung bewegt, ich lausche, wann er nach Hause kommt und wann nicht, wie gestern Abend. Spontan mit ihm durch­brennen in die Berge. Ich schleiche um ihn herum, bin vorsichtig und ruhig und brav, allemal einge­rostet. Gleich am ersten Abend hier habe ich mich verguckt, ein kleines bisschen, er sich vielleicht auch. Ist doch nett, so ein bisschen Spannung in der Wohnung. Ich atme, sehe Schmutz unter meinen Finger­nägeln, liege im hübschen Kleid auf dem Bett, unter­drücke den Lebens­durst und studiere.

Zum ersten Mal

Heute habe ich zum ersten Mal verschlafen. Dann habe ich zum ersten Mal geschwänzt, weil zu spät kommen ist schlimm in der Schweiz. Dann habe ich zum ersten Mal mein Zimmer umgestellt, jetzt steht der Schreib­tisch im Licht und macht mir vielleicht nicht mehr so viel Angst, wie in der dunklen Ecke, wo jetzt das Bett steht. Möbel-Tetris auf dreizehn Quadrat­metern.

Das tolle an neuen Städten: Man kann die gewöhnlichsten Dinge zum ersten Mal tun. Und es gibt noch hunderte von Dingen, die hier gerne zum ersten Mal getan werden wollen.

Den Tag habe ich heute jeden­falls wunderbar vertrödelt und den Stapel ungelesener Texte und den noch nicht vorhandenen Stapel geschriebener Texte erfolg­reich ignoriert. Ganz nebenbei ist mir jetzt immerhin ein Text passiert.

Fällt mir vielleicht auch mal was mit Hand und Fuß ein?

Entweder oder beides

Vor dem Schreiben war das Malen. Mir und allen war klar: Ich werde Künstlerin! Mit dem Lesen und Schreiben begann ein Tauziehen zwischen Pinsel und Füller. Ich werde Schrift­stellerin! Oder Journalistin! Aber was ist dann mit dem Visuellen? Also Kommunikations­design. Farbe und Pinsel waren mein Ventil, bis das herbei­gesehnte Design­studium so viele Regeln in meinem Kopf platzierte, dass heute kein unbegründeter Strich mehr möglich ist. Was, wenn bald auch kein Text, kein Satz, kein Wort mehr richtig scheint? Hat jedes Studium den Verlust seiner Ausdrucks­mittel zur Folge? Tötet Theorie die Praxis? Dabei dient mir doch das Schreiben als produktives Beruhigungs­mittel, wenn Angst, Wut und Leere mich unter sich begraben. Ich schreibe gegen sie an, ich fange sie ein und banne sie in abstrakte Texte, um sie von mir und mich von ihnen zu lösen. Anonyme Blicke zwischen die Zeilen dieser Texte verändern und prägen mein Schreiben im Netz.

Wenn es ernst wird, wissenschaftlich oder so, ist keine eurer Schwammigkeiten vor mir sicher, ob visuell oder sprachlich: ich will erklären, veran­schaulichen, präzisieren, verdichten, aufräumen. Ich liebe es zu redigieren, zu korrigieren und zu verbessern, in freiwilliger Freiheit auch nachts. Nur wenn einer sagt, das muss so und soll anders und die Zeit läuft aus, dann entstehen abgehackte Sätze einer roboterhaften Dienst­leisterin. Da behält das letzte Wort der Diplom­ingenieur, der sach- und fachkundig an seinen bestehenden technisch-konstruktiven Wortkon­strukten hängt. Die ganze Welt schreibt sich ihren unver­mittelbaren Fachwort­schatz auf die Visiten­karte, die kein Kinder­garten­mädchen versteht. So nicht! Ich werde Kommunikations­designerin mit der Vertiefung publizieren und vermitteln!

Weiß ich

Der Bleistift kratz über das Papier, er wird lauter, immer lauter. Ich kann wegsehen von dem Wahnsinn, der über die Seite jagt, sie füllt und verdunkelt. Nur weghören kann ich nicht: das Ohr hat kein Lid. Plötzlich habe ich dieses Lied im Ohr – das Kratzen wird leiser, auch das Gelächter und das Geschwätz. Ich öffne die Augen und sehe Weiß, Weiß soweit das Auge reicht. Die Welt um mich herum ist ausradiert. Der Radier­gummi in meiner Hand zeugt davon, wer all die Produktivität zunichte gemacht hat. Der Druck war zu groß, die Konzentration hat sich in der Stille des bleigrauen Nebels verflüchtigt. Am Anfang war der Bleistift, bis die Mine abbrach und nur ein unbrauchbares Stück Holz zurück­blieb. Hätte ich ein Messer, könnte ich spitzenmäßig schnitzen. Und dann ein Klecks Rot in all dem Weiß.

Ich bin so alleine hier. Mein Rock ist zu kurz. Alle starren mich an, weil ich nicht weiß wohin mit meinen Händen, wohin mit mir. Zeit übrig in einer fremden Stadt, die meine werden soll. War das immer so? In jeder neuen Stadt? Was neu ist: die sich immer klarer abzeichnende Aversion gegen Autos, Menschen­ansammlungen, Lärm, Kneipen­viertel, enge, dunkle, überteuerte Wohnungen, die Wichtigkeit eines jeden, der durch die Straßen eilt. Ich spiele mit. Ich spiele mit dem Gedanken all das hinter mir zu lassen. All die Show, all das Streben, alles nur für diesen Moment des: Guck mal, hab ich gemacht! Meine Ruhe will ich haben, den Himmel vom Bett aus sehen und hören will ich Vögel statt Autos, Klavier statt Diskos, den tropfenden Wasserhahn statt tickender Uhren, das Rascheln von Papier statt piepsender Telefone. Ruhe. Was sind wir nur immer alle am Suchen, um am Ende die Sehnsucht nach dem Nichts zu finden. Leer – mein Blick, mein Kopf, mein Bauch. Wer zeigt mir diese Stadt? Wer macht, dass ich sie mögen lerne? Wer sagt mir wo meine Heimat ist? Wer weiß? Kein anderer kann sehen, wie schön diese Kratzer sind, nur du vielleicht. Du siehst so manches und manchmal sehen wir uns an. Müssen wir uns schon bemühen zu sehen, was wir haben? Kommst du mit, kommst du nach? Jetzt weine ich. Weil meine Heimat – das bist du. Du und die kleinen stillen Momente und der Himmel und das Grün des Sommers und der weiche Nebel des Winters und das Wasser und die Luft – die auf jeden Fall nicht so stinkt wie diese und jede Stadt.

www
welt weites warten

Paul Müller

»Unsere Herzschläge gehören nicht nur unserem Körper. Wir betten sie in die Weite der Tage, und sie sind stets leise gerade an den Orten zu vernehmen, die wir zurück­lassen müssen. Schreiben hat häufig mit den Orten zu schaffen, die man zurück­lässt. Und mit dem Horchen nach dem eigenen Herzschlag.«

Hermann Hesse

Die Kirchen­glocke schlägt im Takt und lacht über meine Kalkulationen und Recht­fertigungen, sie diktiert uns:
Geld. Geld. Geld. Geld. Geld. Geld. Geld.

»Texte werden immer wieder korrigiert, variiert, weiter­ver­zweigt, Graphiken mehrschichtig überarbeitet, Bilder und Skulpturen dem Verfall preis­gegeben, Zeichnungen in Sekunden­schnelle auf einen Papier­bogen und dann auf den nächsten geworfen. Über schonungslose Tagebuch­ein­tragungen, Filme, Polaroids und Abfall­sammlungen werden, zuletzt immer engmaschiger, flüchtige Lebens­momente derart unüber­sichtlich festge­halten, dass man am Ende nichts mehr sieht und nichts mehr weiß.«

»Wörter sind zum Weinen, Bilder zum träumerischen Sich gehen lassen.«

Dieter Roth: Die Haut der Welt

Chicago, Detroit, St. Louis, Bennett Springs, Platt­sburg, Boulder, Santa Fe, Page, Zion, Las Vegas, Los Angeles.

4096 of 5940 Photos in 6 weeks.
May / June / July 2012

Spiegelblind

Im ständigen Abgleich mit dem Ich von Heute und Gestern und allen anderen. Mindestens täglich denke ich über mein Geschlecht nach und über mein Alter. Zeit im Zeitgeist. Wie alt ich mich fühle. Welche Rolle ich spiele. Als Frau. Mein Frausein so zu durch­denken macht den stets unkom­plizierten Umgang mit Männern befremdlich, die Unter­schiede überhaupt zu benennen ist dir fremd. Ich suche und frage und schaue zu, bin schläfrig und desinter­essiert und desillusioniert. Ich bleibe stehen, während die Zeit an mir vorbeirast. Die Zeit steht still und ich bin eine alte Lady, müde und voller Geschichten. Meine Augen sind satt und noch habe ich nichts verstanden. In mir sitzt ein Kind – neugierig, ungeduldig, hochnäsig, besser­wisserisch, überzeugt, jähzornig, pubertierend. Und eine müde Frau – erschöpft, ausge­brannt und leer. Und eine fürsorgliche Mutter. Und eine Großmutter – ruhig, gelassen und mit der Welt im Reinen, der alten zumindest, denn all das Neue geht zu schnell. Ich bin langsam und bremse euch aus. Verzeiht, dass ich euch eure Jugend stehle, weil mich das alles nicht mehr berührt. Ich sehe nicht hin und habe doch alles schon mal gesehen.

Mein Gesicht ist älter geworden. Aus dem Spiegel blickt mich eine sachliche, freundliche, fast selbst­bewusste junge Frau an. Ich mag sie und möchte das Bild mitnehmen, doch ich kann es mir nicht merken. Die Blicke von Fremden prallen auf die Aura meiner inneren Leere und ich vergesse, was sie sehen. Ich wäre lieber unsichtbar, nicht durch­sichtig und verblasst wie eine verkleinerte, unscharf verwischte schwarz-weiß-Kopie meiner selbst. Habe ich zu oft in den Spiegel geschaut? Oder waren es doch zu viele Fotografien, die mich – nein, meine Hülle festhalten und in Pixel und Punkt bannen wollten?

Heiße Luft

Jemanden eingehend und allum­fassend über Tage und Wochen zu beobachten, ruft nichts weiter hervor, als eine dicke Unter­streichung des ersten Eindrucks. Als ich ihn besser kennen­lernte, war mir nicht mehr klar, warum ich ihn anfangs als unsicher und phrasenhaft empfunden hatte. Ich fand ihn schlichtweg langweilig und glaubte keinen Moment, dass er mehr zustande bringen würde, als Material und Ausreden anzuhäufen. Wie ein kleiner, ungeduldiger Schüler trat er von einem Bein auf das andere, drauf und dran einfach wegzu­rennen, um hinter der nächsten Kurve sein großes Abenteuer zu finden. Wie er nun wieder um den heißen Brei tänzelt, weckt meinen ersten Eindruck erneut. Wie er sich windet und hinter Floskeln versteckt, mit wippenden, unent­schlossenen Schritten den Weg nicht weiß, aber unbedingt irgend­etwas machen muss und keinen Augen­blick ruhig sitzen bleibt. Er trommelt mit der Hand auf den Tisch, um seine nichts­wagenden, oft aufge­sagten Worte zu unter­streichen. Er übt deren Aussprache, spricht mit stolzem Akzent und bedient sich abgelauschter Redewendungen der Amerikaner. Wer bin ich, festsitzend in meinem Käfig der Sprachlosigkeit, so über ihn zu richten? Gab ich mir doch alle Mühe, ihn als den abenteuer­lustigen, unter­haltsamen, zielstrebigen, sympathischen und attraktiven jungen Mann zu sehen, den er darstellt, wenn ich ihn zwischen Tür und Angel, Arbeit und Küche, Architektur und Alkohol antreffe. Und doch, nach jeder unver­meidlichen Musterung seiner Bewegungs­abläufe ist er wieder da, mein abschätziger Blick. Sein Gehampel lässt mich noch ruhiger und unauf­geregter dasitzen. Ich werde mir der angenehmen Stille in mir bewusst, während der heiße Wind meine Haare zerzaust, durch die Maisfelder saust und durch die Bäume rauscht. Je aufge­regter der Wind, desto ruhiger meine Gedanken. Die Wolken ziehen über das Land, Geschirr klappert in der Küche und ich sitze auf der schattigen Veranda. Ja, ich sehne mich nach genau dieser zeitlosen Lange­weile, wann immer die Welt um mich herum nervös zuckt und brummt und unbedingt irgend­etwas machen muss. Das Leben ist in mir und hier, die ganz einfachen Gedanken, die alles erklären und doch nichts verstehen, aber vor allem nichts müssen.