Zum ersten Mal von dir geträumt, nun also auch nachts: Du durchwanderst eine Wüste und findest einen Fisch, der japsend am staubigen Boden liegt. Du hilfst ihm auf und nimmst ihn mit. In der Zeitung liest du von Udo Lindenberg und wirst gedanklich er. Jemand sieht mich in deiner Kirche, wie ich dich anschmachte, während du spielst. Ich stelle mich zwischen die Orgelpfeifen, dir gegenüber, ganz nah. Du improvisierst, bis Wasser aus den Pfeifen rinnt, erst in kleinen Bächen, dann als Wasserfall, der uns von der Empore spült, ins Kirchenschiff. Jetzt japsen wir und dein Fisch schwimmt munter davon.
Ja, weiterträumen ... bis mich der Aktivschläfer neben mir aus meinem Traum kickt. Nicht nur einmal, nein – erst zuckt er beim Einschlafen, als gerade ein Waldschrat mit zotteligem Bart seinen Kopf schief hält und mich um die Ecke ins Traumland zieht. Dann muss er aufs Klo und versetzt die Matratze in einen Wellengang, als schliefen wir auf einem Wasserbett. Zwei Atemzüge später atmet er so laut, dass kein Träumen mehr möglich ist. Oder doch: Til Schweiger erzählt von seinen Büchern, meine sind schöner. Dann dotzt sein Hintern gegen meinen und der Traum – eben noch alles, was wichtig war – ist unwiederbringlich weg. Sonntag, 6:23 Uhr. Beim Träumen unterbrochen zu werden, macht mich wütend. Da werden mir Geschichten geklaut und mit ihnen das Vergnügen, sie im Halbschlaf zu notieren und später vielleicht zu tippen und dir zu schicken.
Ich schleiche mich in die Kirche und lausche deiner Orgel, deinem Orchester. Das kleinste Notenbüchlein der Welt: Ein Ton pro Seite, einer für dich, einer für mich und so weiter. Komponierst du das Stück? Dann mache ich das Buch.
Warum du? Geht das einfach so wieder vorbei und das Leben weiter? Ich sei immer in Bewegung, immer tut sich was, so dein Eindruck, der mir gefällt. Und weil mir im Leben dann doch zu wenig passiert, klammere ich mich an die Träume mit ihrem wechselnden Du.
Traum von einer Silvesternacht, in der wir die Zeit vergessen. Erst um 0:37 Uhr frage ich Anja, wie spät es ist. Wir liegen uns auf dem Sofa gegenüber, teilen uns eine Decke und sprechen über Ziele fürs neue Jahr, uns fallen keine ein. Die anderen feiern nebenan, wir räumen kurz auf, gleich kommen noch mehr Gäste. Die kleine Carla ist putzmunter und isst Rosinen. Kai steht vor der Tür, fürs Klassentreffen. Später in der Nacht sind wir viele und bereit, ein Verbrechen aufzuklären. Eine Gruppe und einer allein, zur Tarnung.
Du lässt mich warten. Kommt davon, wenn man mit Bakterien und Orgeln verpartnert ist. So wird das aber nix mit deinem Buch. Augen auf bei der Protagonistenwahl!
»Eifersucht ist Liebesneid.«
Wilhelm Busch
»Also die Zitrone beim nächsten Mal vorsichtiger dosieren.«
Immer.
»Beim Cocktail nicht.«
Das ist aber kein Cocktail, das ist ein Salat.
»Und wenn ich Cocktailtomaten reingemacht hätte?«
Zur Einstimmung schickst du mir deine Orgelimprovisation einer bedröppelten Christina im Regen – klingt nach Sintflut, die nach der Eiszeit kommt. Vor lauter Vorfreude mag ich gleich los in den Sturm zum Bus zu dir unter den Schirm. Zur Vorspeise setzen wir uns an die Kirchenorgel, ich traue mich nicht zu spielen an so vielen Tasten nach so vielen Jahren. Lieber lausche ich deinem Sprint durch die Musikgeschichte von Buxtehude zu den Franzosen über Bach ins zwanzigste Jahrhundert. Die feinen Orgelschuhe machen dich zur Märchenfigur und das Orchester unter deinen Fingern spult in meinem Kopf gleich mehrere Filme im Schnelldurchlauf ab. Neben den Tasten liegt ein Heft für Orgelschäden und ein Telefonhörer für einsame Organisten.
Zwei Straßen weiter am Kühlschrank deiner Küche (auch Why-Not-Bar genannt) findet sich für jede Gefühlslage ein passender Spruch. Erst Nachtisch, dann Hauptgang, dazu Wein und zwei Leben. Du beschreibst mich als Briefumschlag, in dem ein Päckchen steckt, wenn man ihn nur aufmacht. Du lernst so viele Christinas kennen heute Abend, eine davon zieht in die WG von Andreas, Andrej und Andruschka.
Und dann fragt er:
»Wovon leben Sie eigentlich?«
Luft und Liebe, was sonst.
Zwei Narzissen, die sich gegenseitig beäugen.
Ich hab mich verguckt, sage ich dir gleich, als ich heimkomme. Du lachst, kennst das schon von mir. Du weißt, da ist ein ganz feiner Mensch, den will ich kennenlernen. Du hast es selbst mal erlebt, wie das ist, wenn ich plötzlich da bin, ganz und gar. Das lässt sich nicht beiseite schieben, das ist dann so. Ich bin verknallt. Vielleicht habe ich mir damit ein Wort aus der falschen Schublade geangelt. Neugierig, interessiert, fasziniert – es geht doch auch eine Nummer kleiner. Doch diese unmittelbare Begeisterung für einen neuen Menschen trifft der Knall doch am besten.
30: Du lernst, dass Glück relativ ist.
31: Es wächst am besten zwischen zwei Zuständen.
Heike Faller / Valerio Vidali: ›Hundert‹
Traum von einem Besuch im Schwarzwald bei Sarahs Wohnprojekt. Ein Gespräch mit Ihrer Bankberaterin und dem Architekten, dabei wollte ich nur mal schauen. Alle trinken Bier und noch eins, ich bleibe beim Wasser und bin müde. Vor mir liegt eine lange Fahrt. Die Handys sind alt und haben keinen Empfang, so kann ich nicht schauen, wann der Bus abfährt. Ich soll noch bleiben und etwas essen vom Zuckerbuffet.
Im Traum entdecken wir einen langen Wurm in der Brotschublade. Wir räumen sie komplett aus, da ist noch etwas: ein blau schimmernder Tausendfüßler, der in der Mitte breit ist wie ein Fladen. Er krabbelt auf eine große Knospe und verschwindet darin. Du rufst mich oder ich dich, wir können uns nicht hören. Du ziehst an einem Faden, der in die geschlossene Blüte führt und wirst ohnmächtig. Das Gift des Tausendfüßlers.
Gegenüber im Zug Vater und Tochter, sie futtert Bifi, er M&Ms. Sie schaut Videos und streckt ihm die Hand hin: »Blau.« Sie wird gefüttert, bis die Lippen blau sind. Dann ein genervter Blick ins karierte Heft. Sonntagabend, ich kenne das Gefühl. Der Vater sucht ein Erklärvideo über Nährstoffe. »Wenn schon Video gucken, dann was Sinnvolles.«
In meinem Kopf hallt der Samstag nach, ein vielstimmiges Plapperkonzert. Zwischen Wandern und Tanzen ein paar Tränen im Zug, mein Gesicht im Spiegel der nächtlichen Scheibe.
Dann eine Begegnung im Tanz, ein Stichwort zum Schreiben, eine Einladung aufs Schloss Vellexon. Tatsächlich! Dieser Ort, den ich so liebe – aus dem wir vorletzten Sommer rausgeflogen sind. Seither suchen wir nach einem neuen Schloss. Nun kommt der Ort zu mir zurück, mit neuen Menschen. Ist es dann noch der Ort?
»Sonntag ist Nordpol für mich. Unerreichbar. Von einer dicken Eisschicht umgeben. Abweisend und kühl.«
Sabine bläst das Licht aus, Stromausfall, selbst das Sturmlicht am Hafen blinkt nicht mehr. Sie lässt die Fenster zittern, zerrt an den Bäumen und macht Wellen wie am Meer. Alle Schwäne schauen in eine Richtung und sitzen wie Rennfahrer vor dem Start auf dem Wasser neben dem Feuerwehrboot. Wer vergibt den Namen meiner Mutter an so ein Unwetter? Keine Bahn fährt, mein Besuch hängt hier fest.
Du schreibst aus dem Bus und verrätst mir etwas (in Klammern), das dich zum dritten Mal auf den Kopf stellt. Jede Woche eine neue Information. Du machst das gut, das hält mich wach und mein Bild von dir lebendig. O Mensch, bewein dein Sünde groß. Während du Orgel übst, finde ich meinen Blog von 2007, meine Zeit in New York. Zeiten der Sünde? Wann warst du im Kloster?
Dieses Stöbern in alten Notizen ist wie ein langer Blick in den Spiegel. Eigentlich will ich das nicht sehen. Was für eine Zeitverschwendung, mir im Spiegel beim Älterwerden zuzuschauen. Später werde ich schreiben, denke ich oft. Vielleicht schon seit ich schreiben kann. Ich schreibe ja längst und dieses Schreiben, seine Entwicklung und Anfänge werden sichtbar in meinem Blog.
Alle scheinen zu wissen, wer du bist. Hat dich mal jemand gefragt? Die Suche beginnt in deinem Innersten. Bist du bereit, da reinzugehen? Und mich mitzunehmen? Was soll ich da? Vielleicht ist Verlieben nur eine Idee, ein Ausbruch aus dem was ist, was ich schon kenne. Eine Flucht vom Selbst. Nur noch du, alles andre egal. Alle Gedanken richten sich an dich. Sie brauchen ein Gegenüber, Resonanz, um ihre Kraft zu spüren. Wie der Sturm da draußen, der den See aufwühlt.
Lieber das Große im Kleinen abhandeln als das Kleine am Großen.
»Es zählt nicht mehr das Erreichte, es reicht das Erzählte.«
Innerhalb von Minuten löst sich der Nebel auf. Erst schaut der Kirchturm raus, dann das andere Ufer. Ich sitze schreibend im Sand der Schmugglerbucht, kneife die Augen zusammen vor lauter Licht. Sonniger Windhauch, in Erwartung auf Wirbelsturm. Lass dich nicht wegwehen!
Dein Leben ist gerade so viel voller und schneller als meins. Das habe ich nach meinem letzten Jahr im Dauerlauf abgebremst, um genauer hinzuschauen. Um mich einzulassen auf das, was kommen mag. Auf dem Weg zeigen sich zarte Blättchen, die gedanklich zu Büchern heranwachsen. Nur das eigentliche Beet liegt brach, egal wie regelmäßig wir gießen. Seit fünf Jahren, wie ich heute in meinen Notizen las.
Auf dem Weg zu meinem geliebten Bodensee hält der Zug jetzt so, dass der Mond an der Oberleitung hängen bleibt, in einer Linie über dem Fernsehturm. Im Gepäck die bislang ungeplünderten Notizbücher meiner letzen fünf Jahre. Rohdiamanten, vielleicht.
Im Traum falle ich samt Rucksack ins Hafenwasser. Die Bootsbesitzer lachen mich aus und helfen mir erst raus aus dem brackigen Nass zwischen den Booten, als ich schreie. Es ist Freitagnachmittag und sie wollen schleunigst raus auf den See. Ich hole den Laptop aus dem Rucksack, seine Tastatur ist jetzt stark gewellt, doch er tut noch. Tropfend trotte ich heim. Schmutziges Geschirr stapelt sich am Straßenrand, da fällt mir unsere Küchenbaustelle wieder ein, spülen dürfen wir derweil beim Nachbarn. Ich trage einen Stapel Teller zur Treppe. Der Teppich, der Boden und auch die Schränke sind dort so verklebt, dass ich alles stehen lasse und gehe. Ich tropfe noch immer.