Christina Schmid
Anfänge und Enden

Minimalbeobachtungen.

Die andere Seite

Es ist Herbst geworden. Wie gerne wäre ich die Autorin, die im französischen Sommer kurz angeklopft hat und sich Geschichten zutraute. Doch da ist auch diese andere Seite in mir, die lieber aufräumt, eingekauft und kocht, Steuer und Abrechnung macht, als sich einen Kunsttag in der Woche oder eine Kunststunde am Morgen zu erlauben. Die lieber Daten von 2003 bis 2019 sortiert, als etwas Neues zu wagen. Die lieber eine Neuauflage eines zehn Jahre alten Buchs produziert, das nun den Keller und die Gedanken blockiert.

Dorftratsch

Im Traum heiratet deine Oma Frida ihre beste Freundin. Lenas Heirat mit Jana hat sie ermutigt, endlich auf sich zu hören, und nicht mehr auf den Dorftratsch. Hochzeit mit 89 und ich bin nicht dabei. Ich bin so mit mir selbst beschäftigt, dass ich die Einladung nicht richtig lese und mir denke, es geht um einen gewöhnlichen Geburtstag, den ich ja ruhig mal verpassen kann, wenn es mir doch gerade einfach nicht gut geht. Gleichzeitig verpasse ich den Kuchen und du wirst bei der Hochzeit nach meinem Verbleib gefragt. Frida ist untröstlich, dass ich nicht komme – das kann ich nicht mehr gut machen. Und ich? Schaue derweil aus dem Fenster und mache nichts, endlich mal nichts.

An der Ostsee

Duschzwang
Museumspantoffeln
Schallplattenunterhalter
Strickarchitektur

Moos

»Die alte Dame neben mir rutscht hin und her. … Ich möchte nicht mehr neben ihr sitzen. In ihrem leeren Blick ist jede Geschichte aufgehoben. Auch meine. Gerade die.«

»Gleich bin ich dran. Obwohl, wer wartet, zur Passivität verdammt ist, ist warten ein aktives Verb. Grammatik ist so beruhigend. Selbst die Ausnahmen können ihr nichts anhaben, machen sie bloß stärker. Vielleicht sollte ich mir herausnehmen, nach Hause zu gehen, noch bevor mein Warten ein Ende findet und einen Sinn.«

»Aber gerade Sie müssen wissen, dass Geschichten nie Antworten auf Fragen geben, sie stellen nur noch mehr Fragen.«

»Danach glaubte ich, in den Moosbetrachtungen auch Anleitungen zum Verfassen von Erzählungen zu erkennen: Die fehlende Wachsschicht des Mooses wurde gepriesen, welche die Pflanze – und damit die Geschichte – durchlässig machte, ohne sie aufzulösen. Dass das Moos keine Wurzel hatte, sondern nur sehr locker am Boden verankert war, und zwar mit Pflanzenteilen, aus denen jederzeit wieder neue Moospflanzen entstehen konnten, erschien mir wie das Verhältnis von Handlung und Sprache. Wie eine Geschichte setzte sich das Moos bevorzugt in Ritzen und Fugen, um dort ungestört weiterzumachen. Es konnte fast überall gedeihen, aber künstlich anlegen ließ es sich nicht.«

Katharina Hagena: Das Geräusch des Lichts

Murmel

»Ich steckte meine Kugel in die Tasche und ließ meine Hand darin. Und plötzlich brauste ein Gedanke in meinem Kopf …
Was, wenn meine Kugel aus dem kanadischen Automaten vielleicht gar keine Murmel war, sondern dieser Planet?«

Katharina Hagena: Das Geräusch des Lichts

Eisfabrik

»Mein Vater kaufte sich einen weißen VW-Bus mit einer lauten Hupe, die drei verschiedene Töne spielen kann. Damit hupt er die ersten zwei Takte von ›Im Frühtau zu Berge‹, dann ist Schluss. Einmal habe ich ihn gefragt, warum es gerade dieses Lied sein müsse, und er antwortete, dass es Appetit auf Eis mache. Der Hauptgrund sei jedoch, dass Frühtau, ach Frühtau, ein Wort sei, das eigentlich selbst eine Eissorte sein müsse. Und daraufhin ging er in den Keller und schuf eine neue Eissorte, die er ›Frühtau‹ nannte, ein Quittensorbet. Später komponierte er auch eine Sorte für burnoutgefährdete Deutsch- und Englischlehrer. Sie besteht aus Kumquats, Dörrpflaumen und gerösteten Mandeln, die ein bisschen angebrannt sein müssen, und heißt ›Plusquam Parfait‹.


Mein Vater fährt immer dann mit dem Eiswagen herum, wenn er Lust dazu hat, selbst im Winter. Die Leute kaufen sein Eis auch in der kalten Jahreszeit. Auf Anfrage kreiert er Sorten für bestimmte Menschen oder Anlässe. Das ist teuer, aber es gibt trotzdem eine Menge Leute, die gern eine Eissorte haben wollen, die nach ihnen benannt ist. So viele Dinge werden nicht nach einem benannt. Für das meiste muss man tot sein und für den Rest reich.


Das Eis meines Vaters ist anders als andere Eise, die man sonst so bekommt. Die Sorten haben Namen wie ›Schulfrei‹, ›Freude‹ oder ›Schöner Götterfunken‹. Aber es gibt auch düstere Sorten wie ›Melancola‹, ›Mathe-Eis‹ und ›Kummerspeck‹. Er hat Eis für jeden Tag in der Woche. Montags gibt es Sauren Apfel, dienstags Zartbitter, mittwochs Grießbreis und donnerstags Rhabarberkucheneis mir Baiser. Die Wochenendsorten sind zwanzig Cent teurer. Das Freitagseis besteht aus eine Kugel Schokovanille mit Pfannkuchenstreifen darin und einem Geheimnis. Das heißt, innen in der Kugel versteckt er eine kleine Überraschung. Meistens ist es etwas zu essen, ein Kaugummi, ein Schokopfefferminztaler oder ein Karamellbonbon. Doch hin und wieder ist es etwas anderes, ein runder Kiesel, eine Muschel oder ein gestreiftes Schneckenhaus. Jedenfalls muss man dieses Eis sehr langsam essen.

Das Samstagseis birgt zwar keine Überraschungen, ist aber dafür eine Riesenmonsterkugel Fiordilatte mit rosaroter Himbeersahnehaube. Sonntags gibt es Mandeleis mit Meersalz in der Konzentration menschlicher Tränen. Das Sonntagseis enthält kaum noch Wasser, sondern ist eher wie kaltes Marzipan. Dieses Eis gibt es auch – mit jahreszeitlichen Variationen – an höheren Festtagen wie Ostern (mit Hefekranzstückchen), Pfingsten (mit rosa Pfeffer) und den Adventssonntagen (mit Apfel, Nuss und Mandelkern). Allerdings heißt es an den Feiertagen ›Kyrieleis‹. Alle Tageseiskugeln kann man ausschließlich an ihren jeweiligen Wochentagen erhalten.

Mein Vater denkt sich auch Eissorten aus, die er nur in Kombination verkauft. ›Stadtlandfluss‹ zum Beispiel besteht aus drei Kugeln, nämlich ›Stadt‹ (Gin und Tonic), ›Land‹ (Milch und Honig) und ›Fluss‹ (Wasserminze). Die Sorte ›Freiheit und Abenteuer‹ besteht aus jeweils einer Kugel wildem Thymian und einer aus Pistazie-Sambal. Es gibt außerdem eine Sorte, die heißt ›Vorfrühling‹ und besteht aus Waldmeister und Jasmin. Eine andere heißt ›Sommer‹, ein Blutorangeneis, unter das er die gelben, orangenen und roten Blütenblätter von Ringelblumen mischt. ›Herbst‹ macht er aus Birne in Rosenwasser und ›Winter‹ aus Sternanis und Kokosmakronenkrümeln. Alle vier Kugeln zusammen kosten so viel wie drei, denn die Jahreszeit, die gerade ist, gibt es gratis dazu.«

Katharina Hagena: Das Geräusch des Lichts

Château de Chalivoy-la-Noix

Château de Chalivoy-la-Noix

Bienenstich

Im Traum packt Julia ihren Koffer, sie muss los, spricht von einer Insel, auf die sie am Wochenende fliegt. Ich kann mir meinen obligatorischen Kommentar zur Klimabilanz nicht verkneifen. Sie wird sauer, schnappt sich ihr Bobby-Car und lässt sich zur Bushaltestelle rollen. Mir tut es leid, so möchte ich mich nicht von ihr trennen, ich laufe ihr hinterher, erwische ihren Bus gerade noch so. Sie drückt mir wirsch ihr Bobby-Car in die Hand und meint: Danke, dann kannst du ja an der nächsten Haltestelle raus und damit zurückfahren. Doch der Bus hält nicht. Nicht bis zum Studentenwohnheim, vor dem wir dann gemeinsam stehen und nicht reinkommen vor lauter Menschen, die ein- und ausgehen oder vor dem Eingang herumlümmeln. Irgendwann schaffen wir es dann doch im Julias WG. Aus dem Bad kommt eine Mitbewohnerin, sie ist nackt und ignoriert uns. Ich versuche, Julia zu umarmen, doch ich komme nicht an sie ran – zu viel zu tun, die Schule, die Reise. Also schaue ich mir eine Serie an. Dann klingelt mein Wecker den ich kurz ausmache, um weiterzuschauen – es klappt. Die Sendung handelt von meiner Hochzeit, den Vorbereitungen und dem fürchterlichen Chaos danach. Eine Biene sticht mich in meine Handfläche. Als ich dann doch aufwache, freue ich mich dass der Stich nur ein Traum war.

Märchenbaum

Halbzeit. Ich sitze unter dem großen Märchenbaum, dessen Äste wie Stämme bis zum Boden reichen. Es riecht nach Harz, warmen Nadeln und trockenem Gras. Einmal im Jahr sind wir Schlossbewohner, verarmter Landadel oder doch Prinzessinnen, die versehentlich in der Stadt und in der Kunst gelandet sind.

Amrita

»Die Menschen … können nur im Hier und Jetzt leben, dafür sind sie geschaffen, aber aus irgendeinem Grund denken sie ständig an Vergangenes oder machen sich Sorgen um Zukünftiges. Das kommt mir so komisch vor, und je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr bin ich davon überzeugt, daß es nur einen Weg gibt, diese Gedanken rauszulassen, nämlich Geschichten zu schreiben. Ich glaube, indem ich allerlei Sachen über verschiedene Leute aufschreibe, kann ich mir allmählich immer klarer über das werden, was ich selber fühle.«

»Man versteht die selbstverständlichsten Sachen nicht, solange man nicht mindestens einen so kraftvollen Sonnenuntergang gesehen hat. Wir lesen eine Million Bücher, sehen eine Million Filme, küssen den Liebsten eine Million Mal, bis wir endlich begriffen haben: Den heutigen Tag gibt es nur ein einziges Mal.«

»Paß auf, daß du nicht alles so überstürzt wie ich, hörst du! Schau dir das Essen an, das Mutter für dich kocht, den Pullover, den sie für dich kauft. Schau deinen Klassenkameraden ins Gesicht, sieh hin, wenn ein Haus in deiner Nachbarschaft abgerissen wird, sieh dir alles genau an. … Daß der Himmel blau ist, zum Beispiel, oder fünf Finger an jeder Hand sind, daß man Vater und Mutter hat, daß man Grüße mit unbekannten Leuten auf der Straße tauschen kann – es ist, wie seinen Durst mit frischem Wasser zu stillen. Man muß jeden Tag trinken, um weiterzuleben. Das ist mit allem so. Wenn man nicht trinkt, verdurstet man irgendwann und stirbt, genauso ist das. Weil man nicht getrunken hat, obwohl genug Wasser da ist.«

»Als Kind habe ich es immer so traurig gefunden, wenn der Abend nahte. … Die Dunkelheit verdeckte die Zukunft, und der Sonnenschein des nächsten Tages schien unglaublich fern. Die Zeit kam mir dichtgedrängt vor … Kinder haben immer ein untrügliches Gespür dafür, ›daß es das Jetzt nur dieses eine Mal gibt‹. Ihre Arme und Beine wachsen so schnell, daß sie fast das Knarren hören können, deshalb weiß ihr Körper einfach instinktiv, daß es mit dem Jetzt genauso sein muß.«

Banana Yoshimoto: Amrita

Nixen

Nichtstun. Außer auf dem Bett liegen und mit den Zehen wackeln. Und den Gedanken dabei zusehen, was sie doch für Akrobaten sind.

Rosenzimmer

Wir schlafen im Rosenzimmer. Im Schrank eine Baby-Badewanne und Windeln, im Vorzimmer ein Wickeltisch und ein Babybett. Ich rede besonders laut und locker über die Aufgabe, die uns damit klar vor Augen steht. Jakob seufzt, Sarah lächelt mitleidig, ich schiebe es lachend beiseite und kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass mein nächstes Baby tatsächlich eines aus Fleisch und Blut und kein Buch sein soll. Die Aufgabe, die mich findet. Nun erst einmal Regeneration nach Monaten der Disziplin, die diese Projekte brauchen, um vollendet zu werden.

Empfänglich

Er sagt, wir machen die Kunst nicht für uns. Wir übernehmen Aufgaben, die uns finden und wenn wir sie annehmen, werden sie zum Auftrag, dessen Umsetzung Disziplin erfordert. Dafür nicht entlohnt zu werden, leiden zu müssen, sei ein großes Missverständnis in der Gesellschaft. Dazu gehört, unsere Ergebnisse zu veröffentlichen, sie in Resonanz zu bringen mit anderen Menschen.

Jedes Jahr sauge ich seine Sätze auf, als wären sie die Wahrheit. Plötzlich bin ich wach und da, vom Sommer warm und offen und empfänglich für derlei Welterklärung.

Donnergrollen

Nicht weit entfernt rollt Donner durch die Wolken. Ich liege unter den hohen Bäumen im Park unseres neuen Schlosses, ein Schmuckstück mitten in Frankreich. Beim ersten Spaziergang durch den Park ratterten so viele Gedanken durch meinen Kopf, dass ich das Gefühl hatte, nur mitschreiben zu müssen. Die Inspiration eines neuen Ortes und der Freiheit nach dem Projekt. Schon gestern auf der Fahrt hierher vermischten sich meine Schläfrigkeit mit der Musik und produzierten einen Film, den ich gerne aufgenommen hätte. Vielleicht regnet es gleich, ich warte bis der Donner über mir kracht. Krähen krähen auf den Feldern, der Wind rauscht durch die Blätter der Bäume, es klingt wie Musik. Und wie gut es riecht, nach Sommer und sonnentrockenem Laub. Jetzt, der Donner direkt hier. Ist es wirklich meine Aufgabe, mitzuschreiben? Nehme ich sie an? Oder schaue ich einfach der Zeit dabei zu, wie sie vergeht? Ganz langsam und doch zu schnell für das Assoziationsfeuerwerk in meinem Kopf.

Urlaub im Buch

Ich schaufle Geschichten in mich rein, ohne große Pausen, mit Vergnügen am Traumtanzen zwischen den Worten. Kurz vor der Ankunft im Schloss ist der Urlaub im Buch zu Ende. Der letzte Satz bringt mich zum Schmunzeln: »Boobs would be cool.«

Jillian Tamaki, Mariko Tamaki: This One Summer

Spiegel

Du musst nicht in jeden Spiegel schauen, der dir ins Auge fällt. Starke Frauen, geht voran als Teil unserer suchenden und fragenden Generation. Ich backe solange Brot und schaue aus dem Fenster dieser etwas zu kleinen Wohnung in dieser komischen Stadt, die ich zu lieben mir vorgenommen habe. Reisen geht ja auch nicht für immer.

Romantische Ruine

»Die als verfallene Ritterfeste gebaute Löwenburg bekommt bald ihren zerbombten Hauptturm zurück.«

Manchmal habe ich das Gefühl, ich wohne mehr in meinem E-Mail-Postfach als bei dir.

Sabrinas schönste Sprichwörter, Teil 3

Sie wollte uns über den Tisch führen.
Zurück zum Text.
Ins kalte Messer laufen lassen.
Zwei Gänge runterschrauben.
Um das Pferd von Hinten aufzurollen.
Ständig kommt man ins Hintertreffchen.
Dafür ist zu viel Porzellan den Bach runtergegangen.
Ich fühl mich wie die Prinzessin unter der Erbse.
Das reicht ja für keinen müden Finger.
Dann können wir jetzt auch gleich den Löffel in den Sand werfen.

Zuid-Kennemerland

Zuid-Kennemerland

Nähe

»Glück ist, im Fremden die Nähe zu finden, die man bei Freunden manchmal gar nicht mehr sieht. Oder sich nicht zu sehen traut.«

Blätterdach

Blätterdach

»Das mag nach ›Schuster, bleib bei deinen Leisten‹ klingen. Aber es heißt vor allem, dass es zuletzt keine Literatur ohne persönliche Erfahrung geben kann.«

Es fehlt nichts.