»Die Tonkunst ist ähnlich wie die Wortkunst im Gegensatz etwa zur Malerei oder Bildhauerei eine Zeitkunst.«
»Schumann benutzte ein verkehrt eingestelltes Metronom. Seine irreführenden Zeitangaben mußten später richtiggestellt werden.«
Im Brummen der Flugzeugmotoren meine ich den Gesang meines Chores zu hören. Ein unendlich gedehntes Prosit der Gemütlichkeit in allen Tonlagen zugleich.
Nach dem Urlaub falle ich zurück in mein Loch. Zweifel drücken mich morgens zurück in die Federn und verjagen mich schneller aus meinem Schaufenster als ich mit der Arbeit beginnen kann. Herrje, hört das denn nie auf? Oder erst wenn ich ein Kind habe? Oder am Bodensee wohne? Oder Kunst mache? Oder schreibe? Oder nur noch koche und backe? Oder allen Ballast von mir schüttle und aus einem kleinen Rucksack lebe, nirgendwo zu Hause, überall daheim? Das ist keine Achterbahn mehr, das ist ein Spiegelkabinett ohne Ausgang.
Plötzlich schlägt mir eine Kälte entgegen. Ein Kommentar auf Facebook entlarvt meine tiefsten Ängste, ich fühle mich ertappt. »Ihr verfluchten Nachmacher!!!!!« schreit da einer. Mein Bauch verkrampft sich, ich will ins Bett und nie wieder aufstehen. Oder zumindest heiß duschen.
Was meint er genau? Das Logo, das sich mit Abstand betrachtet als eine Mischung der Logos zweier Designschulen interpretieren ließe? Oder meint er die Website, deren Menü dem meiner Lieblingswebsite ein wenig zu sehr gleicht? Die andere Schrift, die neue Bildsprache, die Bespielung des Logos – sind das nicht genug »neue« Elemente für ein eigenständiges Erscheinungsbild?
Geht das überhaupt, etwas Neues zu erschaffen, wenn man doch von allen Seiten beeinflusst wird? Sind unsere Ausdrucksmittel nicht viel zu limitiert, um uns nicht ständig – versehentlich oder unbewusst – gegenseitig zu kopieren? Und warum ist das schlimm?
Weil es wohl mal wieder ums Ich geht, um Identität. Als ich bemerkte, dass meine kleine Schwester sich heimlich meine Klamotten auslieh, fühlte ich mich in meinem Stil (wenn man das, was ich mit 17 trug, als Stil bezeichnen möchte) kopiert. Nicht mehr eigenständig, besonders, ich. Ich hätte es auch als Kompliment verstehen können.
Und wer kennt das nicht: einen tollen Entwurf aufs Papier gebracht zu haben, nur um kurz darauf festzustellen, dass das so oder so ähnlich schon vor hundert Jahren entworfen wurde. Mein Freund erzählt gerne, dass er in seinem ersten Semester den Klappstuhl neu erfunden hat. Alles schon da gewesen, die Farben, die Formen, das Rad.
Die Kopie ist in unserem Kulturkreis verpönt, Nachmacher werden geächtet. Nun komme ich aber seit geraumer Zeit auf nichts Neues, Eigenes – aus lauter Angst, etwas falsch zu machen. Wann hat das angefangen? Als ich merkte, dass ich zu wenig weiß? Als ich keinen Strich mehr zustande brachte, ohne mindestens bei fünf Anderen zu schauen, wie die das machen? Aus Faulheit? Aus Angst. Doch welche Angst ist größer: Der Kopie verdächtigt zu werden oder den Fehler zu riskieren? Beides bleibt wohl keinem erspart, der nicht im Bett bleibt. Im Kopieren lerne ich von anderen, im Fehlermachen von mir selbst.
Kurze Zeit später stellt sich heraus, dass der Kommentar gar nicht uns galt. Immerhin hat er mir ein paar Gedanken beschert.
Im Traum lässt du mich kurz aus den Augen, verschwindest einmal mehr im Gebüsch, als ich Tommy treffe. Er ist auch schon früher an den See gereist, bevor der ganze Chorrummel hier losgeht. Er zeigt mir ein paar Schaukeln in den Bäumen über dem Wasser. Ich folge ihm und mag seinen Rücken. Wir gehen schwimmen. Ich klettere auf eine der Schaukeln und Tommy hängt sich an meine Beine. In der großen Runde setze ich mich neben ihn, du schleichst um uns herum. Als ich aufwache im Traum, hast du deinen Gürtel um unser beider Hüften geschnallt und ich habe einen dicken Fisch im Mund. Ich hole ihn raus und esse ihn langsam.
Ich lese mit einer freundlichen Stimme im Ohr, während der Rest der Welt brüllt. Egoismus und Kälte schlagen uns im Flugzeug entgegen, äußerst nett hingegen der in Costa Rica lebende und in Deutschland geborene Engländer neben uns. Er weiß, was von amerikanischen Airlines zu erwarten ist: Keine Filme, kein Essen, es sei denn du zahlst. Nicht mal die Stewardess muss mehr freundlich sein. Immerhin organisiert sie uns dann doch zwei Plätze nebeneinander mit den Worten: »Kids, there are two seats in 34, A and B.« – Kids, nice. Jung und verliebt, immer noch, auch wenn du Pampers trägst und Apfelmus schlürfst – ohne dich wär alles nichts.
Wir sitzen im Paradies und spielen Familie, bis wir uns nicht mehr sehen. Jeder verstrickt in seiner Rolle, bis wir eigene Wege gehen. Fürsorge oder Vormundschaft, Mündigkeit oder Lethargie, Hängematte oder Touristenprogramm, karibischer Strand oder Stau im Regenwald.
Im Traum ein Fest unter Bäumen, umzäunt von Buchstaben, die ich vor Jahren mitgestaltet habe. Meinen Gesprächspartner möchte ich darauf hinweisen, doch ich komme nicht zu Wort. Die Buchstaben drehen sich, werden zu magischen Zeichen, während wir uns tief in die Augen blicken. Du kommst von hinten angeschlichen, wirbelst mich tanzend im Kreis und küsst mich – der andere guckt ein wenig enttäuscht. Die Gäste klettern auf den großen Baum, hängen kopfüber an den Ästen und springen in Saltos zu mir herunter und rückwärts wieder hoch. Eine Nacht wie diese wird es nie wieder geben. Es ist warm, die Luft vibriert und alle fühlen sich stark, so verschrobenen sie auch sind. Bleib doch noch, es gibt noch so viel zu erzählen.
Zwei Aufgaben des Lebensumfangs:
Deinen Kreis immer mehr einschränken und immer wieder nachprüfen, ob Du Dich nicht irgendwo außerhalb deines Kreises versteckt hältst.
ZZ 94
Es gibt nur ein Ziel, keinen Weg.
Was wir Weg nennen, ist Zögern.
HAL 22
Natürlich träume ich von dir, wenn ich in deinem Bett schlafe. Wir fahren Auto, jeweils allein. Wir bewerben uns an den selben Schulen, werden abgelehnt. Wir stehen nebeneinander auf Gruppenfotos, ohne einander zu kennen oder jemals wirklich begegnet zu sein. Wir sehen uns nicht, wenn wir uns sehen. Wir träumen und leben aneinander vorbei.
Zwei Lehrer stehen neben dem Treppenaufgang und platzieren eine Stellwand, damit sich niemand verläuft. Lachend stellen sie fest, dass der Gang viel zu breit ist, um ihn abzusperren. Ich frage sie nach dem Weg. Tür reiht sich an Tür, eine steht offen und Carsten davor. Verwundert fragt er: „Was soll denn hier unterrichtet werden? Das Zimmer ist voller Betten!“ Laura und Heike stürmen hinein und hüpfen von Bett zu Bett. Die beiden kuscheln sich eng aneinander und in die Decken, bis Laura auf den Plattenteller rutscht und sich dreht, dass ihre Haare fliegen. Ich denke an die 2000 Euro Kaution, die jede von uns zahlen musste, und behaupte, die Rolle der Aufseherin liege mir am besten. Mit mahnendem Zeigefinger stelle ich mich mitten in den Raum, scharfe Zurechtweisungen bellend. Peinlich, wie gut ich das kann. Eigentlich steckte ich lieber mit den beiden unter der Decke, aber da ist kein Platz für mich, für niemanden. Lauras fliegende Haare sind ansteckend, die elektrische Ladung knistert auf meinem Kopf.
Diese Angst, dass irgendwer dahinter kommen könnte, dass ich nichts kann, dass er es allen erzählt, dass es dann vorbei ist. Was dann noch bleibt, ist eine Zukunft, in der ich nichts mehr machen darf (oder muss), von dem ich denke, dass ich es nicht kann.
Die Spiegelkugel schaukelt im Wind und wirft Lichtpunkte aufs Gras. Wo fängt man an, wenn die Tage eines ganzen Monats dem Vergessen überlassen wurden? Hier und Jetzt oder wieder im Gestern, das an Glanz verliert, sobald man darüber schläft? Ich rücke eine Stufe abwärts, dem Sonnenstreifen nach, und überlege, wie Leben geht.
Bayrische Stellen aus Oma Heidis Kochbiografie:
Wos woitsn ia do? D’Heidi hod koa Zeit, die muas oaboiten. Hermann, des moch ma ned. Mei, des is obr vui Geid. Mei Heidi, der Moa woa net so voam Krieg. Mei Heidi, wos hama dem ois gwünschd. I hob de Himme auf de Welt. Geh her da. Brauchst nadierlich scho a guads Essn. Heidi, hoast du scho Hai hergricht fia moagn Fria? – Mei, hob i no net. Hoi-Stoll. Deandl. Gunkeln. I muas owai oaboiten. Hots dem Deandl wieda Hoar gflochtn, muss se wieda schreibn. Wos woitsn ia doh, wo kimmtsn ia her, wer seidsn ia? Joa und? Wo gherstn du hi? Mit der brauchst dich fei net anfreunden, die ist evangelisch Mei, mir kimme doch des Deandl net so weit fuad lossn, do seng ma nimma dazue. I kimm von der Metzgerei Wurz und mecht bei eana die Pergament-Düten abholn, die bsteillt woan sand. Sigstes Hermann, etz hama die Schererei. Des wirst sehn. Mei, des hand doch Luthrische! Mechtst du den Moa heiratn? Die Heidi hod en Freind, en Schwob! Mei Heidi, wos verlongst uns do ob! Des kima mir doch goa ned leisten, wos du do mechst. Verlobung, des kenne mir joa goa ned. Joa mei, wenn aich des glongt. Des muss ma ned, mocht ma ned, braucht ma ned. Heidi, i mog mit dir und mim Frieder geh! Worum host denn du koan Bruada ned? Mei, des is hoid a Lutrischer. Bajuwaren. Joa, wos hobds n ia zwoa vor? Hermann, du wiast di no wundern, aber mei Geid findst du net. Joa, ma woas ned, wos fia a Zeit kimmt, dann simmer froh dran. Blau und weiß kariert mit Herzerl drauf. Sterbbeidl. Gestern host du verkaufa derfa und haid derf i verkaufa. Obhaideln. Schweinderl. Du deafst es ned auslossn, gell, hoids fest, hoits joa fest! Loss ned aus! Deafst ned auslossn! Doss ma a Kaibe hoaltn konn. Nojoa, do kimma a nix dafia. Joa Heidi, woaßt du denn ned, doss wia die Zwiebel vorher andämpfen? I wos des scho, doss ia des so mocht.
»Als die Stehl ihm gar – ungefragt – mitteilte, dass sie ein Werk über Deutschland zu schreiben gedenke, fragte er schroff: ›Wozu?‹ – Die Stehl hatte hierüber nicht nachgedacht und blieb die Antwort schuldig.«
Wolfgang Hildesheimer: Lieblose Legenden
Gefunden in der Bismarckstraße, Stuttgart
Aus einem kleinen Riss in meiner linken Handfläche fallen rote, klebrige Quader, alle gleich groß, etwa einen Zentimeter lang, dazwischen ein größeres Dreieck. Die letzten ziehe ich vorsichtig heraus, bis nur noch ein kleines Eck aus dem Riss ragt. Das sei Lobe, sagt Naomi, ein Blutplasma, das manchmal ausfällt, ausgelöst von Allergien. Fasziniert und angeekelt zugleich spielt sie mit den glitschigen Klötzchen. Ich fege sie mit der Hand vom Tisch in den Müll. Das hatte ich noch nie. Liegt es an diesem Haus? Mitten im Nirgendwo, umgeben von Landschaft – wenn nur die große Straße nicht wäre. Man hört sie nur, sieht sie nicht, denn vor den Fenstern stehen Mauern, nur durch das Glasdach fällt Licht. Ich suche den Raum mit den Fäden, knipse alle Lichtschalter an und aus, bis sich die Leute in der Küche beschweren. Ich finde die Ziehharmonika-Konstruktion, an der die Fäden früher hingen. Kein Platz mehr für solche Spielereien, die Konstruktion wird jetzt als Wäscheständer genutzt. Früher hing sie an der Decke, die Fäden reichten bis zum Boden und füllten den ganzen Raum. Man konnte darin tauchen, erinnert sich Georgs Vater, der nun auch hier lebt. Allen im Haus erzähle ich von den Klötzchen, der Riss ist schon fast verheilt. Der Mitbewohner kommt rein, er war beim Frisör und sieht jetzt doof aus.
Was macht dieser große, großartige, zu Großem bestimmte Mann hier?
Wie kommt es, dass er mich überhaupt sieht?
Ich zeige ihm meinen Laden, der ihm viel zu klein wäre.
Was ich erst sehe, als er kniet.
Die Nachbarn meiner Eltern haben sich in Wien eingemietet, wo wir sie besuchen. Ringsherum stehen Betonklötze, eine Fernsehanstalt ohne Fenster, Büros. Die Wohnung selbst gleicht einem Labor, eine Pritsche mit abwaschbarem Bezug, schwere Plastikvorhänge als Raumteiler, kein Fenster. Ich mache mir die Finger schmutzig an einem schwarzen, klebrigen Klumpen, doch es gibt keine Küche, kein Bad, kein Waschbecken, an dem ich mir die Hände waschen könnte. Ich wische sie an meinem hellblauen Pullover ab, wo das ölige Zeug abperlt und zu kleinen Krabbelkäfern wird. Ich versuche, dir Zeichen zu geben, etwas stimmt hier nicht, doch man tut alles, um uns abzulenken. Eine junge Frau verführt uns, oder wir verführen sie, denn plötzlich ist sie nackt. Sie verliert die Kontrolle über sich, dabei sollte sie uns kontrollieren. Sie ignoriert die Anweisungen ihres Chefs von nebenan. Ich streiche über ihren glatten, weißen Rücken und finde eine winzige Nadel in der Haut. Ich ziehe sie raus und weiß, dass sie uns gilt. Ich manipuliere den Plan, den ich nicht durchschaue. Man befiehlt uns, uns anzuziehen für eine Fahrt mit dem Aufzug in den nächsten Stock. Ich lasse mir Zeit, stelle mich absichtlich blöd an, gebe dir Zeichen, versuche dich zu warnen. Wir werden in den Aufzug geschubst, er fährt aufwärts, biegt ab, gleitet am Dachfirst entlang und weiter durch die Stadt. Ich frage, ob eine Wohnung mit so weit auseinanderliegenden Zimmern nicht unpraktisch sei. Immerhin der Eingang sei zentral und zudem müsse man froh sein, in Wien überhaupt eine Wohnung zu finden. Der gläserne Kasten hält an einer Ampel, wir werden entführt.