Christina Schmid
Anfänge und Enden

Und wie gehe ich nun um mit der außerordentlichen Freiheit einer Nichtbeziehung voller Liebe ohne Eifersucht und Erwartungen? Die emotionalen Grenzen in meinem zurechtgerückten Kopf produzieren schon beim Gedanken an mögliche Eskapaden des absoluten im Moment Seins schlechtes Gewissen. Es ist Zeit, die Zäune, Mauern und Schutzwälle einzureißen, die Fenster aufzureißen und den frischen Wind tief einzuatmen, den grauen Erwartungsmüll frei und loszulassen. Hier und Jetzt. Ich und du oder ihr. Meine Welt, mein Leben, die Ideen – das größte Geschenk. Nimm es an, pack es aus und freu dich daran, immer wieder, jeden Tag und in jedem noch so kleinen Moment, in dem ein Einfall deinen Kopf durchzuckt und als Geistesblitz in deine Welt einschlägt, um dort ein weiteres, unerwartetes Monument zu hinterlassen.

Ein Kürbisfeld! Orangene Inseln im Grünbraun der vor dem Zugfenster vorbeiziehenden Landschaft.

Und so baue ich weiter und um und aus und hoch hinaus. Darüber der blaue Himmel, wie gemalt. Die Luft, so wie sie sein soll. Eine leichte Brise, angenehm warm. Manchmal auch Sturm. Bin ich da allein? Dort gibt es keine Fragezeichen. Alles ist selbstverständlich und gut so, in ständigem Wandel. Eine unermessliche Fülle an Details, in sich perfekt und unfassbar. Sie ist da. Du hast sie gesehen, im Glanz meiner Augen. Ich habe sie verlassen, für dich, und dann vergessen. Jetzt wo ich sie wieder sehe, könnte ich mich in ihr verlieren. Eure Welt wird zum Traum, der meine Welt vollmüllt und zu dem macht, was sie ist. Hier versammeln sich die Extreme. Das Gute wie das Schlechte. Die Banalitäten gehen verloren im Grau. Was ich mag findet seinen Platz, stellt sich zusammen. Eine Ansammlung an Kuriositäten, Entdeckungen im Zuviel und Zuwenig. Was ich mag wird geschliffen, poliert und schwebt und glänzt in der watteweichen, warmen, leuchtenden Luft.

Je tiefer ich mich hineinträume, desto härter der Aufprall auf dem Boden eurer Realität. Die scheppernde Lautsprecheransage reißt mich aus dem Rundgang durch die wundersame Einrichtung meiner Räume und Gebäude, Gärten und Plätze, Miniaturen und detailreichen Vergrößerungen. Maßstäbe entscheide ich, oder jemand, der das alles hier archiviert.
Ich war so lange nicht hier –

Öffentliche Verkehrsmittel

Buch vergessen. Aus dem Fenster schauen, grübeln, beobachten, entdecken, aussteigen, umsteigen, sitzen, warten, ein Lächeln von dem Typ mit dem seltsam kantigen Gesicht. Wars überhaupt ein Lächeln oder nur ein Blick, sachlich, aber einen Tick zu lang? Zumindest hat er mir gefallen, der Blick. Und mich zum Lächeln gebracht – habe ich gelächelt? Innerlich vielleicht. Das Wort Lächeln mag ich überhaupt nicht. Schmunzeln klingt besser und schmunzeln muss ich über frühe Busverknalltheiten. Und ein spätes Wiedersehen mit übermütigem Geständnis von – ja, von was eigentlich? Ein Blick, immer einen Tick zu lang, den ich ihm morgens an seiner Haltestelle schenkte. Als die Liebe noch ausschließlich Gedankenspiel war. Weder seinen Namen wusste ich, noch sonst. War nicht wichtig, habe ich auch jetzt wieder vergessen. Und dann wartete er draußen, nach seinem flüchtigen Abschied, als die Party noch in vollem Gang war und nur ich beschloss das Menschengedränge im heruntergekommenen Studentenwohnheim zu verlassen. Die seltsame Situation bei mir. Wie langweilig. Manches bleibt besser Gedankenspiel.

du – das ist zumeist einer, den ich liebe, geliebt habe oder lieben wollte. Oder ich, im Selbstgespräch, die ich mir etwas vorwerfe und mich auffordere, endlich anzufangen.

ich – das bin ich. Wie ich bin, im Moment, immer wieder anders. Wie ich sein will. Oder wie ich nicht sein will. Mein schreibendes Ich ist wer anders.

ihr – meist ein Vorwurf. Eure Welt, eure Regeln, euer System. Ihr seid anders, wollt und erwartet etwas von mir, das ich nicht kann, will und bin.

wir – ein Konstrukt in meinem Kopf, erträumt und selbst wenn auch mal real ein wir da ist – mein Wir besteht aus mir, und dir – wie ich dich sehe und sehen will.

er – wird oft mitten im Text zum du. Wenn ich in Erinnerungen schwelge, mich in Sehnsüchte stürze und dir sagen will, was nie oder zu oft gesagt wurde.

Beim Fingernägelschneiden denke ich an Chris. Daran, wie er mir, die ich mich abmühte mir mit der linken Hand die Nägel der rechten Hand zu kürzen, die Schere aus der Hand nahm, mich auf seinen Schoß setzte und fachgemäß alles abschnitt, was für ekelhafte Kratzgeräusche in der Nacht verantwortlich war. Das milbenverseuchte Ausklappsofa im ewig dämmrigen Dachzimmer mit muffigem Teppich und verblichenen Kunstdrucken auf der mittelbraunen Holzvertäfelung. Die klapprige Küche mit Mini-Wintergarten-Balkon – im Sommer unerträglich heiß, im Winter bitterkalt. Der Kühlschrank leer, also bestellten wir Pizza oder Indisch zum Film. Ein Film nach dem anderen, Serien in unermesslicher Auswahl flimmerten über den farbfalschen Riesenflachbildmonitor. Betrunkene Nächte, getanzt haben wir gern. Beim Tanzen denke ich auch an ihn. Weil ich wohl so tanze wie er, aber nicht so gut. Ich, ein egoistisches Miststück von 20 Jahren. Mir, nie verziehen, lebenslänglich. Wären da keine gemeinsamen Freunde, die sich selbst nach Jahren der Funkstille und geglätteten Wogen noch überlegen, wen von uns sie zu ihrer Abschiedsparty einladen – es würde nicht stören. Aber so werde ich mitten im Spätsommertag von indirektem Langzeithass heimgesucht und fange plötzlich an, die Fragmente der Erinnerung an uns zusammenzuklauben. Unsere E-Mails sind der Schlüssel zur damaligen Faszination …

3

Kerzenstummel vergangener Beziehungen, Marmeladenreste gefällter Bäume. Nummer drei fehlt noch. Es müssen immer drei sein. Drei.

1

Es gibt keine absoluten Aussagen!

2

Sie sagt es. Sie sagt es zweimal, weil sie es ernst meint.

Pfirsichmarmelade

Pfirsichmarmelade

Apfelernte

Apfelernte

Apfelernte – Apfelmus, Apfelkuchen und 1100 Liter Apfelsaft

and she’s so busy being free

Urlaub

Paula wirft ihren Hund Bonsai ins Wasser und lässt ihr Marienkäferboot mit Apfelfamilie auf der Saale schwimmen.

Technikverweigerung und Wünschelrute: Architektenpaar auf Fahrrädern an der Elbe.

ich denke also bist du

deine Hände streicheln alles glatt, schlichte Sachlichkeit, unendliche Schönheit, klare, fein geschwungene Kurven, in weichem Grau. Grau, wieso Grau? Bilder, unfassbare Bilder, keine Farbmusterexplosionen, wie sonst, doch auch sie verschwinden, sobald ich sie bemerke, die Visionen, die du für mich modellierst.

»Möglichkeitsmenschen leben in einem feinen Gespinst von Dunst, Einbildung, Träumerei und Konjunktiven.«

Nanne Meyer

Dunkel (November 2004 – April 2010)

Faszinierend traurige Augen, lange dunkle Mäntel, lange Haare und Nieten überall. Tiefgründiges Dunkel. Aber ich träumte von Farben.
– Die nicht.

Später, seitenlange Briefe, stundenlange Gespräche und der schwüle Sommer im Halbdunkeln einer Halbbeziehung. Ich wollte raus.
– Er nicht.

Die Farben eines Sommers in neuer, strahlender Zweisamkeit – schleichend von einem dunklen Herbstgrau verschluckt. Das Grau blieb bei ihm.
– Ich nicht.

Sonnenstrahlen im Herzen, Farben vor Augen und Träume im Kopf. Endlich.
– Nur ich.

So fand mich einer, mitten im Winter, der eine, dachte ich. Das Dunkel lag hinter ihm, die Einsamkeit war seine Freundin. Ich wollte näher, mehr, alles.
– Er nicht.

So verlor ich mich, mitten im Sommer, und ihn. Das Dunkel, so ist das also. Die Einsamkeit, ich ertrug sie nicht. Kalt. Farblos. Leer.
– Ich?

Die Einsamkeit rettete mich, behutsam, Schritt für Schritt, aus den Tiefen des Dunkels. Am Ende wartete der Frühling. Sonnenstrahlen, Farben, Träume. Wiedergefunden.
– Ich.

Unverfänglich positiv

Sie steht auf und geht. Gerade wird ein Herz ausgeschüttet – Zuviel für sie. Für mich auch. Und so höre ich nicht zu. Ein anderes Gesprächsthema muss her. Was mir einfällt sind unterhaltsame Zweifel, allgemeine Probleme und persönliche Katastrophen. Unverfänglich positiv sind höchstens schönes Wetter und gutes Essen.

Samthandschuhe

Burn Out, Psychose, Depression. Sie hat die Sache erkannt, benannt und in eine Schublade gepackt. Nein, besser gleich in eine Kiste zum Mitnehmen, Pflegen, Loswerden. Sie ist uns allen voraus und überlegen, ein Opfer der Umstände, Zeit, Gesellschaft. Dass auch ich meine Zweifel habe, gilt nicht. Denn mir geht es ja gut. Ihr geht es schlecht. Dann packe ich also mal wieder meine Samthandschuhe aus. Etwas verstaubt sind sie, nach all der Egozentrik nach dem Absturz nach der Selbstaufgabe nach der absoluten Liebe. Ja, früher hatte ich sie immer bei mir, die Samthandschuhe mit genügend positiver Energie für die faszinierend tiefgründigen Depressionen dieser Welt.

weg da
da —
— weg
da! der weg
weg damit

einfach
ohne
extra

mit —
— machen
— dabei
— ohne

lebensentwürfe

statt
zu
leben

dahin
dorthin

wem gehört das?

hier

1.
2.
3.

l.
ll.
lll.

a)
b)
c)

Ein Tag, ein Leben

Die Schule absolvieren die Menschen am späten Vormittag, die Liebe ist nur ein Augenblick, Schwangerschaft und Geburt eine Sache von Minuten. Alles rast vorbei, nichts wiederholt sich, denn »die Hölle, das ist die Wiederholung«. Als Benny sich in Gini verliebt, will er aber in eben diese Hölle versetzt werden. Er will, ganz romantisch, die Ewigkeit. Aber …

A. F. Th. van der Heijden: Ein Tag, ein Leben

Manchmal macht es mich wahnsinnig, dass das Leben eine Baustelle ist und bleibt.

»In Wahrheit ist jede Wahrnehmung schon Gedächtnis. Die reine Gegenwart ist das unfassbare Fortschreiten der Vergangenheit, die an der Zukunft nagt.«

Henri Bergson, Materie und Gedächtnis.
Entdeckt bei Haruki Murakami: Kafka am Strand.

Bus zum Killesberg

Zwei Sitzreihen weiter vorne führt ein Mann aufgebracht Selbstgespräche. Kurz vor dem Aussteigen dreht er sich spontan zu mir um, sieht mir mit stechendem Blick in die Augen und verkündet mit theatralischer Stimme: »Renate Farn hat ihr liebstes Spielzeug, an dem sie ihre perversesten Fantasien ausleben konnte, verloren! Nämlich mich. Kennen Sie Renate Farn? Nein? Seien Sie froh!«

Die Bustür öffnet sich und der Mann schreitet mit energischen Schritten in die Abenddämmerung.

»Lieber mit dem Boden auf den Füßen und mit dem Kopf in der Luft.«

Kistenkrieg

Kisten über Kisten. Bastelkram ohne Ende. Allerlei Papier. Noch mehr Papier. Und Staub, überall! Ausgetrocknete Stifte. Leere Sprühdosen. Acrylfarben. Weiße Leinwände. Blöcke mit Aktzeichnungen aus dem ersten Semester. Das Studium fällt aus ungeordneten Ordnern (sortiert wird bestimmt später). Klamotten und Schuhe, die ich nicht mehr mag und trotzdem nicht wegwerfen kann. Durchlöcherte Strumpfhosen in allen Farben. Plastikschmuck. Postkarten. Juhuu: 20 Euro in einer Weihnachtskarte! Flyer. Faltblätter. Ansichtsmaterial. Andenken. Viel zu viele Bücher. Romane. Designbücher. Comics. Kochbücher. Bilderbücher. Zeitschriften. Die CDs meiner Jugend. Noch mehr Staub. Alte Fotos, lieber nicht anschauen. Eintrittskarten. Kalender der letzten Jahre. Angefangene Skizzenbücher. Veraltete Listen. Kabelsalat. Stoff für den Traum vom Nähen. Knöpfe. Alte Schreibmaschine mit meterlangen Kurznachrichten auf Kassenrolle. Kuckucksuhr und eine Kassette von Papa. Benjamin Blümchen rettet den Kindergarten. Wählscheibentelefon, das ja eigentlich nicht so ganz mir gehört. Kaputte Discokugel. Seifenblasenmaschine. Und Briefe.

Und Briefe

»Ich habe es sehr genossen mit Dir zusammen diesem Fragezeichen aus dem Weg zu gehen.«

»Ein bunter Film, und du hast mir einen kleinen Vorrat an Farbe da gelassen. (…) Als ob deine Droge nicht mehr wirkt.«

»Ich träume von einer nicht müden Christina neben mir … in irgendeiner Zukunft.«

»Für mich ist alles wie vorher. Es war halt nur so ein gefühlsmäßiges Probieren. Schwer zu beschreiben. Aber es war echt nichts weiter.«

Nichts weiter. Oh Mann. Weiterpacken.