Von wegen viel Gepäck: In Leipzig drängt sich eine dreiköpfige Familie mit sechs Koffern zu mir ins Abteil, bis der Vater merkt, dass sie in die zweite Klasse müssen. Die Tochter bleibt erst mal bei mir sitzen und bewacht das Gepäck, während die Eltern nach einem Sitzplatz suchen. Ihr habt aber viele Koffer, sage ich. Zwei pro Person für eine Woche Dubai, erklärt sie mir. Sie war auch schon zweimal in dem Land mit den Pyramiden. Sie fragt mich, wo ich herkomme. Ich sage, ich war in Berlin, da habe ich einen Freund getroffen, den ich acht Jahre nicht gesehen habe. Das ist aber traurig, sagt sie. Acht Jahre, so alt ist sie. Sie muss weiter, klemmt sich das rosa Einhornkissen unter den Arm, der Vater kümmert sich ums restliche Gepäck.
Linie 9570 – meine letzte Linie an einem der letzten Tage des Sommers. Die Hitzewelle schien endlos, heute dann Kälteeinbruch und Ratlosigkeit vor dem Kleiderschrank. Was trägt man außer Sommerkleider und Sandalen? Wer bin ich, wenn es kühler ist? In den Schaufenstern schon Herbstfarben, dazwischen demonstratives Gelb. Vielleicht ein gelber Regenmantel oder gelbe Gummistiefel? Lieber sonnengelbe Sandalen, ich bin noch nicht so weit.
Nun sitze ich also im Zug zu dir nach Straßburg. Noch steht er. Gegenüber fragt ein Vater seine Tochter: Bist du traurig? Draußen winken die sehr kleine Mutter und der sehr große Bruder, bis der Zug losrollt. Sie verdrückt ein paar Tränen, kramt nach ihrem Pass und zählt die Namen ihrer Freundinnen auf, die sie in Israel besuchen wollen.
Der Zug beschleunigt auf 274 Kilometer pro Stunde, er könnte mehr als doppelt so schnell.
Hunderte Kilometer habe ich in den letzten Monaten im öffentlichen Linienverkehr zurückgelegt, meist sitzend, selten stehend, einmal kauernd (das war nett). Im Dazwischen finde ich plötzlich Zeit, um hinzuschauen und zuzuhören. Man kommt Fremden recht nah, wenn man so unterwegs ist. Manche reisen in ihrem Kokon aus Musik, Film, Arbeit und Lesestoff. Andere blenden völlig aus, dass sie nicht unter sich sind und erzählen offen und laut aus ihrem Leben, manchmal schreibe ich mit.
Sie sieht so traurig aus mit ihren glänzenden dunklen Augen. Der Vater telefoniert leise auf Hebräisch. Auswandern, wie das wohl ist? Eine Linie unterbrechen, um woanders neu anzusetzen.
Plötzlich kommt Wind auf und zerrt am Laub der Bäume, vertrocknete Blätter wirbeln durch die Luft. Nebenan wird ein Fensterladen aufgeklappt, er knallt gegen die Wand. Eine Hand mit pink lackierten Nägeln rangelt mit dem zweiten, der Wind hält minutenlang dagegen. Welch ein Bild, pink auf grün, passend zu den Blüten auf dem Fensterbrett.
Freitagnachmittag, auch den Linien ist es zu heiß – allen, darum erwische ich noch eine, die eigentlich längst weg wäre und noch eine, die ebenfalls verspätet eintrifft. Draußen steht wartend ein Flamingo im weißrosa Kleid mit beeindruckend hohen Stöckelschuhen. Drinnen gibt es nur noch Stehplätze im Gang. Ich finde einen Sitzplatz auf dem Boden, in der Gepäckablage zwischen zwei Rückenlehnen. Als Kind hätte ich diese Höhle geliebt! Meine Aussicht ist begrenzt auf behaarte Männerbeine mit nackten Füßen in Flip-Flops und Nadelstreifen zu Lackschuhen. Dafür sitze ich ungestört und störe auch nicht das Geschiebe der Passagiere, die samt Koffer, Rucksack und Reisetasche unbedingt weiter müssen, von hinten nach vorne oder von vorne nach hinten. Bis jeder feststeckt und zwangsläufig bleibt, wo er ist.
Gegenüber sitzt einer in kurzen Hosen dermaßen breitbeinig, dass die Frau an seiner Seite kaum Platz hat. Sie, unscheinbar, fast unsichtbar. Er, braungebrannt von Kopf bis Fuß, die Beine voller Zeichnungen, die Haare blondiert, Kopfhörer auf den Ohren, die Hände trommelnd, die Lippen zum Kuss geschürzt. Nicht für sie – für alle, die ihn sehen sollen. Höhnisch schaut er mich an. Ich muss lachen und bin schnell weg.
Und immer wieder Linie 1. Als würde ich Fahrt um Fahrt von vorne beginnen – stets die gleichen Wege. Im Vierersitz nebenan ein Gespräch über die bevorstehende Hallenhochzeit bei 32 Grad. Der Mann in Anzug und Fliege konzentriert sich darauf, sich möglichst wenig zu bewegen, um nicht zu zerfließen. Die Freundin hält ihre Hand über seine glänzende Frisur, um zu spüren, ob er dampft. Die drei Damen tragen luftige Blumenkleider zu knallroten Lippen, lange Ohrhänger und Glitzer-Pömps. Nur die großen Rucksäcke passen nicht dazu. Eine der drei soll fotografieren, dabei kann sie das doch gar nicht professionell. Ein Hund ist auch eingeladen – Empörung über mangelndes Feingefühl – zu wenig Auslauf und die armen Allergiker. Selbst Harriet hat ihr Baby abgegeben, wäre ja auch zu anstrengend. Und dann noch die zerstrittenen Familien, das kann ja heiter werden.
Zwei neue Nebensitzerinnen, die atemlosen Sorgen einer Mutter über ihren Sohn: Er möchte sich ihrem Tempo anpassen nur wie soll das gehen er hat einfach noch nicht die Richtige gefunden sie ist Jahre jünger und hat ihm spontan erklärt dass sie ihn mag weil er so anders ist er mag sie auch wenn nur die Schulfrage geklärt wäre er macht drei Kreuze dass er die Mathelehrerin los ist aber wie soll es weitergehen. Die Mitreisende nickt nur, der Sitznachbar drückt die Stöpsel tiefer ins Ohr. Nächster Halt: Goldberg.
Bis Böblingen starre ich auf die Gleise. Faszinierend, wie schnell die Augen von einem Fixpunkt zum nächsten springen.
In einer Tasche ein Kläffen. Nein. Wuff. Nein. Wuff. Nein. Daneben drei Oberstufenschüler mit kurzgeschorenen Haaren und Zeugnissen in der Hand. Sie zeigen sich gegenseitig ihre Beurteilungen, einer liest vor: Stets pünktlich, zuverlässig, vorbildlich. Gelächter, ein Gemisch aus Häme, Neid und Anerkennung.
Regentropfen malen Linienmuster auf die Scheibe. Vertikal und diagonal nach links unten. Einer steigt ein, dem fehlt die Nase, stattdessen ein flaches Pflaster über dem Schnurrbart. Und um die Ecke plötzlich ein neues Gebäude, Linienstruktur aus Stahlstreben.
Und wieder Linie 2. Die Hitze steht zwischen Anzügen und neben nackten Armen und Füßen, die auf Koffern liegen. Einer sagt: Vier Jahre keinen Urlaub, dann drei Wochen Stuttgart.
Ich trage einen überdimensional großen silbernen Teller unter dem Arm. Von vorne und hinten gesehen eine Linie, von links und rechts ein Kreis.
Nebenan geht es um Kosenamen: Eine Beziehung, in der dir nach ein paar Wochen immer noch nichts einfällt – ein schlechtes Zeichen. Nie im Leben wäre sie auf ›Augenweide‹ gekommen, jetzt findet sie es übelst lustig. Aber nicht in der Öffentlichkeit! Fünfzig Mal ›Schatz‹ an einem Abend, das nervt doch.
Beim Anfahren verselbständigt sich mein auf dem Boden abgestellter Kreis, klappernd rollt er rückwärts, dann wieder vorwärts, bis mein Fuß ihn bremst und gegen die Wand drückt, bis wiederum der Fuß kribbelt und krampft.
Den da in der weißer Latzhose kenne ich doch irgendwoher. Gedanklich gehe ich alle Läden des Viertels durch und werde fündig: Dem gehört das Farbengeschäft. Immer wieder verwirrend, Ladeninhaber außerhalb ihres Ladens zu sehen. Daneben eine elegante ältere Dame mit goldenem Armreif, der den halben Unterarm umfasst.
Meinen silbernen Kreis gebe ich ab, der war nur ausgeliehen.
Ohne einen Blick für die vorbeiziehenden Felsen, Wälder und Kornfelder betrachten sich zwei in der Spiegelung der Scheibe: Zahnspangen und künstliche Wimpern, im Nacken ein Pickel und etwas Sonnenbrand. Sie lümmeln auf den Sitzen, drücken ihre Schuhe aufs Polster, lösen sich gegenseitig die Schnürsenkel und besprühen sich von Kopf bis Fuß mit Himbeerduft. Die Wolke umhüllt sie wie ein Privatabteil. Sie sehen uns nicht oder durch uns hindurch auf sich im nächsten Spiegel.
Schwarz die Kleidung, die Schirme und auch die dicke Regenwolke über uns. Der erste Regen nach einer langen Reihe an Sonnentagen. Der Himmel weint mit.
Als Kurt uns vor dem Jahreswechsel das letzte Mal sah, weinte er beim Abschied. Dann wischte er sich die Tränen ab und winkte uns lachend auf seinen Stock gestützt mit einem weißen Taschentuch hinterher. Wie früher in Metzingen, als mein Vater noch klein war. Damals hatte Onkel Kurt immer ein Tischtuch geholt und gewunken, bis das Auto mit seinen Neffen um die Kurve bog.
Wie sie dann einfach endet, so eine Lebenslinie. Und was für eine: All die tragischen Umbrüche und mutigen Neuanfänge hätten für drei Leben gereicht. Ich lausche den Geschichten über den Lausbub, dessen Schabernack die DDR veranlasste, ihn mit 18 Jahren des Landes zu verweisen. Ein Dandy mit Stil, stets in Anzug und Krawatte, voller Frohsinn, Optimismus und Hilfsbereitschaft. Sein Vermächtnis: Denkt an mich, wenn ihr einem hilfsbedürftigen Menschen begegnet.
Der Friedwald, in dem wir Abschied nehmen, hängt voller Tropfen. Einzelne Sonnenstrahlen fallen durch das grüne Blätterdach. An den Buchen hängen Schilder mit Namen, bis zu zehn pro Baum.
Später im Waldhorn steht ein guter Freund aus Jugendzeiten auf und sagt: Wäre er hier, unser Hardy und euer Kurt, er wäre verwundert, wenn ich nichts sagen würde, darum sage ich jetzt was. Er würde nicht wollen, dass wir um ihn weinen. Statt Schwarz sollten wir Weiß tragen, die Farbe der Hoffnung und der Freude. Wir sollten gemeinsam feiern und uns freuen, dass er da war, und dass er war, wer er war.
Die sieben Minuten Fußweg schaffe ich in vier, wenn ich renne – was ich immer muss, weil mir, egal wieviel Zeit ich habe, kurz vor dem Losgehen noch etwas so Wichtiges einfällt, wie die Spülmaschine auszuräumen (das reicht noch gut), die Blumen zu gießen (ach, immernoch genug Zeit), die Fensterläden zu schließen (jetzt sollte ich aber los) und dann doch noch die Zähne zu putzen (oh, jetzt aber wirklich). Die Schuhe binde ich im Aufzug, während ich mit wenigen Klicks meine Fahrkarte kaufe und hoffe, dass unser WLAN bis ins Erdgeschoss reicht oder dass das mobile Netz diesmal rechtzeitig übernimmt. Die Fahrkarte konnte nicht heruntergeladen werden. Also renne ich, schwer bepackt, den Blick und die Finger auf dem Smartphone, die klackernden Schuhe verfluchend (dass sie so unbequem sind, hatte ich vergessen) den Berg hinab, bis mich ein weißwolliger Hund begeistert oder verstört, aber vor allem laut anbellt und bremst. Jetzt bin ich so richtig wach. Noch zwei Rolltreppen voller müder Menschen (Entschuldigung, darf ich bitte durch), dann unten, gerade noch rechtzeitig, Linie 1, die Türen noch offen, geschafft. Wie immer.
Vier Minuten Umsteigezeit von Gleis drei auf Gleis acht. Treppab, Treppauf, Warten.
Zwei Linienscharen aus Hochspannungsleitungen. Die einen parallel, die anderen diagonal zu uns. In Wellen, von Mast zu Mast.
Die Umgebungskarte empfiehlt mir Luftlinie und behauptet zwei Minuten Fußweg – von Treppen, Gedränge, dem Umweg um die Baustelle und einer roten Ampel weiß sie nichts. Ich renne durch Pfützen, das Wasser spritzt in alle Richtungen, die Uhr ging vor, Linie 4 steht noch da und nimmt mich mit.
Einer mit Sicherheitsnadel am Hut und Ringen an Nase und Ohr fischt nach Fahrgeld in seinem überweiten Hosenbein und in den überhohen Schnürstiefeln. Ein Loch in der Hosentasche, schnieft er entschuldigend. Er rüttelt am Stoff und braucht drei Haltestellen, bis die Münzen über den Boden nach hinten kullern.
Als wollte mir das rote Lämpchen des Rauchmelders sagen: Ich sehe genau, dass du blinzelst und nicht schläfst.
Jetzt musst du Bier gucken und Fußball trinken.
In Linie 6 hält einer ein Brett, Fabian R. steht da drauf, geometrische Buchstaben, sorgfältig ins Holz gefräst. Ein übergroßes Namensschild für einen übergroßen kleinen Jungen in Schreinerhose. Seine Hände halten sich am Brett, während er einschläft. Sein Kopf kippt immer wieder ruckartig nach vorn, bald auch das Brett und mit ihm der junge Mann und vielleicht auch sein Sitz und bergauf dann auch die ganze Linie 6.
Und so verharrt sie in der Rolle des Mädchens, das nicht erwachsen werden will. Flachbrüstig, in Röcken und klobigen Schuhen, unfrisiert, trotzig, gelangweilt.
Linie 2, wie immer zu spät. Ein ›Immer‹ dürfte ich mir gar nicht erlauben, gehöre ich doch nur für zwei mal drei Tage zur pendelnden Arbeiterschaft, die ich von außen als eingeschworene Gemeinschaft sehe – ein leicht spürbares Wir im morgendlichen Schweigen und Blickeausweichen. Ich gehöre nicht dazu, bin Touristin im Linienverkehr. Linie 2 zuckelt also gemächlich durchs fette Maigrün, meine Augen trinken gierig davon, welche Pracht! Für einen Moment ist der Weg das Ziel. Dann, im Tunnel, kurz vor ihrem Ziel, wird sie noch langsamer. Und immer noch laangsaaaammeeeerrrrr. Ich versuche sie gedanklich anzuschieben und rede ihr gut zu: Komm schon, nicht stehenbleiben, es ist nicht mehr weit, gleich sind wir da, nur beeile dich, bitte beeile dich, wenigstens ein bisschen. Sie lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, rollt langsam aus und bleibt erst stehen, als aller Schwung weg ist und auch Linie 74. Ich sitze fest, im sonnenwarmen Nirgendwo.
Der Reiz des Verspeisens von Nasenpopeln hat sich mir schon als Kind nicht erschlossen. Tatsächlich soeben gesehen, schräg gegenüber in der Linie 74. Immerhin sind sie dann aufgeräumt.
In Erwartung einer längeren Strecke habe ich es mir lesend und schreibend in der Linie 3 bequem gemacht. Fast so bequem wie heute früh im Bett (bis ich bemerkte, dass der Mann neben mir fehlt, er hat die Nacht im Büro verbracht, daher die außerordentliche Ruhe). Und fast so bequem wie wenig später der Zahnarztstuhl – wirklich sehr bequem, in allen Positionen (wäre da nur nicht das helle Licht und die meine Stirn kitzelnden langen Haare der professionellen Zahnreinigungskraft). Danach etwas unbequem: Ein schwarzer Badeanzug in der Umkleide, zu eng am Po, größer nur in grün, dann lieber nicht. Sehr bequem: Das Mittagessen steht schon auf dem Tisch, als ich zu spät komme. Nachsicht. Und dann Nachlässigkeit: Die Handtasche im Lokal vergessen, samt ungelesener Nachrichten. Zumindest deine hätte mich durchaus interessiert. Mein Glück: Die Tasche wurde gleich entdeckt und verwahrt, deine Nachrichten warten bis morgen auf mich. Vielleicht ist es, nach all der Aufregung, nun gerade deshalb so bequem. Keine Nachrichten, keine Aufregung. Huch, schon da!
Von wegen, keine Aufregung: Überstürzter Aufbruch (äußerst unbequem), meine Sachen geschnappt, raus aus Linie 3 und gerade noch rechtzeitig zur Linie 826 geschafft. Die holpert und verunmöglicht mir mein Schreiben. Sie zittert, wackelt und kurvt, so auch mein Stift.
Am Anfang war die Linie. Linie 1. In der sitze ich nun und versuche mich in deinem französischen Text zurechtzufinden. Linie 1 um kurz nach eins, voller Schülerinnen und deren Blicke auf mein Schreiben, das nicht weiß, welchem Gedanken es zuerst folgen will. Mein Kopf – ein Knäuel aus Linien, die sich entwirren, die straff gezogen werden, je länger die Reise geht. Linie 1 ist zu kurz dafür, gleich muss ich raus und weiter. Vielleicht sind es gerade zu viele Linien, denen ich folge. Die Punkte sind gesetzt, Anfang und Ziel, vielleicht ein paar Zwischenstopps. Manchmal dauert es Wochen, bis ich die eine oder andere Linie wieder aufnehme, sie in Punkten oder Strichen wie Trippelschritten dem nächsten Etappenziel näherbringe. Ob gepunktet, gestrichelt oder durchgezogen – gerade ist keine dieser Linien. Sie winden sich, schlagen Wellen, zeichnen Umwege in Richtungen, die nie geplant waren. Am Ende ziehen sie sich straff und behaupten, stets zielstrebig gewesen zu sein. Dem traue ich nicht, niemals. So sehr ich es mir manchmal wünsche – wie eintönig wäre doch diese Geradlinigkeit: Nie würden zwei Linien sich kreuzen oder ablenken und in neue Richtungen locken. Eine jede strebte stur ihrem Ziel entgegen, ohne nach links und rechts zu schauen, rücksichtslos und unbeirrbar. Magisch wird es, wenn zwei sich treffen, einander stupsen, sich gegenseitig schieben und ziehen, umeinander winden, eins werden. Linie 1.
Ein Blick aus meinem Küchenfenster: Blauer Himmel mit weißen Wolken, Wind rauscht durch die Bäume im Hinterhof, Vogelgezwitscher, ein weinendes Baby auf dem Balkon nebenan, den ich nicht sehe. Wir kennen uns vom Hören, wohnen Wand an Wand. Wir leben hier auf engstem Raum nebeneinander her, Schuhkarton auf Schuhkarton, Küche, Bad, Wohn- und Schlafzimmer, jeder Grundriss ungefähr gleich.
Die Sonne beleuchtet die Balkone des Nachbarhauses, noch ist niemand draußen. Ein ruhiger Montagmorgen, Brückentag. Beim genaueren Hinsehen etwas Leben hinter den Fenstern: Eine rundliche Frau mit Schürze (4. Etage links), ein nackter Männerrücken (6. Etage rechts), ein Laufstall direkt am Fenster (3. Etage links).
Eine Frau im lila Bademantel mit blondem Dutt und Sonnenbrille betritt den Balkon (3. Etage rechts). Links darüber beinahe gleichzeitig für einen kurzen Moment eine junge Frau mit kurzem Haar und weißer Hose – und wieder drin, beide. Der lila Bademantel geht mehrmals rein und raus, deckt naschend einen Tisch für zwei.
Sieht mich jemand? Zu viele Fenster, aus denen zurückgeschaut werden könnte. Ich fühle mich beobachtet beim Beobachten, schließe vorsichtshalber das Fenster und hoffe, das Glas verspiegelt meinen Ausguck. Ich könnte den ganzen Morgen hier sitzen und das Treiben meiner Nachbarn protokollieren. Testweise mal frech mit dem Fernglas einen Zoom auf den Frühstückstisch: Honig, Nutella, aha.
Sie setzt sich, die Sonne scheint ihr ins Gesicht, ihr wird warm. Sie schält sich aus dem lila Frottee, darunter ein übergroßes weißes T-Shirt. Ein Mann in verwaschenem Rot betritt den Balkon, geht wieder rein und kommt wieder raus, setzt sich ihr gegenüber, jetzt mit Sonnenbrille und Smartphone. Sie trinkt, er tippt. Schlaffe Schultern, noch müde, schweigendes Wachwerden.
Der Balkon hängt voller weißer Lampions. Außerdem: eine gelbe und eine rote Laterne, Teelichter in Metallbechern mit Lochmustern, ein grauer Emailletopf mit blühenden Zweigen, eine Blumenampel mit Pfingstrosen, ein eingeklappter weißer Sonnenschirm, eine blaue Mülltüte, ein Bastkorb voller Altpapier, eine Holzkiste mit Altglas und ein futuristischer Gasgrill auf einem Holzschränkchen. Vor dem Balkon zwei Wäscheleinen mit bunten Klammern. Ihre Schatten fallen auf die Balkonverkleidung, sie doppeln sich.
Der Mann legt sein Smartphone zur Seite, sie werden munter, sprechen, trinken, löffeln Joghurt aus einem Becher. Sie rücken ihre Stühle nebeneinander, legen die Füße auf dem Balkongeländer ab, räkeln sich in der Sonne. Dann beide an ihren Smartphones, diese Fenster zur Welt.
Balkone sind Bühnen. Eine Vielzahl an Dingen wird hier ausgestellt. Sonnenschirme und bunte Wimpel, trocknende Unterhosen, wuchernde und vertrocknete Pflanzen, ein rotweißer Rettungsring im sechsten Stock. Eine Inventarliste meines Hinterhofs, Balkonporträts, Voyeurismus vom Küchenfenster aus, Ausschnitte aus dem Draußen-Wohnen meiner Nachbarn. Wir leben städtische Anonymität und ignorieren meist, wie dicht wir aufeinander sitzen, wie nah wir uns sind. Und wie ähnlich.
Meine Tage sind da, wieder nicht geklappt. So ist das. Bleiben wir halt selbst Kinder und werden nicht erwachsen. Ein Kind bei uns haben, seine Wärme spüren, seine Haut streicheln, ihm beim Schlafen zusehen. Wie es erst gar nichts kann und dann irgendwann krabbeln, babbeln, laufen, sprechen und später dann alles und besser oder anders als wir.
Gespräch mit Gabi und Hexe über die Rolle der Frau, wenn sie keine Kinder hat. Über die Sprüche, die da kommen, wenn man dann doch noch heiratet mit 46. Über das Abgemeldet sein in der Familie, wenn die Schwester mit 42 doch noch ein Kind bekommt. Und über den Druck, der jetzt da ist – gebärfähiges Alter, verheiratet, jetzt aber los und da kann man doch nachhelfen. Und wenn nicht? Längst überstanden geglaubte Rollenbilder, unfreie Zeiten, ein Leben ohne Kinder ist nicht vorgesehen.
Richards runder Geburtstag, nur wenige Häuser entfernt, eine andere Welt. Da steht er wieder, dieser Typ von vor acht Jahren, und schaut mich an, als würden wir uns kennen, als wüsste er, was hätte sein können, wer ich hätte sein können. Als ich ihn neben Richard sehe, weiß ich, dass er seinen Sohn ist. Ich kann nicht aufhören ihn anzuschauen und den Gesprächen kaum folgen. Ein kleiner Schmetterling flattert durch meinen Bauch. Ich sage ihm: Wir haben getanzt, vor acht Jahren, ich habe dich geküsst und bin dann weg, eigentlich nur kurz und dann doch heim, mit einem Anderen. Das ist mir öfter passiert, meint er lachend. Und Richard später: Er hat lange geschaut. Und ich? Suchversuche, Chaosjahre. Wenn Erinnerungen an diese Zeit wach werden, treffe ich eine andere Version von mir. So viele Möglichkeiten, mögliche Leben. Und nun also verheiratet.
Wieviel Offenheit ist mit dir wirklich möglich? Im Traum fühle ich mich von dir beobachtet. Ich empfinde deinen Blick als einengend, sobald ich nicht in dein Bild von mir passen will oder wenn ich mich erzählend neu erfinde. Wenn ich dieses Leuchten in meinen Augen habe und dieses offene neugierige Lachen im Gesicht, wenn mein Körper durch die Räume schwebt und ich wahrgenommen werde, von dir gehalten und doch frei.
Ich möchte ihn wiedersehen. Meine Gedanken wollen das. Vielleicht reicht auch das. Wieso habe ich seiner Freundin meine Karte gegeben und nicht ihm? Der Abend verging zu schnell, vor lauter Familie trauten wir uns nicht. Lass sie uns zusammen kennenlernen, vielleicht melden sie sich.
Am Abend radle ich zu Andrea, um ihr beim Kistenpacken zu helfen. Wir trinken Tee, kochen, plaudern und räumen zumindest die Küchenschränke aus. Wir machen drei Haufen: Einen für ihr Frühstück (mit so vielen Gewürzresten, dass wir herzlich lachen müssen), einen für Berlin und einen für mich: Schimmernde Liebesperlen, rosa Zucker, graues Salz und schwarzer Sesam.
Meine kalte Nasenspitze hält mich mal wieder vom Einschlafen ab.
Alles ist plötzlich unwichtig. Mit gelben Tulpen zu Jutta ins Krankenhaus. Die Sonne scheint durch die Jalousien, ein gelber Vorhang, gelbe Wände – und sie, ganz klein, mit gelben Augen und vertrocknetem Mund, die Hände an Schläuchen. So ein feiner Mensch, es geht viel zu schnell. Wir bringen Leben in ihr Zimmer, das Lachen der kleinen Carla, die über ihre Beine klettert. Wir schwelgen in Erinnerungen an gemeinsame Tage in Falmenta. Im Mai wird Jennifer heiraten, den Verlobten kennen sie noch nicht. Ich erzähle von unserer kleinen Hochzeit und schaue auf ihre Ringe, Bernd hält ihre Hand. Ich denke an dich, wie du meine Hand gehalten hast auf dem Standesamt. Alles ist besser, wenn du meine Hand hältst.
Das brauchen die Dinge, wenn sie gut werden sollen: Liebe, Zuwendung, Aufmerksamkeit.
Ich halte die Fäden achtlos in meinen Händen, so passiert gar nichts. Manchmal ziehe ich sanft an einem, dann geht es ein Stück voran. Doch wenn das Leben mich einholt, dann lasse ich die Fäden fallen und weiß plötzlich wieder, dass ich mehr bin als eine Marionette: Ich halte hier die Fäden in der Hand und wenn mich einer nicht mehr interessiert, schneide ich ihn ab.
Ich wusste es, als ich seinen Blick bemerkte. So da war noch nie jemand und so da war auch ich noch nie. Dass es das wirklich gibt, hatte ich nie geglaubt. Er schaute abwechselnd zu mir und in sein Skizzenbuch, er zeichnete, wie ich so dastand: Meine Hände, die nichts Besseres mit sich anzufangen wussten, als sich am Gurt meiner Umhängetasche festzuklammern. Ein kurzer blaue Rock, ein Streifen Rot unter dem schwarzen T-Shirt, rote Kugeln an den Ohren. Weiter kam er nicht, die Zeichnung ist nie fertig geworden. Für den Rest der Exkursion blieb ich in seiner Nähe. Es war mir egal, dass es alle bemerkten. Ich wusste: Da will ich näher ran. Das war in Berlin, vor bald sieben Jahren.