Christina Schmid
Anfänge und Enden

Drei Tage lang Bücher gestreichelt und einmal auch dich.

Spiegelbild

Wortschwallwesen fang mich auf bevor du aufspringst lässt mich sitzen im Echo meiner Suche verhallt im Rot dein Schal dimmt das Kuchenlicht. Das Schaf auf dem wir landen ganz weich beim Absturz des Luftfahrrads weil Fußkrampf beäugt von der Eule rettender Schatz. Erwarten wir Zeichen wir schenken uns nichts oder so spät schon wachgeklappert nebenan verrutschtes Gestern im Spiegelbild. Ungefragte Bilderschau bewundert bis über mich hinweg ein Fluss mäandert vorbei am Fenster das Boot schaukelt uns zum Mai.

Mittagsbaumel

Mein Kopf schaut dir zu, wie du uns dein Gartenbett zimmerst. Vorhin mit Familie daran vorbei spaziert. Nach Brombeerpfannkuchen jetzt Mittagsbaumel in der Hängematte, die Kunst des Reisens bei mir. Das Ende der Identität geht mir noch nach. Träume vom Vorlesen im Gartenhaus, das so nah ist, wir leben im Dorf.

Oktopus

In der Kirche brennt Licht, die Tür ist verschlossen, von draußen höre ich die Orgel, setze mich auf eine kalte Bank, sehe ein Schiff im Sturm, eine Flucht, einen Stummfilm in Schwarzweiß. Ich will dir alles zeigen, was ich sehe, alles teilen mit dir, alles hören, was du denkst, das ist verrückt und einfach zu viel. Warum wählst du den Oktopus? Weil er orgeln kann, die Arme überall.

Gekämmt

Man macht das Bett, kämmt sich und tut so, als wäre alles in Ordnung. Ist es nicht, nach so einer Nacht. Jetzt in der Zacke, die Sonne erklimmt die Ränder des Kessels und leuchtet. Wie schön ist eigentlich diese Stadt von oben!

Strand

Ich soll nicht mehr schlafen
Wie ich immer schlief
Eingekringelt zum Kind
Schlaflos gebettet in Kissen
Erwarte ich dich
Auf der Besucherterrasse
Erzähle dem Kind Flugzeuge
Bis du strandest
Um viertel nach elf
Wo ich schon träumte
Empfangen zu werden
Pommes ruft das Kind
Unser Lachen knistert
Goldene Möwe kurz vor Orient
Wo ich schlafen will
Wie ich noch nie schlief.

Thera

Ungelenker Augenflirt mit Maske, schöne Augen. Darf ich mal sehen, wie dein Mund aussieht? Was für ein Beruf! Soll so wehtun, oder? Und so gut! Du schließt die Augen und atmest, ich dann auch. Vielleicht lasse ich beim nächsten Besuch Contessas Herzaufkleber mit Pfeil auf der Liege zurück.

Das Herz kam mit dem ersten Liebesbrief vor 31 Tagen. Jetzt etwas ramponiert, von unserem kleinen Amor, der es überall hinklebt und dann in ein Buch, aus dem es einer Freundin in den Schoß fällt und sie zur Geliebten macht. Das Herz darf wandern, von einem zum andern, und wieder zurück an mich! Und an den, der es fand und mir schickte.

Briefchen

Briefchen voll Mut, die wir uns unter der Decke schreiben. Lieber Briefchen zustecken, als der Gegenwart trauen, die nicht geschrieben ist. All die Sätze aus unserem Telefonat – alles weg, bis auf dein Ächzen, wenn du dich vom Stuhl erhebst, und deshalb nicht hörst, wie ich sage: Wie gut, dass ich mit meinem Protagonisten telefonieren kann.

Loop

Schau mich nicht so an.
– Aber er ist gefährlich.
Kann gut sein.
– Geh nur, wenn er dir gut tut.
Ich öffne etwas in den Menschen.
– Und was machst du damit?
Mich verstecken.
– Betschwester nennt er dich.
Und dann wieder so was!
– Warum tut er das?
Frag Hera. Oder die Dämonen.
– Daher deine Angst.
Habe ich sie gesehen?
– Gespürt.
Alles sagen bricht den Bann!
– Und die Liebe?
Erstickt mit deinem Blick.
– Schade eigentlich.
Weil du alles mitliest.
– Darum schaue ich so.
Schau nicht so.
– Du solltest mal schlafen.
Bis der Winter vorbei ist.
– So lange!
Fängt erst in vier Tagen an.
– Ausgerechnet.
Nicht gerechnet.
– Sonst hättest du später gebucht.
Kann noch stornieren.
– Willst du?
Nein.
– Warum nicht?
Croissants.
– So einfach geht das?
Und Geburtstagsgeschenk!
– Wieder keins von mir.
Macht nichts.
– Doch.
Nicht so schauen!
– Sei bitte vorsichtig.
Immer.
– Naja.
Fast immer.
– Danke für dich.
Ach du.
– Ach wir!
Wir Großartigen!
– Soll er mal so sehen.
Danke für dich.

Bleib

Wenn ich nicht die bin
die du dachtest zu kennen
wenn ich nicht ich bin
durch dich
wenn ich ich bin
nur anders für dich
und du gehst jetzt
liebst du nicht mich.

Wenn du nicht bist
den ich dachte
nie kennen zu können
wenn du nicht du bist
durch mich
wenn du du bist
nur anders für mich
und ich bleib jetzt
liebe ich dann dich?

Oper

Inszenierung: Gleichzeitiges Ankommen zweier gegenüberliegender Bahnen, freudiges Parallellaufen am Bahnsteig, schnell die Treppe hinauf, meinen Arm bei dir eingehakt, dir die Kurzversion meiner neusten Lebendigkeit erzählt, während du mich wegkundig und gerade noch rechtzeitig zum zweiten Rang führst.

Orangenmarmelade

Ich traue mir so wenig wie dir. Dabei schreibst du mir die Angst weg mit deiner Orangenmarmelade um den Mund.

Zu leicht

Leichtes Mädchen, läufst davon, bergauf auf Pfaden deiner Kindheit, vorbei am Schlittenhügel, ohne Schnee, Nebel über den Wiesen, durch den Wald über den verwurzelten Weg, bei dem Papa für uns Prinzessinnen immer von Kutschen sprach, zum Lieblingsplatz: Die Bank mit Blick ins Donautal.

Wir

›Wir‹ bleibt beweglich,
ein Traum mit Schloss,
eine Heimat auf Zeit.

Luxus

Der Luxus eines vollen Terminkalenders, um den du mich beneidest. Mal tauschen für einen Tag?

Diagnose

Ich frage nach meiner Schulter und bekomme eine Diagnose für meine ganze Generation, die sich (laut Orthopädin) Visionen bastelt und, wenn sich was nicht erfüllt: heult. Statt mir die Röntgenbilder meiner krummgesessenen Knochen zu erklären, schrumpft sie mich mit der Standpauke einer Sportlehrerin zur wütenden Zehnjährigen: Sie sind nicht mehr jung, kaufen Sie sich ein Rudergerät! Zum Abschied eine Umarmung (Hä?) und ein Zettel: 1 km Rudern, 10.000 Schritte, 1 h Radfahren. Aber wohin?

Leicht

Du umarmst wie ein Brett und tanzt wie ein Soldat, deine Sprache will leicht sein, doch dann wieder: Sokrates.

Fremde

In deiner Handschrift lese ich Freunde, wo du Fremde schreibst.

Alles

Ein Changieren zwischen dem Gefühl, dass ihr alles zusteht und dem Zweifel, es nicht verdient zu haben.

Wie sehr die Welt der Familie bestimmend und doch rätselhaft bleibt.

Funkeln

Wenn ich an dich denke, habe ich eine Begegnung im Kopf, warme Sommernacht in der Stadt und du sprühst und leuchtest und verkündest mit funkelnden Augen: Das ist mein Sommer! Das hat mich so beeindruckt, dass ich seither meinen Sommer erwarte. Vielleicht war der aber auch schon 2011, als alles begann – mein Glück, das ich vor lauter Gleichzeitigkeit zu oft übersehe. Danke, dass du mir deinen Blick darauf schenkst.

Sommergarten

Im Garten plötzlich alles voller roter Beeren, Ketten aus Johannis, Tupfen aus Him. Dein kleiner Mund rot verschmiert, wie auch die Finger, die zupfen und füttern. Ein Sommerfest!

Backenliteratur

fc. ich cggggc buch. c c gc. ü p. p p p öä pö ö ü

Drachen

Du schickst mir einen lilablauen Drachen als Antwort zu meiner Vorfreude auf kurz gemütlich. Entweder hast du minutenlang nach ihm gesucht oder ihn schon öfter verschickt. Sein blauer Schweif schlägt fröhliche Wellen im Wind. Eine dünne Schnur hält ihn fest, sogar doppelt. Dennoch: Ein bisschen Freiheit zwischen zwölf und zwei.

Angefangene Geschichten ohne Ende.

Verloren

Ein Treffen wie ein Schachspiel: Jeder Zug birgt Gefahren, die ich versuche zu erahnen, nur gibt es keine Regeln und verloren haben wir uns längst.

Auf Probe

Kindheit durchgespielt, Jugend getestet, Beruf ausprobiert, Ehe gewagt und mich als Mutter versucht. Als wäre dieses Leben eine Probe und nicht schon die Aufführung – die einzige übrigens.