Du wächst so schnell und streckst dich lang, wirst schwerer und wacher mit jedem Tag. Wir warten auf dein Lachen, tun alles, um dich zu trösten, bei jedem Pups, mit dem du kämpfst. Wir streicheln deine feinen Haare über dem Köpfchen, das wir schon zehn Stunden vor deiner Ankunft in mir spüren durften, ein unvergessliches Gefühl. Deine runden Backen, die Stupsnase, der kleine Mund und das lustige Kinn. Und wie bei mir: Die Falten um die Augen, die hellen Wimpern, die spitze Oberlippe und eindeutig die Ohren. Die weichen Falten an deinem Hals, wo du dich gar nicht gerne waschen lässt. In deinem Nacken leuchtet ein Storchenbiss. Dein fester Trommelbauch, mit dem versteckten Nabel und der zarten warmen Haut, die wir so gerne küssen. Von Kopf bis Fuß finden wir dich zum Knutschen und die Liebe wächst wie du. Schläfst du mal länger, dann vermissen wir dich – selbst dein Schreien klingt dann wie Musik in uns nach. Auch wenn dein Gesicht verzweifelt rot wird, dein Mund sich verzerrt, die Unterlippe bebt und deine Augen sich maximal zusammenkneifen, finden wir dich wunderbar. Nur halten wir es nicht lange aus, wir wollen, dass es dir gut geht, immer. Wir halten deine rudernden Arme und Beine, wenn du Angst hast zu fallen – ins Nichts dieser viel zu großen Welt, die so klein ist, seit du da bist.
Seit zwei Wochen habe ich einen Ohrwurm. Der geht erst weg, wenn wir das Original gefunden haben. Ich kann die feine Melodie summen, dazu haucht eine Frauenstimme vorsichtig »and I sleep … sleep …sleep«. Doch wie das Lied, zu dem wir in unserer ersten Nacht in Berlin getanzt haben, werden wir es nicht mehr finden in deinem Meer aus Musik.
Schlaflos vor lauter Namen im Kopf.
Felix und Sven aus dem Nachbarhaus fällt die Decke auf den Kopf. Sie fragen bei der Hausverwaltung, ob sie den Garten im Hinterhof bepflanzen dürfen. Mit handgeschriebenen Briefen an den Kellertüren laden sie zum Mitmachen ein. Nach einer Woche Umgraben und Kampf mit Girsch werden zu Ostern die Primeln und Kräuter eingepflanzt, sogar einen Sandkasten haben sie unter dem Efeu freigelegt. Nach und nach schauen die Nachbarn bei ihnen vorbei, die mit den Kindern zuerst. Sie bringen Setzlinge, Gartenmöbel, Ostereier oder Wein. Wir finden im Schrank noch Samen für Schnittlauch, Rucola, Sonnenblumen und eine Schwarzäugige Susanne, »klettert« hat Mama vor Jahren in ihrer gut gelaunten Schrift darauf geschrieben, als sie noch Hoffnung hatte in unsere grünen Daumen. Beim Wasseranschluss im Keller finden wir einen Schlauch, das geht schneller als mit den Gießkannen zum Wasserholen in den dritten oder fünften Stock. So gießen wir das Werk der Nachbarn und sind gespannt, was hier wohl wächst und was nicht. Und ob sich nach Corona noch jemand um den Garten kümmert. Ein Gartenfest wäre nett.
Mittagsschlaf in der Sonne auf dem Bett. Alles ruhig in mir, jetzt auch die Haut. Nur langsam machen mich diese Tabletten, von denen schon eine halbe genügt, um mich in einen Dämmer zu versetzen. Es duftet nach gekochter Orange, die du zum Kuchen machst. Du bist wieder da, nach Tagen im Tunnel aus Bildern von Brücken mit Bäumen, zwar hier, doch neben mir. Du schlägst Eier auf den Metallrand der Schüssel, es klirrt und knackt sechsmal. Vom Bett aus schaue ich dir zu.
Die Zeit hat keine Bedeutung mehr. Wie viele Tage sind wir schon hier? Gestern war ich draußen, der Wocheneinkauf, danach war ich erschöpft wie sonst nach einer Reise. Wie anstrengend war unser Leben zuvor. Wie lässt sich ein Weniger leben, weniger Kommunikation, weniger Termine oder Rennerei? Im Sommer wäre es wieder soweit: Eineinhalb Jahre, länger hält doch keiner meiner Büroversuche.
Statt in Frankreich in der Ruhe rings ums Schloss liege ich im halbrunden Park vor unserer Tür, umkurvt von Autos, die gerade sicherer sind als öffentliche Verkehrsmittel. Mittagsmüde liege ich im Gras und schaue zu den letzten nackten Ästen vor Blau. Kein Gedanke folgt dem vorherigen, jeder strebt in eine andere Richtung, wie diese Zweige über mir. Meine Haut kribbelt wie jeden April. Besser gleich wieder rein in die pollenfreie Zone, doch kurz Abstand tut gut. Die letzten Tage mochte ich dich nicht. Auch von der Begeisterung für meine Muse ist nicht mehr viel zu spüren, seit wir jeden Abend telefonieren. Inspiriert hat mich wohl doch das Zappeln, das Warten auf seine seltenen und dadurch kostbaren Zeichen.
Jede Bank im Park ist besetzt von ein oder zwei Personen. Ein Vater rennt mit seiner Tochter barfuß durchs Gras. Wie lange ist es her, seit ich barfuß draußen war? Einmal im Winter beim Spaziergang mit dir, ich wollte was spüren. Spitze Steine und kalter Matsch zwischen den Zehen.
Zwei junge Mamas mit Picknickdecke lassen sich neben mir nieder. Das Baby trägt einen riesigen Hut mit Blümchen, darunter runde Backen. Es will aufstehen, braucht eine Hand, dann steht’s und wackelt mit dem gut gepolsterten Po. Samt Decke wird es über die Wiese gezogen, der Sonne hinterher. Krabbelspaziergang durch Gänseblümchen und Löwenzahn Richtung lila Blütenteppich.
Eine Haarsträhne im Wind, ihr Schatten in meinem Buch, die Strähne schreibt mit, der Wind will mir was sagen. Keine zweihundert Meter von deinem Homeoffice entfernt, da liebe ich dich wieder sehr. Du nimmst es leicht, alles. Du vertraust, dem Leben und uns.
Mein Mann hat sich den Bart abrasiert, jetzt sieht er aus wie auf den Fotos mit achtzehn. Ich kenne ihn nicht mehr und küsse einen Fremden.
In der Mittagspause wollen wir zu den Tischtennisplatten im Park, doch die sind mit rotweißem Band abgesperrt – dabei wäre der empfohlene Mindestabstand hier nun wirklich gegeben. Die Polizei patrouilliert und hebt bedauernd die Hände, gestern mussten sie sogar ein Paar vom Basketballkorb vertreiben. Zurück in den Nachrichten scheinen mir gesperrte Sportflächen und Spielplätze das kleinste Problem, die Lage in den Krankenhäusern New Yorks liest sich verheerend. Andrea schreibt aus der Geister-Stadt, die nur noch als Hülle besteht: Sie müssen jetzt innerhalb von sieben Tagen ihren Umzug organisieren, es gibt fast keine Flüge mehr zurück nach Deutschland. Über meine Träume muss sie schmunzeln. Auch so träumt sie sehr häufig von Verfolgungsjagden, Terroranschlägen, Zombies und Co, nun mischt sich das mit Naturkatastrophen und humanen Experimenten. Wo ich gedanklich schon in New York bin, schreibe ich Pete, es geht ihm gut, er ist zu Hause und wohnt noch immer in unserer Wohnung in Bushwick, in der er für immer bleiben wird – oder bis der Landlord das Haus verkauft. Er hat jetzt eine Katze namens Ivan und ein Programm für Chrome geschrieben, das ›Coronavirus‹ durch ›Boogaloo Flu‹ ersetzt.
Es geht nicht ums Geld, es geht um Leben und Zeit.
Vielleicht doch ein Buch über einen Protagonisten, der keine Lust hat und keine Zeit. Das Warten auf ein Zeichen, ein Stichwort, eine Geschichte. Also ein Buch über die Autorin. Du traust mir das Erfinden durchaus zu, in den Träumen tue ich es ja auch.
Sei bloß kein Ringelnatz! Sonst wirst du zum Lesezeichen.
Du, meine liebe Muse, hast mich für heute ausgeladen. Dieser Virus macht dich fertig, dein Labor hält dich fest und weil keiner mehr da ist, musst du jetzt alles selber machen. Chemikalien bestellen zum Beispiel und die Kühlkammer desinfizieren, bis du high bist. Du hast mich nicht nur ausgeladen, ich habe dir auch einen Gegenvorschlag gemacht: Virtuell treffen und gemeinsam in die Oper. Andrej lässt anfragen: Was ziehen wir an? Nichts, entgegnet mein Kopf und ich schreibe: Das rote Kleid. Wonach ist Andrej? Drei vor sieben schickst du mir ein Bild aus dem Labor – also im weißen Kittel in die Oper? Die ist jetzt offensichtlich abgesagt.
Nach fünf Jahren im täglichen Einsatz ist der gelbe Kuli leergeschrieben. Seine letzten blassen Worte: Endlich ein von oben …
Zwei Dus: Mein Mann und meine Muse.
Ab morgen dann zu zweit im Homeoffice. Nach Corona sind wir statt Architekt und Grafikerin womöglich E-Komponist und Bloggerin bzw. lebenslange Tagträumerin mit Schreibzwang.
Besuch in diesen eigentlich einsamen Tagen. Leichtsinnig? Vielleicht. Wir spazieren zu weit hinauf und zu steil hinab für deine feinen Schuhe, doch Auslauf tut gut und ist noch erlaubt, auch für Laborhamster und Computermaus. Zum Essen gibt es bunte Bete und süßen Fenchel, den halben Tag habe ich singend in der Küche verbracht. Nun bin ich müde vor lauter Pollen und überfordert damit, nicht mehr nur ich zu sein, wie ich mich dir schreibe, sondern auch alles, was ich hier in den letzten Jahren aufgetürmt habe und was nicht. Mein Mann kommt heim und ihr testet sein neues Miniklavier, bis ich frage, ob ich dich noch kurz für mich haben darf. Etwas trampelig, auch das bin ich. Könntest du dich klonen, dann würde Andrej mit ihm gehen und Andreas und Andruschka mit mir. Wir sitzen am Boden vor dem Bücherregal und schauen, was für dich passt, eher Seethaler als Kästner, die Frauen lässt du bei mir, bis auf meine Träume, die ich dir gestern gebunden habe. Kurz sprechen wir noch über unsere WG, du fragst, ob ich eigentlich schon dort war. Ich war nur in deiner und die ist zu klein für uns vier. Also sind wir auf Wohnungssuche – und das in diesen Zeiten? Vielleicht diskutieren wir auch schon, ob der Flur nun blau oder glitzernd gestrichen werden soll. Andruschka sitzt mit Drink daneben und mag die Idee der Sonne in der Discokugel – also doch weiß.
Schreib mit, jetzt passiert was, dafür hast du dich all die Jahre vorbereitet, das Einigeln geprobt. Die Welt ist krank und bleibt zu Hause. Noch genießen wir den Ausnahmezustand, die verordnete Verlängerung des Winters in den Frühling hinein. Hausarrest. Weil alle zu Hause sind, seien wir jetzt verbundener als zuvor, heißt es. Ich frage dich, ob wir uns dennoch sehen, du hast keine Angst und kommst gern. Verbunden in Zeiten des abnehmenden Programms. Berlin und Frankreich sind abgesagt und Griechenland ist verschoben. Meine Augen weinen, zu viel gelesen und geschrieben, kein Weitblick mehr.
Bald bin ich durch mit deinem Buch. Zwischen Seite 414 und 415 der Abdruck von Sandkörnern im Falz. Zwei Seiten später rieseln sie mir auf den Bauch.
Deine vierundneunzigjährige Oma lässt sich von Corona nicht aufhalten und sicher nicht das Einkaufen abnehmen, sie hat ja schon ganz andere Krankheiten überlebt. Ich überlege, ob ich meinen Nachbarn anbieten soll, für sie einkaufen zu gehen, aber ihr Sohn wohnt ja auch noch im Haus. Der für heute geplante Besuch meiner Omas wird erst mal auf unbestimmte Zeit verschoben. Also passt mein Lebensstil ganz gut zu den Empfehlungen: Ich bleibe im Bett mit deinem Buch ›Abbitte‹, das mich erst einlullt und dann schrecklich leiden lässt: An einem heißen Sommertag erfindet ein dreizehnjähriges Mädchen eine Geschichte, die zur Lüge wird und mindestens drei Leben zerstört. Jetzt Teil zwei, es ist Krieg. Vom Buch wandert mein Blick in die Nachrichten, die ich sonst so gut zu ignorieren weiß. Eine Deutschlandkarte mit steigenden Zahlen an Infizierten und eigentlich wie immer: Lob für Merkels Ruhe und Tadel für Trumps Ignoranz. Im Postfach regnet es Absagen: Keine Chorproben, kein Klassentreffen, kein Workshoptag zum Wohnprojekt. Irgendwie fühle ich mich erleichtert. Vielleicht doch ganz gut, Dinge noch nicht erledigt zu haben, Urlaubsplanung, Geldanlage, Kinderkriegen. Ob gut, ob schlecht, wer weiß das schon? Ansonsten: Wilde Knutscherei im Stehen (was sich überraschend jugendlich anfühlt) in der Küche, die nun nach fast einem Jahr so richtig eingeweiht ist.
Das Wetter heute ist doch mal wieder wie gemacht für uns zwei!
Ich lese in deinem Buch, das du am Strand gelesen hast. Es riecht anders als meine und anders als neue Bücher, auch anders als die Bücher aus der Bibliothek oder aus den Kisten unserer Nachbarschaft, und ganz anders als das Buch, das meine Oma neulich ausgemistet hat – wenn ich darin lese, bin ich bei ihr und fühle mich wohl. Vielleicht ist es ihr Waschmittel, das alles um sie herum so riechen lässt. Wie wohl meine Bücher riechen? Sich selbst riecht man ja nicht. Papier fängt Düfte ein und vermischt sie mit den Geschichten.
Diese Woche lebe ich in einer Welt aus Zahlen. Euros und Stunden, zu viele, zu teuer. Hochstaplerin im Dienst bis spät. Da ist dann kein Platz mehr für Nettigkeit.
Die Mücken in unserer Wohnung – fast habe ich mich an sie gewöhnt. Kohabitation. Am liebsten kommt eine zu mir ins Licht, wenn ich lese oder einen Film schaue, dann krabbelt sie zwischen den Zeilen und Szenen herum.
Du lässt mich warten. Kommt davon, wenn man mit Bakterien und Orgeln verpartnert ist. So wird das aber nix mit deinem Buch. Augen auf bei der Protagonistenwahl!
Zur Einstimmung schickst du mir deine Orgelimprovisation einer bedröppelten Christina im Regen – klingt nach Sintflut, die nach der Eiszeit kommt. Vor lauter Vorfreude mag ich gleich los in den Sturm zum Bus zu dir unter den Schirm. Zur Vorspeise setzen wir uns an die Kirchenorgel, ich traue mich nicht zu spielen an so vielen Tasten nach so vielen Jahren. Lieber lausche ich deinem Sprint durch die Musikgeschichte von Buxtehude zu den Franzosen über Bach ins zwanzigste Jahrhundert. Die feinen Orgelschuhe machen dich zur Märchenfigur und das Orchester unter deinen Fingern spult in meinem Kopf gleich mehrere Filme im Schnelldurchlauf ab. Neben den Tasten liegt ein Heft für Orgelschäden und ein Telefonhörer für einsame Organisten.
Zwei Straßen weiter am Kühlschrank deiner Küche (auch Why-Not-Bar genannt) findet sich für jede Gefühlslage ein passender Spruch. Erst Nachtisch, dann Hauptgang, dazu Wein und zwei Leben. Du beschreibst mich als Briefumschlag, in dem ein Päckchen steckt, wenn man ihn nur aufmacht. Du lernst so viele Christinas kennen heute Abend, eine davon zieht in die WG von Andreas, Andrej und Andruschka.
Zwei Narzissen, die sich gegenseitig beäugen.
Ich hab mich verguckt, sage ich dir gleich, als ich heimkomme. Du lachst, kennst das schon von mir. Du weißt, da ist ein ganz feiner Mensch, den will ich kennenlernen. Du hast es selbst mal erlebt, wie das ist, wenn ich plötzlich da bin, ganz und gar. Das lässt sich nicht beiseite schieben, das ist dann so. Ich bin verknallt. Vielleicht habe ich mir damit ein Wort aus der falschen Schublade geangelt. Neugierig, interessiert, fasziniert – es geht doch auch eine Nummer kleiner. Doch diese unmittelbare Begeisterung für einen neuen Menschen trifft der Knall doch am besten.
In meinem Kopf hallt der Samstag nach, ein vielstimmiges Plapperkonzert. Zwischen Wandern und Tanzen ein paar Tränen im Zug, mein Gesicht im Spiegel der nächtlichen Scheibe.
Dann eine Begegnung im Tanz, ein Stichwort zum Schreiben, eine Einladung aufs Schloss Vellexon. Tatsächlich! Dieser Ort, den ich so liebe – aus dem wir vorletzten Sommer rausgeflogen sind. Seither suchen wir nach einem neuen Schloss. Nun kommt der Ort zu mir zurück, mit neuen Menschen. Ist es dann noch der Ort?