Statt in Frankreich in der Ruhe rings ums Schloss liege ich im halbrunden Park vor unserer Tür, umkurvt von Autos, die gerade sicherer sind als öffentliche Verkehrsmittel. Mittagsmüde liege ich im Gras und schaue zu den letzten nackten Ästen vor Blau. Kein Gedanke folgt dem vorherigen, jeder strebt in eine andere Richtung, wie diese Zweige über mir. Meine Haut kribbelt wie jeden April. Besser gleich wieder rein in die pollenfreie Zone, doch kurz Abstand tut gut. Die letzten Tage mochte ich dich nicht. Auch von der Begeisterung für meine Muse ist nicht mehr viel zu spüren, seit wir jeden Abend telefonieren. Inspiriert hat mich wohl doch das Zappeln, das Warten auf seine seltenen und dadurch kostbaren Zeichen.
Jede Bank im Park ist besetzt von ein oder zwei Personen. Ein Vater rennt mit seiner Tochter barfuß durchs Gras. Wie lange ist es her, seit ich barfuß draußen war? Einmal im Winter beim Spaziergang mit dir, ich wollte was spüren. Spitze Steine und kalter Matsch zwischen den Zehen.
Zwei junge Mamas mit Picknickdecke lassen sich neben mir nieder. Das Baby trägt einen riesigen Hut mit Blümchen, darunter runde Backen. Es will aufstehen, braucht eine Hand, dann steht’s und wackelt mit dem gut gepolsterten Po. Samt Decke wird es über die Wiese gezogen, der Sonne hinterher. Krabbelspaziergang durch Gänseblümchen und Löwenzahn Richtung lila Blütenteppich.
Eine Haarsträhne im Wind, ihr Schatten in meinem Buch, die Strähne schreibt mit, der Wind will mir was sagen. Keine zweihundert Meter von deinem Homeoffice entfernt, da liebe ich dich wieder sehr. Du nimmst es leicht, alles. Du vertraust, dem Leben und uns.
Mein Mann hat sich den Bart abrasiert, jetzt sieht er aus wie auf den Fotos mit achtzehn. Ich kenne ihn nicht mehr und küsse einen Fremden.
In der Mittagspause wollen wir zu den Tischtennisplatten im Park, doch die sind mit rotweißem Band abgesperrt – dabei wäre der empfohlene Mindestabstand hier nun wirklich gegeben. Die Polizei patrouilliert und hebt bedauernd die Hände, gestern mussten sie sogar ein Paar vom Basketballkorb vertreiben. Zurück in den Nachrichten scheinen mir gesperrte Sportflächen und Spielplätze das kleinste Problem, die Lage in den Krankenhäusern New Yorks liest sich verheerend. Andrea schreibt aus der Geister-Stadt, die nur noch als Hülle besteht: Sie müssen jetzt innerhalb von sieben Tagen ihren Umzug organisieren, es gibt fast keine Flüge mehr zurück nach Deutschland. Über meine Träume muss sie schmunzeln. Auch so träumt sie sehr häufig von Verfolgungsjagden, Terroranschlägen, Zombies und Co, nun mischt sich das mit Naturkatastrophen und humanen Experimenten. Wo ich gedanklich schon in New York bin, schreibe ich Pete, es geht ihm gut, er ist zu Hause und wohnt noch immer in unserer Wohnung in Bushwick, in der er für immer bleiben wird – oder bis der Landlord das Haus verkauft. Er hat jetzt eine Katze namens Ivan und ein Programm für Chrome geschrieben, das ›Coronavirus‹ durch ›Boogaloo Flu‹ ersetzt.
Es geht nicht ums Geld, es geht um Leben und Zeit.
Vielleicht doch ein Buch über einen Protagonisten, der keine Lust hat und keine Zeit. Das Warten auf ein Zeichen, ein Stichwort, eine Geschichte. Also ein Buch über die Autorin. Du traust mir das Erfinden durchaus zu, in den Träumen tue ich es ja auch.
Sei bloß kein Ringelnatz! Sonst wirst du zum Lesezeichen.
Du, meine liebe Muse, hast mich für heute ausgeladen. Dieser Virus macht dich fertig, dein Labor hält dich fest und weil keiner mehr da ist, musst du jetzt alles selber machen. Chemikalien bestellen zum Beispiel und die Kühlkammer desinfizieren, bis du high bist. Du hast mich nicht nur ausgeladen, ich habe dir auch einen Gegenvorschlag gemacht: Virtuell treffen und gemeinsam in die Oper. Andrej lässt anfragen: Was ziehen wir an? Nichts, entgegnet mein Kopf und ich schreibe: Das rote Kleid. Wonach ist Andrej? Drei vor sieben schickst du mir ein Bild aus dem Labor – also im weißen Kittel in die Oper? Die ist jetzt offensichtlich abgesagt.
Nach fünf Jahren im täglichen Einsatz ist der gelbe Kuli leergeschrieben. Seine letzten blassen Worte: Endlich ein von oben …
Zwei Dus: Mein Mann und meine Muse.
Ab morgen dann zu zweit im Homeoffice. Nach Corona sind wir statt Architekt und Grafikerin womöglich E-Komponist und Bloggerin bzw. lebenslange Tagträumerin mit Schreibzwang.
Besuch in diesen eigentlich einsamen Tagen. Leichtsinnig? Vielleicht. Wir spazieren zu weit hinauf und zu steil hinab für deine feinen Schuhe, doch Auslauf tut gut und ist noch erlaubt, auch für Laborhamster und Computermaus. Zum Essen gibt es bunte Bete und süßen Fenchel, den halben Tag habe ich singend in der Küche verbracht. Nun bin ich müde vor lauter Pollen und überfordert damit, nicht mehr nur ich zu sein, wie ich mich dir schreibe, sondern auch alles, was ich hier in den letzten Jahren aufgetürmt habe und was nicht. Mein Mann kommt heim und ihr testet sein neues Miniklavier, bis ich frage, ob ich dich noch kurz für mich haben darf. Etwas trampelig, auch das bin ich. Könntest du dich klonen, dann würde Andrej mit ihm gehen und Andreas und Andruschka mit mir. Wir sitzen am Boden vor dem Bücherregal und schauen, was für dich passt, eher Seethaler als Kästner, die Frauen lässt du bei mir, bis auf meine Träume, die ich dir gestern gebunden habe. Kurz sprechen wir noch über unsere WG, du fragst, ob ich eigentlich schon dort war. Ich war nur in deiner und die ist zu klein für uns vier. Also sind wir auf Wohnungssuche – und das in diesen Zeiten? Vielleicht diskutieren wir auch schon, ob der Flur nun blau oder glitzernd gestrichen werden soll. Andruschka sitzt mit Drink daneben und mag die Idee der Sonne in der Discokugel – also doch weiß.
Schreib mit, jetzt passiert was, dafür hast du dich all die Jahre vorbereitet, das Einigeln geprobt. Die Welt ist krank und bleibt zu Hause. Noch genießen wir den Ausnahmezustand, die verordnete Verlängerung des Winters in den Frühling hinein. Hausarrest. Weil alle zu Hause sind, seien wir jetzt verbundener als zuvor, heißt es. Ich frage dich, ob wir uns dennoch sehen, du hast keine Angst und kommst gern. Verbunden in Zeiten des abnehmenden Programms. Berlin und Frankreich sind abgesagt und Griechenland ist verschoben. Meine Augen weinen, zu viel gelesen und geschrieben, kein Weitblick mehr.
Bald bin ich durch mit deinem Buch. Zwischen Seite 414 und 415 der Abdruck von Sandkörnern im Falz. Zwei Seiten später rieseln sie mir auf den Bauch.
Deine vierundneunzigjährige Oma lässt sich von Corona nicht aufhalten und sicher nicht das Einkaufen abnehmen, sie hat ja schon ganz andere Krankheiten überlebt. Ich überlege, ob ich meinen Nachbarn anbieten soll, für sie einkaufen zu gehen, aber ihr Sohn wohnt ja auch noch im Haus. Der für heute geplante Besuch meiner Omas wird erst mal auf unbestimmte Zeit verschoben. Also passt mein Lebensstil ganz gut zu den Empfehlungen: Ich bleibe im Bett mit deinem Buch ›Abbitte‹, das mich erst einlullt und dann schrecklich leiden lässt: An einem heißen Sommertag erfindet ein dreizehnjähriges Mädchen eine Geschichte, die zur Lüge wird und mindestens drei Leben zerstört. Jetzt Teil zwei, es ist Krieg. Vom Buch wandert mein Blick in die Nachrichten, die ich sonst so gut zu ignorieren weiß. Eine Deutschlandkarte mit steigenden Zahlen an Infizierten und eigentlich wie immer: Lob für Merkels Ruhe und Tadel für Trumps Ignoranz. Im Postfach regnet es Absagen: Keine Chorproben, kein Klassentreffen, kein Workshoptag zum Wohnprojekt. Irgendwie fühle ich mich erleichtert. Vielleicht doch ganz gut, Dinge noch nicht erledigt zu haben, Urlaubsplanung, Geldanlage, Kinderkriegen. Ob gut, ob schlecht, wer weiß das schon? Ansonsten: Wilde Knutscherei im Stehen (was sich überraschend jugendlich anfühlt) in der Küche, die nun nach fast einem Jahr so richtig eingeweiht ist.
Das Wetter heute ist doch mal wieder wie gemacht für uns zwei!
Ich lese in deinem Buch, das du am Strand gelesen hast. Es riecht anders als meine und anders als neue Bücher, auch anders als die Bücher aus der Bibliothek oder aus den Kisten unserer Nachbarschaft, und ganz anders als das Buch, das meine Oma neulich ausgemistet hat – wenn ich darin lese, bin ich bei ihr und fühle mich wohl. Vielleicht ist es ihr Waschmittel, das alles um sie herum so riechen lässt. Wie wohl meine Bücher riechen? Sich selbst riecht man ja nicht. Papier fängt Düfte ein und vermischt sie mit den Geschichten.
Diese Woche lebe ich in einer Welt aus Zahlen. Euros und Stunden, zu viele, zu teuer. Hochstaplerin im Dienst bis spät. Da ist dann kein Platz mehr für Nettigkeit.
Die Mücken in unserer Wohnung – fast habe ich mich an sie gewöhnt. Kohabitation. Am liebsten kommt eine zu mir ins Licht, wenn ich lese oder einen Film schaue, dann krabbelt sie zwischen den Zeilen und Szenen herum.
Du lässt mich warten. Kommt davon, wenn man mit Bakterien und Orgeln verpartnert ist. So wird das aber nix mit deinem Buch. Augen auf bei der Protagonistenwahl!
Zur Einstimmung schickst du mir deine Orgelimprovisation einer bedröppelten Christina im Regen – klingt nach Sintflut, die nach der Eiszeit kommt. Vor lauter Vorfreude mag ich gleich los in den Sturm zum Bus zu dir unter den Schirm. Zur Vorspeise setzen wir uns an die Kirchenorgel, ich traue mich nicht zu spielen an so vielen Tasten nach so vielen Jahren. Lieber lausche ich deinem Sprint durch die Musikgeschichte von Buxtehude zu den Franzosen über Bach ins zwanzigste Jahrhundert. Die feinen Orgelschuhe machen dich zur Märchenfigur und das Orchester unter deinen Fingern spult in meinem Kopf gleich mehrere Filme im Schnelldurchlauf ab. Neben den Tasten liegt ein Heft für Orgelschäden und ein Telefonhörer für einsame Organisten.
Zwei Straßen weiter am Kühlschrank deiner Küche (auch Why-Not-Bar genannt) findet sich für jede Gefühlslage ein passender Spruch. Erst Nachtisch, dann Hauptgang, dazu Wein und zwei Leben. Du beschreibst mich als Briefumschlag, in dem ein Päckchen steckt, wenn man ihn nur aufmacht. Du lernst so viele Christinas kennen heute Abend, eine davon zieht in die WG von Andreas, Andrej und Andruschka.
Zwei Narzissen, die sich gegenseitig beäugen.
Ich hab mich verguckt, sage ich dir gleich, als ich heimkomme. Du lachst, kennst das schon von mir. Du weißt, da ist ein ganz feiner Mensch, den will ich kennenlernen. Du hast es selbst mal erlebt, wie das ist, wenn ich plötzlich da bin, ganz und gar. Das lässt sich nicht beiseite schieben, das ist dann so. Ich bin verknallt. Vielleicht habe ich mir damit ein Wort aus der falschen Schublade geangelt. Neugierig, interessiert, fasziniert – es geht doch auch eine Nummer kleiner. Doch diese unmittelbare Begeisterung für einen neuen Menschen trifft der Knall doch am besten.
In meinem Kopf hallt der Samstag nach, ein vielstimmiges Plapperkonzert. Zwischen Wandern und Tanzen ein paar Tränen im Zug, mein Gesicht im Spiegel der nächtlichen Scheibe.
Dann eine Begegnung im Tanz, ein Stichwort zum Schreiben, eine Einladung aufs Schloss Vellexon. Tatsächlich! Dieser Ort, den ich so liebe – aus dem wir vorletzten Sommer rausgeflogen sind. Seither suchen wir nach einem neuen Schloss. Nun kommt der Ort zu mir zurück, mit neuen Menschen. Ist es dann noch der Ort?
Sabine bläst das Licht aus, Stromausfall, selbst das Sturmlicht am Hafen blinkt nicht mehr. Sie lässt die Fenster zittern, zerrt an den Bäumen und macht Wellen wie am Meer. Alle Schwäne schauen in eine Richtung und sitzen wie Rennfahrer vor dem Start auf dem Wasser neben dem Feuerwehrboot. Wer vergibt den Namen meiner Mutter an so ein Unwetter? Keine Bahn fährt, mein Besuch hängt hier fest.
Du schreibst aus dem Bus und verrätst mir etwas (in Klammern), das dich zum dritten Mal auf den Kopf stellt. Jede Woche eine neue Information. Du machst das gut, das hält mich wach und mein Bild von dir lebendig. O Mensch, bewein dein Sünde groß. Während du Orgel übst, finde ich meinen Blog von 2007, meine Zeit in New York. Zeiten der Sünde? Wann warst du im Kloster?
Dieses Stöbern in alten Notizen ist wie ein langer Blick in den Spiegel. Eigentlich will ich das nicht sehen. Was für eine Zeitverschwendung, mir im Spiegel beim Älterwerden zuzuschauen. Später werde ich schreiben, denke ich oft. Vielleicht schon seit ich schreiben kann. Ich schreibe ja längst und dieses Schreiben, seine Entwicklung und Anfänge werden sichtbar in meinem Blog.
Alle scheinen zu wissen, wer du bist. Hat dich mal jemand gefragt? Die Suche beginnt in deinem Innersten. Bist du bereit, da reinzugehen? Und mich mitzunehmen? Was soll ich da? Vielleicht ist Verlieben nur eine Idee, ein Ausbruch aus dem was ist, was ich schon kenne. Eine Flucht vom Selbst. Nur noch du, alles andre egal. Alle Gedanken richten sich an dich. Sie brauchen ein Gegenüber, Resonanz, um ihre Kraft zu spüren. Wie der Sturm da draußen, der den See aufwühlt.
Innerhalb von Minuten löst sich der Nebel auf. Erst schaut der Kirchturm raus, dann das andere Ufer. Ich sitze schreibend im Sand der Schmugglerbucht, kneife die Augen zusammen vor lauter Licht. Sonniger Windhauch, in Erwartung auf Wirbelsturm. Lass dich nicht wegwehen!
Dein Leben ist gerade so viel voller und schneller als meins. Das habe ich nach meinem letzten Jahr im Dauerlauf abgebremst, um genauer hinzuschauen. Um mich einzulassen auf das, was kommen mag. Auf dem Weg zeigen sich zarte Blättchen, die gedanklich zu Büchern heranwachsen. Nur das eigentliche Beet liegt brach, egal wie regelmäßig wir gießen. Seit fünf Jahren, wie ich heute in meinen Notizen las.
Auf dem Weg zu meinem geliebten Bodensee hält der Zug jetzt so, dass der Mond an der Oberleitung hängen bleibt, in einer Linie über dem Fernsehturm. Im Gepäck die bislang ungeplünderten Notizbücher meiner letzen fünf Jahre. Rohdiamanten, vielleicht.