Christina Schmid
Anfänge und Enden

Polyfonie

Den Vormittag verbringe ich lesend. Den Wortschatz auffrischen, auf der Suche nach Begriffen aus der queeren Szene – als wäre das ein Club, in dem eine verheiratete Frau nichts zu suchen hat. Worte für Schubladen. Und die Zwischentöne? Bekommen ein Plus. Heteronormative Welt, ja, wir sind viele, die Norm, wieviele sind mehr, mehr als hetero und mono, um poly ging unser erstes Gespräch, daran ändert doch Heiraten nichts.

Als Kind wollte ich ein Junge sein und bitte bloß keine Brüste bekommen. Ich war sowas von ein Mädchen, am liebsten unter Jungs.

Mich verstecken, unsichtbar sein. Für Wochen wollte ich das jetzt, Winterschlaf. Und plötzlich diese Lust, gesehen zu werden, mich zu zeigen, schön gefunden zu werden, gefunden zu werden. Wie eine Raupe, die sich über Monate verpuppt hat und nun als Schmetterling schlüpft. Noch immer im Schlafanzug (weil Montag, der gehört mir), doch mit einem neuen Leuchten im Blick.

Synchron

Wir warten am Bühneneingang, beide an zweiter Stelle, wir werden synchron die Bühne betreten – du rechts oben, ich links unten. Du blickst zu mir, bis das Orchester sitzt, dann gehen wir los.

In den letzten Takten dann ein optisches Phänomen: Ich konzentriere mich so sehr aufs Singen und unsere Dirigentin, dass alles um sie herum verschwimmt und verschwindet. Sie leuchtet, hält die Spannung, die Stille, ich kippe gleich um. Zu wenig getrunken, geblinzelt oder geatmet? Die Luft ist ganz schwer. In Zeitlupe lässt sie den Taktstock sinken, ein letztes Mal, mit uns. Hinter mir eine tickende Uhr.

Applaus!

Angenehm verwirrt

Wieder suche ich deinen Blick. Du blickst zurück, länger als ich es aushalte. Was ist das, was mich an dir so angenehm verwirrt? Will ich einfach jemanden neu sehen oder neu gesehen werden? Mich neu erzählen geht vielleicht nur mit einem neuen Gegenüber. Ohne all das, was war oder nicht. Nicht wahr?

Wärmflasche

Verdis Trompeten im Ohr surfe ich auf meiner Wärmflasche durch deinen Sauerkrautauflaufduft.

Musikalisch verzauberter Joghurt

Es gab mal eine Zeit, da fand mein Leben im E-Mail-Postfach statt. Seither wohne ich hier. Liebesbriefe kamen schon länger keine mehr an und doch erwarte ich immer, wenn ich hier reinschaue (mindestens drei, vier, fünf – ach, wahrscheinlich zehn oder zwanzigmal täglich), dass zwischen all den Fragen, Bitten, Aufträgen, Korrekturen, Informationen und Rundbriefen etwas passiert. Etwas Magisches.

Nach Wochen im Schneckenhaus sitzt du plötzlich neben mir. Ein neuer Mensch! Wir tanzen die halbe Nacht im Dreivierteltakt durch den Spiegelsaal. Am Morgen begegnen wir uns lachend am Frühstücksbuffet. Während der Proben und des Konzerts suche ich deinen Blick – wenn sich nicht gerade die Beine der Dirigentin oder die Kleider der Solistinnen zwischen uns schieben. Nach dem Konzert finde ich dich nicht mehr. Dafür unsere Tanzflächen-Gouvernante Frank, die mir deinen Nachnamen verrät. Dann noch Joghurt dazu und schon bist du zu finden! Ich schreibe dir, drehe und wende die Sätze, prüfe den Rhythmus, Klang und Tanz der Wörter auf unverbindliche Leichtigkeit, und klicke auf das Papierflugzeug. Aufgeregt wie früher warte ich jetzt.

Wahrscheinlich ist das Warten selbst das Magische daran. Vielleicht sollte ich öfter mal ein verheißungsvoll glitzerndes Leuchten versenden. Verdi hat dich wahrlich verzaubert, das sah schön aus. Wollte ich dir sagen.

Morgenlicht

Im Flur wird das Licht angeknipst, ich höre es durch die Wand, dann rollt der Aufzug aufwärts. Wie früh die Welt aufsteht, obwohl es noch so dunkel ist. Im Osten zeigt sich erstes Licht hinter den Wolken, Ein Blau-Lila-Orange im Schwarz des Morgens. Im Haus gegenüber erwachen die Küchenfenster, ein Schatten mit Tasse stellt sich ans Fensterbrett. Ganz oben ist Licht in allen Fenstern, verschiedene Lichttemperaturen, die meisten davon zu weiß.

Knick

Ein gutes Buch zu Ende zu lesen ist wie ein Knick. Selbst wenn ich das Buch noch einmal lesen sollte, werde ich diese Worte nie wieder so lesen können, wie beim ersten Mal. Es gibt kein Zurück in diesen Moment. Manchmal ahne ich das schon beim Lesen, dann markiere ich mir die Seite unten mit einem winzigen Knick, zu dem ich später zurückkehre, nach ein paar Tagen oder Wochen ohne neues Buch an meiner Seite. Oft sind es Textstellen zu eben jener Unwiederbringlichkeit des Jetzt.

Auch ins Leben mache ich manchmal solch einen Knick: Wenn ich schreibe.

Minimalbeobachtungen.

Die andere Seite

Es ist Herbst geworden. Wie gerne wäre ich die Autorin, die im französischen Sommer kurz angeklopft hat und sich Geschichten zutraute. Doch da ist auch diese andere Seite in mir, die lieber aufräumt, eingekauft und kocht, Steuer und Abrechnung macht, als sich einen Kunsttag in der Woche oder eine Kunststunde am Morgen zu erlauben. Die lieber Daten von 2003 bis 2019 sortiert, als etwas Neues zu wagen. Die lieber eine Neuauflage eines zehn Jahre alten Buchs produziert, das nun den Keller und die Gedanken blockiert.

Märchenbaum

Halbzeit. Ich sitze unter dem großen Märchenbaum, dessen Äste wie Stämme bis zum Boden reichen. Es riecht nach Harz, warmen Nadeln und trockenem Gras. Einmal im Jahr sind wir Schlossbewohner, verarmter Landadel oder doch Prinzessinnen, die versehentlich in der Stadt und in der Kunst gelandet sind.

Rosenzimmer

Wir schlafen im Rosenzimmer. Im Schrank eine Baby-Badewanne und Windeln, im Vorzimmer ein Wickeltisch und ein Babybett. Ich rede besonders laut und locker über die Aufgabe, die uns damit klar vor Augen steht. Jakob seufzt, Sarah lächelt mitleidig, ich schiebe es lachend beiseite und kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass mein nächstes Baby tatsächlich eines aus Fleisch und Blut und kein Buch sein soll. Die Aufgabe, die mich findet. Nun erst einmal Regeneration nach Monaten der Disziplin, die diese Projekte brauchen, um vollendet zu werden.

Donnergrollen

Nicht weit entfernt rollt Donner durch die Wolken. Ich liege unter den hohen Bäumen im Park unseres neuen Schlosses, ein Schmuckstück mitten in Frankreich. Beim ersten Spaziergang durch den Park ratterten so viele Gedanken durch meinen Kopf, dass ich das Gefühl hatte, nur mitschreiben zu müssen. Die Inspiration eines neuen Ortes und der Freiheit nach dem Projekt. Schon gestern auf der Fahrt hierher vermischten sich meine Schläfrigkeit mit der Musik und produzierten einen Film, den ich gerne aufgenommen hätte. Vielleicht regnet es gleich, ich warte bis der Donner über mir kracht. Krähen krähen auf den Feldern, der Wind rauscht durch die Blätter der Bäume, es klingt wie Musik. Und wie gut es riecht, nach Sommer und sonnentrockenem Laub. Jetzt, der Donner direkt hier. Ist es wirklich meine Aufgabe, mitzuschreiben? Nehme ich sie an? Oder schaue ich einfach der Zeit dabei zu, wie sie vergeht? Ganz langsam und doch zu schnell für das Assoziationsfeuerwerk in meinem Kopf.

Spiegel

Du musst nicht in jeden Spiegel schauen, der dir ins Auge fällt. Starke Frauen, geht voran als Teil unserer suchenden und fragenden Generation. Ich backe solange Brot und schaue aus dem Fenster dieser etwas zu kleinen Wohnung in dieser komischen Stadt, die ich zu lieben mir vorgenommen habe. Reisen geht ja auch nicht für immer.

Tulpen

Vor mir liegt eine Woche am See. Die Tulpen duften, draußen das Ufer voller Vögel, nebenan der neue Nachbar, der immer etwas zu laut spricht. Etwas zu laut ist es in mir drin seit einigen Tagen und etwas zu still bin ich. Ich möchte es immer noch stiller, bis hin zum Stillstand, den ich dann nicht mehr ertrage. Mit den Gedanken und Erinnerungen an Matt kam mir auch meine überdrehte Seite wieder in den Sinn. Reisen, Menschen, Ausstellungen, Essen, Lachen, Mitschwimmen in diesem spannenden Leben.

Timeline

Matt ist gestorben, schreibt mir Cassie. Es dauert, bis ich die Nachricht verstehe. Ich versuche im Internet herauszufinden, was passiert ist. Ein Verbrechen oder ein Unfall, vielleicht beides. Erst war er vermisst, dann fand man seinen Rucksack und später, ganz woanders, seinen Körper. Wie manisch schaue ich meine alten Fotos durch und seine Bilder auf Facebook und Instagram der letzten Jahre. Das ist alles, was bleibt, eine Timeline. Am nächsten Tag ist sie gelöscht.

Den letzten Kontakt hatten wir vor zwei Jahren, als ich in New York war und er in Hongkong. Wir haben uns immer wieder verpasst. 2008 waren wir Praktikanten bei Pentagram, gleich an meinem ersten Tag haben wir uns angefreundet. Bei Matt fühlte ich mich wohl, er war geduldig mit meinem holprigen Englisch, wir lachten zusammen über meine Wortschöpfungen. Ich mochte seine ruhige freundliche Art, seinen Humor und seinen offenen Blick auf die Welt. Gemeinsam besuchten wir Ausstellungen und probierten uns durch New Yorks Restaurants, er nahm mich mit zu Konzerten, durch ihn lerne ich die Stadt und viele spannende Menschen kennen. Er stellte mir seine Lieblingsmusik zusammen, der Soundtrack zu meiner vierwöchigen Reise mit dem Zug durch die USA. Am Tag meiner Abreise zurück nach Deutschland begleitete er mich zum Flughafen. Auf dem Weg dorthin fiel mir auf, dass ich das Ticket falsch gelesen hatte und ich meinen Flug verpassen würde. Matt blieb ruhig und half mir beim Umbuchen, gar kein Problem. Danke, Matt. Für jeden Moment mit dir.

Holzwand

Im Wind bemalt ein Baum die Holzwand einer Scheune.

Durchlässig

Klappernder Fensterladen dem Wind, draußen ist alles weiß. Heute geht es nach Hause, nach drei Tagen im österreichischen Schnee, in denen zu viel gesagt wurde. Es war laut und emotional, jede Nuance der Stimmungen am Tisch sickerte in mich ein. Ich bin zu durchlässig für diese Art der Kommunikation. Und es schmerzt mich, wenn du in Schussfeuer gerätst.

Kreidespur

Abends dann noch so ein surrealer Moment: Blinkendes Blaulicht auf der Hauptstraße, lachende Jungs am Straßenrand und ein auf der Fahrerseite liegendes Auto mitten auf der Fahrbahn, umkreist von einer Kreidespur. Polizisten leuchten mit Taschenlampen in die parkenden Autos. Wie schafft man es, bei maximal fünfzig Stundenkilometer sein Auto auf die Seite zu legen? Ich muss weiter, habe kaum Zeit zu gucken und vergesse später, zu schauen, ob die Kreidespur noch da ist.

Zu weit unten

Als ich den Papiermüll runterbringe, sind die grünen Tonnen frisch geleert, bis auf einen handgeschriebenen Zettel, den ich wiedererkenne: Mein Brief an Fabian, in der Morgendämmerung aufs Papier gekrakelt, im Landeanflug auf Zürich, wo er mich abholen sollte. Sehnsüchtige Gedanken an unsere Körper auf Papier, die da am Boden der Papiertonne kleben. Ausgerechnet. Hat sie etwa jemand extra so platziert, um mir nochmal zu zeigen, was ich da wegwerfe? Ein Stück Leben, zu weit unten, um es zu retten oder zu Konfetti zu verarbeiten, unleserlich zu machen für meine Nachbarn. Vielleicht bleibt es dort kleben. Vielleicht liegen die anderen Blätter auf den Böden der anderen Tonnen. Ich schaue nicht nach und werfe den restlichen Müll einfach so oben drauf.

Vermissen

Ich vermisse dich, obwohl du da bist. Ich vermisse uns, wie wir sind, wenn wir Zeit haben.

Ruhe

Mein Schlaf ist so durchlässig, ganz dünn und zerbrechlich. Ich sehne mich nach Ruhe, nach einem Bett ohne Autokolonnen, die Morgen für Morgen an unserem Schlaf vorbei kriechen.

Immer nur noch

Nicht mehr geschrieben, seit die Treppen pausieren, nichts mehr festgehalten, seit alle Fragen von außen wichtiger wurden als meine innere Welt. Geträumt, aber verlernt, die Erlebnisse festzuhalten, bis Papier und Stift zur Hand sind. Gegrübelt und formuliert, doch nur im Kopf. Immer nur im Kopf. ›Immer‹ und ›nur‹ aus den Texten streichen, und ›noch‹ auch.

Mit Socken zu Weihnachten kann man der Generation Knöchelfrei wohl eher keine Freude machen.

Acht Jahre

Von wegen viel Gepäck: In Leipzig drängt sich eine dreiköpfige Familie mit sechs Koffern zu mir ins Abteil, bis der Vater merkt, dass sie in die zweite Klasse müssen. Die Tochter bleibt erst mal bei mir sitzen und bewacht das Gepäck, während die Eltern nach einem Sitzplatz suchen. Ihr habt aber viele Koffer, sage ich. Zwei pro Person für eine Woche Dubai, erklärt sie mir. Sie war auch schon zweimal in dem Land mit den Pyramiden. Sie fragt mich, wo ich herkomme. Ich sage, ich war in Berlin, da habe ich einen Freund getroffen, den ich acht Jahre nicht gesehen habe. Das ist aber traurig, sagt sie. Acht Jahre, so alt ist sie. Sie muss weiter, klemmt sich das rosa Einhornkissen unter den Arm, der Vater kümmert sich ums restliche Gepäck.

Linie#14

Linie 9570 – meine letzte Linie an einem der letzten Tage des Sommers. Die Hitzewelle schien endlos, heute dann Kälteeinbruch und Ratlosigkeit vor dem Kleiderschrank. Was trägt man außer Sommerkleider und Sandalen? Wer bin ich, wenn es kühler ist? In den Schaufenstern schon Herbstfarben, dazwischen demonstratives Gelb. Vielleicht ein gelber Regenmantel oder gelbe Gummistiefel? Lieber sonnengelbe Sandalen, ich bin noch nicht so weit.

Nun sitze ich also im Zug zu dir nach Straßburg. Noch steht er. Gegenüber fragt ein Vater seine Tochter: Bist du traurig? Draußen winken die sehr kleine Mutter und der sehr große Bruder, bis der Zug losrollt. Sie verdrückt ein paar Tränen, kramt nach ihrem Pass und zählt die Namen ihrer Freundinnen auf, die sie in Israel besuchen wollen.

Der Zug beschleunigt auf 274 Kilometer pro Stunde, er könnte mehr als doppelt so schnell.

Hunderte Kilometer habe ich in den letzten Monaten im öffentlichen Linienverkehr zurückgelegt, meist sitzend, selten stehend, einmal kauernd (das war nett). Im Dazwischen finde ich plötzlich Zeit, um hinzuschauen und zuzuhören. Man kommt Fremden recht nah, wenn man so unterwegs ist. Manche reisen in ihrem Kokon aus Musik, Film, Arbeit und Lesestoff. Andere blenden völlig aus, dass sie nicht unter sich sind und erzählen offen und laut aus ihrem Leben, manchmal schreibe ich mit.

Sie sieht so traurig aus mit ihren glänzenden dunklen Augen. Der Vater telefoniert leise auf Hebräisch. Auswandern, wie das wohl ist? Eine Linie unterbrechen, um woanders neu anzusetzen.

Pink auf Grün

Plötzlich kommt Wind auf und zerrt am Laub der Bäume, vertrocknete Blätter wirbeln durch die Luft. Nebenan wird ein Fensterladen aufgeklappt, er knallt gegen die Wand. Eine Hand mit pink lackierten Nägeln rangelt mit dem zweiten, der Wind hält minutenlang dagegen. Welch ein Bild, pink auf grün, passend zu den Blüten auf dem Fensterbrett.

Linie#13

Freitagnachmittag, auch den Linien ist es zu heiß – allen, darum erwische ich noch eine, die eigentlich längst weg wäre und noch eine, die ebenfalls verspätet eintrifft. Draußen steht wartend ein Flamingo im weißrosa Kleid mit beeindruckend hohen Stöckelschuhen. Drinnen gibt es nur noch Stehplätze im Gang. Ich finde einen Sitzplatz auf dem Boden, in der Gepäckablage zwischen zwei Rückenlehnen. Als Kind hätte ich diese Höhle geliebt! Meine Aussicht ist begrenzt auf behaarte Männerbeine mit nackten Füßen in Flip-Flops und Nadelstreifen zu Lackschuhen. Dafür sitze ich ungestört und störe auch nicht das Geschiebe der Passagiere, die samt Koffer, Rucksack und Reisetasche unbedingt weiter müssen, von hinten nach vorne oder von vorne nach hinten. Bis jeder feststeckt und zwangsläufig bleibt, wo er ist.

Linie#12

Gegenüber sitzt einer in kurzen Hosen dermaßen breitbeinig, dass die Frau an seiner Seite kaum Platz hat. Sie, unscheinbar, fast unsichtbar. Er, braungebrannt von Kopf bis Fuß, die Beine voller Zeichnungen, die Haare blondiert, Kopfhörer auf den Ohren, die Hände trommelnd, die Lippen zum Kuss geschürzt. Nicht für sie – für alle, die ihn sehen sollen. Höhnisch schaut er mich an. Ich muss lachen und bin schnell weg.