Christina Schmid
Anfänge und Enden

Woher kommen bloß all die Klassenfahrten und Gruppenreisen in meinen Träumen?

Sendepause

Seit geraumer Zeit gibt es diese unstillbare Sehnsucht nach einer Sendepause. Nach einer Pause für das Internet – übrigens das einzige Ding, das noch genutzt wird. Nein, kein Radio mehr, kein Fernsehen. Bücher ja, aber Musik stört zumeist und Filme beschäftigen so sehr und so lange, dass man seine Träume nicht mehr sieht. Nach und nach haben also immer mehr Leute damit aufgehört, in die Röhre zu schauen. Etwas ratlos sind sie nun, die Leute, denn sie wissen nicht mehr, wonach sie ihre Polstergarnitur ausrichten sollen. Das ist gar nicht so einfach, seit es den Fernseher, dieses Lagerfeuer, nicht mehr gibt.

Manchmal denkt jemand an die Anekdoten der Väter, vor allem an die, die so oft erzählt wurden, dass die eigene Vorstellung davon fast mit der eigenen Erinnerung verwechselt wird. Sie waren klein, die Väter und auch deren Brüder, die noch kleiner waren. Zusammen saßen sie da, nebeneinander, beide mit erwartungsfrohem Blick auf dem Fernsehgerät. Sie starrten gebannt auf das Testbild, obwohl sie wussten, dass das Programm davon auch nicht schneller beginnt. Später, als das Programm eigentlich schon begonnen hat, lehnen sich die Väter der Väter aus dem Fenster und fischen, die Antenne in der Hand, nach dem Empfang. Nichts. Kein Ton, kein Bild – Rauschen.

Dann war plötzlich auch das Rauschen weg. Bild- und Sprachlosigkeit. Stille. Nichts war mehr zu hören oder zu sehen. Sendepause aller Instanzen. Selbst die Väter schwiegen und ihre Anekdoten verblassten. Nur noch wenige erinnern sich an das Rauschen. Kaum jemand weiß noch, wie das Testbild damals aussah. Dabei hatten sie so lange und so oft davor gesessen und gewartet, dass es anfing und losging und blitzte und donnerte und störte und beschäftigte und von den Träumen ablenkte und die Bücher vertonte und verfilmte.

Seit geraumer Zeit gibt es nun diese unstillbare Sehnsucht nach dem Testbild von damals. Alle sprechen davon, alle wollen es sehen. Wenn das Testbild da ist, dann geht es bald los. Doch bevor der Vorhang sich hebt, ist Sendepause.

Lücken

Jede Sammlung kann als gescheitertes Projekt gesehen werden. Je größer die Sammlung, desto größer die Lücken.

Planung

Die Planung ist nicht dazu da, eingehalten zu werden, sondern dazu, zu wissen, wovon man abweicht.

Blechtrommel

»Klepp schlägt zeitweise Stunden mit dem Entwerfen von Stundenplänen tot… Nur wahre Faulpelze können arbeitssparende Erfindungen machen.«

»Es ist aber das Verhältnis der Erwachsenen zu ihren Uhren höchst sonderbar und kindisch in jenem Sinne, in welchem ich nie ein Kind gewesen bin. Dabei ist die Uhr vielleicht die großartigste Leistung der Erwachsenen. Aber wie es nun einmal ist: im selben Maß, wie die Erwachsenen Schöpfer sein können und bei Fleiß, Ehrgeiz und einigem Glück auch sind, werden sie gleich nach der Schöpfung Geschöpfe ihrer eigenen epochemachenden Erfindungen. Dabei ist die Uhr nach wie vor nichts ohne den Erwachsenen. Er zieht sie auf, er stellt sie vor oder zurück, er bringt sie zum Uhrmacher, damit der sie kontrolliere, reinige und notfalls repariere. Ähnlich wie beim Kuckucksruf, der zu früh ermüdet, beim umgestürzten Salzfäßchen, beim Spinnen am Morgen, schwarzen Katzen von links, beim Ölbild des Onkels, das von der Wand fällt, weil sich der Haken im Putz lockerte, ähnlich wie beim Spiegel sehen die Erwachsenen hinter und in der Uhr mehr, als eine Uhr darzustellen vermag.«

»Angenehm langweilig und unbeschwert albern.«

»Durch eine infame Architektur um einen lohnenden Ausblick gebracht, schaute ich mir nur noch den Himmel an und fand schließlich darin Genüge. Immer neue Wolken wanderten von Nordwest nach Südost, als hätte jene Richtung den Wolken etwas Besonderes zu bieten gehabt.«

Günter Grass: Die Blechtrommel

Grauschleier

An irgendeinem Punkt vor ein paar Jahren haben die Dinge aufgehört normal zu sein. Nichts war mehr, was es davor gewesen ist, alles musste ich neu lernen und die Falten auf meiner Stirn wollten nicht mehr verschwinden. Was war der Musik passiert? Was machte das Essen so schwierig? Was hat den Grauschleier auf alle Kleider gelegt? Was hat die Uhren beschleunigt? Was hat mich so weit weg getrieben von allen und mir? Was ist hier los?

Banane

»Fernsehen, davon war die Rede, Fernsehen als Instrument der Bewusstseinsindustrie und überhaupt Kunst im technischen Zeitalter, insbesondere Fernsehen, dazu kann jeder etwas sagen, ausgenommen Gantenbein mit dem Mund voll Banane.«

Max Frisch: Mein Name sei Gantenbein

Parallelzeit

»Das Projekt eröffnet eine andere, heterogene Parallelzeit – die Zeit einer gewollten und gesellschaftlich legitimierten Einsamkeit.«

Boris Groys: Die Einsamkeit des Projekts

Quote Null

Kunst interessiert keinen. Nur durch äußere Umstände, weil sich einer ein Ohr abgeschnitten hat.

Raketenstation

Wie träge sich die letzten Seiten füllen. Ich wage kaum mehr etwas zu notieren. Ein neues Buch erst dann, wenn das hier überstanden ist. Ich schreibe um mein Leben im Jetzt und entferne mich immer weiter davon. Wie weit kann ich gehen, um noch unbeschadet zu mir zurückzufinden? Es mag Jahre dauern, Jahre der Verwirrung, nicht bei mir. Was mache ich hier? Ich stolpere durch Berge aufgeschlagener Bücher auf dem Tisch von Oswald Egger und sage: Hallo, hier bin ich, was kann ich für dich tun? Welch absurde Frage bei meiner akuten Sehnsucht nach dem Nichts. Ein Leben ohne Kalender, ohne Uhr und ohne Pflichten. Das Hier und Jetzt, ich weiche ihm aus, ignoriere die Sonne, sehe die Blumen nicht. Er sagt: »Interessant, weil man so gar nicht sieht, wo das hinführt, dieses Schreiben.«

Charaktere

»Das Buch mit den in uns eingegrabenen, nicht von uns selbst eingezeichneten Charakteren ist unser einziges Buch.«

Marcel Proust

Vergangenheit

»Die Vergangenheit ist immer neu. Sie verändert sich dauernd, wie das Leben fortschreitet … Die Gegenwart dirigiert die Vergangenheit wie die Mitglieder eines Orchesters.«

Italo Stevo

»Denn nicht wenigen scheint es, als käme die Gegenwart sich selbst abhanden.«

Hanno Rauterberg: Das große Leuchten
DIE ZEIT No 17

Gepäck

Das Gepäck ist weg, wo sind die Koffer? Ich muss zurück, doch all die Leute! Aus der U-Bahn schwappt ein Menschenstrom. Alles drückt und schiebt und drängt mich weiter, dann plötzlich bin ich draußen. Beladen mit Taschen und Koffern kämpfe ich mich durch die Straßen. Das Gepäck beisammen zu halten erfordert alle Kraft und Aufmerksamkeit. Von oben knallt die Sonne, ich schleppe mich weiter, habe es eilig, verliere ein Gepäckstück nach dem anderen, doch weiter, dringend weiter, bis ich mich verlaufen habe. Die Straßen kenne ich, die Städte wechseln, bei Nacht sind sie doch alle gleich. An einer dunklen Ecke stehen meine Koffer. Zu viele Koffer für eine Reisende allein. Als ich sie öffne, fällt mir ein, dass sie leer sind. Das waren sie die ganze Zeit.

Schon wieder geträumt, den schwer bepackten Traum. Die Städte wechseln, die Eile bleibt. Eine Traumreise in die Metropolen der Welt, wo ich nichts besseres zu tun weiß, als Terminen und Koffern nachzujagen.

Dabei reise ich doch nie mit Koffer!

Zwölf Minuten

Noch eine Minute. Vielen Dank, Sie hören von uns. Die unvollendeten Sätze hallen nach, unbeantwortete Fragen hängen in der Luft und die Lücken werden mehr und größer und schwarz. Das wird nix.

»… eine Allegorie dieses schillernden Umwegs, das formvollendete Pamphlet der spielerischen Sublimation.«

Ingeborg Harms: Die Zauberlehrlinge machen Party
DIE ZEIT Nr. 12/2013

Vergessen

Haben Sie auch nichts vergessen? Den Koffer, den Schirm, habe ich. Nur das Geld, die Plastikkarten, die Identität gingen auf dem Weg verloren.

Der Junge im Zug gegenüber hat abstehende Ohren. Ich glaube so war das manchmal, das Gefühl, es zerreißt mich, wenn ich –
… sein Knäckebrot passt hier so wenig rein wie Cake!

Also warum ich damals immer wieder und ohne nachzudenken – es war ein Stechen, ein Pfeil in meinem Körper, der mir eine Lebendigkeit im Sterben vorgaukelte. Und dann lag ich da wie tot oder zumindest todmüde in den Schlaf flüchtend, weil ich ihn da neben mir nicht sehen und von unserer gespielten ahnungslosen Nähe nichts wissen wollte. Vergessen im Schlaf. Wenn ich jetzt morgens aufwache, sticht mich kein Pfeil, nur eine warme Sucht nach Unendlichkeit. Bekommen andere auch Pfeile ab? Wie viele habe ich schon getroffen? Nur weil ich Augen habe?

Eisgekühlte Kunst

Ich schlage das Buch auf und alles ist weg. Dieses Weiß, dieser Kugelschreiber aus blauem Kunststoff – falsch zwischen all dem dicken Moos. Dieses Hadern, dieser Unmut über laute Straßen – verstummt zwischen Hombroichs alten Bäumen.

Danke für’s Telefon

»Murad, die Million ist mir wichtiger als die paar Namen. Glaub mir, es gibt nichts zu verstecken, die Daten kommen heute noch, habe ich dir doch gesagt, Murad. Ich bin unterwegs, gerade über die Grenze, mach dir keine Sorgen.«

Zu nah

Wir sind uns zu nah, mein Bauch krampft sich zusammen, die Musik schnulzt mich zu, das Parfüm des Nebensitzers drängt sich auf und das Lied wiederholt sich bis in alle Ewigkeit, bis ich im Altersheim sitze und mich einer mit Falten umrankten und wässrig gewordenen Augen ansieht. Dann falle ich vom schlecht gemusterten Stuhl und er, der mir zu Hilfe eilt, stolpert und fällt und wir liegen am Boden und lachen und alles tut weh.

Schaut mich an, einmal täglich, auf dass ein Schreibausbruch den Alltag lahmlegt und die Welt zum Glühen bringt, rettet mich aus dieser Verkopftheit und verwandelt den Zug in eine funkensprühende Rakete.

Er steigt aus? Er steht. Er sucht und findet eine Zeitung, um sich hinter ihr zu verstecken.

Rund

Ein rundes Gefühl in den Armen.
Wie ein Plakat mit Kreis,
Eine Kuppel auf dem Dach,
Oder eine große Kugel tragend.
Wir hüpfen im Sitzen über die Wiese.
Ein kleiner, enger Nachmittag mit Sonne,
Die Arme rund, bereit zur Umarmung.
Fliehkräfte beim Aufwachen,
Im bequemsten Bett der Welt.

Spuren

Ausgetretene Stufen und festgetrampelte Trampelpfade, verwohnte Wohnungen und zerlesene Bücher, abgegriffene Tische und durchgesessene Sessel. Spuren, die Geschichten erzählen von denen, die vor mir da waren. Nichts Neues. Und doch das, was uns über Generationen hinweg zusammenhält. Spuren, die mich erden.

»Die Gewissheit, dass alles geschrieben ist, macht uns zunichte oder zu Phantasmen.«

Jorge Luis Borges: Die Bibliothek von Babel

Zu viel Luft

»Du schreibst jetzt?
Wie lange denn?«

Das weiß ich nicht
Das weiß ich nie

Nur ein wenig Wahnsinn
Und etwas mehr
Als deine Hände
auf der Stufe vor mir liegen
Sie könnten zupacken
Meine Knöchel umfassen
Bis ich rückwärts falle

Du lachst
Ich habe Angst

»Darf ich reinkommen?«

Nein

»Aber –
Warum nicht?«

Lass mich bitte

Vielleicht finde ich mich
Im Spiegel wieder
Doch da ist nur Haut
Sie brennt
Und zerfällt

Alles hier in dieser Wohnung
Wenn wir tagelang nur uns sehen
Uns nicht mehr sehen
Weder uns gegenseitig
Noch uns selbst

Ich starre auf meinen Teller
Die Ordnung der Reste zu entschlüsseln

Intellektueller Tourismus
Nichts weiß ich

»Du bist süß.«

2503011221 11:52
Jede Klorolle hat ihre Nummer, ihre Zeit

Die Sinfonie der Lüftung
Unaufhörlich
Und wenn sie aufhört zu singen
Beginnt der Kühlschrank

»Ich glaube Stille
würden wir nicht ertragen.«

Oh doch

»Totale Stille, also gar nichts?
Kein Wind?
Kein Vogel?
Kein Radio?«

Kalte nackte Fliesen
Meine Zehen frieren
Ich zerfalle
Habe mich verirrt
In diesen vier Wänden

Es ist sauber
Und kalt
Arbonia

»Dein Mund steht offen.«

Luft

»Deine Lippen sind vertrocknet.«

Zu viel Luft

»Lüftung?«

Heizung

»Haut?«

Ruhe jetzt

Dazwischen

Mit dem Kopf zwischen zwei Leben. Noch am einen Ort und doch schon nicht mehr da. Hier wie dort fehlt die andere Hälfte der Zeit, Planung und Gepäck geraten durcheinander, in der Hektik geht die Konzentration flöten.

Zuhause bin ich nunmehr im Dazwischen, zwischen Abfahrt und Ankunft, während hier und dort ihren Standort wechseln und mein Wohnzimmer seine Tapete – Heute: Schneemotive.

Gantenbein

»Sie hat (so könnte ich mir denken) in einer verzweifelten Laune etwas beschlossen, die Laune ist weg, die Verzweiflung nicht, der Entschluss muss vollstreckt werden zwecks Selbstachtung; sie trinkt –«

»Ich probiere Geschichten an wie Kleider.«

»Alles unverändert: nur ist es nicht gestern, sondern heute. Warum ist es immer heute?«

»Er wollte ins Museum gehen. Um nicht in der Welt zu sein. Allein und jenseits der Zeit wollte er sein.«

»Ob sie noch schlief?
Sie hatten einander versprochen, keine Briefe zu schreiben, nie, sie wollten keine Zukunft, es war ihr Schwur:
Keine Wiederholung –
Keine Geschichte –
Sie wollten, was nur einmal möglich ist: das Jetzt …«

»Noch gab es für sie keine Wiederholung auch nur der Tageszeit. Kein gestern, kein heute, keine Vergangenheit, keine Überwindung durch die Zeit: Alles ist jetzt.«

»Er wusste nicht was machen gegen die Zukunft, die mit dem Erinnern schon begann.«

»Die Zeit, die uns immerfort überholt, Vergangenes in jeder Bagatelle.«

Max Frisch: Mein Name sei Gantenbein

Wie kann sich so ein junger Mensch mit so viel Vergangenheit beschäftigen?