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Christina Schmid
Anfänge und Enden

Blog:

Womöglich

Im Traum treffe ich Madame Money­penny und ich weiß schon alles, was sie über Geld zu sagen hat. So dauert es, bis wir ein Thema finden, das auch sie wirklich inter­essiert. Ernährung! Und ihre Schuhe, die sehr elegant sind und zu denen sie feine türkis­farbene Strümpfe trägt. Im Schrank sucht sie nach Kaffee, der neben der Brühe steht – das belustigt sie täglich aufs neue. Ich erzähle von New York, sie wittert genau dort in meiner Biografie einen Knick, womöglich hat sie recht.

Unscharf oder dunkel

Im Traum lädt mich meine ehemalige Klassen­kameradin Judith überraschend zu ihrem dreißigsten Geburtstag ein. Ich bin etwas irritiert, dass sie erst jetzt dreißig wird, Jahre nach mir. Waren wir nicht alle ein Jahrgang, Dezember­kinder? Dich darf ich auch mitbringen. Als wir ankommen, ist noch kaum jemand da, nur die Familie, Freunde trudeln nach und nach ein. Judith begrüßt uns kurz und muss dann weiter, wir schauen uns um. Der Gasthof ist etwas altmodisch, doch schön vorbe­reitet. Plötzlich Gejohle und Applaus, ein Gast klärt uns auf: Heute feiern wir Judiths Hochzeit. Die Vorbe­reitungen sind ein Schau­spiel für sich und gleichen einer mühsam einstudierten Choreo­grafie: Der Bräutigam macht Sound­check mit seiner Band, Stühle werden gerückt und Betten herein­getragen, die Trauung soll im Liegen statt­finden. Der Raum wird abgedunkelt und ich merke, dass ich meine Sonnen­brille trage und die normale Brille nicht mehr finde, also unscharf oder dunkel. Die Zeremonie zieht sich: Freundinnen und Tanten tragen theatralisch Texte vor, dazwischen zahlreiche Auftritte des Bräutigams mit seiner Band, Judith lacht die ganze Zeit, etwas verkrampft. Du gehst zwischen­durch raus, die Band ist nicht so deins und Theater schon gar nicht. Dann sehe ich Matthias, der eben erst angekommen ist. Das Programm ist zwar noch in vollem Gange, wir fallen uns trotzdem in die Arme und ich weiß wieder, dass seine Umarmungen die besten sind. Wir lassen uns dann auch nicht mehr los und gehen Arm in Arm durch den Raum, um meine Brille zu suchen. Er erzählt, dass er auch kaum noch Kontakt zu Judith hat und sie sich nur meldet, um zu streiten. Da kommt sie angerannt und gibt Matthias im Vorbei­gehen die Hand. Ihr Mann schmettert ein letztes Stück, dann ist es überstanden.

Die Brille finde ich erst nach dem Klingeln des Weckers wieder, da wo sie hingehört, auf dem Nacht­tisch.

»Das sind Erwachsenen­fehler – weißt du, was ich meine?«

Verwüstet

Im Traum kollidiert ein spontan angesetztes Chorproben­wochenende mit Naomis Besuch, der mir wichtiger ist. Also schwänze ich die Probe am Freitag und stoße erst Samstagfrüh dazu. Alles ist anders als die Proben zuvor: die Rhythmen, die Aussprache, die Texte, ich komme nicht mehr mit. In der Pause sollen wir die Zimmer aufräumen, zu denen man nur gelangt, wenn man über einen Turm aus aufein­ander­gestapelten Hockern auf den Schrank springt und dann durch eine Deckenluke klettert. Ich erinnere mich an derlei Aufstiege aus meinen Träumen – das nervt mich so sehr, dass ich gleich wieder abreisen will. Irgendwie schaffe ich es dann doch nach oben. Die Zimmer sind teilweise dermaßen verwüstet, dass nur noch ein Hochdruck­reiniger und Renovierung helfen können. Ich konzentriere mich auf die Balkone, deren Bepflanzung wir etwas stutzen sollen und ich versehentlich komplett zurück­schneide. Das vormals grün einge­wachsene Haus ist nun kahl, die Ernte­helfer auf den Feldern ringsum sind entsetzt. Wir gehen zurück in den Gewölbe­keller und proben weiter. Jede halbe Stunde fährt ein Bus, der mich von hier wegbringen könnte. Ich verstehe nicht, wieso ich dann doch bleibe.

Schlupflöcher

Im Traum bewohnen wir Sarahs Haus, nachdem sie sich für das Nomaden­leben entschieden hat. Es hat so seine Eigenheiten, Schlupf­löcher in Wänden, ein tropf­stein­höhlen­artiges Bad – generell eher eine Höhle als ein Haus. Dann steht sie vor der Tür und erklärt mir, was ich noch nicht weiß. Zum Beispiel der Typ, der immer vor der Tür herum­lungert: Er will hier rein, um im Flur zu pupsen und dann wieder zu gehen. Wenn wir ihn nicht einlassen, kackt er uns vor die Tür.

In der Nachbarschaft wohnt meine Schwester, die wir besuchen, als sie gerade eine Party vorbe­reiten will. Ihre Gäste sind schon da, alle zwei Köpfe kleiner als sie, doch sie kommt nicht durch, die Arme voller Käse, der ihr jeden Moment zu entgleiten droht. Ich dränge mich durch die kleinen Gäste, um ihr einen Teil abzunehmen, dann fällt alles runter und wird zertrampelt.

Gartenkreis

Traum und Träume, inein­ander verschlungen, wie unsere sechs Beine. Meditation, sagt der Guru, doch wir füßeln und schauen, wie weit wir so gehen können. Ein Junge, gerade mal zwanzig, Marco um die fünfzig, dazwischen ich. Es geht von mir aus, sachte und doch zielstrebig, nur wohin? Wir sehen ein Ritual, das uns Rätsel aufgibt: Ein Mann und eine Frau, die ein Mann sein könnte unter der Perücke, zwischen ihnen eine Fratze aus der Parallelwelt, in der wir nun sitzen. Wir sind alle im Rausch. Ein Tempel oder ein Zelt, das wir abbauen, während wir noch drin sind. Der schwere Stoff drückt uns zu Boden, wir kriechen durch die Farben, Orange und Rottöne. Nach der Meditation gehe ich zu meinem Bett im Schlafsaal, strecke mich darauf aus und überlege, ein Kleid anzuziehen, es ist heiß. Marco schaut mich an, verwundert über meine Initiative vorhin, fasziniert. Die anderen sitzen schon im Garten­kreis: Der Guru, die mit der Perücke, du und alle, die nicht von der Parallelwelt verschluckt wurden. Durch Meditation kamen wir hierher und die bringt uns auch schneller zurück, als uns lieb ist.

Echo der Stille

Ich hatte die Wahl: Ein Jahr lang Abend­schule oder eben so richtig Schule in Vollzeit, dafür nur ein paar Wochen. Ich sitze in der zweiten Reihe, bis zur großen Pause geht alles gut. Dann zeigt mir einer ein Video über die Auswirkungen von Juckpulver, er lacht fies, das Pulver muss hier überall verstreut sein. Ich sehe meine Haut schon blühen und spiele die Alters­karte: Ich bin 33 und will einfach nur meine Ruhe haben, klar?

Nebenbei kellnere ich in einem Restaurant. Der Chef ist streng, doch er mag mich und lässt mich hin und wieder außer­gewöhnliche Rezepte ausprobieren: Ein Eigelb im Heißge­tränk, er leckt seine Finger ab und schaut mich an. Der Pianist lädt mich auf ein Getränk ein, ich bestelle ein Klavier­stück, das alle zum Zuhören zwingt. Er vertont die Geräusche im Raum, reagiert auf Geschirr­geklapper, Gemurmel, Räuspern, Lachen – ein Klang­teppich als Echo, das langsam verstummt. Alle hören zu, Echo der Stille. Mit den Tasten mein Herz erobert.

Schwimmturnier

Im Traum tauchst du eine Unter­wasser-Bahnstrecke entlang, um noch recht­zeitig zum Schwimm­turnier deines Büros zu kommen. Ich habe meinen Laptop im Hotel vergessen, rufe an und frage ob er noch da ist. Ist er, aber leider etwas nass.

Authentizität

Ich höre einen Podcast zu Authentizität, während ich Wäsche zusammenlege und die Küche schrubbe. Und dann noch einen über häusliche Gewalt – nirgendwo ist Frau gefährdeter, Mann übrigens auch.

Sommersprossen

Im Traum besucht mich Rafael – ja, der aus der Abi-Zeit. Wir spazieren durch die Altstadt und er legt seinen Arm um mich. Verheiratet bin ich und doch gefallen mir seine Sommer­sprossen wie damals. Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich ein feines Netz aus Falten, das sieht auch er, doch er schaut mich an, als wären wir wieder achtzehn. Er erzählt von seiner Schwester, die noch bevor sie wusste, dass sie schwanger ist, ihren Beruf als Sonder­schul­päd­agogin gegen was Schickes mit viel Geld einge­tauscht hat. Das Kind hat von Anfang an bestimmt, das es eine reiche und schicke Mutter haben möchte. Sie fügt sich.

Explosion

Im Traum bin ich zu Gast in Lenas und Janas Ferienhaus und versuche es aufzu­räumen. Alles ist aus dunklem Holz, wie aus einer anderen Zeit, bis auf den Roboter, der den Boden saugt. Plötzlich riecht es nach Gas, ich sehe eine kleine Flamme auf dem Tisch, eile nach oben und entgehe der Explosion.

Überraschungsreise

Im Traum nochmal eine Überraschungs­reise von Sarah und Christian, diesmal nach New York, Last Minute für neunzig Euro. Statt uns die Stadt anzuschauen, hängen wir in unserer Unter­kunft ab und in einem Laden, dessen Besitzer Aaron kennt und mir stapelweise meiner Bücher abkaufen will. Ich habe Angst vor den Versand­kosten in die USA. Im Haus suche ich einen Moment für mich, um auf der Bettkante rumzu­rutschen, doch alle Wände zu meinem Zimmer haben Türen, ständig kommt jemand rein. Die Mission hinter unserer Reise habe ich noch nicht verstanden, irgendwas mit Würmern in Logos. Ich frage, ob wir Zeit haben, um Pete zu treffen. Auf einem Display steht, dass Patrick mir eine Nachricht geschrieben hat, doch da das Handy am Netzstecker der Kamera hing, ist diese Nachricht jetzt auf der Kamera und nicht mehr lesbar. Na toll.

Morgenlicht

Im Flur wird das Licht angeknipst, ich höre es durch die Wand, dann rollt der Aufzug aufwärts. Wie früh die Welt aufsteht, obwohl es noch so dunkel ist. Im Osten zeigt sich erstes Licht hinter den Wolken, Ein Blau-Lila-Orange im Schwarz des Morgens. Im Haus gegenüber erwachen die Küchen­fenster, ein Schatten mit Tasse stellt sich ans Fenster­brett. Ganz oben ist Licht in allen Fenstern, verschiedene Licht­temperaturen, die meisten davon zu weiß.

Großes Rot und kleineres Blau, gefaltet

Großes Rot und kleineres Blau, gefaltet

Großes Rot und kleineres Blau, gefaltet

»Tropft dein Cembalo eigentlich?«

ernsthaft und absichtlich:
privat, unbeholfen, harmlos und niedlich.

Gehäuse

»Die Urform allen Wohnens ist das Dasein nicht im Haus, sondern im Gehäuse. Dieses trägt den Abdruck seines Bewohners. Das neunzehnte Jahrhundert war wie kein anderes wohnsüchtig. Es begriff die Wohnung als Futteral des Menschen und bettete ihn mit all seinem Zubehör so tief in sie ein, daß man ans Innere eines Zirkel­kastens denken könnte, wo das Instrument mit allen Ersatz­teilen in tiefe, meistens violette Sammet­höhlen gebettet, daliegt. Für was nicht alles das neunzehnte Jahrhundert Gehäuse erfunden hat: für Taschen­uhren, Pantoffeln, Eierbecher, Thermo­meter, Spiel­karten – und in Ermangelung von Gehäusen Schoner, Läufer, Decken und Überzüge.«

Walter Benjamin: Das Passagen-Werk

Knick

Ein gutes Buch zu Ende zu lesen ist wie ein Knick. Selbst wenn ich das Buch noch einmal lesen sollte, werde ich diese Worte nie wieder so lesen können, wie beim ersten Mal. Es gibt kein Zurück in diesen Moment. Manchmal ahne ich das schon beim Lesen, dann markiere ich mir die Seite unten mit einem winzigen Knick, zu dem ich später zurück­kehre, nach ein paar Tagen oder Wochen ohne neues Buch an meiner Seite. Oft sind es Textstellen zu eben jener Unwieder­bringlichkeit des Jetzt.

Auch ins Leben mache ich manchmal solch einen Knick: Wenn ich schreibe.

Minimal­beob­achtungen.

Die andere Seite

Es ist Herbst geworden. Wie gerne wäre ich die Autorin, die im französischen Sommer kurz angeklopft hat und sich Geschichten zutraute. Doch da ist auch diese andere Seite in mir, die lieber aufräumt, einge­kauft und kocht, Steuer und Abrechnung macht, als sich einen Kunsttag in der Woche oder eine Kunst­stunde am Morgen zu erlauben. Die lieber Daten von 2003 bis 2019 sortiert, als etwas Neues zu wagen. Die lieber eine Neuauflage eines zehn Jahre alten Buchs produziert, das nun den Keller und die Gedanken blockiert.

Dorftratsch

Im Traum heiratet deine Oma Frida ihre beste Freundin. Lenas Heirat mit Jana hat sie ermutigt, endlich auf sich zu hören, und nicht mehr auf den Dorftratsch. Hochzeit mit 89 und ich bin nicht dabei. Ich bin so mit mir selbst beschäftigt, dass ich die Einladung nicht richtig lese und mir denke, es geht um einen gewöhnlichen Geburtstag, den ich ja ruhig mal verpassen kann, wenn es mir doch gerade einfach nicht gut geht. Gleich­zeitig verpasse ich den Kuchen und du wirst bei der Hochzeit nach meinem Verbleib gefragt. Frida ist untröstlich, dass ich nicht komme – das kann ich nicht mehr gut machen. Und ich? Schaue derweil aus dem Fenster und mache nichts, endlich mal nichts.

An der Ostsee

Dusch­zwang
Museums­pantoffeln
Schall­platten­unter­halter
Strick­architektur

Moos

»Die alte Dame neben mir rutscht hin und her. … Ich möchte nicht mehr neben ihr sitzen. In ihrem leeren Blick ist jede Geschichte aufge­hoben. Auch meine. Gerade die.«

»Gleich bin ich dran. Obwohl, wer wartet, zur Passivität verdammt ist, ist warten ein aktives Verb. Grammatik ist so beruhigend. Selbst die Ausnahmen können ihr nichts anhaben, machen sie bloß stärker. Vielleicht sollte ich mir heraus­nehmen, nach Hause zu gehen, noch bevor mein Warten ein Ende findet und einen Sinn.«

»Aber gerade Sie müssen wissen, dass Geschichten nie Antworten auf Fragen geben, sie stellen nur noch mehr Fragen.«

»Danach glaubte ich, in den Moosbe­trachtungen auch Anleitungen zum Verfassen von Erzählungen zu erkennen: Die fehlende Wachs­schicht des Mooses wurde gepriesen, welche die Pflanze – und damit die Geschichte – durch­lässig machte, ohne sie aufzu­lösen. Dass das Moos keine Wurzel hatte, sondern nur sehr locker am Boden verankert war, und zwar mit Pflanzen­teilen, aus denen jederzeit wieder neue Moospflanzen entstehen konnten, erschien mir wie das Verhältnis von Handlung und Sprache. Wie eine Geschichte setzte sich das Moos bevorzugt in Ritzen und Fugen, um dort ungestört weiter­zumachen. Es konnte fast überall gedeihen, aber künstlich anlegen ließ es sich nicht.«

Katharina Hagena: Das Geräusch des Lichts

Murmel

»Ich steckte meine Kugel in die Tasche und ließ meine Hand darin. Und plötzlich brauste ein Gedanke in meinem Kopf …
Was, wenn meine Kugel aus dem kanadischen Automaten vielleicht gar keine Murmel war, sondern dieser Planet?«

Katharina Hagena: Das Geräusch des Lichts

Eisfabrik

»Mein Vater kaufte sich einen weißen VW-Bus mit einer lauten Hupe, die drei verschiedene Töne spielen kann. Damit hupt er die ersten zwei Takte von ›Im Frühtau zu Berge‹, dann ist Schluss. Einmal habe ich ihn gefragt, warum es gerade dieses Lied sein müsse, und er antwortete, dass es Appetit auf Eis mache. Der Haupt­grund sei jedoch, dass Frühtau, ach Frühtau, ein Wort sei, das eigentlich selbst eine Eissorte sein müsse. Und daraufhin ging er in den Keller und schuf eine neue Eissorte, die er ›Frühtau‹ nannte, ein Quitten­sorbet. Später komponierte er auch eine Sorte für burnout­gefährdete Deutsch- und Englisch­lehrer. Sie besteht aus Kumquats, Dörrpflaumen und gerösteten Mandeln, die ein bisschen angebrannt sein müssen, und heißt ›Plusquam Parfait‹.
…

Mein Vater fährt immer dann mit dem Eiswagen herum, wenn er Lust dazu hat, selbst im Winter. Die Leute kaufen sein Eis auch in der kalten Jahreszeit. Auf Anfrage kreiert er Sorten für bestimmte Menschen oder Anlässe. Das ist teuer, aber es gibt trotzdem eine Menge Leute, die gern eine Eissorte haben wollen, die nach ihnen benannt ist. So viele Dinge werden nicht nach einem benannt. Für das meiste muss man tot sein und für den Rest reich.
…

Das Eis meines Vaters ist anders als andere Eise, die man sonst so bekommt. Die Sorten haben Namen wie ›Schulfrei‹, ›Freude‹ oder ›Schöner Götter­funken‹. Aber es gibt auch düstere Sorten wie ›Melancola‹, ›Mathe-Eis‹ und ›Kummer­speck‹. Er hat Eis für jeden Tag in der Woche. Montags gibt es Sauren Apfel, dienstags Zartbitter, mittwochs Grieß­breis und donnerstags Rhabarber­kucheneis mir Baiser. Die Wochen­end­sorten sind zwanzig Cent teurer. Das Freitagseis besteht aus eine Kugel Schoko­vanille mit Pfann­kuchen­streifen darin und einem Geheimnis. Das heißt, innen in der Kugel versteckt er eine kleine Überraschung. Meistens ist es etwas zu essen, ein Kaugummi, ein Schokopfeffer­minz­taler oder ein Karamell­bonbon. Doch hin und wieder ist es etwas anderes, ein runder Kiesel, eine Muschel oder ein gestreiftes Schneckenhaus. Jeden­falls muss man dieses Eis sehr langsam essen.

Das Samstagseis birgt zwar keine Überraschungen, ist aber dafür eine Riesen­monster­kugel Fiordilatte mit rosaroter Himbeer­sahne­haube. Sonntags gibt es Mandeleis mit Meersalz in der Konzentration menschlicher Tränen. Das Sonntagseis enthält kaum noch Wasser, sondern ist eher wie kaltes Marzipan. Dieses Eis gibt es auch – mit jahres­zeit­lichen Variationen – an höheren Festtagen wie Ostern (mit Hefekranz­stückchen), Pfingsten (mit rosa Pfeffer) und den Advents­sonn­tagen (mit Apfel, Nuss und Mandelkern). Aller­dings heißt es an den Feier­tagen ›Kyrieleis‹. Alle Tages­eis­kugeln kann man ausschließlich an ihren jeweiligen Wochen­tagen erhalten.

Mein Vater denkt sich auch Eissorten aus, die er nur in Kombination verkauft. ›Stadt­land­fluss‹ zum Beispiel besteht aus drei Kugeln, nämlich ›Stadt‹ (Gin und Tonic), ›Land‹ (Milch und Honig) und ›Fluss‹ (Wasser­minze). Die Sorte ›Freiheit und Abenteuer‹ besteht aus jeweils einer Kugel wildem Thymian und einer aus Pistazie-Sambal. Es gibt außerdem eine Sorte, die heißt ›Vorfrühling‹ und besteht aus Waldmeister und Jasmin. Eine andere heißt ›Sommer‹, ein Blutorangeneis, unter das er die gelben, orangenen und roten Blüten­blätter von Ringel­blumen mischt. ›Herbst‹ macht er aus Birne in Rosen­wasser und ›Winter‹ aus Sternanis und Kokosmakronen­krümeln. Alle vier Kugeln zusammen kosten so viel wie drei, denn die Jahreszeit, die gerade ist, gibt es gratis dazu.«

Katharina Hagena: Das Geräusch des Lichts

Château de Chalivoy-la-Noix

Château de Chalivoy-la-Noix

Bienenstich

Im Traum packt Julia ihren Koffer, sie muss los, spricht von einer Insel, auf die sie am Wochenende fliegt. Ich kann mir meinen obligatorischen Kommentar zur Klima­bilanz nicht verkneifen. Sie wird sauer, schnappt sich ihr Bobby-Car und lässt sich zur Bushalte­stelle rollen. Mir tut es leid, so möchte ich mich nicht von ihr trennen, ich laufe ihr hinterher, erwische ihren Bus gerade noch so. Sie drückt mir wirsch ihr Bobby-Car in die Hand und meint: Danke, dann kannst du ja an der nächsten Halte­stelle raus und damit zurück­fahren. Doch der Bus hält nicht. Nicht bis zum Studenten­wohnheim, vor dem wir dann gemeinsam stehen und nicht reinkommen vor lauter Menschen, die ein- und ausgehen oder vor dem Eingang herum­lümmeln. Irgendwann schaffen wir es dann doch im Julias WG. Aus dem Bad kommt eine Mitbe­wohnerin, sie ist nackt und ignoriert uns. Ich versuche, Julia zu umarmen, doch ich komme nicht an sie ran – zu viel zu tun, die Schule, die Reise. Also schaue ich mir eine Serie an. Dann klingelt mein Wecker den ich kurz ausmache, um weiter­zuschauen – es klappt. Die Sendung handelt von meiner Hochzeit, den Vorbe­reitungen und dem fürchterlichen Chaos danach. Eine Biene sticht mich in meine Handfläche. Als ich dann doch aufwache, freue ich mich dass der Stich nur ein Traum war.

Märchenbaum

Halbzeit. Ich sitze unter dem großen Märchenbaum, dessen Äste wie Stämme bis zum Boden reichen. Es riecht nach Harz, warmen Nadeln und trockenem Gras. Einmal im Jahr sind wir Schloss­bewohner, verarmter Landadel oder doch Prinzessinnen, die versehentlich in der Stadt und in der Kunst gelandet sind.