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Christina Schmid
Anfänge und Enden

Blog:

Wasserwesen

Im Traum schaue ich auf die Uhr und mir fällt ein, dass genau jetzt unser Flug nach London startet. Ich suche unsere Flugtickets, die noch unaus­gedruckt im Datenmeer dümpeln. Wir sitzen am Rand eines blau leuchtenden Schwimm­beckens. Drei winzige Wasser­wesen sollen uns eine Abkürzung zeigen, nur die eine mit Brille und blauer Dauer­welle schmollt und taucht ab. Sie sortiert ihre Handtasche und lässt sich nur mit bunten Sammel­karten überreden, uns zu begleiten. Auf dem Weg sehen wir unsere Freunde vor und hinter einem Schau­fenster sitzen. Da will ich bleiben und doch nicht mehr weg.

Schallgedämpft

Im Traum darf Sarah aus dem Publikum hinter die Kulissen des Musicals und sich ein Kostüm aussuchen. Während sie auf das riesige Kleid wartet, wird sie zu Clara und verdreht zwei Männern den Kopf. Der Visagist lässt sich besonders viel Zeit mit ihren kurzen, roten Haaren und der Tonmann rennt verzweifelt um seine schall­gedämpfte Kabine herum. Er erzählt mir vom Fluss seiner Kindheit, den er jetzt andicken muss, weil er zu flüssig geworden ist. Und vom Brei, dem klein­geschnittene Hartplastik­teile zugesetzt werden, damit er wie früher schmeckt. Dem Baby fehlt in dieser Version der Geschichte der Mund, es sieht aus wie ein angeschnittener Apfel.

Umwege

Im Traum sollen wir wichtige Unter­lagen besorgen und noch schnell Susannes alten neuen Freund vom Bahnhof abholen. Wir sind spät dran, daher überlässt uns Fätät seinen winzigen, weißen Gelände­wagen, der unter seiner Wohnung in einem Parkdeck steht. Wir finden keine Rampe, also holpern wir über eine Treppe nach unten ins Erdge­schoss und fahren durch die Gänge eines Architektur­büros bis zur Drehtür nach draußen. Der Freund soll zu Fuß nachkommen, wir düsen direkt zum Bürokomplex mit riesigem Treppenhaus ganz in Schwarz. Eine Kletterin seilt sich ab, Susanne und Michaela wollen gleich mitmachen und wärmen sich mit Dehnübungen auf. Die Treppen schwanken und werden zu steilen Rutschen aus Latex, eine fürchterliche Höhen­angst packt mich und zieht mich nach unten. Wir fahren weiter und halten beim Friedhof, am Eingang stehen zwei Soldaten in uralten Uniformen, sie folgen uns mit drohendem Blick. Wir gehen schnell weiter, rennen in wirren Umwegen zurück zum weißen Auto und fahren ins Donautal. Neben dem Haus meiner Eltern entdecke ich im Felsen ein Loch mit ungeahnter Aussicht auf eine nie zuvor genutzte Badege­legenheit. Du wirfst mir ein Handtuch zu und springst von weit oben ins glitzernde Nass – herrlich.

Missmutig

Im Traum bin ich in den USA, um ein Schließfach aufzu­lösen. Es hat die Nummer 206 und eigentlich gehört es Alexandra. Es ist Teil eines Wohnpro­jekts, in dem Freunde von früher hausen, in gestapelten Holzkisten, fast ohne Tages­licht. Ich krieche in die Fassade und schaue durch Lamellen nach unten auf die futuristischen Straßen der Stadt. Im dunklen Gang verstellt mir einer den Weg, schubst mich in den Duschraum und lädt mich zur Abschluss­feier ein – es ist ein Befehl, keine Option. Den ganzen Abend heuchle ich Leichtigkeit und versuche den grinsenden Tanzpartner so zu hypnotisieren, dass er mich elegant und mit starker Hand führt. Ich gebe auf und hole die Kuchen aus meinem Schließfach. Überall sagen mir Leute Hallo, an die ich mich nicht oder nur dunkel erinnern kann. Meine ärgste Feindin trägt eine Clownsnase aus Karamell und lässt sich von mir zum endlich geschafften Abschluss umarmen. Mit missmutigem Blick packt sie Geschenke ihrer Geschwister aus, Eiswürfel kullern heraus. Ihr struppiger Vater schaut vielsagend und geht. Sie schlägt vor, dass wir jetzt alle zusammen duschen gehen.

Raubzug

Im Traum empfängt uns ein Kellner mit Kniefall, die Nase auf dem Teppich der großen Eingangs­halle des Restaurants. Er überreicht uns eine Speise­karte aus Holz, mit Geheimfach für den Schlüssel zu unserem Tisch. Unser Baby ist schon größer als ich, sein Mund mehlver­schmiert. Es wird aufge­rufen und darf in der Backstube eine Himmels­leiter aus Teig formen. Ich male die Buchstaben H I M M E L auf das Schild, als plötzlich Tumult ausbricht – ein Überfall. Die nach dem Raubzug liegen­gebliebenen Geldscheine stopfen wir uns in die Jacken­taschen und nehmen zur Tarnung Gefäße mit. Am Ausgang kontrollieren sie nur meinen Sauer­krau­teimer mit Fleisch. Wir eilen möglichst unauf­fällig durch den dunklen Park Richtung Schrott­platz. Die Beute verstecken wir zuerst in einem kaputten Schließfach und dann doch in einem Kinder­wagen voller Glühbirnen, der beim Schieben lustig klirrt.

Tauschen

Wenn mir mein Blog einfällt, erinnere ich mich an mich. Ich habe Heimweh.

– Wie ist das neue Ich? Das reale Ich?

Das reale Ich ist überfordert und nicht nett. In jeder Minute ohne Kind wie wahnsinnig am Arbeiten. Der Versuch, den zu schnell wachsenden Verlag in ein größeres Gefäß umzutopfen. Nachts am Pläne schmieden und Anträge schreiben für freie Projekte. Als hätte es nicht mehr viel Zeit. Als wärs bald vorbei.

– Jeder Tag ein Leben, oder?

Komische Leben sind das.

– Tauschen wir?

Gepudert

Geträumt von einem Foto, auf dem mein Gesicht durch­runzelt ist wie vielleicht mit 80. Ich sehe es in der Zeitung als Fotomontage neben den Gesichtern alter Politikerinnen, die besser gepudert sind als ich.

Beim Fest fragt mich Wolfgang nach meiner Hochzeit und geht, als alle drumherum eifrig davon erzählen, weil ich mich kaum erinnern kann. Ich gehe auch. Im Keller werden Fladen gebacken, mit Dörrfrüchten und viel Honig. Der Konditor wickelt mein Baby damit ein – als Proviant, sagt er – und legt es zum Trocknen in ein schaukelndes Segelboot voller Seile. Und wie bekomme ich das Gebäck wieder ab?

Erinnerungen von Morgen

»… oder der schwere dunkel­braune Schreib­tisch aus der Design­steinzeit, an dem mein Vater immer noch jeden Tag von morgens bis abends sitzt und seine Übersetzungen macht und am friedlichsten wirkt.«

»Wir wohnen, wie wir gelebt haben. Das ist es, was ich sagen wollte. Und wir leben, wenn uns das Glück nicht verlässt, immer so gut, dass die Dinge, mit denen wir uns umgeben, jetzt schon die schönen Erinnerungen von morgen sind.«

Maxim Biller

Stillheimer

Jemand sprach heute von einem Phänomen namens Still­heimer, wie schrecklich. Dann jongliere ich mal weiter mit meiner Aufmerksamkeits­spanne von drei Minuten.

»… eröffnet uns die Digitalisierung die Möglichkeit, auf mehreren Zeitebenen gleich­zeitig zu stagnieren.«

Sophia Fritz: Die Abwesenheit der Zuver­sicht

Freudentränen

Im Traum suche ich im ganzen Haus nach einem ungestörten Ort, um meinen Traum aufzu­schreiben. Die Räume haben keine Türen oder nur halbe, überall ist jemand und quatscht mich an. Das Bett der Großeltern steht in einem Winter­garten voller Pflanzen, zwischen den Kopfkissen zwei weiße Wärmflaschen wie Schwäne aus Porzellan. Oma will mich endlich sprechen, doch ich eile weiter, den Zettel mit dem Traum­ver­satz­stück in der Hand. Im Flur liegen die Vorfahren mumifiziert auf der Couch und unten ist ein Fest, wo meine Tante mal eben ein drittes Kind zur Welt bringt, ihr Sohn ist bei ihr und wischt sich die Freuden­tränen weg. Am Tisch sitzt der stroh­blonde Lorenz sich selbst gegenüber, einmal frisiert und einmal nicht. Dein Chef beschwert sich über die Tafel hinweg über die mangelnde Service­qualität im Online-Handel, ich denke an die unver­sendeten Mails und Bücher und setze zur Gegenrede an, vielleicht zu laut. Doch der Traum, der Traum, wie war der noch? Weg.

Tonlos

Im Traum entdecke ich ein Kinder­kochbuch auf dem Laubengang zu einer Wohnung, umgeben von Familien und Grün. Wir wohnen woanders, im Erdge­schoss mit Blick ins verdorrte Flachland. Nach dem Aufwachen gehe ich in die Küche, wo sich einer seinen Kaffee kocht – erst da fällt mir wieder ein, dass wir uns die Küche mit ihm teilen. Ich verschwinde ins Bad. Wo ist das Baby? Eben war es noch auf meinem Arm, jetzt liegt es am kalten Küchen­boden, der Mund zum tonlosen Schrei verzerrt, keine Augen mehr. Panisch hebe ich es hoch und presse es an mich, sein Gesicht kommt zurück. Wir schauen aus dem Fenster, der Mitbe­wohner auch. Dort rennt der zerzauste Sloterdijk, in der Hand eine qualmende Pfanne voller Wurst.

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»Das war der eigentliche Unter­schied, dachte Ferguson. Nicht zu wenig Geld oder zu viel Geld, nicht was jemand tat oder nicht tat, nicht ein größeres Haus oder ein teureres Auto, sondern Ehrgeiz.«

»… ein Mädchen, das weder normal noch nicht normal war, sondern heiß und furchtlos, und das genau wusste, mit welcher einzig­artigen Persönlichkeit es von Geburt an ausge­stattet war …«

» … eine gries­grämige, fahrige Frau, die zu sehr mit den Kleinigkeiten des Alltags beschäftigt war und nicht kapierte, dass einem das Leben durch die Finger rinnen konnte, bevor man überhaupt zu leben begonnen hatte …«

»Wie dein lieber Freund Edgar Allan Poe einmal einem aufstrebenden Schrift­steller riet: ›Unerschrocken sein – viel lesen – viel schreiben – wenig veröffentlichen – Distanz halten zu den Klein­geistern – und nichts fürchten‹.«

»… und an jenem Punkt seiner Reise zum Erwachsenen­dasein strebte er für die Zukunft lediglich an, … ›der Held seines eigenen Lebens‹ zu werden.«

»… denn wenn ein Buch ›so‹ sein konnte, wenn ein Buch ›so‹ auf Herz und Verstand und innerstes Weltgefühl eines Menschen einwirken konnte, dann war Roman­schreiben mit Sicherheit das Beste, was man im Leben tun konnte …«

»… da die alten, vorher­sehbaren Abläufe nicht mehr galten, wusste man vom einen Tag auf den anderen immer weniger, was passieren würde. Ferguson genoss dieses neue Gefühl der Ungewissheit. Alles mochte im Umbruch sein, und manchmal herrschte das reinste Durch­ein­ander, aber wenigstens war es nicht langweilig.«

»Du musst so viel lernen wie du kannst, … dann musst du’s wieder vergessen und was du nicht vergessen kannst, wird die Grundlage deiner Arbeit bilden.«

»Leer … nicht so, als stünde man allein in einem Raum ohne Möbel, sondern im Sinne von ausge­höhlt … wie eine Schwangere nach der Geburt. Nur war es in diesem Fall eine Totgeburt, ein Säugling, der sich niemals verändern, wachsen oder laufen lernen würde, denn Bücher lebten nur so lange in einem, wie man sie schrieb, und sobald sie heraus­kamen, waren sie verbraucht und tot.«

»Du willst die Welt nicht neu erfinden, Archie, du willst sie verstehen, damit du auf ihr Leben kannst.«

»… die selbst­auf­erlegte Verpflichtung, sich im Verhältnis zu anderen zu definieren und der Verlockung zu wider­stehen, ausschließlich für sich zu leben …«

»Ja, genau, er hatte es gut, und was war das doch für eine großartige und schöne Welt, wenn man bloß nicht so genau hinsah.«


Ein Juli mit Archie Ferguson in vier Versionen.
Paul Auster: 4 3 2 1

Hochzeitsfotograf

Im Traum schafft es mein Vater als Hochzeits­fotograf, dass ich als Braut auf keinem einzigen Bild zu sehen bin.

Rauchspirale

Im Traum eine politische Kundgebung, bis eine vom Balkon aus ruft, im Kaufhaus habe es einen Raub gegeben. Das warst du. Ich habe dich dort allein gelassen zwischen chaotischen Regalen voller Hosen, die du nicht anprobieren wolltest. Wie zur Bestätigung schießt jemand drei Löcher in die Wand: Das erste qualmt, das zweite pafft Ringe in die Luft, das dritte bläst eine Rauch­spirale durch den Saal.

Angefangene Geschichten ohne Ende.

Meerblick

Im Traum besichtigen wir eine Wohnung mit Meerblick. Im Aufzug fährt eine Keller­ratte mit, sie huscht in die Wohnung, übers Parkett der Räume und lenkt mich ab. Ich sperre sie ein. Als ich die Tür wieder öffne, kommt sie als helle Schlange mit aufrechtem Kopf wieder raus und wird zum Skorpion. Das Meer hier ist eine bedrohlich wogende Brühe, das Haus nur für den Sommer gebaut. Also nein.

Nebenzimmer

Im Traum treffe ich ihn auf einer Geschäfts­reise durch Fernost in einem Restaurant. Am Tisch meiner Reise­gefährten ist kein Platz mehr für mich, so setze ich mich an seinen. Er bestellt Speisen, die so anders sind, dass alles um ihn zu leuchten beginnt. Seine Geschichten duften, sein Körper glänzt, ich will ihn behalten und stelle ihn ein.

Meine Dienerschaft weiß um die Querelen im Familien­unter­nehmen, so lädt sie mich und ihn und meine Labor-Assistentin wie jeden Tag zur Mittagszeit ein, im Neben­zimmer Platz zu nehmen. Nur eines ist anders: Sein Blick gilt nicht mehr mir, sondern ihr, die ich kurzerhand für unbestimmte Zeit auf Forschungs­reise ins Exil schicke. Sein verliebtes Lächeln erstarrt, er schießt mit kalten Blicken auf mich.

Dachterrasse

Im Traum besuchen wir spontan entfernte Verwandte auf ihrem Anwesen. Das Haus hat so viele Zimmer, dass die Besitzer selbst nicht alle kennen. Wir stolpern hinein, durch­wandern staunend die leeren, verstaubten Säle, die immer seltener für Feste vermietet werden. Die beiden Kinder rennen uns fast um vor Freude und führen uns ins Unter­geschoss. Dort besteigen wir die Gondeln eines Riesenrads, das in der Wand versteckt ist. Oben landen wir auf einer Dachterrasse mit großen schwarzen Boden­platten, die unver­mittelt absinken und wieder auftauchen. Stempel­aufzüge, denke ich mir, und kauere am Boden, während die dunklen Wände um mich herum immer höher werden. Umgekehrte Höhen­angst oder Klaustro­phobie? Und was passiert, wenn man auf zwei verschiedenen Platten steht?

Exil

Im Traum treffe ich ihn auf einer Geschäfts­reise durch Fernost in einem Restaurant. Am Tisch meiner Reise­gefährten ist kein Platz mehr für mich, so setze ich mich an seinen. Er bestellt Speisen, die so anders sind, dass alles um ihn zu leuchten beginnt. Seine Geschichten duften, sein Körper glänzt, ich will ihn behalten und stelle ihn ein.

Meine Dienerschaft weiß um die Querelen im Familien­unter­nehmen, so lädt sie mich und ihn und meine Labor-Assistentin wie jeden Tag zur Mittagszeit ein, im Neben­zimmer Platz zu nehmen. Nur eines ist anders: Sein Blick gilt nicht mehr mir, sondern ihr, die ich kurzerhand für unbestimmte Zeit auf Forschungs­reise ins Exil schicke. Sein verliebtes Lächeln erstarrt, er schießt mit kalten Blicken auf mich.

Snacknudeln

Snack­nudeln

Verloren

Ein Treffen wie ein Schach­spiel: Jeder Zug birgt Gefahren, die ich versuche zu erahnen, nur gibt es keine Regeln und verloren haben wir uns längst.

Auf Probe

Kindheit durch­gespielt, Jugend getestet, Beruf ausprobiert, Ehe gewagt und mich als Mutter versucht. Als wäre dieses Leben eine Probe und nicht schon die Aufführung – die einzige übrigens.

Verzeihen

»Verzeihen macht eine gemeinsame Zukunft möglich – ob man die überhaupt will, ist eine andere Frage.«

Sven Stillich: Verzeiht euch!

Ein exemplarischer Mensch

Die zwölf Arbeiten des Verlegers

»Die Arbeit des Verlegers ist vor allem eine Suche … Der Wunsch, die flüchtige Gegenwart lesbar zu machen, ist sein Antrieb. Die Spur seiner Suchbe­wegung sind die Bücher, die entstehen. Jetzt und jetzt und jetzt.«

Jan Wenzel
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